Kein Schluss­strich

Bietigheimer Zeitung - - Themen Des Tages / Politik - Le­na Grund­hu­ber

Vor ein paar Ta­gen, zu­fäl­li­ger­wei­se ge­nau ei­ne Wo­che vor Be­ginn der Aus­stel­lun­gen der Samm­lung Gur­litt in Bonn und Bern, flat­ter­te die Nach­richt her­ein. Ein wei­te­rer Fall von NS-Raub­kunst sei auf­ge­deckt, ein Por­trät von Tho­mas Cou­ture stam­me wohl aus dem Kunst­schatz des jü­disch-fran­zö­si­schen Po­li­ti­kers Ge­or­ges Man­del, der 1944 er­mor­det wur­de. Höchst un­wahr­schein­lich, dass es auf sau­be­re Art zu NS-Kunst­händ­ler Hil­de­brand Gur­litt ge­lang­te. Es ist nun das sechs­te Bild aus sei­ner Samm­lung, das als Raub­kunst gilt – im Jahr sechs nach dem „Schwa­bin­ger Kunst­fund“.

Die Bi­lanz nimmt sich ma­ger aus ge­gen­über den mehr als 1500 Wer­ken, die man 2012 in der Münch­ner Woh­nung und spä­ter im Salz­bur­ger Haus von Gur­litts Sohn Cor­ne­li­us ge­fun­den hat­te. Tat­säch­lich ist ein gro­ßer Teil un­be­las­tet, doch die Bun­des­kunst­hal­le Bonn wid­met sich nun 250 Wer­ken, von de­nen die meis­ten un­kla­rer Her­kunft sind oder „ver­fol­gungs­be­dingt ent­zo­gen“wur­den. Vie­le Fra­gen sind of­fen, die Schau heißt „Be­stands­auf­nah­me“– nicht „Schluss­strich“.

Die Fak­ten­la­ge ist nun mal kom­pli­ziert, und je deut­li­cher das wur­de, des­to mehr wur­de ge­schimpft auf die Sen­sa­ti­ons­ma­che der Me­di­en und die Über­re­ak­ti­on der Jus­tiz. So wie der „Na­zi-Schatz“an­fangs skan­da­li­siert wur­de, so wird er jetzt teils nor­ma­li­siert – was eben­so pro­ble­ma­tisch ist. Selbst wenn es bei sechs Raub­kunst-Fäl­len blie­be, wä­ren das sechs­mal Un­recht zu­viel, und man soll­te nicht dar­auf wet­ten: „Es gibt lei­der noch viel zu tun“, heißt es im Deut­schen Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te.

Lan­ge ge­nug hat man zu we­nig ge­tan. Hil­de­brand Gur­litt war bei­lei­be nicht der ein­zi­ge im Kul­tur­be­trieb, der mit den Na­zis kol­la­bo­rier­te und spä­ter wie­der in Amt und Wür­den kam. Be­las­te­te Kunst blieb auch nach dem Krieg in den Mu­se­en oder zir­ku­lier­te wei­ter im Han­del. Erst in den 1990ern eta­blier­te sich die Pro­ve­ni­en­z­for­schung, erst seit der Un­ter­zeich­nung der „Wa­shing­to­ner Er­klä­rung“1998 gilt die Selbst­ver­pflich­tung für In­sti­tu­tio­nen, nach NS-Raub­gut zu su­chen und es ge­ge­be­nen­falls zu­rück­zu­ge­ben. Erst 2009 wur­de et­wa ei­ne ei­ge­ne Pro­ve­ni­en­z­for­schungs­stel­le in Ba­den-Würt­tem­berg ge­schaf­fen. So

Der Gur­litt-Skan­dal zwingt Kunst­han­del und Mu­se­en da­zu, sich end­gül­tig ih­rer Rol­le in der NS-Zeit zu stel­len.

war es mög­lich, dass Ob­jek­te aus ei­ner be­kann­ten jü­di­schen Samm­lung jahr­zehn­te­lang in ei­nem Mu­se­um wie in Ulm ste­hen konn­ten, be­vor sie 2016 re­sti­tu­iert wur­den. In­zwi­schen be­kom­men auch klei­ne­re Häu­ser die Mit­tel, um die Her­kunft ih­rer Ob­jek­te zu er­for­schen.

Gleich wie man ihn be­wer­tet: His­to­risch wird es der Gur­litt-Skan­dal blei­ben, der Kunst­han­del und Mu­se­en da­zu zwang, sich end­gül­tig ih­rer Rol­le in der NS-Zeit zu stel­len. In­di­rekt hat er wohl auch be­feu­ert, dass sich bri­san­te Fra­gen nun eben­so an die eth­no­lo­gi­schen Samm­lun­gen rich­ten.

Wie steht es um die Her­kunft von Ob­jek­ten aus der Ko­lo­ni­al­zeit? Sind sie recht­mä­ßig in un­se­ren Mu­se­en und wie kann man sie an­ge­mes­sen prä­sen­tie­ren? De­bat­ten um Pro­ve­ni­en­z­for­schung han­deln von Macht und Un­ter­wer­fung, sie sind na­tur­ge­mäß kon­flikt­ge­la­den, doch sie müs­sen sein. Da­mit der Fall Gur­litt sich nicht wie­der­holt.

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