Trick­die­be nut­zen Schwä­chen von Se­nio­ren aus

Bietigheimer Zeitung - - Stuttgart - Von Chris­ti­ne Bil­ger

Be­son­ders dreis­ter Dieb greift vor den Au­gen des Op­fers zu

Die Po­li­zei ver­zeich­net mehr Tä­ter, die sich mit Knif­fen Zu­gang zur Woh­nung von Se­nio­ren ver­schaf­fen. Die Er­mitt­ler ge­hen von Ein­zel­tä­tern aus, die di­ver­se Ge­schich­ten auf La­ger ha­ben. STUTT­GART. Im­mer wie­der schaf­fen es Trick­die­be, dass sie auf­grund ei­ner aus­ge­dach­ten Ge­schich­te in Woh­nun­gen ge­las­sen wer­den. So ist es auch ei­ner 85­Jäh­ri­gen in der Stutt­gar­ter In­nen­stadt er­gan­gen: Gut­gläu­big ließ sie ei­ne Fa­mi­lie ein, weil sie glaub­te, dass der Sohn drin­gend zur Toi­let­te muss­te. Dreist stah­len die Tä­ter ihr Schmuck – vor ih­ren Au­gen.

Ge­schich­ten wie die­se be­rei­ten Joa­chim Zahn, dem stell­ver­tre­ten­den Lei­ter des zu­stän­di­gen De­zer­nats bei der Po­li­zei, Sor­gen: „Da nutzt je­mand ge­wusst und ge­wollt die Schwä­chen äl­te­rer Men­schen aus. Das ist sehr übel. Und wir ver­zeich­nen da zur­zeit ei­ne Zu­nah­me der Fäl­le.“An­ge­fan­gen hat die ak­tu­el­le Wel­le der Trick­dieb­stahls­de­lik­te in Woh­nun­gen vor­wie­gend äl­te­rer Op­fer et­wa im Spät­som­mer. „Wir ha­ben das das gan­ze Jahr über, aber seit­her häuft es sich“, sagt Zahn. Aufs Jahr ge­rech­net er­eig­ne­ten sich ein bis zwei Fäl­le pro Wo­che, über­schlägt der Kri­mi­nal­be­am­te den ak­tu­el­len Stand. Im Früh­som­mer war es noch der Trick mit den fal­schen Po­li­zei­be­am­ten ge­we­sen, wel­che Be­trü­ger an­wand­ten, um ans Er­spar­te äl­te­rer Herr­schaf­ten zu kom­men. Sie hat­ten die En­kelt­rick­be­trü­ger ab­ge­löst. An je­ner Front ist es gera­de ru­hig.

Wäh­rend En­kelt­rick und die Ma­sche der fal­schen Po­li­zei­be­am­ten oft von kri­mi­nel­len Or­ga­ni­sa­tio­nen mit Sitz im Aus­land ver­übt wer­den, han­delt es sich bei den Trick­die­ben, die an der Haus­tür klin­geln, um un­ab­hän­gi­ge Ein­zel­tä­ter oder Du­os. „Wir glau­ben nicht, dass da­hin­ter fes­te Struk­tu­ren ste­cken“, sagt Joa­chim Zahn.

Mit un­ter­schied­li­chen Vor­ge­schich­ten spie­len sich die Ta­ten ähn­lich ab wie der Fall der al­ten Da­me aus der Ro­sen­stra­ße: Die Frau be­geg­ne­te Va­ter, Mut­ter und Kind am Nach­mit­tag des Mitt­woch, 8. No­vem­ber, in ei­nem Blu­men­ge­schäft. Die El­tern ba­ten sie, ihr Kind aufs Klo ge­hen zu las­sen. Die Stutt­gar­te­rin hat­te Mit­leid mit dem et­wa neun­jäh­ri­gen Bu­ben und ließ die drei ein. Wäh­rend die Se­nio­rin dem Sohn das Ba­de­zim­mer zeig­te, mach­te sich der Va­ter un­ge­niert am Wohn­zim­mer­schrank zu schaf­fen, be­rich­tet der Po­li­zei­spre­cher Ste­phan Wid­mann. Der Mann ha­be dort zwei Rin­ge ge­fun­den und ein­ge­steckt, wo­bei es ihn über­haupt nicht be­ein­druckt ha­be, dass die 85Jäh­ri­ge ihm zu­sah. Auch dass sie ihn auf­for­der­te, den Schmuck zu­rück­zu­ge­ben, ha­be den Mann nicht ge­stört. Die Fa­mi­lie flüch­te­te aus der Woh­nung. Der er­beu­te­te Schmuck hat ei­nen Wert von meh­re­ren Hun­dert Eu­ro.

Die Ge­schich­ten sind un­ter­schied­lich, doch es geht im­mer um das glei­che Ziel: Die Tä­ter wol­len in die Woh­nung kom­men und dort mög­lichst un­ge­stört die Schrän­ke durch­stö­bern. Mal be­haup­ten sie, sie sei­en von den Stadt­wer­ken und müss­ten et­was an den Lei­tun­gen kon­trol­lie­ren. Dann wie­der gibt je­mand vor, er wol­le ei­nen Zet­tel, um ei­nem Nach­barn ei­ne Bot­schaft zu hin­ter­las­sen. Wie­der an­de­re Tä­ter wol­len an­geb­lich Grü­ße von ei­nem Be­kann­ten aus­rich­ten und kom­men mit die­ser Ge­schich­te in die Woh­nung. „Es wä­re schon viel ge­won­nen, wenn die Se­nio­ren hin­ter dem Frem­den die Tür zu­ma­chen. Meist ge­hen sie aber vor­aus, dann lässt der Tä­ter die Woh­nungs­tür an­ge­lehnt. Dann kommt sein Kom­pli­ze rein und sucht Wert­sa­chen, wäh­rend der ers­te Tä­ter die Be­woh­ner ab­lenkt“, schil­dert Zahn.

Die Tä­ter mach­ten sich da­bei die Al­ters­schwä­chen der Op­fer zu­nut­ze. „Sie er­zeu­gen Hek­tik. Da die Auf­nah­me­fä­hig­keit und das Re­ak­ti­ons­ver­mö­gen im Al­ter oh­ne­hin ein­ge­schränkt sind, kön­nen sie so von ih­rem Tun ab­len­ken“, sagt der Er­mitt­ler. „Sie su­chen sich kei­ne Op­fer, die mit ih­nen auf Au­gen­hö­he sind, son­dern be­wusst Per­so­nen mit Schwä­chen.“

War­um gera­de ei­ne Wel­le von Trick­dieb­stäh­len die­ser Spiel­ar­ten die Stadt über­zieht, dar­über rät­seln die Er­mitt­ler noch. „Es kann sein, dass sich hier ein paar vor­über­ge­hend nie­der­ge­las­sen ha­ben“, lau­te ei­ne Theo­rie. „Viel­leicht hat sich auch he­ rum­ge­spro­chen, dass hier wohl­ha­ben­de Leu­te woh­nen“, nennt Zahn ei­nen wei­te­ren An­satz. Die Tä­ter kä­men even­tu­ell aus an­de­ren Re­gio­nen, nicht aber aus dem Aus­land. Denn ei­ne Gr­und­vor­aus­set­zung ist, dass sie die Spra­che be­herr­schen: „Ih­re Waf­fe ist das Wort“, meint der Er­mitt­ler Zahn.

Im ak­tu­el­len Fall konn­te das Op­fer die Tat­ver­däch­ti­gen gut be­schrei­ben. Der Va­ter ist et­wa 45 Jah­re alt, 1,60 Me­ter groß, un­ter­setzt und hat kur­ze schwar­ze Haa­re. Er trug ei­ne dun­kel­grü­ne Ja­cke und ei­ne dunk­le Ho­se. Die Frau war et­wa 35 Jah­re alt und 1,50 Me­ter groß, sie hat schul­ter­lan­ge wel­li­ge schwar­ze Haa­re. Die Mut­ter hat­te ei­nen lan­gen ge­blüm­ten Rock an. Das Kind des Paa­res schätz­te die Se­nio­rin auf et­wa neun Jah­re.

Mit im­mer neu­en Ge­schich­ten ver­schaf­fen sich Die­be Zu­tritt zu Woh­nun­gen der meist äl­te­ren Op­fer – sie ge­ben sich als Hand­wer­ker aus oder täu­schen Ge­sund­heits­pro­ble­me vor. Fo­to: Jens Schie­ren­beck

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