Auch der Va­ter zieht die Mönchs­kut­te an

Bietigheimer Zeitung - - Stuttgart - Von Pe­tra Most­ba­cher-Dix

In den ers­ten vier Wo­chen rund 10 000 Be­su­cher in der Rit­ter-Schau im Lan­des­mu­se­um – Vie­le Mit­mach­sta­tio­nen be­geis­tern

STUTT­GART. Er hat Ta­lent. Ge­konnt holt Emil mit der Holz­schau­fel die Bröt­chen aus dem Ofen und trans­por­tiert sie zu den Kör­ben auf der an­de­ren Sei­te der Küche. Dann blickt er wie ein klei­ner Gour­met in den Kes­sel, der über dem of­fe­nen Herd­feu­er am Ha­ken bau­melt. „Ich ko­che Ge­mü­se­sup­pe“, er­klärt der Vier­jäh­ri­ge, rührt mit dem Koch­löf­fel gut durch, gibt Lauch­zwie­beln auf ei­nen gro­ßen Berg von To­ma­ten, Boh­nen und Pa­pri­ka. Als er nach ei­nem Holz­scheit greift, er­klärt ihm ei­ne Frau freund­lich, dass der un­ter dem Kes­sel blei­ben muss, sonst ge­he das Feu­er aus. Ihr schwar­zes T­Shirt mit wei­ßer Schrift weist sie als Te­am­mit­glied des Jun­gen Schlos­ses aus, dem Kin­der­mu­se­um des Lan­des­mu­se­ums Würt­tem­berg im Al­ten Schloss in Stutt­gart. Dort ist der­zeit die Mit­mach­aus­stel­lung „Die Rit­ter. Le­ben auf der Burg“zu se­hen.

Ent­spre­chend sind Emils Ko­chu­ten­si­li­en aus Holz, Schaum­stoff und an­de­rem: Im Jun­gen Schloss kön­nen Be­su­che­rin­nen und Be­su­cher ab vier Jah­ren in die Welt des zwölf­ten und 13. Jahr­hun­derts ein­tau­chen und aus­pro­bie­ren, wie die Men­schen zur Zeit der St­au­fer ge­ar­bei­tet, ge­ges­sen und ih­re Frei­zeit ver­bracht ha­ben. Da­zu gibt es in­ter­ak­ti­ve Sta­tio­nen, Ins­ze­nie­run­gen und Ori­gi­nal­ob­jek­te wie Ge­fä­ße, Schmuck, Schwer­ter, Rüs­tun­gen und ein mit­tel­al­ter­li­ches Schach­spiel. Das be­wun­dern un­ter der Wo­che Kin­der­gar­ten­grup­pen und Schul­klas­sen. An den Wo­che­n­en­den kom­men vie­le Fa­mi­li­en, zum Teil von weit her. „Da wird es oft rich­tig voll“, sagt ei­ne Mu­se­ums­auf­sicht. Seit die Schau am 1. Ok­to­ber er­öff­net wur­de, wa­ren rund 10 000 Be­su­cher da. „Auch mehr als 150 Kin­der­ge­burts­ta­ge wur­den bis­her ge­bucht so­wie knapp 90 Ent­de­cker­tou­ren“, sagt Pres­se­spre­che­rin Hei­ke Scholz. Auch die Ter­mi­ne der Schul­füh­run­gen sei­en fast aus­ge­bucht.

Im Burg­hof, der ers­ten Sta­ti­on, ist auch an die­sem Sams­tag viel los. Flei­ßig wird ge­an­gelt. An der Wand baut ei­ne Mut­ter be­geis­tert ein Ge­wöl­be. „Schau Li­sa, der Schluss­stein“, ruft sie. Ih­re Toch­ter steht in­des längst in der Schlan­ge vor dem Lauf­rad­kran: Je­der will in der Trom­mel tre­ten und se­hen, wie sich so schwe­re Las­ten nach oben trans­por­tie­ren las­sen. „So ha­ben sie die Bur­gen ge­baut“, kräht ein Jun­ge, wäh­rend sein Kum­pel ei­nen Raum wei­ter wan­dert. Dort ist ei­ne Ke­me­na­te, der Wohn­be­reich der Rit­ter. Hier ste­hen Bett und Ko­s­tüm­kis­ten für Hand­wer­ker, Bau­er und Magd, Burg­herr und Burg­da­me, Non­ne, Mönch. Auf der Wand steht, was je­der Stand zu tra­gen hat­te: die ein­fa­chen Leu­te Lei­nen, Hanf, Nes­sel oder Schaf­wol­le, der Adel Prunk­vol­les wie Sei­de und Pel­ze. Ei­ni­ge Sta­tio­nen wei­ter lauscht ein Va­ter der Ge­schich­te Par­zi­vals oder stickt ei­ne Mut­ter mit ih­ren Mäd­chen Pfer­de­post­kar­ten. Auch ei­ni­ge Jungs ver­su­chen sich mit Na­del und Fa­den, wäh­rend an­de­re sich in der Rüst­kam­mer das Ket­ten­hemd über­zie­hen.

Im gro­ßen Fest­saal des „Pa­las“wer­den ei­ge­ne Wap­pen ent­wor­fen, weil es „wich­tig ist, die Fein­de und Freun­de un­ter den Hel­men zu er­ken­nen“, er­klärt ein Dritt­kläss­ler. Des­sen klei­ner Bru­der führt ne­ben­an be­reits et­was „im Schil­de“: Er schwingt Spiel­schwer­ter mit ei­nem Freund, an­de­re üben mit Pfeil und Bo­gen.

„Wäh­rend die ade­li­gen Mäd­chen im Haus le­sen, schrei­ben, rech­nen, Hand­ar­bei­ten oder Mu­sik­in­stru­men­te lern­ten, wa­ren die Jungs we­ni­ger gut ge­bil­det. Bei ih­nen stand die kör­per­li­che Er­tüch­ti­gung im Vor­der­grund“, sagt Ka­rin Birk, die mit Chris­toph Fri­cke, Lei­ter des Jun­gen Schlos­ses, die Schau ku­ra­tier­te. Man ha­be mit den Mit­mach­sta­tio­nen ver­sucht, das The­ma Rit­ter für bei­de Ge­schlech­ter in­ter­es­sant zu ma­chen und auch mit Un­ge­nau­ig­kei­ten und My­then auf­zu­räu­men. „Vie­le den­ken an Dra­chen und die zu ret­ten­de Prin­zes­sin. Aber Burg­frau­en tru­gen gro­ße Ver­ant­wor­tung und ver­wal­te­ten Län­de­rei­en“, sagt sie.

Es ha­be sich ge­zeigt, dass die Jungs eben­so ger­ne sti­cken, die Mäd­chen lei­den­schaft­lich auf dem Tur­nier­platz kämpf­ten. Na­tür­lich gibt es auch ei­nen grü­nen Dra­chen, in den die Klei­nen schlüp­fen kön­nen, ani­miert von be­geis­ter­ten El­tern. Ei­ne Mit­ar­bei­te­rin sagt schmun­zelnd: „Die Er­wach­se­nen ha­ben viel Spaß. Ei­ni­ge schie­ßen mit dem Bo­gen oder ver­klei­den sich als Mönch oder Non­ne.“

Öff­nungs­zei­ten: Die Rit­ter­Aus­stel­lung geht noch bis 8. April 2018 und ist von Di­ens­tag bis Sonn­tag von 10 bis 17 Uhr ge­öff­net, au­ßer an Fei­er­ta­gen. Das Rah­men­pro­gramm gibt es un­ter www.jun­ges­schloss.de.

Mit dem Lauf­rad­kran wer­den schwe­re Las­ten trans­por­tiert. Fo­to: Licht­gut/Ju­li­an Ret­tig

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