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Ös­ter­reich Kurz vor den Na­tio­nals­rats­wah­len am Sonn­tag zeich­net sich in der Al­pen­re­pu­blik ein Sieg für Se­bas­ti­an Kurz, den Spit­zen­kan­di­da­ten der ÖVP, ab. Sein Lieb­lings­the­ma sind die Flücht­lin­ge und wie man sie ab­wim­meln kann. Von Adel­heid Wölfl

Bietigheimer Zeitung - - THEMEN DES TAGES / POLITIK -

Ei­ne Ret­tung aus dem Mit­tel­meer darf kein Ti­cket nach Mit­tel­eu­ro­pa sein.

Se­bas­ti­an Kurz, ÖVP-Spit­zen­kan­di­dat

Das ist doch skan­da­lös“, em­pört sich Frau Hei­di. „So ein ab­schre­cken­des Durch­ein­an­der“, meint auch ih­re Freun­din über den schmut­zigs­ten al­ler ös­ter­rei­chi­scher Wahl­kämp­fe. Die bei­den Da­men, die mit frisch ge­tön­ten Haa­ren und per­fek­tem Make­up vor dem Wie­ner Rat­haus ste­hen, wer­den wohl Se­bas­ti­an Kurz wäh­len. Ob­wohl sich die 76-jäh­ri­ge Frau Hei­di schon über­legt hat, ob sie ihr Kreu­zerl nicht doch bei Pe­ter Pilz ma­chen soll­te, weil der so in­ter­es­san­te Sa­chen sa­ge. „Aber das sag’ ja nicht mei­nem Ehe­mann, der ist ja ein In­dus­tri­el­ler, der darf das nicht wis­sen“, meint sie zu ih­rer Freun­din. Pilz, der Ex-Grü­ne und Kor­rup­ti­ons­jä­ger, tritt dies­mal mit ei­ner ei­ge­nen Lis­te an. Er wet­tert ge­gen Spe­ku­lan­ten und Groß­kon­zer­ne. Ir­gend­wie fin­det das Frau Hei­di in­ter­es­sant.

Doch die bei­den Da­men sind grund­sätz­lich ver­un­si­chert. Der Herr Kurz ha­be sich jüngst in der Stadt­hal­le „grund­ehr­lich an­ge­hört“, meint ei­ne. An­de­rer­seits wür­de wohl auch der Herr Kern „wahr­heits­ge­treu re­den“, sagt die an­de­re. Den bei­den ist an­zu­mer­ken, was, was vie­le Ös­ter­rei­cher

in die­sen Ta­gen be­wegt. Sie wis­sen nicht mehr, ob und wem sie über­haupt noch trau­en kön­nen.

Als Fa­vo­rit bei der Na­tio­nal­rats­wahl am Sonn­tag gilt der 31-jäh­ri­ge Se­bas­ti­an Kurz. Für sein Al­ter wirkt er er­staun­lich ge­las­sen und un­glaub­lich selbst­be­wusst und sie­ges­si­cher. Da­bei hat­te sei­ne Par­tei, die ÖVP, vor ein paar Mo­na­ten noch an drit­ter Stel­le ge­le­gen. Die Kon­ser­va­ti­ven könn­ten mit ihm nun erst­mals seit 2002 wie­der an die ers­te Stel­le kom­men.

Das hat vor al­lem da­mit zu tun, dass Kurz ei­nen über­aus per­so­na­li­sier­ten Wahl­kampf führt, die Par­tei wur­de ganz auf sei­ne Per­son zu­ge­schnit­ten. Sein Er­folgs­re­zept bei den Wäh­lern ist, dass er sich – so wie frü­her nur die FPÖ un­ter Heinz Chris­ti­an Stra­che – voll auf den Stopp von Mi­gra­ti­on kon­zen­triert und den po­li­ti­schen Is­lam dis­ku­tiert. Kurz ver­knüpft prak­tisch je­des The­ma mit den „Aus­län­dern“– Ein­spa­run­gen im So­zi­al­be­reich, die Sen­kung der Steu­er­quo­te, die in­ne­re Si­cher­heit des Lan­des.

Er the­ma­ti­siert, dass die Flücht­lin­ge 2,7 Mil­li­ar­den Eu­ro im Jahr kos­ten und dass 300 Mil­lio­nen Eu­ro jähr­lich an Fa­mi­li­en­bei­hil­fe für Kin­der ins Aus­land über­wie­sen wer­den – Kin­der von Gas­t­ar­bei­tern, die gar nicht in Ös­ter­reich le­ben. Sein Lieb­lings­the­ma sind die Flucht­we­ge in die EU. Da­bei ver­weist er auf sei­nen bis­her größ­ten Er­folg – die Schlie­ßung der Bal­kan­rou­te im März 2016. Er grenzt sich von der Will­kom­mens­po­li­tik der deut­schen Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ab und von der ei­ge­nen Re­gie­rungs­be­tei­li­gung zu die­sem Zeit­punkt.

In In­ter­views räum­te Kurz ein, dass er in der Flücht­lings­po­li­tik nä­her bei Vik­tor Or­ban als bei Mer­kel ge­le­gen sei. Er will Flücht­lin­ge über­haupt nicht mehr in die EU las­sen. Viel­mehr soll­ten sie an den Au­ßen­gren­zen ver­sorgt und „zu­rück­ge­stellt“wer­den. „Die Ret­tung im Mit­tel­meer darf kein Ti­cket nach Mit­tel­eu­ro­pa sein“, sagt er. Kurz will die Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on re­for­miert ha­ben und steht da­mit im Ver­gleich zu an­de­ren kon­ser­va­ti­ven Po­li­ti­kern in der EU ziem­lich weit rechts.

Vie­le Ös­ter­rei­cher stan­den wäh­rend der Flücht­lings­wel­le 2015 un­ter Schock. Sie fürch­ten bis heu­te, dass sich ähn­li­ches wie da­mals, als Ko­lon­nen von Mi­gran­ten über die Gren­ze ka­men, wie­der­ho­len könn­te. Und nicht nur Frau Hei­di und ih­re Freun­din se­hen in Kurz je­nen Po­li­ti­ker, der dies ver­hin­dern will. Ih­nen ge­fällt die Aus­sicht, dass Kurz im Fall ei­nes Wahl­siegs ei­ni­ge Mo­sche­en schlie­ßen möch­te.

Kurz, der am­tie­ren­de Au­ßen­und In­te­gra­ti­ons­mi­nis­ter, steht noch für ein an­de­res The­ma: für Steu­er­sen­kun­gen und Schul­den­re­duk­ti­on. Sol­che An­kün­di­gun­gen kom­men bei fast al­len Schich­ten an. Denn wirt­schafts­po­li­tisch gilt er als ein „Sof­tie-Kon­ser­va­ti­ver“. Da­mit kön­nen vie­le le­ben.

Fo­to: afp

Liebt grif­fi­ge Ver­glei­che: ÖVP-Kan­di­dat und Au­ßen­mi­nis­ter Se­bas­ti­an Kurz.

Fo­to: dpa

Bun­des­kanz­ler Chris­ti­an Kern hinkt mit sei­ner SPÖ hin­ter­her.

Fo­to: afp

Heinz-Chris­ti­an Stra­che wirft sich für die FPÖ ins Zeug.

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