Mehr Lo­kal­pa­trio­tis­mus für die Schwa­ben

Hei­mat Da­ni­el Brun­ner will mit Kauf­haus Mit­te die Kö­nig­stra­ße „gre­at“ma­chen – Do­mi­nik Ochs ei­ne grü­ne­re Stadt gestal­ten

Bietigheimer Zeitung - - STUTTGART - Von Ni­na Ay­er­le

STUTT­GART. Lieb­lings­stadt? Stutt­gart wird da sel­ten ge­nannt. Das än­dert sich lang­sam: Vie­le jun­ge Ma­cher set­zen sich für ei­ne le­bens­wer­te­res Stutt­gart ein.

Die Schwa­ben ge­hen mit der Lie­be zu ih­rer Stadt nicht hau­sie­ren. Das liegt viel­leicht dar­an, dass man au­ßer­halb der Stadt­gren­zen ein eher schlech­tes Image hat. Ein Au­tor des Ma­ga­zins „Der Spie­gel“be­zeich­ne­te Stutt­gart einst als das „Herz der deut­schen Gar­ten­zwer­gig­keit und In­ge­nieu­rig­keit“. No­to­ri­sche Au­to­fa­na­ti­ker, die Sams­tags in der Früh den Bord­stein fe­gen und in der rest­li­chen Zeit ihr Geld zäh­len – so stellt sich ja der Nicht­Schwa­be die Haupt­stadt Ba­den­Würt­tem­bergs vor. Cool ist halt doch et­was an­de­res.

In­zwi­schen en­ga­gie­ren sich vie­le jun­ge Men­schen aus frei­en Stü­cken, um ih­re Stadt schö­ner, jün­ger, le­ben­di­ger zu ma­chen. Ei­ner die­ser Men­schen ist Stoff Büttner aus dem Stutt­gar­ter Wes­ten. Er ge­hört nicht zu de­nen, die nur la­men­tie­ren, son­dern ein­fach ma­chen. Sein Ein­satz hat Stutt­gart viel Gu­tes ge­bracht: ei­nen Pop­Up­Schnaps­la­den, ge­mein­sam mit sei­ner Schwes­ter das I lo­ve Su­shi, sein Ap­plaus Gin ist ei­ne Ode an den Ma­ri­en­platz und seit kur­zem auch noch das Stadt­teil­ma­ga­zin Streu­nen & Schlen­dern für den Wes­ten und den Sü­den.

Mit sei­ner Part­ne­rin, der Gra­fi­ke­rin und Il­lus­tra­to­rin An­na Ru­za, be­treibt er zu­dem an der Jo­han­nes­stra­ße das Kio­sko. War­um das al­les so gut funk­tio­niert? „In Stutt­gart kann man mit ein paar ganz ein­fa­chen Ta­schen­spie­ler­Tricks die Leu­te zum Ap­plau­die­ren brin­gen“, sagt Stoff Büttner.

Die Uh­ren tick­ten hier et­was lang­sa­mer. Viel­leicht ha­ben die Stutt­gar­ter des­halb auch et­was län­ger ge­braucht, bis sie ent­deckt ha­ben, dass ih­re Stadt ei­gent­lich ganz schön ist. „Al­so ich bin hier voll und ganz zuf­rie­den“, sagt Büttner. „Stutt­gart ist mei­ne Hei­mat. Das ist da, wo ich sein will.“

Längst ist er nicht der Ein­zi­ge, der sei­ne Stutt­gart­lie­be in En­ga­ge­ment um­wan­delt. Zu­al­ler­erst fällt je­dem da­zu na­tür­lich Han­nes Steim und die Cal­wer Pas­sa­ge ein. Steim hat mit dem Flu­xus ei­nen in Stutt­gart ein­zig­ar­ti­gen Ort ge­schaf­fen, der mit dem Mix aus al­ter­na­ti­ven klei­nen Lä­den und Kn­ei­pen der Stadt end­lich ei­nen le­ben­di­gen, krea­ti­ven und na­tür­lich hip­pen Ort bie­tet. Oder Da­ni­el Brun­ner, der erst das La­bel Pop Ro­cky ge­grün­det hat und sich nun seit ei­nem hal­ben Jahr mit dem Kauf­haus Mit­te am Schloss­platz gro­ße Zie­le ge­setzt hat. „Ma­ke Kö­nig­stra­ße gre­at again“ist sein Slo­gan. War­um er das tut? „Stutt­gart ist und bleibt mei­ne Hei­mat.“In sei­nem Con­cept Sto­re setzt er auf vie­le re­gio­na­le Mar­ken und La­bel ab­seits des Ein­heits­breis gän­gi­ger Dis­count­ket­ten. „Die­se Stadt hat mich ge­prägt. Und das im po­si­ti­ven Sin­ne. Des­halb ist es mir auch wich­tig Re­gio­na­les zu un­ter­stüt­zen“, sagt er. „Hier ent­ste­hen so vie­le schö­ne Pro­duk­te. Die ha­ben ei­ne Platt­form ver­dient.“Und dann wird er so­gar noch ein biss­chen pa­the­tisch: „Ein­mal Stutt­gart – im­mer Stutt­gart.“

Doch da­mit nicht ge­nug: „In Stutt­gart gibt es vie­le von die­sen ‚Hidden Cham­pi­ons’“, sagt auch Do­mi­nik Ochs aus dem Sü­den. Zu­sam­men mit Lenn­art Arendt brach­te er den Schwa­ben mit dem Über­mor­gen­Ma­ga­zin ein nach­hal­ti­ge­res Le­ben nä­her. Ihm fal­len spon­tan ei­ni­ge Initia­ti­ven ein, et­wa die Ma­cher des Wi­ze­mann­Are­als oder die Surf­fans vom Team Neckar­wel­le, die viel Zeit und Mü­he da­für auf­ge­wen­det ha­ben, ei­ne Surf­wel­le für den Neckar zu ent­wi­ckeln und auf ein „Ja“der Stadt war­ten.

Oder die Stadt­lü­cken. Die Initia­ti­ve – ei­ne Grup­pe aus Stadt­pla­nern, Ar­chi­tek­ten und Krea­ti­ven – geht der Fra­ge nach: „Wem ge­hört die Stadt?“Be­wusst su­chen sie nach „Lü­cken“in der Stadt, die es zu be­spie­len lohnt. Im letz­ten Jahr ha­ben sie un­ter dem Mot­to „Wo ist ei­gent­lich der Ös­ter­rei­chi­sche Platz?“die Bra­che un­ter der Pau­li­nen­brü­cke mit Kunst, Kul­tur und ei­nem Sou­ve­nirKi­osk be­lebt.

Auch Do­mi­nik Ochs selbst war die letz­ten Jah­re nicht un­tä­tig. Das Ma­ga­zin ha­ben er und sein Part­ner zwar aus fi­nan­zi­el­len Grün­den ein­ge­stellt, in­zwi­schen ver­an­stal­tet er aber mit Arendt den grü­nen Wo­chen­markt, den Über­mor­gen­Markt auf dem Ma­ri­en­platz, die­ses Jahr erst­mals ei­nen nach­hal­ti­gen Weih­nachts­markt im De­zem­ber. „Das ist für mich ein Bei­trag zu un­se­rer Hei­mat“, sagt Ochs. All das En­ga­ge­ment – das sich im Üb­ri­gen fi­nan­zi­ell für die bei­den kaum ge­lohnt hat – ma­che er nur für Stutt­gart. Da­vor ha­be er un­ter an­de­rem in Köln und Ham­burg ge­lebt. „Da war al­les un­per­sön­li­cher. Da ha­be ich nir­gends so rein­ge­fun­den.“Er selbst hat hier nach Auf­ent­hal­ten in Mainz, Köln, der Schweiz, Ham­burg und Ita­li­en end­lich ei­ne Hei­mat ge­fun­den. „Ich bin das ers­te Mal in mei­nem Le­ben wo an­ge­kom­men, das ist tat­säch­lich in Stutt­gart.“Es ge­be so vie­le tol­le Pro­jek­te in der Stadt. Trotz­dem sa­ge ir­gend­wie nie­mand „Stutt­gart ist me­ga­geil“, be­dau­ert er.

Im­mer mehr jun­ge Leu­te kön­nen für sich sa­gen: „Stutt­gart ist me­ga­geil“

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