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100th An­ni­vers­a­ry Edi­ti­on

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Ing­mar Berg­mann Edi­ti­on, Fe­de­ri­co Fel­li­ni Edi­ti­on, Die Un­be­sieg­ten, Te­rence Hill & Bud Spen­cer Aben­teu­er Box

Ein heim­ge­kehr­ter Kreuz­rit­ter spielt Schach ge­gen den Tod, wäh­rend um sie her­um die Pest wü­tet. Ei­ne Kran­ken­schwes­ter ver­liert sich in ei­nem fa­ta­len Ab­hän­gig­keits­ver­hält­nis mit ih­rer grund­los schwei­gen­den Pa­ti­en­tin. Ein per­fekt har­mo­nie­ren­des Ehe­paar muss hilf­los zu­se­hen, wie die Idyl­le zur Il­lu­si­on ver­kommt und die Ehe im­mer wei­ter aus­ein­an­der­fällt.

Es sind die gro­ßen, exis­ten­zi­el­len Fra­gen, mit de­nen sich Ing­mar Bergman nur zu gern be­fass­te: Lie­be und wie sie ver­fällt, Hass und wie er ent­steht, Hoff­nung und Ver­gäng­lich­keit in ih­rer Wech­sel­wir­kung mit­ein­an­der und mit den Men­schen selbst. Nur eben nicht wit­zig, wie bei Woo­dy Al­len und nicht tie­fen­phi­lo­so­phisch wie bei Ter­rence Malick, son­dern chif­friert und doch sach­lich, düs­ter und me­lan­cho­lisch, aber trotz­dem manch­mal mit ei­nem Fun­ken Hoff­nung. Berg­mans Oeu­vre um­fasst na­he­zu 70 Fil­me, vie­le für die gro­ße Lein­wand, nach sei­ner Flucht aus Schwe­den (er war 1976 fälsch­li­cher­wei­se der Steu­er­hin­ter­zie­hung be­zich­tigt wor­den und meint, dass ihm auch nach dem Le­ben ge­trach­tet wor­den sei) auch vie­le für das Fern­se­hen – im­mer schrieb er das Dreh­buch selbst. Da­zu kom­men 170 Ins­ze­nie­run­gen für Thea­ter und Opern. So pro­duk­tiv wie Bergman war kaum ein an­de­rer Re­gis­seur. Drei sei­ner Fil­me er­hiel­ten den Os­car als bes­ter fremd­spra­chi­ger Film. Er selbst be­kam je­doch nie ei­nen, trotz neun No­mi­nie­run­gen. Al­les, was er von der AMPAS be­kam, war 1970 der Ir­ving G. Thal­berg Me­mo­ri­al Award, der an Pro­du­zen­ten ver­lie­hen wird, die auf be­son­de­re Krea­ti­vi­tät, Ori­gi­na­li­tät und Qua­li­tät in ih­ren Fil­men Wert le­gen. Er hol­te ihn nicht ab. Zu ir­re­le­vant wa­ren für ihn der­lei Aus­zeich­nun­gen. Bergman be­kam auch Eh­ren­dok­tor­wür­den ver­lie­hen, Pro­fes­so­ren­ti­tel, den Or­den der Eh­ren­le­gi­on, aber all die Ti­tel und Aus­zeich­nun­gen be­deu­te­ten ihm nichts, auch wenn er sich durch sie ge­ehrt fühl­te. Al­les, was er woll­te, war wei­ter zu ar­bei­ten, aus der Iso­la­ti­on auf der schwe­di­schen In­sel Farö her­aus, den Men­schen ei­nen un­an­ge­neh­men Spie­gel vor­hal­ten. Er gilt als Ge­nie, ei­ner der wich­tigs­ten Re­gis­seu­re und Au­to­ren al­ler Zei­ten.

Am 14. Ju­li wä­re Ing­mar Bergman 100 Jah­re alt ge­wor­den. Am 30. Ju­li war sein elf­ter To­des­tag.

Das ul­ti­ma­ti­ve Au­to­ren­ki­no

Ing­mar Berg­mans Fil­me sind zum al­ler­größ­ten Teil nicht das, was man „leich­te Kost“nennt, we­der da­mals, noch heute. In ei­ner Zeit, in der sich Tei­le des Pu­bli­kums beim Se­hen ei­nes Films nur zu oft vom Smart­pho­ne und an­de­ren Be­lang­lo­sig­kei­ten ab­len­ken las­sen, sind „Schreie und Flüs­tern“, „Sze­nen ei­ner Ehe“und „Per­so­na“Wer­ke, die eben ge­ra­de nicht zu­las­sen, dass man sie nur ne­ben­her­lau­fen lässt. Für Berg­mans Wer­ke muss man sich Zeit neh­men, sie nicht nur zu se­hen,

son­dern mit al­len Sin­nen auf­zu­neh­men und ih­nen den Wert bei­mes­sen, den sie ver­die­nen. Das Au­to­ren­ki­no ist meis­tens weit ent­fernt vom ge­wöhn­li­chen Pop­corn­ki­no, das kei­ne be­son­de­ren An­sprü­che an den Zu­schau­er stellt, aber ge­ra­de we­gen der so grund­le­gen­den The­men, mit de­nen sich Bergman aus­ein­an­der­setz­te, The­men, die frü­her oder spä­ter je­den Men­schen um­trei­ben, ha­ben die Fil­me ei­nen zeit­lo­sen Wert, der sie auch zum 200. Ge­burts­tag des Re­gis­seurs noch ak­tu­ell hal­ten wird.

Bo­nus­ma­te­ri­al mit wirk­li­chem Mehr­wert

Die Box ent­hält zehn der wich­tigs­ten Fil­me Berg­mans, ein 80-sei­ti­ges Book­let und sehr um­fan­gund auf­schluss­rei­ches Bo­nus­ma­te­ri­al. Un­ter an­de­rem gibt es ein 45-mi­nü­ti­ges Film­es­say und Auf­nah­men der Dreh­ar­bei­ten zu „Wil­de Erd­bee­ren“, ei­ne 100-mi­nü­ti­ge Do­ku­men­ta­ti­on über die In­sel Farö, auf der Bergman fast die Hälf­te sei­nes Le­bens ver­brach­te, die 66-mi­nü­ti­ge Do­ku­men­ta­ti­on „...aber der Film ist mei­ne Ge­lieb­te“, in der ver­schie­de­ne Film­schaf­fen­de ei­ni­ge der Fil­me Berg­mans kom­men­tie­ren und die Dreh­ar­bei­ten be­leuch­tet wer­den, die 44-mi­nü­ti­ge Do­ku­men­ta­ti­on „Berg­mans Re­gie“, die ei­nen Ein­blick in die har­ten Dreh­ar­bei­ten zu sei­nem letz­tem Film „Sa­ra­ban­de“gibt, und die an­dert­halb­stün­di­ge Do­ku­men­ta­ti­on „Berg­mans In­sel“(die je­doch nur ei­nen Teil ei­ner ei­gent­lich drei­stün­di­gen Do­ku­men­ta­ti­on aus dem Jahr 2004 dar­stellt). Am ein­drucks­volls­ten sind je­doch die je­weils et­wa 90-mi­nü­ti­gen Do­ku­men­ta­tio­nen „Ing­mar Bergman - Über Le­ben und Ar­beit“(1998) und „Liv & Ing­mar“(2012), die sich son­der­ba­rer­wei­se auf gleich zwei der Discs be­fin­det.

In „Liv & Ing­mar“gibt Liv Ull­mann, die in zehn sei­ner Fil­me auf­trat und fast 50 Jah­re lang ei­ne mal mehr mal we­ni­ger en­ge Ver­trau­te war, sehr per­sön­li­che Ein­bli­cke in die teil­wei­se sehr kri­sen­haf­te Be­zie­hung und lässt die ge­mein­sa­men Jah­re mit ihm Re­vue pas­sie­ren. Bergman war oft ein sehr schwie­ri­ger, ego­is­ti­scher, manch­mal grau­sa­mer Mann, der sei­ner da­ma­li­gen Le­bens­ge­fähr­tin kei­nen Besuch er­laub­te und sie stun­den­lang bei 30 Grad un­ter null in ei­nem Boot sit­zen ließ, nur mit ei­nem dün­nen Man­tel be­klei­det – ver­meint­lich um ei­ne per­fek­te Auf­nah­me zu er­hal­ten, tat­säch­lich je­doch, weil er sei­ne Frus­tra­ti­on nicht bes­ser zu ka­na­li­sie­ren wuss­te, so ver­mu­tet Ull­mann. Die Strei­te­rei­en des Paa­res, das in den 1960ern vier Jah­re lang zu­sam­men­leb­te, ar­te­ten manch­mal in phy­si­sche Ge­walt aus, aber Liv Ull­mann er­zählt all die­se klei­nen und gro­ßen, glück­li­chen und trau­ri­gen Mo­men­te mit auf­rich­ti­ger Zärt­lich­keit. Auch nach der schmerz­haf­ten Tren­nung ar­bei­te­ten die bei­den wei­ter mit­ein­an­der, über Jahr­zehn­te hin­weg, selbst noch 2003 in Berg­mans letz­tem Spiel­film, „Sa­ra­ban­de“. Do­ku­men­ta­tio­nen über Film­schaf­fen­de und ih­re Be­zie­hun­gen sind oft ober­fläch­lich und nichts­sa­gend, aber „Liv & Ing­mar“er­zählt mit Aus­zü­gen aus pri­va­ten Brie­fen, lie­be­vol­len Ge­dan­ken und ei­ner nie zu pa­the­tisch wer­den­den Liv Ull­mann die Ge­schich­te ei­ner ganz au­ßer­ge­wöhn­li­chen Ver­bun­den­heit.

„Ing­mar Bergman – Über Le­ben und Ar­beit“bie­tet nicht we­ni­ger per­sön­li­che Mo­men­te des zum Zeit­punkt des Ent­ste­hens tief ge­bro­che­nen Re­gis­seurs, der den Tod sei­ner fünf­ten und letz­ten Frau In­grid von Ro­sen noch nicht über­wun­den hat­te. Un­ge­wöhn­lich frei­mü­tig und mit der Ge­las­sen­heit des Al­ters – Bergman war zum Zeit­punkt der Dreh­ar­bei­ten 80 Jah­re alt - be­rich­tet er über sei­ne Zeit in Schwe­den, sei­nen Schaf­fens­pro­zess und die spä­ten Jah­re. So er­fährt man, dass Bergman im­mer mit der Hand schrieb und sich ei­gens 800 je­ner Blö­cke an­fer­ti­gen ließ, die er in sei­ner An­fangs­zeit be­nutzt hat­te, ob­wohl die Pro­duk­ti­on längst ein­ge­stellt wor­den war.

Tech­ni­kas­pek­te

Die Box ist seit dem 12. Ju­li auf DVD und Blu­ray er­hält­lich, wo­bei bei­de das­sel­be Bo­nus­ma­te­ri­al von et­wa 8 St­un­den Lauf­zeit ent­hal­ten. Sämt­li­che In­ter­views und Do­ku­men­ta­tio­nen sind deutsch un­ter­ti­telt.

Auch die äl­te­ren Fil­me der Box wei­sen ein recht kla­res Bild auf, das zwar ge­le­gent­lich et­was flim­mert, aber trotz­dem ei­ne ho­he De­tail­schär­fe be­sitzt. Der re­stau­rier­te Ton ist je­der­zeit gut ver­ständ­lich, Raum­wun­der darf man aber na­tür­lich nicht er­war­ten, da al­le Fil­me, selbst „Sa­ra­ban­de“aus dem Jahr 2003, le­dig­lich in Ste­reo vor­lie­gen; wo­bei Berg­mans Fil­me ja oh­ne­hin nicht von ex­plo­si­ven To­n­ef­fek­ten oder dy­na­mi­schen Ton­a­kro­ba­ti­ken le­ben.

Ein­zi­ges recht auf­fäl­li­ges Man­ko der Box ist, dass „Schreie und Flüs­tern“nicht ent­hal­ten ist, ob­wohl der Film ganz klar ei­ner der wich­tigs­ten ist und oben­drein der ein­zi­ge aus Berg­mans Werk, der als „Bes­ter Film“für den Os­car no­mi­niert wor­den war.

Liv Ull­mann in ih­rer Rol­le als Eli­sa­bet Vog­ler in „Per­so­na“(1966)

Bengt Ek­erot als der Tod in „Das sie­ben­te Sie­gel“aus dem Jahr 1957

Er­neut Max von Sy­dow, dies­mal als Jo­nas Pers­son in „Licht im Win­ter“

Max von Sy­dow als Tö­re in „Die Jung­frau­en­quel­le“, hier mit Bir­git­ta Pet­ters­son als Ka­rin

Dr. Eber­hard Isak Borg (Vic­tor Sjös­tröm) und Ma­ri­an­ne (In­grid Thul­in) aus „Wil­de Erd­bee­ren“

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