Tschick, Bridget Jo­nes Ba­by, So ein Sa­t­ans­bra­ten, Con­ni & Co., Blue Moun­tain Sta­te, Swiss Ar­my Man, Sau­sa­ge Par­ty, Män­ner­tag, SMS für Dich

Blu-ray Magazin - - Editorial 3/2017 - FE­LIX RITTER

Zwei 14jäh­ri­ge star­ten mit ei­nem ge­klau­ten Au­to ei­nen Roadtrip durch Ost­deutsch­land. Der er­folg­rei­che Ju­gend­ro­man „Tschick“von Wolf­gang Herrn­dorf trifft auf den re­nom­mier­ten Re­gis­seur Fa­tih Akin, der mit Fil­men wie „Ge­gen die Wand“und „Soul Kit­chen“be­kannt wur­de.

Ma­ik Klin­gen­berg (Tris­tan Gö­bel) ist 14 Jah­re alt und hat vor al­lem ein gro­ßes Pro­blem: Er steckt mit­ten in den Tie­fen der Pu­ber­tät fest. In der Schu­le ist er ein klas­si­scher Au­ßen­sei­ter. Al­le hal­ten ihn für lang­wei­lig und nach­dem er im Deutsch­un­ter­richt ei­nen sehr per­sön­li­chen Auf­satz über sei­ne al­ko­hol­süch­ti­ge Mut­ter vor­ge­le­sen hat, wird er end­gül­tig als „Psy­cho“ab­ge­stem­pelt. Sei­ne Chan­cen, auf die Ge­burts­tags­par­ty der Klas­sen­schön­heit Tat­ja­na ein­ge­la­den zu wer­den, schwin­den. Trotz­dem macht Ma­ik sich Hoff­nung, denn schließ­lich ist er hoff­nungs­los in Tat­ja­na ver­knallt. In mü­he­vol­ler Kle­in­st­ar­beit zeich­net er als Ge­burts­tags­ge­schenk ein be­ein­dru­cken­des Por­trät sei­ner An­ge­be­te­ten, nur um dann im Schmerz der Ent­täu­schung zu ver­sin­ken, als er beim Ver­tei­len der Ein­la­dun­gen als Ein­zi­ger igno­riert wird, zu­min­dest wenn man den neu­en, rus­si­schen Mit­schü­ler And­rej Tschichat­schow, Spitz­na­me Tschick (Anand Bat­bi­leg), nicht mit rech­net. Der stapft mit Gold­kett­chen, Kip­pe hin­term Ohr und mit Pan­zer­tape ge­flick­ten Schu­hen durch die Schu­le. In sei­ner Hand bau­melt stets ei­ne Nor­ma-Plas­tik­tü­te, in der man die Wod­ka­fla­schen klim­pern hört.

Am ers­ten Som­mer­fe­ri­en­tag ver­kriecht sich Ma­ik frus­triert da­heim in sein Zim­mer. Sei­ne Mut­ter ist wie­der mal in der Ent­zugs­kli­nik und sein Va­ter ist am sel­ben Tag mit sei­ner jun­gen, at­trak­ti­ven As­sis­ten­tin auf ei­ne „Ge­schäfts­rei­se“ab­ge­düst. Da taucht un­er­war­tet Tschick mit ei­nem ge­klau­ten Au­to vor Maiks Haus­tür auf und über­re­det ihn, un­ein­ge­la­den Tat­ja­nas Par­ty zu stür­men und ihr doch noch sein Ge­schenk zu über­rei­chen. Da­mit be­ginnt für die bei­den ein wen­dungs­rei­cher Roadtrip Rich­tung Os­ten, bei dem vor al­lem Ma­ik zum ers­ten Mal ge­sell­schaft­li­che und selbst­auf­er­leg­te Gren­zen aus­tes­tet und über­schrei­tet, vom ers­ten Kuss bis zum ers­ten Au­to­un­fall.

Vom Buch zum Film

Wolf­gang Herrn­dorfs Ju­gend­ro­man avan­cier­te 2010 zum Best­sel­ler und wur­de in 24 Spra­chen über­setzt. 2011 be­kam er den deut­schen Ju­gend­li­te­ra­tur­preis. Herrn­dorf hat­te sich nach der Dia­gno­se ei­nes bös­ar­ti­gen Ge­hirn­tu­mors selbst um die an­ge­hen­de Ver­fil­mung sei­nes Ro­mans ge­küm­mert, be­vor er 2013 ver­starb. Als Dreh­buch­schrei­ber en­ga­gier­te er Lars Hu­brich. Die Re­gie soll­te ur­sprüng­lich Da­vid Wn­endt („Er ist wie­der da“, „Feucht­ge­bie­te“) über­neh­men. Der ver­ließ aber früh­zei­tig die Pro­duk­ti­on, mut­maß­lich auf­grund von krea­ti­ven Dif­fe­ren­zen. Fa­tih Akin hat­te be­reits 2011 In­ter­es­se an der Ver­fil­mung von „Tschick“ge­äu­ßert und be­kam dann 2015 den Re­gie­stuhl, gera­de mal sie­ben Wo­chen vor Dreh­be­ginn.

Er ver­lieh dem Dreh­buch noch sei­nen letz­ten per­sön­li­chen Schliff und be­setz­te mit Tris­tan Gö­bel so­gar kurz­fris­tig die Haupt­rol­le neu. Die wech­sel­haf­ten Vor­be­din­gun­gen der Pro­duk­ti­on merkt man dem fer­ti­gen Film zum Glück aber kaum an. Bei­de Jung­dar­stel­ler pas­sen glaub­wür­dig in ih­re Rol­len. Schnell fühlt man sich wie­der in die un­be­darf­ten Fan­ta­si­en ei­nes 14jäh­ri­gen zu­rück ver­setzt und er­in­nert sich an sei­ne ei­ge­ne ju­gend­li­che Ge­fühls- und Ge­dan­ken­welt. Dar­in lie­gen wohl auch be­son­ders die Stär­ken der Ro­man­vor­la­ge. Aber Fa­tih Akin trifft auch mit sei­nen fil­mi­schen Mit­teln oft den Kern der Sa­che und des Ge­fühls. Gera­de die Dia­lo­ge und Maiks in­ne­re Mo­no­lo­ge wir­ken auf an­ge­neh­me Wei­se na­tür­lich. Zu­min­dest so na­tür­lich wie es für deut­sche Fil­me nicht im­mer selbst­ver­ständ­lich ist. In sei­nen bes­ten Mo­men­ten ver­sprüht „Tschick“ei­nen amü­san­ten, lo­cke­ren Charme.

Zum Schmun­zeln, nicht zum La­chen

Ähn­lich wie es Re­gis­seur Jan Ole Gers­ter und Schau­spie­ler Tom Schil­ling in „Oh Boy“ge­schafft ha­ben, durch ab­sur­de Si­tua­ti­ons-Tra­gi­ko­mik per­fekt das Le­bens­ge­fühl der End­zwan­zi­ger ein­zu­fan­gen, könn­te auch „Tschick“das pu­ber­tie­ren­de Te­enager­al­ter re­prä­sen­tie­ren. Doch hier kommt der Film lei­der an sei­ne Gren­zen, denn ein rich­ti­ges Mit­ten­drin-Ge­fühl will sich nicht so ganz ein­stel­len.

Akins Ver­fil­mung wählt ei­nen zu schwam­mi­gen Mit­tel­weg zwi­schen ab­sur­der Si­tua­ti­ons­ko­mik, die nicht ab­surd ge­nug ist, und ei­ner le­bens­na­hen, per­sön­li­chen Er­zäh­lung, die stre­cken­wei­se in den sich über­schla­gen­den Er­eig­nis­sen und Fi­gu­ren­kon­stel­la­tio­nen zu kon­stru­iert wirkt. So blei­ben vor al­lem ein­zel­ne, an­ek­do­ten­haf­te Sze­nen in Er­in­ne­rung, die mit oft schmun­zeln­dem Hu­mor ein an­ge­neh­mes Ge­fühl von Ver­traut­heit ver­mit­teln, es in ih­rer Sum­me je­doch ver­feh­len, ei­ne tie­fer ge­hen­de Ver­bun­den­heit mit den Haupt­fi­gu­ren und ih­rer Ge­schich­te zu er­zeu­gen.

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