Zur Re­form ge­stol­pert

Bietigheimer Zeitung - - Themen Des Tages / Politik -

Was vor ei­ner Wo­che noch un­glaub­lich schien, wird heu­te Wirk­lich­keit. Der Bun­des­tag be­schließt – wenn es klappt, und da­nach sieht al­les aus – die Ehe für al­le. Deutsch­land kommt im 21. Jahr­hun­dert an und schließt – end­lich! – zu den west­li­chen Nach­bar­län­dern auf. Dass es im Grun­de ein Ver­se­hen war, das zu die­sem Er­folg ge­führt hat, ver­blasst ge­gen die Be­deu­tung die­ses Ta­ges. Denn Mer­kel hat die­sen Schritt zwar nicht er­mög­licht und schon gar nicht for­ciert; viel­mehr ist sie zur Ent­schei­dung ge­stol­pert. Das al­ler­dings ist völ­lig egal. Der gro­ße Er­folg der Ehe­öff­nung geht über Wahl­kampf­tak­ti­ken und Par­tei­en­gezänk hin­aus.

Mehr als 100 Jah­re nach Be­ginn der deut­schen Schwu­len­be­we­gung und 23 Jah­re nach der Ab­schaf­fung des Pa­ra­gra­fen 175 sind Les­ben und Schwu­le fort­an recht­lich nicht mehr schlech­ter­ge­stellt. Wahr­schein­lich wird im kom­men­den Jahr so viel ge­hei­ra­tet wie schon lan­ge nicht mehr in Deutsch­land. Doch der Ent­schluss selbst wird weit län­ger wir­ken als die Hoch­zeits­sai­son an­dau­ert. Denn mit der Gleich­stel­lung si­gna­li­siert der Ge­setz­ge­ber den Mil­lio­nen Nicht-He­te­ro­se­xu­el­len im Land, dass sie da­zu­ge­hö­ren – oh­ne Wenn und Aber.

Na­tür­lich lässt sich sa­gen, das ist ja nur ein Sym­bol, ein Ge­fühl. Wer aber weiß, wie schwie­rig Co­m­ing-outs noch im­mer sein kön­nen, der wird die Kraft von Ge­füh­len nicht un­ter­schät­zen. Wer weiß, wie es ist, die Freun­din oder den Freund auf der Stra­ße zu küs­sen und sich da­bei stets wie auf ei­ner Mi­ni-De­mons­tra­ti­on vor­zu­kom­men, der wird die Rol­le von Sym­bo­len nicht un­ter­schät­zen. Sie kön­nen da­zu bei­tra­gen, die Ak­zep­tanz gleich­ge­schlecht­li­cher Be­zie­hun­gen zu er­hö­hen. Si­cher, das al­les wird nicht von heu­te auf mor­gen ge­hen. Aber viel­leicht wer­den schon in 10 bis 15 Jah­ren mehr El­tern als jetzt es ein­fach nur er­freut und ein we­nig neu­gie­rig zur Kennt­nis neh­men, wenn ih­re Toch­ter ei­ne Schwie­ger­toch­ter oder ihr Sohn ei­nen Schwie­ger­sohn mit nach Hau­se bringt. Die Ehe­öff­nung be­wirkt kei­ne Wun­der. Aber sie kann sie be­schleu­ni­gen.

Mehr noch. Sie kann der ers­te Schritt zu ei­ner wirk­lich zeit­ge­mä­ßen Fa­mi­li­en­po­li­tik sein. Bis­lang ist es ja so, dass das Ge­setz sich am Ide­al der Va­ter-Mut­ter-Kind-Fa­mi­lie ori­en­tiert und die­se aus­ge­rech­net dann be­vor­zugt, wenn ei­ner der bei­den – meist die Frau – nichts ver­dient. Ehe­paa­re ha­ben die­sen Vor­teil selbst dann, wenn sie gar kein Kind ha­ben. Und wer trotz Nach­wuchs auf den Trau­schein ver­zich­tet, dem ent­ge­hen die­se Ein­spa­run­gen – von den Al­lein­er­zie­hen­den mal ganz zu schwei­gen. Was das mit der Ehe für al­le zu tun hat? Ganz ein­fach: Mit ihr wird zum ers­ten Mal Fa­mi­li­en­po­li­tik ge­macht, die sich nicht mehr am al­ten Ide­al ori­en­tiert, son­dern an der Le­bens­wirk­lich­keit. Und so könn­te es wei­ter­ge­hen: Ide­en, das Ehe­gat­ten­split­ting in ein Fa­mi­li­en­split­ting um­zu­wan­deln, wer­den ja be­reits dis­ku­tiert. Von ei­nem Schritt wie die­sem kann das gan­ze Land pro­fi­tie­ren. Auf ei­nem an­de­ren Blatt steht aber, ob es Mer­kel ist, die ihn geht. Denn wie gesagt: Den ers­ten Schritt ist sie eher ge­stol­pert.

Der ers­te Schritt zu ei­ner wirk­lich zeit­ge­mä­ßen Fa­mi­li­en­po­li­tik.

Karikatur: Klaus Stuttmann

Er woll­te nur Wer­bung ma­chen für Tür­kei-Tou­ris­mus.

Ma­thi­as Pud­dig

zur Ehe für al­le

Kom­men­tar

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