„Hu­ma­ni­tät und Ord­nung“

Bietigheimer Zeitung - - Politik -

Ja­mai­ka Grü­nen-Chef Cem Öz­de­mir sieht in den Son­die­rungs­ge­sprä­chen nicht nur Um­welt und Flücht­lin­ge als wich­ti­ge The­men. Min­des­tens eben­so sehr liegt ihm Eu­ro­pa am Her­zen. Von Micha­el Ga­bel und Gun­ther Hart­wig So schnell wie mög­lich die aus­ge­streck­te Hand von Ma­cron an­neh­men.

Am Frei­tag­mor­gen sol­len die Son­die­rungs­ge­sprä­che für ei­ne mög­li­che Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on ab­ge­schlos­sen sein. Grü­nen-Par­tei­chef Cem Öz­de­mir will sich aber nicht drän­gen las­sen. Sei­ne Par­tei wer­de nichts un­ter­schrei­ben, nur da­mit ir­gend­et­was un­ter­schrie­ben ist, sagt er im In­ter­view mit un­se­rer Zei­tung.

Herr Öz­de­mir, ei­nes Ih­rer Hob­bys ist das Lau­fen. Sind Sie fit für den Ver­hand­lungs­ma­ra­thon am Don­ners­tag­abend? Cem Öz­de­mir:

Ich ver­su­che, mich fit zu hal­ten, in­dem ich bei den Son­die­rungs­run­den viel Ka­rot­ten-Ap­fel­saft und Ing­wer­tee mit Ho­nig trin­ke. Zum Lau­fen kom­me ich der­zeit lei­der nicht – höchs­tens, wenn ich mich von mei­nem Bü­ro zu den Ver­hand­lungs­räu­men be­we­ge.

Sie ha­ben weit­hin Lob ge­ern­tet für die Be­reit­schaft, bei der Kli­ma­po­li­tik, zum Bei­spiel beim End­da­tum für den Ver­bren­nungs­mo­tor und die Koh­le­ver­stro­mung, auf Ma­xi­mal­for­de­run­gen zu ver­zich­ten. Aber ein Ent­ge­gen­kom­men zeigt die an­de­re Sei­te nicht. War das viel­leicht doch das fal­sche Si­gnal?

Wir ha­ben Be­we­gung si­gna­li­siert, weil wir ge­sagt ha­ben, ent­schei­dend sind die Kli­ma­schutz­zie­le. Bis 2020 muss Deutsch­land 40 Pro­zent CO2 re­du­zie­ren im Ver­hält­nis zu 1990. Das muss ver­bind­lich sein, über die We­ge kann man strei­ten. Jetzt geht es dar­um zu be­schlie­ßen, wie wir den Koh­le­aus­stieg um­set­zen, in wel­chem Um­fang wir ein­stei­gen und in wel­cher Ge­schwin­dig­keit. Wir müs­sen den CO2-Aus­stoß dras­tisch re­du­zie­ren, das geht nicht oh­ne Koh­le­aus­stieg..

Wo se­hen Sie wei­te­re ge­mein­sa­me An­sät­ze von „Ja­mai­ka“?

Mei­ne Vor­stel­lung ist, dass wir als wirt­schafts­star­kes Land zei­gen, dass Wohl­stand, Jobs und ech­ter Kli­ma­schutz in Deutsch­land Hand in Hand ge­hen kön­nen und wir da­mit auch ein Mo­dell sein kön­nen für vie­le an­de­re in der Welt. Wir kön­nen bei der Di­gi­ta­li­sie­rung zei­gen, dass sie nicht ein­fach bloß auf dem Pau­sen­hof statt­fin­det, son­dern auch im Klas­sen­zim­mer, da­mit die Chan­cen der Di­gi­ta­li­sie­rung in der Ar­beits­welt für den Ein­zel­nen nicht von der Her­kunft und Bil­dung der El­tern ab­hän­gen. Ei­ne neue Re­gie­rung hat die Ver­pflich­tung, da­für zu sor­gen, ge­mein­sam mit Frank­reich Eu­ro­pa wie­der stark zu ma­chen ge­gen Po­pu­lis­ten und Ul­tra­na­tio­na­lis­ten. Vor­aus­set­zung, dass die­ses schwie­ri­ge Bünd­nis ge­lingt, ist al­ler­dings, dass sich al­le auf­ein­an­der zu be­we­gen.

Ha­ben Sie den Ein­druck, dass die FDP nach ih­ren im Wahl­kampf ge­äu­ßer­ten EU-kri­ti­schen Vor­stel­lun­gen jetzt doch bei­dreht?

Das pass­te für mich da­mals schon nicht zur FDP, der Par­tei von Hans-Dietrich Gen­scher. Bei al­lem Streit um die Sach­po­li­tik hat die FDP gro­ße Ver­diens­te um die Eu­ro­päi­sche Uni­on. Dar­auf kön­nen die Li­be­ra­len auch stolz sein. In­so­fern wür­de ich mich sehr freu­en, wenn wir uns al­le mit­ein­an­der auf die Tra­di­ti­on der deut­schen Eu­ro­pa­po­li­tik ver­stän­di­gen könn­ten, bei der auch die FDP im­mer ge­sagt hat, na­tio­na­le In­ter­es­sen sind in ei­nem ei­ni­gen Eu­ro­pa am bes­ten auf­ge­ho­ben. Ich wün­sche mir, dass ei­ne mög­li­che Ja­mai­ka-Re­gie­rung so schnell wie mög­lich die aus­ge­streck­te Hand von Ma­cron an­nimmt und mit ihm ge­mein­sam ein star­kes Eu­ro­pa wei­ter­baut. Nie­mand will doch ei­ne Schul­den­uni­on, nie­mand will, dass die na­tio­na­len Re­gie­run­gen aus ih­rer Ver­ant­wor­tung ent­las­sen wer­den. Die Län­der müs­sen Re­for­men an­pa­cken. Stär­ke und So­li­da­ri­tät ge­hen für mich Hand in Hand. Des­halb ge­hö­ren zu die­sen Re­for­men auch In­ves­ti­tio­nen in die Zu­kunft, in Nach­hal­tig­keit, in Di­gi­ta­li­sie­rung und in Bil­dungs­in­fra­struk­tur.

Die pro­eu­ro­päi­sche Ak­zen­tu­ie­rung der deut­schen Au­ßen­po­li­tik könn­ten Sie als ehe­ma­li­ger Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­ter ver­sinn­bild­li­chen, in­dem Sie et­was deut­lich als in der ver­gan­ge­nen Wo­chen den An­spruch aufs Au­ßen­mi­nis­te­ri­um an­mel­den. Oder ha­ben Sie dar­auf schon ins­ge­heim ver­zich­tet?

Man muss doch nicht Au­ßen­mi­nis­ter sein, um Pro-Eu­ro­pä­er zu sein. Die Grü­nen, wie der Na­me schon ver­rät, ha­ben im Zen­trum im­mer die Öko­lo­gie. Dar­um ist es wich­tig, dass wir gera­de dort für Ver­bes­se­run­gen sor­gen. Al­les Wei­te­re muss man se­hen, wenn es so weit ist.

Das Um­welt­res­sort soll­te al­so grün be­setzt sein.

Ich se­he nie­man­dem, der ei­ne glaub­wür­di­ge­re und hö­he­re Kom­pe­tenz hät­te, für Um­welt­schutz zu sor­gen. Und ich se­he im Üb­ri­gen auch nie­mand, der Um­welt und Wirt­schaft bes­ser zu­sam­men­brin­gen könn­te. Die Grü­nen in Ba­den-Würt­tem­berg ma­chen es vor.

Beim Fa­mi­li­en­nach­zug lie­gen Sie im Streit vor al­lem mit der CSU. Wie hart wer­den Sie beim Nein ge­gen ei­ne Ober­gren­ze blei­ben oder ei­nen Richt­wert, wie es jetzt heißt?

Die Zu­sam­men­füh­rung von Fa­mi­li­en ist für uns ganz zen­tral. Da muss sich was tun. Das ist kei­ne Lap­pa­lie, wenn Fa­mi­li­en von­ein­an­der ge­trennt sind. Ich fin­de es auch be­mer­kens­wert, wie ins­be­son­de­re die CSU vom Be­hör­den-Cha­os ab­len­ken möch­te, das die der­zeit ge­schäfts­füh­ren­de Re­gie­rung zu ver­ant­wor­ten hat: Ein Fran­co A., Bun­des­wehr­an­ge­hör­ger, spricht kein Wort Ara­bisch, gibt sich als sy­ri­scher Flücht­ling aus und wird an­er­kannt. Oder der Fall Anis Am­ri. Der reist kreuz

Ich den­ke, die Kanz­le­rin hat ver­stan­den, dass sie jetzt An­ge­bo­te vor­le­gen muss.

und quer durch Eu­ro­pa, sitzt in Ita­li­en im Ge­fäng­nis, und un­se­re Be­hör­den wis­sen das nicht. Die V-Leu­te sind an ihm dran. Er geht in ei­ne sala­fis­ti­sche Mo­schee, er­kun­digt sich im In­ter­net da­nach, wie man sich Isis an­schlie­ßen kann, han­delt mit Dro­gen, und was pas­siert? Nichts. An­schlie­ßend ver­übt er ei­nen Ter­ror­an­schlag. Wenn dar­aus jetzt die Schluss­fol­ge­rung ist, dass Fa­mi­li­en dau­er­haft ge­trennt blei­ben, dann ist das wi­der­sin­nig.

Das be­deu­tet?

Für uns ist klar: Uns geht es um Hu­ma­ni­tät und Ord­nung. Für Hu­ma­ni­tät ist es wich­tig, dass Fa­mi­li­en nicht aus­ein­an­der­ge­ris­sen wer­den, son­dern zu­sam­men­le­ben kön­nen. Dar­um le­gen wir so viel Wert auf Fa­mi­li­en­zu­sam­men­füh­rung. Aber ich will auch Ord­nung. Ich will, dass die eu­ro­päi­schen Au­ßen­gren­zen wir­kungs­voll kon­trol­liert wer­den. Ich will wis­sen, wer zu uns nach Eu­ro­pa kommt. Ich will, dass sie er­fasst sind, re­gis­triert sind und dass wir Fin­ger­ab­drü­cke von ih­nen ha­ben. Ich will, dass die Po­li­zei in Eu­ro­pa ver­netzt ar­bei­tet und die Da­ten aus­tauscht.

Von der Kanz­le­rin war öf­fent­lich we­nig zu hö­ren, und hin­ter den ge­schlos­se­nen Tü­ren soll sie sich auch sehr zu­rück­hal­ten, heißt es. Wür­den Sie sich von ihr mehr Füh­rungs­stär­ke und das Drin­gen auf Kom­pro­mis­se wün­schen?

Mein Ein­druck ist, dass sie das Zu­stan­de­kom­men der Ko­ali­ti­on will, das gilt üb­ri­gens auch für Herrn See­ho­fer und Herrn Lind­ner. Ich den­ke, dass die Kanz­le­rin ver­stan­den hat, dass sie jetzt An­ge­bo­te vor­le­gen muss. Ich hof­fe, dass al­len Ver­hand­lungs­part­nern klar­ge­wor­den ist, dass die­se De­bat­te um Neu­wah­len und Min­der­heits­re­gie­run­gen nur der AfD hilft und all den­je­ni­gen, die nicht an der Sta­bi­li­tät Deutsch­lands in­ter­es­siert sind.

Ist de­fi­ni­tiv am Frei­tag­mor­gen mit den Son­die­run­gen Schluss?

Wir Grü­nen sind nicht dar­an ge­bun­den, wir ha­ben kei­nen Zeit­druck. Ich wer­de je­den­falls nichts un­ter­schrei­ben, wo­von ich in­halt­lich nicht über­zeugt bin.

Fo­to: Micha­el Kap­peler/dpa

Wird er Mi­nis­ter? Cem Öz­de­mir, Bun­des­vor­sit­zen­der von Bünd­nis 90/Die Grü­nen, kommt in Ber­lin zu ei­ner wei­te­ren Run­de der Son­die­rungs­ver­hand­lun­gen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.