Kampf um Wohn­raum

In­fra­struk­tur In Ba­den-Würt­tem­berg muss mehr ge­baut wer­den, um dem stei­gen­den Be­darf ge­recht zu wer­den. Ei­ne Stu­die der L-Bank mahnt zur Ei­le. Bis zum Jahr 2040 wächst die Zahl der Haus­hal­te um rund 600 000. Von Mar­tin Hof­mann

Bietigheimer Zeitung - - Themen Des Tages / Politik -

Nur in Rott­weil und Bi­be­rach ist das An­ge­bot gut. Land setzt auf Schul­ter­schluss al­ler Be­tei­lig­ten.

Es ist ei­ne Jahr­hun­dert­auf­ga­be, für die nur 22 Jah­re Zeit bleibt. Laut ei­ner Stu­die der L-Bank muss in Ba­den-Würt­tem­berg bis 2040 Wohn­raum für min­des­tens 600 000 neue Haus­hal­te ge­schaf­fen wer­den. Der Schwer­punkt liegt auf dem Bau be­zahl­ba­rer Woh­nun­gen für Be­zie­her un­te­rer und mitt­le­rer Ein­kom­men, so­zia­lem wie al­ters­ge­rech­tem Wohn­raum. Das dient dem so­zia­len Frie­den in der Ge­sell­schaft, aber auch dem Wirt­schafts­stand­ort, stellt die Pro­gnos AG fest. Oh­ne ein aus­rei­chen­des An­ge­bot wird der not­wen­di­ge Zu­zug von Fach­kräf­ten nicht ge­lin­gen, so die Un­ter­su­chung für die Staats­bank des Lan­des, die mit Kre­di­ten Woh­nungs­bau för­dert. Die Da­ten und Fak­ten:

Be­völ­ke­rung: Durch Zu­zug aus Deutsch­land und dem Aus­land hat die Be­völ­ke­rung im Süd­wes­ten von 2011 bis 2015 um 370 000 Men­schen (oder 3,5 Pro­zent) zu­ge­legt – mehr als in Bay­ern oder Hes­sen. Ent­schei­den­der Grund da­für: das Jo­b­an­ge­bot. Die Zahl der Be­schäf­tig­ten stieg in fünf Jah­ren um 355 000. Weit mehr Ar­beits­plät­ze als im Schnitt ent­stan­den in den Land­krei­sen Karlsruhe, Heil­bronn, Lud­wigs­burg, Tutt­lin­gen, dem Ho­hen­lo­he­kreis und der Stadt Stutt­gart. Da­zu kommt: Die Zahl der Haus­hal­te wächst mit 5 Pro­zent ra­scher, da mehr Men­schen al­lein le­ben. Die Zu­nah­me an Neu­bür­gern ist na­he­zu flä­chen­de­ckend, wo­bei Stutt­gart mit sei­nen Nach­bar­krei­sen al­lein 100 000 Zu­züg­ler auf­ge­nom­men hat. An Be­völ­ke­rung stär­ker zu­ge­legt als im Durch­schnitt ha­ben auch die Ober- und Mit­tel­zen­tren mit 5 und 4 Pro­zent.

Woh­nun­gen: Ak­tu­ell feh­len 88 000 Woh­nun­gen. Al­lein in den neun Stadt­krei­sen klafft ei­ne Lü­cke von 38 000 Woh­nun­gen. Aber auch in den Land­krei­sen Kon­stanz, Tü­bin­gen, Ra­vens­burg, Bö­blin­gen, Calw, Karlsruhe, Heil­bronn, dem Rems-Murr- und Ost­alb­kreis hät­ten im vier­stel­li­gen Be­reich Be­hau­sun­gen er­rich­tet wer­den müs­sen, um den Be­darf zu de­cken. Ein­zig in den Krei­sen Rott­weil und Bi­be­rach liegt das An­ge­bot noch knapp über der Nach­fra­ge.

Fol­gen: Der Woh­nungs­not treibt die Prei­se. „Von den 30 teu­ers­ten Städ­ten lie­gen laut Miet­preis­spie­geln 16 im Süd­wes­ten“, er­klärt der Mie­ter­bund Ba­den-Würt­tem­berg. Bei­spiel: Wird ei­ne Woh­nung in Frei­burg wie­der ver­mie­tet, zahlt man für die vier Wän­de 40 Pro­zent mehr als im Bun­des­durch­schnitt. „Für Be­zie­her mitt­le­rer und un­te­rer Ein­kom­men gilt: Im­mer mehr Men­schen woh­nen sich arm“, sagt Udo Cas­per, Ge­schäfts­füh­rer des Mie­ter­bunds. Laut ei­ner Stu­die der Hans-Böck­ler-Stif­tung ge­ben in 77 deut­schen Groß­städ­ten be­reits 40 Pro­zent der Haus­hal­te mehr als 30 Pro­zent ih­res Net­to­ein­kom­mens für die Brut­to­mie­te aus. Rund 1,3 Mil­lio­nen Haus­hal­te ver­füg­ten über ein Rest­ein­kom­men un­ter­halb des Hartz-IV-Sat­zes. Bei Grund­stücks­prei­sen ist der Süd­wes­t­en­cx un­ter den Flä­chen­län­dern hin­ter Bay­ern und Hes­sen das dritt­teu­ers­te. Pro Qua­drat­me­ter sind 36 Pro­zent mehr zu zah­len als im Bun­des­durch­schnitt.

Vor­aus­sa­ge: Nach Hoch­rech­nun­gen der Pro­gnos AG wird die Be­völ­ke­rung in Ba­den-Würt­tem­berg bis zum Jahr 2040 um 380 000 bis 750 000 Men­schen zu­neh­men. Dar­aus er­gibt sich ein ma­xi­ma­ler Zu­wachs der Haus­hal­te um 600 000. Sie müs­sen mit Woh­nun­gen ver­sorgt wer­den. Be­hält die Bau­tä­tig­keit ihr bis­he­ri­ges Tem­po bei, wird das aber nicht ge­lin­gen.

So­zia­les: Von den laut Pro­gnos noch vor­han­de­nen 57 400 So­zi­al­woh­nun­gen fal­len bis 2030 rund 22 000 aus der Preis­bin­dung. Um die An­zahl die­ser Woh­nun­gen zu hal­ten, müss­ten pro Jahr 1500 ge­baut wer­den. Von 2014 bis 2016 för­der­te die L-Bank 1000 sol­cher Wohn­ein­hei­ten. Ein Bünd­nis aus Städ­te­tag, Mie­ter­bund, Woh­nungs­wirt­schaft, Ge­werk­schaf­ten und VdK for­dern den Neu­bau von 6000, um 2030 ein Ni­veau von 100 000 So­zi­al­woh­nun­gen zu er­rei­chen. Als Grund da­für nen­nen sie: „Das An­ge­bot hält mit der Nach­fra­ge schon längst nicht mehr Schritt.“In Stutt­gart war­ten 4000 Haus­hal­te auf ei­ne So­zi­al­woh­nung. In Ess­lin­gen wür­den 600 Wohn­be­rech­ti­gungs­schei­ne aus­ge­stellt, wäh­rend jähr­lich 100 So­zi­al­woh­nun­gen neu ver­mie­tet wür­den. Das Ar­gu­ment der Ver­bän­de für den Auf­bau die­ser Wohn­mög­lich­keit: „Der so­zia­le Frie­de kann nur dann be­wahrt wer­den und die In­te­gra­ti­on der Zu­wan­de­rer kann nur dann ge­lin­gen, wenn auf den Woh­nungs­märk­ten die un­ter­schied­li­chen Be­darfs­grup­pen nicht ge­gen­ein­an­der aus­ge­spielt wer­den.“

Bar­rie­ren: Den Be­darf an al­ters­ge­rech­tem Wohn­raum be­zif­fert Pro­gnos bis 2040 auf 486 000 Woh­nun­gen. Zur­zeit exis­tie­ren et­wa 99 000 Wohn­ein­hei­ten, in de­nen et­wa ein Roll­stuhl­fah­rer sich oh­ne Hil­fe be­we­gen kann.

Re­ak­tio­nen: Die L-Bank hat die Pro­gnos-Stu­die als Grund­la­ge für die Wohn­raum-Al­li­anz er­stellt, die Wirt­schafts­mi­nis­te­rin Ni­co­le Hoff­meis­ter-Kraut (CDU) be­ru­fen hat. Dort er­ar­bei­ten al­le für Woh­nungs­bau zu­stän­di­gen Ak­teu­re Emp­feh­lun­gen, um aus­rei­chen­den und be­zahl­ba­ren Wohn­raum zu schaf­fen. Al­le Be­tei­lig­te sind sich ei­nig, dass sehr viel mehr pas­sie­ren muss, um die Woh­nungs­not zu be­he­ben.

Da­zu ge­hört: Die Kom­mu­nen soll­ten schnel­ler mehr Bau­land be­reit­stel­len. An­woh­nern neu­er Bau­ge­bie­te müs­sen vom Be­darf über­zeugt wer­den, um Ein­sprü­che zu ver­mei­den. Das Bau­recht soll­te ent­schlackt wer­den, um Kos­ten zu sen­ken. Zu­dem soll­te die Grund­er­werb­steu­er auf 3,5 Pro­zent sin­ken. Emp­foh­len wird die Rück­kehr zur de­gres­si­ven Ab­schrei­bung bei Im­mo­bi­li­en. Die Nach­ver­dich­tung in Städ­ten gilt es zu be­schleu­ni­gen. Die Preis­bin­dung für So­zi­al­woh­nun­gen soll wie­der 30 statt 10 Jah­re be­tra­gen.

Fo­to: © Xan­derSt/Shut­ter­stock.com

Es wird ge­baut im Land – und doch ist es zu we­nig.

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