Bü­cher mit ei­nem ei­ge­nen Klang

Bietigheimer Zeitung - - Sachsenheim Und Umgebung -

Schwer­punkt Literatur Tho­mas Kie­fer liebt das al­te Hand­werk und ge­hört in­zwi­schen zu den letz­ten sei­ner Zunft im Land­kreis Lud­wigs­burg. Von Michae­la Glem­ser

Ganz ge­nau legt Tho­mas Kie­fer die Buch­sei­ten auf­ein­an­der, be­vor er sie mit Na­del und Fa­den zu­sam­men­hef­tet, er ist ei­ner der letz­ten Hand­werks-Buch­bin­der­meis­ter im Land­kreis Lud­wigs­burg.

„Die­se al­te Hand­werks­kunst stirbt lang­sam aus. Nur noch in der Nä­he von Uni­ver­si­tä­ten und Hoch­schu­len kön­nen selb­stän­di­ge Buch­bin­der­meis­ter gut von ih­ren Ein­künf­ten le­ben, da es dort vie­le Stu­den­ten gibt, die ih­re Ab­schluss­ar­bei­ten noch von Hand bin­den las­sen möch­ten“, er­zählt Tho­mas Kie­fer. Sei­ne Lei­den­schaft für das Buch­bin­den wie in längst ver­gan­ge­nen Zei­ten be­treibt der Vai­hin­ger in­zwi­schen nur noch als Hob­by und im Ne­ben­er­werb. Haupt­be­ruf­lich ist Tho­mas Kie­fer als Buch­bin­der bei der Druck- und Ver­lags­ge­sell­schaft Bie­tig­heim be­schäf­tigt.

Al­tes Hand­werk er­hal­ten

„Auch wenn ich jetzt in der In­dus­trie tä­tig bin, ist es mir wich­tig, dass das al­te Hand­werk er­hal­ten bleibt und an die kom­men­den Ge­ne­ra­tio­nen wei­ter­ge­ge­ben wird. Da­her wer­de ich mei­ne klei­ne Werk­statt zu­hau­se nicht auf­ge­ben. Schon mein Va­ter war Buch­bin­der­meis­ter, und die Ar­beit mit dem Werk­stoff Pa­pier ist ein­fach sehr er­fül­lend“, macht Tho­mas Kie­fer deut­lich.

Zu sei­nen Kun­den zäh­len na­tür­lich auch Stu­den­ten, die für ih­re Ab­schluss­ar­bei­ten et­was Be­son­de­res wol­len und sich auch die Buch­de­ckel ih­rer Wer­ke von Tho­mas Kie­fer prä­gen las­sen. Häu­fig kommt da­bei die so­ge­nann­te „Kle­be­bin­dung“mit Leim zum Ein­satz.

Viel auf­wen­di­ger ist da­ge­gen die Fa­den­hef­tung. Da­bei fügt Tho­mas Kie­fer die ein­zel­nen Bö­gen mit Na­del und Fa­den zu­sam­men, wo­bei die Na­del min­des­tens sechs Mal durch die auf­ein­an­der ge­leg­ten Sei­ten ge­zo­gen wer­den muss. „So ein ge­bun­de­nes Buch hält aber auch na­he­zu al­len Be­las­tun­gen stand. Ich sa­ge im­mer, dass ein gu­tes Buch zu­klap­pen muss wie ei­ne Mer­ce­des-Tür. Es muss sei­nen ganz ei­ge­nen Klang ha­ben“, schil­dert Tho­mas Kie­fer.

Die zu­sam­men­ge­hef­te­ten Buch­sei­ten wer­den an­schlie­ßend noch an drei Sei­ten be­schnit­ten, dass sie ab­so­lut pas­send über­ein­an­der lie­gen. Zum Schluss kommt der drei­tei­li­ge Ein­band an die Rei­he, der auch Buch­de­cke ge­nannt wird. Da­für hat Tho­mas Kie­fer un­ter­schied­li­che Ma­te­ria­li­en vom Kunst­le­der bis zum Fell zur Hand. „Der Buch­block wird in die drei­sei­ti­ge Buch­de­cke ge­klebt. Bis ein Buch mit rund 160 Sei­ten so ge­bun­den ist, bin ich bis zu fünf St­un­den be­schäf­tigt“, be­tont Tho­mas Kie­fer.

Aber er re­pa­riert auch in die Jah­re ge­kom­me­ne Bü­cher, mit de­nen sei­ne Kun­den spe­zi­el­le Er­in­ne­run­gen ver­bin­den. Sei es das Lieb­lings­buch aus Kin­der­ta­gen, die his­to­ri­sche Fa­mi­li­en­bi­bel, das al­te Ta­ge­buch oder das längst im Han­del ver­grif­fe­ne No­ten­buch: Der Vai­hin­ger Buch­bin­der­meis­ter ver­sucht die bis­wei­len arg in Mit­lei­den­schaft ge­zo­ge­nen Wer­ke mit ih­ren ver­gilb­ten Sei­ten mög­lichst ori­gi­nal­ge­treu zu re­pa­rie­ren. „Da­für su­che ich manch­mal ziem­lich lan­ge nach den pas­sen­den Ma­te­ria­li­en, um den Buch­de­ckel aus­bes­sern zu kön­nen, da­mit dies mög­lichst we- nig auf­fällt“, er­läu­tert Tho­mas Kie­fer. Ein wei­te­res gro­ßes Stand­bein von ihm ist das Bin­den von Ein­zel­aus­ga­ben von Zeit­schrif­ten zu ei­nem gro­ßen Jahr­buch.

Ar­ti­kel über Jahr­bän­de

Nach­dem in ei­nem bun­des­wei­ten Ma­ga­zin ein klei­ner Ar­ti­kel über den Vai­hin­ger er­schie­nen ist, sen­den ihm Men­schen aus ganz Deutsch­land ih­re übers Jahr ge­sam­mel­ten Aus­ga­ben ei­ner Zeit­schrift zu, um sie von Tho­mas Kie­fer zu ei­nem ori­gi­nel­len Jahr­band zu­sam­men­hef­ten zu las­sen. „Die Re­so­nan­zen dar­auf sind wirk­lich toll. Ich freue mich, wenn die Men­schen das al­te Hand­werk zu schät­zen wis­sen. Die Wer­tig­keit ei­nes Bu­ches so­wie des Pa­piers und des Ein­bands wird heu­te meist kaum noch wahr­ge­nom­men. Das ist wirk­lich scha­de“, un­ter­streicht Tho­mas Kie­fer.

Um den Men­schen sein Hand­werk noch nä­her zu brin­gen, gibt er für In­ter­es­sier­te auch Buch­bin­de-Kur­se. Da­bei kom­men Men­schen aus dem ge­sam­ten Land­kreis zu Tho­mas Kie­fer in sei­ne Werk­statt im Vai­hin­ger Stadt­teil Riet und wer­keln mit Papp­sche­re, Schnei­de­ma­schi­ne, Buch­pres­se und Co. Auch in der ei­ge­nen Fa­mi­lie hat Tho­mas Kie­fer Hoff­nung, dass er sein Kön­nen wei­ter­ge­ben kann, denn Toch­ter Sandra ar­bei­tet eben­falls ger­ne mit Pa­pier und stö­bert im­mer wie­der in der Werk­statt ih­res Va­ters.

Fo­to: Mar­tin Kalb

Buch­bin­der­meis­ter Tho­mas Kie­fer aus Vai­hin­gen-Riet an ei­ner Pres­se in sei­ner Werk­statt.

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