KINGSMAN 2 THE GOL­DEN CIR­CLE

Sie sind erst­klas­sig aus­ge­bil­det, fin­den in brenz­li­gen Si­tua­tio­nen stets ei­nen Aus­weg und ha­ben dar­über hin­aus auch noch ein un­fass­ba­res Ge­spür für Stil und Mo­de. Die Re­de ist selbst­ver­ständ­lich von „Kingsman“! Die ge­hei­me Agen­ten­ver­ei­ni­gung aus der Co­mic

Blu-ray Magazin - - Titel Story - TY­LER SÜSS

Agen­ten­fil­me gibt es wie Sand am Meer. Ei­ni­ge set­zen auf hu­mo­ris­ti­sche Kon­zep­te („Co­de­na­me U.N.C.L.E.“), man­che so­gar auf voll­ende­ten Slap­stick („Aus­tin Po­wers“) und wie­der an­de­re schla­gen eher erns­te­re Tö­ne an („Die Bourne Iden­ti­tät“). Mut­ter, nein, Va­ter al­ler Gen­tle­man-Agen­ten­fil­me ist na­tür­lich kein ge­rin­ge­rer als Ian Fle­mings Bond, Ja­mes Bond. Im Auf­trag sei­ner bri­ti­schen Ma­jes­tät und des MI6 ha­ben über die Jahr­zehn­te hin­weg et­li­che Darstel­ler den 007-Le­gen­den­sta­tus vor­an­ge­trie­ben. Doch ähn­lich wie die Auf­zäh­lung der mög­li­chen Stil­ele­men­te von Agen­ten­fil­men ist es auch der Bond-Rei­he im Ver­lauf der letz­ten Jah­re er­gan­gen. Von ur­sprüng­lich hu­mor­vol­lem Skript­de­sign und in­ter­es­san­ten wie auch fan­tas­tisch wir­ken­den Bö­se­wich­ten, geht es spä­tes­tens seit Da­ni­el Craigs Bond-Ver­kör­pe­rung für die Rei­he in im­mer erns­te­re Ge­fil­de. Das Gen­re scheint fest­ge­fah­ren zu sein, ha­ben doch et­li­che Fil­me­ma­cher schon so ziem­lich alles Er­denk­li­che aus der Agen­ten­idee her­aus­ge­kit­zelt. Doch ge­ra­de, wenn man dar­auf war­tet, dass der nächs­te Bond-Film viel­leicht mal wie­der et­was Ab­wechs­lung und Charme mit­brin­gen kann, kommt Mat­t­hew Vaughn um die Ecke. Der selbst­er­nann­te Agen­ten­jün­ger und größ­te Fan der frü­hen Bond-Fil­me ge­hört zu je­nen Fil­me­ma­chern, die auf ih­rem Wer­de­gang stets von ei­nem ei­ge­nen Aus­flug ins Agen­ten-Gen­re träu­men. Mit der Rea­li­sie­rung des „Kingsman“-Stof­fes er­füll­te sich der Bri­te nicht nur ei­nen Kind­heits­traum, son­dern setz­te gleich­zei­tig neue Maß­stä­be für Agen­ten­fil­me als sol­che, aber auch das Ac­tion-Gen­re ins­ge­samt. Mit ra­san­ten, un­wirk­lich, aber eben­so rea­lis­tisch an­mu­ten­den Ka­me­ra­fahr­ten, et­li­chen Sei­ten­hie­ben auf das ver­ros­te­te Gen­re und Ste­reo­ty­pen so­wie ei­nem un­glaub­lich sym­pa­thi­schen Cast hat sich Vaughn um­so mehr in den Fo­kus ge­rückt. Ge­ra­de die Ver­pflich­tung für die Rol­le des Egg­sy über­rasch­te die Filmwelt, setz­te der Re­gis­seur und Dreh­buch­au­tor bei sei­ner zen­tra­len Haupt­rol­le doch auf ein voll­kom­men un­be­schrie­be­nes Blatt. Ne­ben Schau­spiel­grö­ßen wie Co­lin Firth, Michael Cai­ne, Sa­mu­el L. Jack­son und Mark Strong konn­te Ta­ron Eger­ton vor sei­ner „Kingsman“-Zeit ei­gent­lich kaum in­ter­na­tio­nal Prä­gnan­tes oder Re­le­van­tes vor­wei­sen. Der 27-Jäh­ri­ge Wa­li­ser aus der Stadt mit dem längs­ten und un­aus­sprech­lichs­ten Na­men der Welt trat zu­vor ne­ben ei­ner grö­ße­ren Rol­le in „Tes­ta­ment Of Youth“nur im bri­ti­schen Fern­se­hen auf, konn­te dort in Vaughns Au­gen glück­li­cher­wei­se aber sein enor­mes Ta­lent un­ter Be­weis stel­len. Seit­dem häu­fen sich die Jo­b­an­ge­bo­te für den Wa­li­ser, was ihm jüngst die Haupt­rol­le im „Ro­bin Hood“-Re­boot und ei­nen un­ge­mein poin­tiert ge­mim­ten „Ed­die The Eag­le“-Auf­tritt ver­schaff­te. Und na­tür­lich spielt er nun in Mat­t­hew Vaughns ers­ter (!) Film-Fort­set­zung über­haupt mit. VOM CO­MIC INS KI­NO

Auch wenn der bri­ti­sche Re­gis­seur schon vor ei­ni­ger Zeit deut­lich ge­macht hat, dass sein zwei­ter „Kingsman“-Streich we­nig bis gar nichts mit den Co­mics zu tun ha­ben wird, lohnt sich den­noch der Blick auf das Ur-Werk. Denn auch wenn Mat­t­hew Vaughn ein voll­ends ei­gen­stän­di­ges Skript ver­fasst und in Sze­ne ge­setzt hat, dürf­te der Ein­fluss der Co­mic-Grund­la­ge wohl kaum voll­stän­dig ver­lo­ren ge­gan­gen sein. Doch wer steckt ei­gent­lich hin­ter der Ge­heim­agen­ten­li­ga mit Wort­witz, Cool­ness und wun­der­voll hand­ge­mach­ter Ac­tion? Min­des­tens ei­ner der bei­den Au­to­ren der nach nur ei­nem Lein­wand­auf­tritt be­reits le­gen­dä­ren „Kingsman“-Rei­he dürf­te auch über die­se hin­aus in Ken­ner­krei­sen ein The­ma sein: Mark Mil­lar hat ne­ben sei­ner Kol­la­bo­ra­ti­on mit Da­ve Gib­bons et­li­che wei­te­re, groß­ar­ti­ge Co­mi­crei­hen er­schaf­fen, die bei­na­he al­le­samt be­reits für die Ki­n­o­lein­wand ad­ap­tiert wur­den. Ob „Kick-Ass“, „Wan­ted“oder eben nun „Kingsman“: Wo Mark Mil­lar drauf­steht, ist meist un­ver­kenn­ba­re Qua­li­tät so­wie ein Schuss er­fri­schend an­ders­ar­ti­ge, rotz­fre­che An­ar­chie ent­hal­ten. Doch auch sei­ne One-Shots und Mi­ni-Rei­hen für die ach so ver­fein­de­ten Co­mi­cri­va­len Mar­vel und DC ha­ben bei Fans welt­weit An­klang ge­fun­den.

Co-Au­tor Da­ve Gib­bons ist eben­falls ein recht viel­be­schrie­be­nes Blatt, hat in der jün­ge­ren, wie auch äl­te­ren Ver­gan­gen­heit be­reits für un­ter­schied­li­che Au­to­ren als Gra­fik­künst­ler fun­giert und ist dem ge­neig­ten Co­mic-Freund vor al­lem durch sei­ne Zu­sam­men­ar­beit mit Alan Moo­re am bild­ge­wal­ti­gen „Watch­men“-Epos ein gern ge­se­he­ner Na­me ge­wor­den. Kein Wun­der al­so, dass der ers­te „Kingsman“-Auf­tritt ein sol­cher Er­folg wur­de. Wie Neu­zu­gang Chan­ning Ta­tum jüngst bei der Co­mic-Con-Prä­sen­ta­ti­on in San Die­go tref­fend for­mu­lier­te, ist Re­gis­seu­er Mat­t­hew Vaughn ein wah­rer Film-Punk. Je­de sei­ner fil­mi­schen Kon­zep­tio­nen legt we­nig bis gar kei­nen Wert auf gän­gi­ge Kon­zep­te oder Gen­re­gren­zen. Er tes­tet sich und die Filmwelt wie auch das in­ter­na­tio­na­le Pu­bli­kum wie­der und wie­der auf Ecken und Kan­ten und wird da­her oft ganz tref­fend mit vi­sio­nä­ren Re­gie­künst­lern wie Guy Rit­chie oder Ed­gar Wright ver­g­li­chen, wo­bei er in sei­ner noch jun­gen Vi­ta als Re­gis­seur aus­schließ­lich groß­ar­ti­ge Fil­me zu ver­bu­chen hat. Da­bei schreibt er auch je­des Mal min­des­tens am Dreh­buch mit, was sei­nen Wer­ken ei­ne un­ver­kenn­ba­re Hand­schrift ver­leiht. Und das lässt sich auch sehr gut an sei­nem neu­es­ten Streich „Kingsman – The Gol­den Cir­cle“er­ken­nen.

OXFORDS, NICHT BUDAPESTER

Nach dem Fi­na­le des ers­ten Films ha­ben sich die Rei­hen der Kingsman ge­lich­tet. Nun ist es an Ga­ry „Egg­sy“Un­win (Ta­ron Eger­ton), Ro­xy aka Lan­ce­lot (So­phie Cook­son) und Mer­lin (Mark Strong), der neu­en Ge­fahr ge­gen­über­zu­tre­ten, die nicht zu­letzt das Haupt­quar­tier (ar­mer Ex-Dum­ble­do­re-Darstel­ler Michael Gam­bon, sein Auf­tritt ist nicht der längs­te, aber im­mer­hin stil­voll) und die „Kingsman“-Ver­ei­ni­gung selbst ins Vi­sier neh­men soll. „Neue Fein­de, al­te Pro­ble­me“ist al­so das Mot­to. Um den neu­en Schur­ken – Par­don, die neue Schur­kin – zu stop­pen, muss sich das Trio je­doch auf die Hil­fe von „Sta­tes­man“ver­las­sen. Das US-ame­ri­ka­ni­sche Ge­gen­stück zu „Kingsman“scheint da­bei den­sel­ben Ur­sprung zu ha­ben, ob­gleich die bei­den Ver­ei­ni­gun­gen op­tisch und sti­lis­tisch eher we­nig mit­ein­an­der ver­bin­det. Die bri­ti­schen Gen­tle­men kom­men stets in maß­ge­schnei­der­ten An­zü­gen und ab­ge­se­hen von Rauf­bold Egg­sy mit vor­neh­mer, fast roya­ler Aus­drucks­wei­se da­her, wäh­rend sich die Cow­boys von „Sta­tes­man“lie­ber ih­ren selbst­ge­brau­ten Bour­bon schme­cken las­sen, mit Las­sos und ex­tra­va­gan­ten Re­vol­vern han­tie­ren und sich ger­ne mal im Ton ver­grei­fen. Aber hey, Al­ko­hol ist im­mer­hin main­stream­kon­for­mer als maß­ge­schnei­der­te An­zü­ge für den Gen­tle­man von heu­te. Vaughn spielt auch hier mit gän­gi­gen, lan­des­be­zo­ge­nen Ste­reo­ty­pen, die er ge­schickt in et­li­che ur­ko­mi­sche Si­tua­tio­nen zwi­schen bei­den Agen­ten­ver­bin­dun­gen ein­flie­ßen lässt. Ge­mein­sam mit dem Las­so schwin­gen­den Whis­key (Pe­dro Pas­cal), Re­vol­ver­held Te­qui­la (Chan­ning Ta­tum), IT-Girl Gin­ger (Hal­le Ber­ry) und Sta­tes­man-Kopf Cham­pa­gne (Jeff Bridges) muss sich „Kingsman“nach mör­de­ri­schen Han­dy­fre­quen­zen al­so nun ei­ner Ham­bur­ger-Re­vol­te stel­len. Klingt merk­wür­dig? Das mag viel­leicht sein, aber nicht sehr viel mehr als ein lis­peln­der, wie ein Hip-Hop-Künst­ler an­ge­zo­ge­ner und Blut und Ge­walt ver­ach­ten­der Sa­mu­el L. Jack­son, der mit kos­ten­lo­sen Sim-Kar­ten die Mensch­heit auf bru­tals­te Wei­se de­zi­mie­ren will. Dass das zu ein­hun­dert Pro­zent funk­tio­niert hat, dürf­te als Ar­gu­ment für die­se doch et­was über­kan­di­del­te Schur­ken­wahl und Idee der Macht­über­nah­me für sich selbst ste­hen. Vaughn selbst ließ be­reits in ei­ner Sze­ne des ers­ten Films hu­mo­ris­tisch und selbst­per­si­flie­rend durch­si­ckern, wie ver­narrt er in noch so weit her­ge­hol­te Hand­lun­gen, fast lä­cher­lich über­spitz­te Schur­ken und eben­so un­wirk­li­che Hel­den ist – ein Ele­ment, das in frü­he­ren Bond-Fil­men mal Gang und Gä­be war. Lo­gisch al­so, dass der Mann im zwei­ten „Kingsman“nicht auf ein sol­ches heiß ge­lieb­tes Ele­ment ver­zich­ten mag.

MAR­THA STE­WART AUF CRACK

Nach „The Se­cret Ser­vice“kommt nun al­so „The Gol­den Cir­cle“– So ein­fach die for­mel­le Be­ti­te­lung auch wir­ken mag, steckt auch die Fil­m­idee zum Se­quel wie­der vol­ler un­glaub­li­cher Ide­en. Es lässt sich bei­spiels­wei­se der Bei­ti­tel auf un­ter­schied­lichs­te Art in­ter­pre­tie­ren, wes­halb da­mit ge­wiss nicht nur ein be­son­ders er­le­se­ner Kreis

aus Men­schen ge­meint ist, son­dern ein Ele­ment, das Pop­pys Scher­gen aus ei­nem ganz be­stimm­ten Grund auf die Brust ge­setzt wird. Und ja, selbst Urin im Schnee könn­te als „Gol­de­ner Kreis“be­zeich­net wer­den, was zum un­ge­zo­ge­nen Ton der Film­rei­he pas­sen wür­de. Schließ­lich spielt ein Teil der Hand­lung fast schon gen­re­ty­pisch in den ver­schnei­ten Al­pen Ita­li­ens. All den her­aus­ra­gen­den Schau­spiel­grö­ßen und krea­ti­ven Sto­ry­ele­men­ten vor­an sticht wohl vor al­lem wie­der der schur­ki­sche An­t­ago­nist als be­son­ders „an­ders“her­aus. Ju­li­an­ne Moo­re ist der über­ra­schends­te nam­haf­te Neu­zu­gang des „Kingsman“-Uni­ver­sums und bril­liert ers­ten Stim­men zu­fol­ge in ih­rer Dar­bie­tung der ab­strus kon­stru­ier­ten Pop­py. Die traum­tan­zen­de New-Age-Phi­lo­so­phin, zu­gleich aber auch ein­fluss­reichs­te und ge­fähr­lichs­te Dro­gen­dea­le­rin al­ler Zei­ten lebt in ih­rer ganz ei­ge­nen Welt, die sie mit­ten in den Rui­nen von Ang­kor Wat nach 50er-Jah­re-Vor­bild er­schaf­fen hat. Pop­py hängt ir­gend­wie fest in ih­rer Vi­si­on der gol­de­nen Ära Ame­ri­kas und sieht ge­hei­me Agen­ten­ver­ei­ni­gun­gen als Teil­wur­zel des Bö­sen an. Na­tür­lich hät­te sie mit le­dig­lich aus­ge­dien­ter 50er-Jah­re-Tech­nik kaum Mög­lich­kei­ten, der hoch ent­wi­ckel­ten Kingsman/Sta­tes­man-Ma­schi­ne­rie zu be­geg­nen. „Glück­li­cher­wei­se“ist sie fu­tu­ris­ti­schen High-End-Tech­no­lo­gi­en ge­gen­über je­doch eben­so we­nig ab­ge­neigt und so nutzt Pop­py di­ver­se Ro­bo­ter­mo­del­le für die Um­set­zung ih­rer Macht­über­nah­me­plä­ne: Fast­Food und Über­zu­cke­rung ge­gen ei­ne bes­se­re Welt. Man freue sich z.B. auf Ro­bo-Hun­de und auf Egg­sys Ex-Ka­me­ra­den Char­lie, der nun mit ab­ge­fah­re­nen, ge­pimp­ten Arm-Pro­the­sen an­greift. Ge­treu dem Mot­to „Die bes­ten Schur­ken wä­ren ei­gent­lich halb­wegs ak­zep­ta­bel, wenn sie nicht so ver­rückt wä­ren“schraubt sich Pop­py samt gleich­na­mi­gem Ame­ri­can Di­ner und Na­no­tech­no­lo­gie von Über­mor­gen wohl di­rekt in die obe­ren Ge­fil­de der ver­rück­ten Ober­schur­ken. Dass Vaughn für sein zwei­tes Kingsman-Aben­teu­er ei­ne weib­li­che Schur­kin ge­wählt hat, spricht er­neut für sein krea­ti­ves Ide­en­spiel. In der Ge­schich­te des Agen­ten­films stan­den, wie je­der weiß, ähn­lich wie Prin­zes­sin Til­de von Schwe­den zum En­de des ers­ten „Kingsman“, die Frau­en stets nur un­ter ei­nem Lo­ve-In­te­rest-Stern und ver­kör­per­ten die­se meist als be­lang­lo­se Ste­reo­ty­pen. Wo er im ers­ten Teil schon mit der Idee der Frau im Agen­ten­film spiel­te und ne­ben der blon­den Prin­zes­sin die star­ke Ro­xan­ne „Ro­xy“Mor­ton plat­zier­te, tritt nun ei­ne wah­re Po­wer­frau mit un­be­kann­ten Mög­lich­kei­ten auf den Plan. Doch genau wie Sa­mu­el L. Jack­sons Va­len­ti­ne ist auch Ju­li­an­ne Moo­res Pop­py trotz kla­rer Vor­stel­lun­gen und Ideo­lo­gie stets un­be­re­chen­bar, was die Be­su­cher der dies­jäh­ri­gen Co­mic Con in San Die­go be­reits in ei­ner sehr er­in­ne­rungs­wür­di­gen Fleisch­wolf-Sze­ne be­zeu­gen konn­ten. Fans und Ex­per­ten wa­ren seit der An­kün­di­gung der Fort­set­zung, wel­che just nach dem Er­folg des Ki­no­starts be­reits fest­stand, ge­spannt dar­auf, wie und ob der bri­ti­sche Re­gis­seur an die Bril­lanz des lis­peln­den Be­kämp­fers glo­ba­ler Er­wär­mung an­knüp­fen könn­te. Al­lem An­schein nach ist ihm das wohl mehr als ge­lun­gen. Wenn man be­denkt, dass Ju­li­an­ne Moo­re ei­gent­lich eher für ih­re ein­neh- men­den Darstel­lun­gen in Dra­men und Tra­gi­ko­mö­di­en be­kannt ist, scheint auch ih­re Be­set­zung als be­son­ders in­ter­es­sant und un­ge­wöhn­lich.

DER AME­RI­KA­NI­SCHE TRAUM

Wenn wir schon bei der Be­set­zung sind: Zum bri­ti­schen En­sem­ble ge­sel­len sich noch vier wei­te­re, ame­ri­ka­ni­sche Su­per­stars, de­ren Teil­nah­me an dem Pro­jekt ge­wiss auch mit dem Er­folg des ers­ten Films zu tun hat. Ne­ben der wun­der­vol­len Hal­le Ber­ry, die na­tür­lich ei­ne groß­ar­ti­ge Schau­spie­le­rin ist, vor al­lem aber wohl auf­grund ih­rer Bond-Girl-Ver­gan­gen­heit über­haupt erst in den Fo­kus ge­rückt ist, sorgt die bri­tisch-ame­ri­ka­ni­sche Man­power für ei­ne ex­plo­si­ve Mi­schung. Jeff Bridges kommt als Chef von „Sta­tes­man“da­her und wirkt dank sei­ner rau­bei­ni­gen Prä­senz seit je­her wie der ge­bo­re­ne An­füh­rer. Seit den bei­den „Jump Street“-Re­boots steht auch Chan­ning Ta­tum ganz hoch im Kurs, hat er doch spä­tes­tens

dort sei­ne schau­spie­le­ri­schen Qua­li­tä­ten un­ter Be­weis stel­len kön­nen. Pe­dro Pas­cal hin­ge­gen ist wohl vor al­lem Se­ri­en­fans ein Be­griff, da er in den letz­ten Jah­ren Haupt- und Ne­ben­rol­len in For­ma­ten wie „The Men­ta­list“, „Ga­me Of Thro­nes“und zu­letzt „Nar­cos“aus­füll­te. Die Va­ria­bi­li­tät all die­ser Se­ri­en­bei­spie­le zeigt da­bei, wie di­vers der US-Ame­ri­ka­ner mit chi­le­ni­schen Wur­zeln agie­ren kann. Hin­zu kommt, dass es aus ame­ri­ka­ni­scher Sicht wohl kei­nen läs­si­ge­ren Agen­ten­ty­pen ge­ben könn­te, als Pas­cals Spring­seil, äh Las­so schwin­gen­den Cow­boy. Be­son­ders die in­tel­lek­tu­ell und ar­ti­ku­la­to­risch so un­ter­schied­li­chen Ge­sprächs­ak­te zwi­schen „Kings-“und „Sta­tes­man“wer­den für et­li­che La­cher und ur­ko­mi­sche, wenn auch poin­tier­te Zwi­schen­se­quen­zen sor­gen.

DIE NEU­EN RIT­TER DER TAFELRUNDE

Ne­ben all den gro­ßen Na­men hin­ter den „Kingsman“-Ku­lis­sen schafft es ei­ne Fi­gur dank im­mer wie­der­keh­ren­der Zen­tra­li­sie­rung und bril­lan­ten Spiels, den Fo­kus auf sich selbst zu hal­ten und dem Zu­schau­er ei­ne ge­wis­se Nah­bar­keit zu ver­mit­teln. Ta­ron Eger­tons Egg­sy ist in „The Gol­den Cir­cle“end­lich voll­wer­ti­ges Mit­glied des Kingsman-Ver­bunds und tritt so­mit in bis­her nicht nä­her be­kann­te Fuß­stap­fen. Da­bei muss er theo­re­tisch aber je­man­des Platz ein­neh­men, wird doch der Ti­tel ei­nes je­den Mit­glieds im Sti­le der be­rühm­ten Tafelrunde des Ar­t­hus-Hofs nach dem Ab­le­ben ei­nes Agen­ten stets wei­ter­ver­ge­ben. Da Har­ry „Ga­la­had“Hart die Kon­fron­ta­ti­on mit Va­len­ti­ne ent­ge­gen al­ler Ver­nunft je­doch über­lebt zu ha­ben scheint, ist die­ser Platz kei­nes­wegs va­kant. An­de­rer­seits trägt Har­ry über sei­nem smar­ten An­zug nun ei­ne Wild­le­der­ja­cke und ei­nen Cow­boy-Hut, wes­halb er wohl an ei­nem an­de­ren Tisch ei­nen Platz ein­ge­nom­men zu ha­ben scheint, was ihm eher ei­nen al­ko­ho­li­schen Co­de­na­men zu­si­chern dürf­te.

Da­bei wirkt die Kon­zep­ti­on der Cha­rak­ter­zü­ge Egg­sys und die Form der Prü­fun­gen in „The Se­cret Ser­vice“stark wie ei­ne Hom­mage an die ers­ten Schrit­te Agent Js in „Men In Black“. Ähn­lich wie Will Smiths Fi­gur in der Sci-Fi-Ko­mö­die ist auch Egg­sy ein fre­cher Qu­er­den­ker, der sich ent­ge­gen al­ler Nor­men und Re­geln auch ger­ne mal durch die Grau­zo­ne be­wegt, um er­folg­reich zu sein. Zwi­schen all den mög­li­chen „Kingsman“-Nach­fol­gern von Eli­te-Unis und aus gu­tem Hau­se sticht Egg­sy stets her­aus. Spä­tes­tens wenn er sich bei der Hun­de­wahl für ei­nen Mops ent­schei­det, da er die­sen für ei­nen Bull­dog­gen-Wel­pen hält, sind al­le Sym­pa­thi­en bei dem läs­sig-frechen Cock­ney-Bu­bi. Vaughn und Eger­ton schaf­fen es da­bei, den Rü­pel aus schlech­ten Ver­hält­nis­sen ge­konnt gut da­ste­hen zu las­sen, was man dem Cha­rak­ter auch auf An­hieb ab­kauft. Egg­sy wächst dem Zu­schau­er Mi­nu­te für Mi­nu­te ans Herz. Wäh­rend sei­nes Wer­de­gangs bei der Kingsman-Prü­fung be­hält der Zu­schau­er stets das be­drü­cken­de Schick­sal des jun­gen Prot­ago­nis­ten im Hin­ter­kopf, das den Ver­lust sei­nes Va­ters in jun­gen Jah­ren und den so­zia­len Ab­sturz sei­ner Mut­ter in die fi­nan­zi­el­le Ab­hän­gig­keit ei­nes Cock­ney-Gangs­ter­bos­ses um­fasst. Und so schafft der en­ga­gier­te Ex-Ma­ri­ne­ka­dett es schließ­lich, „Kingsman“von sich zu über­zeu­gen und ent­ge­gen al­ler Wid­rig-

kei­ten ge­gen die Top­kan­di­da­ten der Aus­wahl­prü­fun­gen zu be­ste­hen. Nach­dem er nun Teil des bri­ti­schen Ge­heim­diens­tes ist, dürf­te die wei­te­re Cha­rak­ter­ent­wick­lung Egg­sys un­ge­mein in­ter­es­sant wer­den, zu­mal sein frü­he­rer Ar­beit­ge­ber nun nicht mehr exis­tiert. Hof­fent­lich bleibt er auch in „The Gol­den Cir­cle“der scharf­zün­gi­ge Lang­fin­ger, den die Kingsman-Fans so sehr lie­ben – Hän­de weg von Har­ry Harts Schirm, Egg­sy!

MA­NIE­REN MA­CHEN UNS ZU MEN­SCHEN

Trai­ler, Tea­ser und zu­letzt auch das Zu­sam­men­tref­fen der ge­sam­ten Haupt­be­set­zung bei der San Die­go Co­mic Con ver­rie­ten dem in­ter­es­sier­ten Ci­ne­as­ten, was nicht von we­ni­gen als un­nö­ti­ger Spoi­ler be­zeich­net wird. Die Re­de ist na­tür­lich von Co­lin Firths Rück­kehr in das „Kingsman“-Uni­ver­sum, in dem er ei­nen der größ­ten und (zu­min­dest im Film) sym­pa­thischs­ten „Kingsman“mim­te. Aus be­kann­ten Grün­den mitt­ler­wei­le aus­ge­stat­tet mit ei­ner schmu­cken Au­gen­klap­pe, wird Har­ry „Ga­la­had“Hart al­so wie­der mit von der Par­tie sein, wo­bei nicht klar ist, wie er den töd­li­chen Schuss ins Au­ge über­le­ben konn­te. Spielt viel­leicht Va­len­ti­nes Blut­pho­bie ei­ne ent­schei­den­de Rol­le? Ist der wie­der­be­leb­te Har­ry nur ein „Ter­mi­na­tor“-ähn­li­cher Ro­bo­ter mit Men­schen­haut? Wur­de er durch Na­no­tech­no­lo­gie ge­heilt? Han­delt es sich gar um den bö­sen Zwil­ling Ga­la­hads? Und was zum Hen­ker hat es mit sei­nem neu­en Fai­b­le für Schmet­ter­lin­ge auf sich? Fra­gen über Fra­gen, die erst mit dem neu­en Ki­no­film be­ant­wor­ten wer­den. Har­ry ent­wi­ckel­te sich in der ers­ten Hälf­te von „The Se­cret Ser­vice“schnell zur Va­ter­fi­gur und zum Men­tor für Egg­sy und ist Gen­tle­man durch und durch. Das Feh­len in der zwei­ten Hälf­te des Films konn­te Egg­sy zwar fast im Al­lein­gang gran­di­os auf­fan­gen, je­doch wä­re ei­ne Fort­set­zung oh­ne den char­man­ten Bri­ten ei­gent­lich un­denk­bar ge­we­sen. Ihm war in Teil eins die viel­leicht ra­san­tes­te und schwarz­hu­mo­rigs­te Ac­tion­sze­ne al­ler Zei­ten ver­gönnt, die zwi­schen all den gran­dio­sen Mo­men­ten des Films wohl am in­ten­sivs­ten nach­hall­te. Die hoch­dy­na­mi­sche Um­set­zung Vaughns krea­ti­ver Ge­dan­ken­welt in Sze­nen wie be­sag­tem Kir­chen­mas­sa­ker hat neue Maß­stä­be ge­setzt und die Mess­lat­te für „The Gol­den Cir­cle“na­tür­lich re­la­tiv hoch ge­hängt.

KINGSMAN 3?

Ers­ten Stim­men zu­fol­ge soll zu­min­dest ei­ne Ver­fol­gungs­jagd, wie wir sie noch nie er­lebt ha­ben, an die gran­dio­se Dy­na­mik des ers­ten Films an­knüp­fen kön­nen. Auch der Hin­weis auf ei­ne der Pub­schlä­ge­rei aus „The Se­cret Ser­vice“ähn­li­che Kampf­sze­ne deu­tet dar­auf hin, dass der zwei­te Film ein ähn­li­ches Tem­po vor­le­gen wird. Nach Co­lin Firth und na­tür­lich Ta­ron Eger­ton freu­en sich vie­le Freun­de des bri­ti­schen Gangs­ter­films ins­be­son­de­re auf den eben­so char­man­ten wie ker­ni­gen Mark Strong. Ne­ben all den gro­ßen Schau­spiel­le­gen­den bei­der Na­tio­nen wird der u.a. in Deutsch­land auf­ge­wach­se­ne Bri­te in Be­schrei­bun­gen des Films oft­mals hint­an­ge­stellt. Auch wenn sei­ne Rol­le in „The Gol­den Cir­cle“wohl eben­falls et­was klei­ner aus­fal­len wird, dürf­te je­de sei­ner Mi­nu­ten auf der gro­ßen Lein­wand wie­der ins­ge­heim für die Gü­te des Films ent­schei­dend sein. Na­tür­lich wer­den „Kingsman“und „Sta­tes­man“ver­eint Pop­py kei­ne Chan­ce bei ih­rem Ver­such ge­ben, die Welt­herr­schaft an sich zu rei­ßen. Wie genau sich die bei­den Agen­ten­teams, die wohl un­ter­schied­li­cher nicht sein könn­ten, ge­gen Pop­pys un­be­re­chen­ba­ren Cha­os-Mix aus 50er-Jah­re-Nost­al­gie und hoch­ent­wi­ckel­ter Ro­bo­ter­tech­nik durch­set­zen wer­den, se­hen wir ab dem 28. Sep­tem­ber im Ki­no. Soll­te der Film ein Er­folg wer­den, wird es si­cher­lich ei­nen drit­ten Teil ge­ben, den hof­fent­lich auch wie­der Mat­t­hew Vaughn um­set­zen wird. Schlie­ßen wir nun mit den Wor­ten, die Har­ry sei­nem Schütz­ling Egg­sy einst na­he­leg­te: „Der Na­me ei­nes Gen­tlem­ans soll­te nur drei­mal in der Zei­tung er­schei­nen: bei sei­ner Ge­burt, der Ver­mäh­lung und dem Tod.“Oh, Ver­zei­hung, da ha­ben wir wohl et­was über­trie­ben … Es sei denn, es kommt in die­sem Film zur Hei­rat oder zum Ab­le­ben …

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KINGSMAN UND STA­TES­MAN VER­EINT: EGG­SY, HAR­RY UND AGENT WHIS­KEY

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