„Das Ge­setz hat vie­le Feh­ler“

Bietigheimer Zeitung - - Südwestumschau -

Pro­sti­tu­ti­on

Kri­ti­ker fürch­ten, dass die neu­en Re­ge­lun­gen vie­le Frau­en in die Il­le­ga­li­tät drän­gen.

Vom 1. No­vem­ber an greift das Pro­sti­tu­ier­ten­schutz­ge­setz in Ba­den-Würt­tem­berg. Be­trof­fe­ne und Hilfs­ein­rich­tun­gen kri­ti­sie­ren das Ge­setz als zu bü­ro­kra­tisch und teils wir­kungs­los.

Die No­vel­le schreibt vor, dass Sex­ar­bei­te­rin­nen sich auf dem Amt ei­ne Ar­beits­er­laub­nis ab­ho­len und ei­ne Ge­sund­heits­be­ra­tung mit­ma­chen müs­sen. Für die Kun­den gilt ei­ne Kon­dom­pf­licht. Die Ar­beits­zim­mer müs­sen ei­nen No­t­ruf­knopf ha­ben. Frau­en dür­fen zu­dem nicht in dem Zim­mer schla­fen, in dem sie ar­bei­ten; Bor­del­le brau­chen künf­tig ei­ne Be­triebs­er­laub­nis. Das Ge­setz soll men­schen­ver­ach­ten­de Aus­wüch­se in der Sze­ne un­ter­bin­den, so das ba­den-würt­tem­ber­gi­sche So­zi­al­mi­nis­te­ri­um. Es die­ne da­mit vor al­lem den Frau­en. Doch bei vie­len Frau­en in der Sze­ne herr­schen Skep­sis und Ab­leh­nung vor.

„Ich glau­be nicht, dass das Ge­setz die Schwa­chen schützt“, sagt et­wa die 45-jäh­ri­ge Pro­sti­tu­ier­te Clau­dia. Sie füh­le sich „be­vor­mun­det und ge­gän­gelt“. Sie emp­fängt ih­re Kun­den in ei­ner Stutt­gar­ter Ter­min­woh­nung. An der Haus­tür sind Klin­geln mit den Na­men der Frau­en, die auf vier Stock­wer­ken ar­bei­ten. Dass sie nicht mehr in dem Zim­mer schla­fen dür­fen, in dem sie die Di­enst­leis­tung an­bie­ten, hält sie für „ab­so­lu­ten Quatsch“.

„Das Ge­setz hat vie­le Feh­ler“, sagt auch die So­zi­al­ar­bei­te­rin Mar­ga­re­te Schick-Hä­ber­le. Sie be­rät Pro­sti­tu­ier­te im Ge­sund­heits­amt der Stadt Stutt­gart. Auch sie kri­ti­siert die Zwei-Zim­mer-Re­ge­lung. Das sei in der Theo­rie in­ter­es­sant ge­dacht. Wenn ein Eta­blis­se­ment aber mor­gens um vier schlie­ße, müss­ten Frau­en, die we­gen ih­res Be­ru­fes oder Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grun­des kei­ne Woh­nung in Stutt­gart be­kom­men und sich ein Ho­tel nicht leis­ten kön­nen, auf die Stra­ße ge­hen – oder mit ei­nem Kun­den nach Hau­se.

Kon­takt zu Hilfs­an­ge­bo­ten

Das Ge­setz bie­tet aus ih­rer Sicht aber durch­aus auch ei­ne Chan­ce: die, dass Pro­sti­tu­ier­te Kon­takt zu Be­ra­tungs­an­ge­bo­ten be­kom­men. Die vor­ge­schrie­be­ne Erst­be­ra­tung müs­se pro­fes­sio­nell und wert­schät­zend ge­macht sein, sagt Schick-Hä­ber­le, da­mit sich die Frau­en nicht ab­ge­wer­tet füh­len, son­dern Ver­trau­en fas­sen kön­nen.

Das Amt kann ei­ner Frau die Ar­beits­er­laub­nis ver­wei­gern, wenn es Hin­wei­se auf ei­ne Zwangs­la­ge gibt. Der Amts­arzt des Ge­sund­heits­am­tes in Stutt­gart, Mar­tin Pri­wit­zer, hält es aber für frag­lich, ob mit dem Ge­setz der weit ver­brei­te­ten Zwangs­pro­sti­tu­ti­on und dem in­ter­na­tio­na­len Men­schen­han­del ein Rie­gel vor­ge­scho­ben wer­den kann. Er er­war­tet, dass un­ter Zwang ste­hen­de Frau­en ent­spre­chend vor­be­rei­tet wer­den – und wis­sen, was sie auf dem Amt sa­gen müs­sen.

An­na, die seit acht Jah­ren als Do­mi­na in der Re­gi­on Stutt­gart ar­bei­tet, be­rich­tet da­von, dass aus­län­di­sche Hin­ter­män­ner Mäd­chen nach Deutsch­land brin­gen und sie wö­chent­lich an ei­nen an­de­ren Ort fah­ren. So könn­ten sie Kon­trol­len ent­ge­hen. „Das Ge­setz soll die Frau­en mit Zu­häl­ter schüt­zen, aber die ha­ben nichts da­von.“

Clau­dia glaubt, dass Frau­en, die die Ar­beits­er­laub­nis nicht be­kom­men, trotz­dem wei­ter ar­bei­ten, weil sie das Geld brau­chen – wo­mög­lich in Pri­vat­woh­nun­gen. Die Pro­sti­tu­ti­on wür­de so­mit durch das Ge­setz – ent­ge­gen al­ler po­li­ti­schen Be­teue­run­gen – wie­der mehr in die Il­le­ga­li­tät ge­drängt. Le­na Müs­sig­mann, dpa

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