MOON­LIGHT

„Im Mond­licht se­hen schwar­ze Jungs blau aus.“So lau­tet ei­ner der Schlüs­sel­sät­ze aus Bar­ry Jenk­ins’ drei­fach Os­car-prä­mier­ten Film „Moon­light“. Die Bot­schaft ist klar. Wie fast alles auf der Welt, ist auch die ei­ge­ne Haut­far­be nur ei­ne Fra­ge der Wahr­neh­mun

Blu-ray Magazin - - Test Des Monats - TO­NY MEN­ZEL

In ei­nem an­de­ren Licht kann auch die Welt ganz an­ders aus­se­hen. Be­son­ders in Miami wird das zur all­täg­li­chen Wahr­heit. Bei Son­ne oder Mond, bei Tag oder Nacht, er­scheint die Stadt in völ­lig an­de­rer Gestalt. Strän­de, Meer und Pal­men gren­zen an Ar­mut, Ge­walt und Dro­gen­han­del. Und wie das Mond­licht über Flo­ri­da, will auch der Film die tat­säch­li­chen Miss­stän­de, aber auch schö­nen Sei­ten die­ses Le­bens be­leuch­ten. Mit sei­ner Ge­schich­te über ei­nen afro­ame­ri­ka­ni­schen Jun­gen von der Stra­ße, der für sei­ne Ho­mo­se­xua­li­tät lei­den muss, ge­wann er die Her­zen Hol­ly­woods. Bei der Os­car­ver­lei­hung 2017 wur­de der Film für acht Ka­te­go­ri­en no­mi­niert. Ne­ben dem „Bes­ten Film“, ge­wann er für das „Bes­te ad­ap­tier­te Dreh­buch“und den „Bes­ten Ne­ben­dar­stel­ler“. Bei den „Gol­den Glo­bes“2017 wur­de er zu­dem als „Bes­tes Film­dra­ma“aus­ge­zeich­net. Da­bei stellt sich die Fra­ge, ob die zahl­rei­chen No­mi­nie­run­gen auch po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen wa­ren, wur­de doch erst im Vor­jahr die man­geln­de Re­prä­sen­ta­ti­on von Afro­ame­ri­ka­nern bei den Os­cars an­ge­pran­gert. Doch „Moon­light“be­weist, dass es ganz ab­seits al­ler Kon­tro­ver­sen auf ei­ge­nen Fü­ßen steht.

Bes­tes ad­ap­tier­tes Dreh­buch

Der Film ba­siert auf dem Thea­terskript „In Moon­light Black Boys Look Blue“von Ta­rell Al­vin McCra­ney. In dem Stück, das er als Teil ei­nes Schul­pro­jekts schrieb, ver­ar­bei­tet McCra­ney sei­ne ei­ge­ne Er­fah­rung als ho­mo­se­xu­el­ler Ju­gend­li­cher in Miami. Es wur­de nie auf­ge­führt und erst spä­ter von Bar­ry Jenk­ins, Re­gis­seur und Dreh­buch­au­tor, wie­der­ent­deckt. Genau wie die Cha­rak­te­re im Film, stam­men McCra­ney und Jenk­ins aus dem Stadt­teil „Li­ber­ty Ci­ty“. Das gibt ih­nen die Mög­lich­keit, Miami von ei­ner mög­lichst rea­lis­ti­schen Seite zu zei­gen und gleich­zei­tig die star­ken Kon­tras­te der Stadt her­vor­zu­he­ben. Denn der jun­ge Chi­ron lebt we­der am Meer noch an wei­ßen Strän­den. Vie­le Ki­lo­me­ter da­von ent­fernt, wohnt er in ge­fähr­li­chen Ge­gen­den, die von Dro­gen und Ge­walt be­herrscht wer­den. Schon früh fällt der jun­ge Afro­ame­ri­ka­ner we­gen sei­ner un­ge­wöhn­li­chen Art auf und auch er selbst be­greift, dass er an­ders ist als sei­ne Mit­schü­ler. Die­se quä­len ihn da­für, doch noch mehr lei­det Chi­ron un­ter sei­ner crack­süch­ti­gen Mut­ter.

Chi­rons Ge­schich­te ist in drei Ka­pi­tel un­ter­teilt. Je­des von ih­nen zeigt ei­nen Schlüs­sel­mo­ment in sei­nem Le­ben und ist nach sei­nem der­zei­ti­gen Na­men be­nannt. Im ers­ten Ka­pi­tel „Litt­le“lernt der stil­le Neun­jäh­ri­ge (Alex R. Hib­bert) in den 1980ern den ku­ba­ni­schen Dro­gen­händ­ler Juan (Ma­hers­ha­la Ali) ken­nen. Schon nach kur­zer Zeit wird Juan ei­ne Art Zieh­va­ter. Er zeigt ihm ein Le­ben ab­seits von Angst, Ar­mut und Ein­sam­keit und gibt ihm Mut, für sei­ne Nei­gun­gen ein­zu­ste­hen. Sei­ner Mut­ter Pau­la (Nao­mie Har­ris) ge­fällt die Be­zie­hung zu Juan al­ler­dings gar nicht. Als die­ser be­merkt, dass Pau­la zu sei­nen Kun­din­nen ge­hört, be­greift Juan sei­ne ei­ge­ne Mit­schuld an Chi­rons Le­ben.

Im zwei­ten Ka­pi­tel „Chi­ron“, be­sucht der in­zwi­schen 16-jäh­ri­ge (Ash­ton San­ders) die High­school, doch auch hier wird er ter­ro­ri­siert. Be­son­ders Ter­rel (Patrick De­ci­le) hat es auf ihn ab­ge­se­hen. Zu­nei­gung er­fährt Chi­ron nur von Ke­vin (Jhar­rel Je­ro­me), mit dem er schließ­lich ei­nen in­ti­men Mo­ment am Strand teilt. Doch Ke­vin ge­hört zu Ter­rels Cli­que und das führt zu neu­en Kon­flik­ten. Als Chi­ron end­lich Ra­che schwört, zieht das Kon­se­quen­zen nach sich. Ka­pi­tel 3 macht ei­nen noch grö­ße­ren Zeit­sprung und ver­deut­licht, wie Chi­rons Wan­del von sei­nen bis­he­ri­gen Ein­flüs­sen ge­prägt und ge­lenkt wur­de. Er trägt jetzt den Na­men „Black“(Tre­van­te Rho­des) und lebt in At­lan­ta. Mehr sei an die­ser Stel­le al­ler­dings nicht ver­ra­ten.

Bes­ter Ne­ben­dar­stel­ler

„Moon­light“ver­sam­melt ein in­ter­es­san­tes En­sem­ble an Darstel­lern, de­ren be­kann­tes­ter wohl Ma­hers­ha­la Ali sein dürf­te. Seit den frü­hen 2000ern mach­te sich Ali dank zahl­rei­cher Ne­ben­rol­len in Se­ri­en­pro­duk­tio­nen ei­nen Na­men. Vie­len ist er in sei­ner Rol­le als Re­my Dan­ton in „Hou­se of Cards“be­kannt, doch in den letz­ten Jah­ren häuf­ten sich auch die Film­rol­len für Ali, bei­spiels­wei­se in den „Die Tri­bu­te von Pa­nem“-Fil­men und zu­letzt in „Hid­den Fi­gu­res“. In sei­ner Ne­ben­rol­le als viel­schich­ti­ger Dro­gen­dea­ler Juan si­cher­te er sich nun auch den ers­ten Os­car und das voll­kom­men zu Recht! Juan durch­bricht zahl­rei­che Kli­schees des knall­har­ten Stra­ßen­gangs­ters. Hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren ist er ein­fühl­sam, rück­sichts­voll und lehrt Chi­ron, was rich­tig und was falsch ist. Geht er zu­rück auf die Stra­ßen, legt er ei­ne här­te­re Mas­ke auf. In ei­ner der prä­gends­ten Sze­nen bringt er dem Jun­gen das Schwim­men bei, was gleich­zei­tig als Sym­bol des Bap­tis­mus ver­stan­den wird. Alles nur ge­spielt? Von we­gen. Tat­säch­lich brach­te Ali dem jun­gen Alex am Set das Schwim­men bei. So viel Ein­satz muss doch be­lohnt wer­den! Üb­ri­gens, für vie­le der klei­ne­ren Ne­ben­dar­stel­ler wur­den kei­ne aus­ge­bil­de­ten Schau­spie­ler, son­dern Be­woh­ner der Nach­bar­schaft aus­ge­sucht, die selbst ei­nen Weg aus ih­rem der­zei­ti­gen Le­ben su­chen.

Bes­ter Film?

Die Os­car­ver­lei­hung für den „Bes­ten Film“dürf­te wohl so bald kei­ner ver­ges­sen. Durch ein Ver­se­hen wur­de „La-La-Land“als Sie­ger auf die Büh­ne ge­ru­fen und die Crew fei­er­te für ei­ni­ge Mo­men­te ih­ren Sieg. Kurz dar­auf wur­de das Miss­ver­ständ­nis in ei­ner pein­li­chen Sze­ne auf­ge­klärt.

Aber ist „Moon­light“tat­säch­lich auch der bes­te Film des Jah­res? Ein au­ßer­ge­wöhn­li­cher Film ist er al­le­mal und ein Spie­gel­bild Hol­ly­woods. Denn er lässt sei­ne Thea­ter­wur­zeln klar er­ken­nen und führt die Film­bran­che zu­rück zu ih­rem Ur­sprung. Er ist ein Film der Kon­tras­te in je­der­lei Hin­sicht. Die Dia­lo­ge ver­zich­ten nicht auf die har­te Spra­che der Stra­ße, klin­gen aber den­noch oft wie die

ei­ner Thea­ter­tra­gö­die: „Manch­mal wei­ne ich so viel, dass ich selbst zu ei­ner Trä­ne wer­de.“Noch stär­ker wird der Kon­trast in der Mu­sik­aus­wahl klar. Hier wird „Sou­thern Hip-Hop“mit Mo­zart, Beet­ho­ven und an­de­rer Klas­sik ver­mischt. Kom­po­nist Ni­cho­las Bri­tell wen­det den so­ge­nann­ten „Chop­ped And Screwed“-Stil, bei dem Rap­songs ge­schnit­ten und ex­trem ver­lang­samt wer­den, auf klas­si­sche Mu­sik an und er­schafft da­mit voll­kom­men un­ge­wohn­te Klang­er­leb­nis­se. Auch op­tisch wan­delt der Film ele­gant zwi­schen Mo­der­ne und Klas­si­schem. Nur die wich­tigs­ten Ele­men­te ei­ner Sze­ne wer­den im Fo­kus be­hal­ten. Die pas­tell­far­be­nen Hin­ter­grün­de sind auf ge­ra­de­zu ma­le­ri­sche Art aus­ge­blen­det. Far­ben wer­den ge­ne­rell spar­sam ein­ge­setzt. Die Kon­tras­te sind stark, die Haut­far­ben be­tont. Ge­le­gent­li­che Na­h­auf­nah­men und ver­wa­ckel­te Ka­me­ras ver­deut­li­chen Chi­rons Ge­müts­zu­stand und nicht sel­ten fährt die Ka­me­ra über ei­ne län­ge­re Ent­fer­nung, um die ge­sam­te Um­ge­bung ein­zu­fan­gen oder dreht sich 360 Grad um die Darstel­ler. Das brei­te 2.35:1 For­mat soll da­bei hel­fen, zu zei­gen, wie sich Men­schen durch die Sze­nen be­we­gen. Ka­me­ra­mann Ja­mes Lax­ton ar­bei­te­te be­reits in „Me­di­ci­ne for Me­lan­ch­oly“mit Jenk­ins zu­sam­men und be­such­te mit die­sem die Flo­ri­da Sta­te Uni­ver­si­ty.

Trotz all dem Lob ist „Moon­light“kein per­fek­ter Film und nur streit­bar der bes­te Film des ver­gan­ge­nen Jah­res. Es ist schwer ei­ne Bin­dung zu Chi­ron zu fin­den, wenn er nach je­dem Zeit­sprung ein ver­än­der­ter Mensch zu sein scheint. Zu viel lässt die Ge­schich­te aus, um sei­nen Le­bens­wan­del wirk­lich zu ver­deut­li­chen. Sieht man den Film al­ler­dings als drei zu­sam­men­hän­gen­de Kurz­fil­me, funk­tio­niert das Gan­ze schon bes­ser. Es ist wohl das Ziel, ei­nen Ge­samt­ein­druck zu hin­ter­las­sen und we­ni­ger, ei­nen bin­den­den Cha­rak­ter zu schaf­fen. Und das schafft der Film auch. Er sen­det ei­ne Bot­schaft auf gleich meh­re­ren Ebe­nen. Hier geht es nicht nur um Haut­far­be, nicht nur um Ho­mo­se­xua­li­tät und nicht nur um Ar­mut. Es geht vor al­lem um Kau­sa­li­tät. Dank der Zeit­sprün­ge ver­deut­licht der Film, wel­che Ent­schei­dun­gen uns zu dem ma­chen, was wir sind und wie uns selbst kleins­te Mo­men­te be­ein­flus­sen kön­nen. Und er hin­ter­fragt, was ein gu­tes Le­ben ist und was nicht. Chi­ron fin­det letzt­end­lich sei­nen ei­ge­nen Weg und klet­tert in der „Nah­rungs­ket­te“nach oben. Doch ist es auch das, was er woll­te? Der Film regt zum Nach­den­ken an und be­rührt je­den Ein­zel­nen auf ei­ner an­de­ren Ebe­ne. Er schafft dies auf meis­ter­haf­te Art und hat des­halb auch je­de Aus­zeich­nung der Welt ver­dient.

Ne­ben der nor­ma­len Blu-ray-Va­ri­an­te bringt DCM den Film auch als Li­mi­ted Collec­tor’s Edi­ti­on im Me­dia­book her­aus. Dar­in ent­hal­ten sind DVD und Blu-ray, so wie ein 24-sei­ti­ges Book­let und mehr als ei­ne St­un­de Bo­nus­ma­te­ri­al, bei­spiels­wei­se von der Deutsch­lan­dP­re­mie­re in Ber­lin.

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