Ein gan­zer Aus­stel­lungs­raum für ein Buch

Bietigheimer Zeitung - - Kreis Ludwigsburg -

Schwer­punkt Literatur Ein be­son­de­res Buch steht im Li­te­ra­tur­mu­se­um der Mo­der­ne im Mit­tel­punkt: „Jac­ques Of­fen­bach und das Pa­ris sei­ner Zeit“. Von Ga­b­rie­le Sz­c­ze­gul­ski

Sieg­fried Kra­cau­ers Buch „Jac­ques Of­fen­bach und das Pa­ris sei­ner Zeit“sei ei­nes der „un­ter­schätz­ten Bü­cher der Welt­li­te­ra­tur“, sagt El­len Stritt­mat­ter, Lei­te­rin der Mu­se­en auf der Mar­ba­cher Schil­ler­hö­he. Sie ku­ra­tier­te die Aus­stel­lung „Die Er­fin­dung von Pa­ris“im Li­te­ra­tur­mu­se­um der Mo­der­ne. Kra­cau­ers Buch ist, so sagt sie, das Kern­stück in der Aus­stel­lung, und be­legt ei­nen gan­zen Raum. Schon al­lei­ne die­se Tat­sa­che macht das Buch zu ei­nem be­son­de­ren. Aber es zeigt auch, wie ein Li­te­ra­tur­ar­chiv ar­bei­tet und wie die Ge­schich­te ei­nes Bu­ches in ei­ner Aus­stel­lung vi­sua­li­siert wird. Es zeigt aber zu­vor­derst, wie ein Schrift­stel­ler sich sei­nem Su­jet an­nä­hert, wie der Exi­lant sich Pa­ris zu ei­gen macht, um die Pa­ri­ser Ge­schich­te und Gesellschaft zu ver­ste­hen. Kra­cau­er be­schrieb 3500 win­zi­ge Zet­tel mit In­for­ma­tio­nen vor al­lem zu Pa­ris.

Der Ti­tel des Bu­ches von Kra­cau­er sug­ge­riert ei­ne Of­fen­bach-Bio­gra­fie, doch der Au­tor schreibt gleich in sei­nem Vor­wort: „Die­ses Buch ge­hört nicht in die Rei­hen je­ner Bio­gra­fi­en, die sich in der Haupt­sa­che dar­auf be­schrän­ken, das Le­ben ih­res Hel­den zu schil­dern.“Nein, Kra­cau­er nennt sein Buch ei­ne „Ge­sell­schafts­bio­gra­fie“. Of­fen­bach wirkt als ei­ne Art Fil­ter für ei­ne so­zio­lo­gi­sche Ge­sell­schafts­stu­die des Pa­ris des aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­derts aus dem Blick­win­kel des 20. Jahr­hun­derts. „Ei­ne Ge­sell­schafts­bio­gra­fie in dem Sin­ne, dass es mit der Fi­gur Of­fen­bachs die der Gesellschaft er­ste­hen lässt, die er be­weg­te und von der er be­wegt wur­de und da­bei ei­nen be­son­de­ren Nach­druck auf die Be­zie­hun­gen zwi­schen der Gesellschaft und Of­fen­bach legt“, sag­te Kra­cau­er.

Der wich­tigs­te Grund aber, dass sich der Jour­na­list und so­zio­lo­gi­sche Schrift­stel­ler, der 1933 nach Pa­ris emi­grier­te und die­ses Exil­da­sein mit sei­nem Prot­ago­nis­ten ge­mein­sam hat, ist, dass Kra­cau­er Geld be­nö­tig­te. Er dach­te, wenn er sich ei­nes po­pu­lä­ren Man­nes, näm­lich des über­aus be­lieb­ten Ope­ret­ten­kom­po­nis­ten, an­neh­me, wür­de sich das Buch gut ver­kau­fen. „Falsch ge­dacht“, sagt El­len Stritt­mat­ter. Die Kri­ti­ker zer­ris­sen das Buch, die Le­ser kauf­ten es nicht. Es lag wohl ge­nau dar­an, so die Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin, dass es Kra­cau­er eben nicht um Of­fen­bachs Mu­sik und sein Le­ben ging.

Pop­kul­tur des 19. Jahr­hun­derts

Kra­cau­er zeigt in dem Buch im Prin­zip, dass die Pop­kul­tur, die Hys­te­rie und der Rausch um Per­so­nen im 19. Jahr­hun­dert be­gon­nen hat, zu sei­ner Zeit ei­ne Voll­en­dung auch im Na­zi-Wahn hat­te und bis in heu­ti­ge Zei­ten reicht. Um Of­fen­bach, eben­falls ein deut­scher Exi­lant in Pa­ris, den ver­kann­ten Mu­si­ker, der zeit­le­bens dar­un­ter litt, als Ope­ret­ten­kom­po­nist ver­schrien zu sein, geht es da­bei kaum.

In dem Raum im Li­te­ra­tur­mu­se­um der Mo­der­ne, der sich dem Buch und sei­ner Ent­ste­hung wid­met, hat­ten die Mit­ar­bei­ter laut El­len Stritt­mat­ter die „ein­ma­li­ge Chan­ce, Din­ge aus Kra­cau­ers Nach­lass zu­sam­men­zu­füh­ren und sei­ne Me­tho­de, sich dem Stoff, aber auch sei­ner Exil­stadt Pa­ris zu nä­hern, dar­zu­stel­len“.

Fo­to: Mar­tin Kalb

Die Lei­te­rin der Mu­se­en auf der Schil­ler­hö­he, El­len Stritt­mat­ter, ku­ra­tier­te die Aus­stel­lung „Die Er­fin­dung von Pa­ris“im Li­te­ra­tur­mu­se­um der Mo­der­ne. Auf dem Fo­to zeigt sie die Erst­aus­ga­be von Sieg­fried Kra­cau­ers „Jac­ques Of­fen­bach und das Pa­ris sei­ner Zeit“.

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