Ge­fähr­li­cher Man­gel an Ge­wer­be­bau­flä­chen

Bietigheimer Zeitung - - Stuttgart - Von Jo­sef Schun­der

Schnell be­bau­ba­re Grund­stü­cke in der Re­gi­on rei­chen nicht ein­mal für die Nach­fra­ge in ei­nem Jahr

97 Hekt­ar Bo­den in Stutt­gart und den fünf Nach­bar­krei­sen gel­ten als so­fort be­bau­bar, wenn Ge­wer­be und In­dus­trie ihn brau­chen. Die Nach­fra­ge bin­nen ei­nes Jah­res liegt aber bei 110 Hekt­ar. STUTT­GART. Beim Ver­band Re­gi­on Stutt­gart schril­len die Alarm­si­re­nen. Die so­fort ver­füg­ba­re Bau­flä­che für Ge­wer­be und In­dus­trie in Stutt­gart und den fünf Land­krei­sen be­lau­fe sich auf ins­ge­samt 97 Hekt­ar, klagt Wal­ter Rogg, Chef der Wirt­schafts­för­de­rung der Re­gi­on Stutt­gart (WRS). Das rei­che rech­ne­risch nicht ein­mal für ein Jahr aus. Die jähr­li­che Nach­fra­ge be­zif­fern Rogg und sei­ne Mit­ar­bei­ter nach ei­ner von ih­nen vor­ge­nom­me­nen Ana­ly­se näm­lich bis 2020 auf et­wa 110 Hekt­ar pro Jahr.

Der Man­gel gilt als brand­ge­fähr­lich für den Wirt­schafts­stand­ort Re­gi­on Stutt­gart, weil zwei un­ge­mein wich­ti­ge Trends den Flä­chen­be­darf an­hei­zen: die Di­gi­ta­li­sie­rung der Wirt­schaft – al­so der ver­stärk­te Ein­zug der Elek­tro­nik in die Pro­duk­ti­on, ins Au­to und in ganz neue Pro­duk­te – so­wie die Elek­tro­mo­bi­li­tät. Kurz und mit­tel­fris­tig er­ge­be sich dar­aus ein wei­te­rer Be­darf, sagt Rogg.

Bei­spiel Au­to­mo­bil­in­dus­trie: Neue Au­to­mo­bilan­trie­be so­wie die Her­stel­lung von Elek­tro­mo­to­ren und Bat­te­ri­en er­for­dern neue Werk­flä­chen, wäh­rend die Pro­duk­ti­on von Fahr­zeu­gen mit Ver­bren­nungs­mo­to­ren par­al­lel wei­ter­läuft. Spä­ter könn­ten Alt­flä­chen frei wer­den, wenn das Elek­tro­au­to auf Sie­ges­fahrt sein soll­te. Aber: „Die neu­en Flä­chen wer­den schnel­ler be­nö­tigt, als al­te Flä­chen frei wer­den“, sag­te Rogg jetzt dem Wirt­schafts­aus­schuss der Re­gio­nal­ver­samm­lung, der sich durch die neu­en Zah­len in sei­nen frü­he­ren Ah­nun­gen be­stä­tigt sah.

Hand­lungs­mög­lich­kei­ten will die re­gio­na­le Wirt­schafts­för­de­rung im Sep­tem­ber auf­zei­gen

Um den Ernst der La­ge zu il­lus­trie­ren, ope­riert Rogg auch mit ei­nem Zitat von ei­nem na­ment­lich nicht ge­nann­ten Flä­chen­ver­ant­wort­li­chen ei­nes gro­ßen Un­ter­neh­mens in der Re­gi­on. Die­ses Zitat lau­tet: „Die we­sent­li­chen Stand­ort­ent­schei­dun­gen zu den Tech­no­lo­gi­en der Zu­kunft wer­den in­ner­halb der nächs­ten zwei bis fünf Jah­re fal­len. Wenn in der Re­gi­on die er­for­der­li­chen Flä­chen nicht zur Ver­fü­gung ste­hen wer­den, wer­den zen­tra­le Zu­kunfts­ent­wick­lun­gen an der Re­gi­on vor­bei­ge­hen.“Die Ent­schei­dun­gen sei­en für die Re­gi­on mit ho­her Wahr­schein­lich­keit un­um­kehr­bar.

Flä­chen­po­ten­zia­le gä­be es. Ins­ge­samt wer­den sie auf 880 Hekt­ar be­zif­fert, et­wa so viel wie 1200 Fuß­ball­fel­der. Zwar oh­ne Bau­recht, aber „per­spek­ti­visch ver­füg­bar“sei­en 720 Hekt­ar, da­von 542 Hekt­ar in den 48 Ge­wer­be­schwer­punk­ten der Re­gi­on. Dort lie­gen aber nur 23 der 97 Hekt­ar, die re­gi­onweit bau­reif wä­ren. Und die Hälf­te al­ler so­fort ver­füg­ba­ren Flä­chen ist in Pri­vat­ei­gen­tum. Wie man dem Man­gel­zu­stand ab­hel­fen könn­te, wol­len die re­gio­na­len Wirt­schafts­för­de­rer nach der Som­mer­pau­se im Sep­tem­ber in Teil zwei der Stu­die auf­zei­gen.

Was auf dem Spiel steht, schei­nen die Frak­tio­nen schon heu­te zu wis­sen. „Un­se­re Ge­wer­be­ und In­dus­trie­flä­chen sind im We­sent­li­chen aus­ver­kauft – wir müs­sen ge­gen­steu­ern“, sag­te Wolf­gang Hä­fe­le (CDU) im Aus­schuss. Dorothee Kraus­Prau­se (Grü­ne) hofft, dass in man­chen Ge­wer­be­be­rei­chen noch flä­chen­scho­nen­der ge­baut wer­den kann. Jür­gen Zie­ger (SPD), OB von Ess­lin­gen, sprach an, dass der Er­werb zu­sätz­li­cher Flä­chen not­wen­dig sei, um die wirt­schaft­li­che Wert­schöp­fungs­kraft der Re­gi­on zu er­hal­ten. An­ge­sichts der ge­rin­gen Ar­beits­lo­sig­keit do­mi­nie­re bei vie­len Men­schen das Ge­fühl: „Uns geht es gut.“Das be­flü­ge­le die Ge­wer­be­flä­chen­vor­sor­ge nicht. Bern­hard Mai­er (Freie Wäh­ler) pflich­te­te bei: An­ge­sichts der Zuf­rie­den­heit und Satt­heit der Leu­te sei es schwie­rig, neue Flä­chen zu er­schlie­ßen, trotz größ­ten Hand­lungs­be­darfs. Die The­ma­tik sei ei­ne Exis­tenz­fra­ge für die Re­gi­on, der WRS­Bericht ein Weck­ruf.

Mit dem Flä­chen­an­teil der In­nen­ent­wick­lung, al­so den zur Wie­der­ver­wer­tung nutz­ba­ren Alt­flä­chen und in­ner­ört­li­chen La­gen, se­he es doch gar nicht so düs­ter aus, warf da­ge­gen Pe­ter Rau­scher (Die Lin­ke) ein. Die­se Quo­te, hat­te Rogg gesagt, lie­ge bei 30 Pro­zent, sei da­mit recht gut, kön­ne und müs­se aber er­höht wer­den. Al­ler­dings ist die In­nen­ent­wick­lung aus der Be­darfs­pro­gno­se schon her­aus­ge­rech­net – sonst wür­de der Be­darf wie 2012 bis 2016 bei 160 Hekt­ar lie­gen.

Al­brecht Braun (FDP) emp­fahl, bis Sep­tem­ber noch zu klä­ren, wie sich der Be­darf an Lo­gis­tik­flä­chen ge­nau auf­glie­de­re. Denn um die­sen und um Flä­chen für For­schung geht es haupt­säch­lich, we­ni­ger um Bü­ros

Die Daim­ler-Bau­stel­le in Stutt­gart-Vai­hin­gen: Wo im­mer es geht, soll auch Ge­wer­be in­ner­orts Bau­flä­chen fin­den. Fo­to: Licht­gut/Achim Zw­ey­garth

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