Männ­li­che Grund­schul­leh­rer: „Nicht bes­ser, aber an­ders“

Sach­sen­heim Mat­thi­as Motz­kau ge­hört zu ei­ner sel­te­nen Spe­zi­es. Er er­klärt, wes­halb er sich für den Be­ruf Grund­schul­leh­rer ent­schie­den hat. Von Ma­thi­as Schmid

Bietigheimer Zeitung - - SACHSENHEIM UND UMGEBUNG -

Für mich war der Aus­schlag, dass ich an der Grund­schu­le Din­ge aus­pro­bie­ren kann.

Mat­thi­as Motz­kau

Grund­schul­leh­rer Klein­sach­sen­heim

An die­sem Vor­mit­tag über­mannt die Schü­ler der Klas­se 2b ein we­nig der Ehr­geiz. Klas­sen­leh­rer Mat­thi­as Motz­kau hat zur Wör­ter­buch-Ral­lye auf­ge­ru­fen und die Klas­se in zwei Teams auf­ge­teilt. Am En­de be­an­spru­chen bei­de Sei­ten, die Scho­kis und die Nus­sis, den Sieg für sich. „Heu­te ist es ein biss­chen un­ru­hig“, gibt der 46-jäh­ri­ge Päd­ago­ge zu, „da muss man die Kin­der dann ein biss­chen ein­fan­gen.“

Mat­thi­as Motz­kau ist ne­ben Pfar­rer Frie­de­mann Wenz­ke, der Re­li­gi­ons­un­ter­richt gibt, die ein­zi­ge männ­li­che Lehr­kraft an der Grund­schu­le Klein­sach­sen­heim. Da­mit liegt die Ein­rich­tung un­ge­fähr im Bun­des­schnitt von 16,5 Pro­zent (nicht al­le von Motz­kaus Kol­le­gin­nen sind voll­zeit­be­schäf­tigt). Vor 10 Jah­ren lag der An­teil männ­li­cher Grund­schul­leh­rer noch bei 20 Pro­zent (die BZ be­rich­te­te). Da­bei sind sich Ex­per­ten ei­nig, dass männ­li­che Be­zugs­per­so­nen wich­tig für die Ent­wick­lung vor al­lem von Jun­gen sind.

„Es wä­re wün­schens­wert, mehr männ­li­che Lehr­kräf­te zu ha­ben“, fin­det auch Do­ris En­gel­brecht, Schul­lei­te­rin der Grund­schu­le Klein­sach­sen­heim. Denn Kin­der hät­ten ins­ge­samt ein­fach deut­lich mehr weib­li­che Be­zugs­per­so­nen. „Es gibt mehr Er­zie­he­rin­nen als Er­zie­her. Wenn sich die El­tern tren­nen, bleibt das Kind oft bei der Mut­ter“, nennt die Rek­to­rin Bei­spie­le. „Es wä­re für al­le Kin­der, aber ins­be­son­de­re für mei­ne Bu­ben schön“, wenn mehr Män­ner un­ter­rich­ten wür­den.

Mat­thi­as Motz­kau ist für sie ein Glücks­fall. Seit 2001 un­ter­rich­tet er in Klein­sach­sen­heim Kin­der in Ma­the­ma­tik, Eng­lisch, Deutsch, Sach­kun­de, Mu­sik, so­wie Kunst und Wer­ken – al­so al­les au­ßer Re­li­gi­on. Da­vor war Motz­kau kurz als In­dus­trie-Kauf­mann tä­tig. „Der Bü­ro­job war dann aber doch et­was zu tro­cken für mich“, er­in­nert er sich. Da kam die Über­le­gung, Leh­rer zu wer­den. Der 46-jäh­ri­ge be­rich­tet: „Bei Fa­mi­li­en­fes­ten war ich schon im­mer Kinds­magd.“Ein Job mit Kin­dern lag da na­he.

Für Do­ris En­gel­brecht hat der 1,92-Mann die rich­ti­ge Ent­schei­dung ge­trof­fen: „Er hat ei­nen tol­len Zu­gang zu Kin­dern.“Und wei­ter: „Man muss ge­se­hen ha­be, wie sich die Kin­der an ihm hoch­zie­hen und wie an ihm hän­gen.“

Doch was macht den Un­ter­schied bei ei­ner männ­li­chen Lehr­kraft? „Das fängt schon mit der Spra­che an. Män­ner for­mu­lie­ren viel­leicht schnel­ler et­was im In­di­ka­tiv. Der Un­ter­schied tut den Kin­dern gut“, glaubt Do­ris En­gel­brecht. Viel­leicht ist es aber auch das, was Mat­thi­as Motz­kau „na­tür­li­che Au­to­ri­tät“nennt. Die ers­ten bei­den Wo­chen hal­te er die Zü­gel kurz. „Dann wird es da­nach ein­fa­cher, dann wis­sen die Kin­der, wie es läuft.“Manch­mal brau­che er nur vor der Klas­se zu ste­hen und die Ar­me zu über­kreu­zen. Wenn die Kin­der die so­ge­nann­te „Bre­zel“se­hen, ist das das Zei­chen, still zu wer­den. Aber na­tür­lich klap­pe das nicht im­mer. „An Ta­gen wie heu­te muss ich das schon mehr­fach ma­chen und die Kin­der da­zu er­mah­nen.“

Mat­thi­as Motz­kau ist es wich­tig zu be­to­nen, dass männ­li­che Lehr­kräf­te „nicht bes­ser, aber an­ders“sind. „Es heißt, die Jungs sei­en die Bil­dungs­ver­lie­rer. Ich fin­de es gut und rich­tig, dass es auch männ­li­che Grund­schul­leh­rer gibt. Ich fän­de es so­gar gut, wenn je­de Klas­se Männ­lein und Wei­b­lein als Leh­rer hät­te“, meint er, wohl­wis­send, dass sich das aus per­so­nel­ler Sicht schwie­rig gestal­ten dürf­te.

Die Fra­ge, war­um es so we­nig Grund­schul­leh­rer gibt, be­ant­wor­tet sich für Do­ris En­gel­brecht zu ei­nem we­sent­li­chen Teil mit den feh­len­den Auf­stiegs­chan­cen. „Um Kar­rie­re zu ma­chen, bie­tet vor al­lem ei­ne klei­ne Grund­schu­le nicht so vie­le Mög­lich­kei­ten. Das Pres­ti­ge wie auch der Ver­dienst sind hier ge­rin­ger“, be­tont sie.

Ver­wor­fe­ne Plä­ne

Für Motz­kau wa­ren das nicht die re­le­van­ten Kri­te­ri­en. „Zu­erst hat­te ich mich auch in Rich­tung Gym­na­si­al­leh­rer ori­en­tiert. Aber das war mir zu fach­spe­zi­fisch.“Für ihn sei es noch nie das Ziel ge­we­sen, ir­gend­wel­che Kar­rie­re­lei­tern hoch­zu­klet­tern. „Im Vor­der­grund steht, dass mir die Ar­beit Spaß macht. Für mich war aus­schlag­ge­bend, dass ich an der Grund­schu­le Din­ge aus­pro­bie­ren kann.“Und wenn er spä­ter von ei­nem er­folg­rei­chen Ex-Schü­ler er­fährt, „ist man stolz, viel­leicht ein biss­chen was da­zu bei­ge­tra­gen zu ha­ben“.

„Na­tür­lich gibt es auch Ta­ge, die Kraft kos­ten. Aber dann schla­fe ich drü­ber und ge­he am nächs­ten Tag wie­der mo­ti­viert in die Schu­le“, be­rich­tet er. In den Jah­ren hat er, wie sei­ne weib­li­chen Kol­le­gin­nen auch, ein Ge­fühl für die Kin­der ent­wi­ckelt. „Man spürt schon, wenn das ers­te Kind zur Tür rein­kommt, was da heu­te für ei­ne Stim­mung sein könn­te. Da kann es sein, dass man den Plan, den man am Nach­mit­tag zu­vor ge­macht hat, gar nicht um­set­zen kann.“

Fo­to: Wer­ner Kuhn­le

Mat­thi­as Motz­kau im Un­ter­richt mit sei­nen Zweit­kläss­lern. Die Kin­der freu­en sich auf den Un­ter­richt mit ihm.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.