Thel­ma

Re­gis­seur Joa­chim Tri­ers neu­es­ter Film „Thel­ma“hin­ter­lässt seit sei­nem Er­schei­nen im letz­ten Jahr blei­ben­de, po­si­ti­ve Ein­drü­cke, so­wohl bei Kri­ti­kern als auch beim all­ge­mei­nen Pu­bli­kum und wur­de be­reits mit in­ter­na­tio­na­len An­er­ken­nun­gen und Lob über­häuft.

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Der Film schlägt ge­konnt ei­ne so­li­de Brü­cke zwi­schen Dra­ma, Fan­ta­sy-Thril­ler und ei­ner ein­drucks­vol­len Co­m­ing-Of-Age Ge­schich­te, oh­ne ei­nes der an­ge­schnit­te­nen Gen­res zu kurz kom­men zu las­sen. Er han­delt von ei­ner jun­gen Frau, die sich mehr und mehr da­mit ab­fin­den muss, dass sie nicht so ist, wie die an­de­ren um sie her­um. Doch bleibt es letz­ten En­des dem Zu­schau­er über­las­sen, was er von dem Ge­zeig­ten als wahr und was als Vor­stel­lung ver­steht. Zu­min­dest auf den ers­ten Blick scheint die Prot­ago­nis­tin und Na­mens­ge­be­rin Thel­ma an den frü­hen Sym­pto­men ei­ner schwe­ren psy­chi­schen Krank­heit zu lei­den und wird wie­der­holt von Krampf­an­fäl­len, aus­ge­löst durch trau­ma­ti­sche Ein­drü­cke, über­wäl­tigt.

Durch Träu­me und ei­ni­ge äu­ßerst be­un­ru­hi­gen­de Ent­de­ckun­gen, die fast al­les an ihr selbst in­fra­ge stel­len, rea­li­siert Thel­ma lang­sam, dass ih­re ver­meint­li­che Psy­cho­se nicht das ist, für was es ih­re Ärz­te hal­ten. Sie muss sich schon bald auf der Su­che nach der Wahr­heit den dun­kels­ten Ge­heim­nis­sen ih­rer Fa­mi­lie und ih­rer ei­ge­nen Kind­heit stel­len. Was am An­fang noch wie Wahn­vor­stel­lun­gen von über­na­tür­li­chen Kräf­ten scheint, wirkt schnell so re­al, dass der Grat zwi­schen dem Wahn­sin­ni­gen und dem Un­glaub­li­chen ein ver­schwin­dend ge­rin­ger wird.

Doch die Sur­rea­li­tät, die sich zu­neh­mend in „Thel­ma“aus­brei­tet, hört noch nicht bei dem ver­meint­li­chen Ab­stieg in den Wahn­sinn oder den wach­sen­den te­le­ki­ne­ti­schen Kräf­te auf. Auch die me­ta­pho­ri­sche Ge­schich­te, die sich hin­ter der of­fen­sicht­li­chen Hand­lung ver­birgt, gibt dem Film ei­ne wei­te­re Di­men­si­on. Mit die­ser ver­steht es Re­gis­seur Joa­chim Tri­er, der sich schon mit „Lou­der Than Bombs“und „Der An­fang“ei­nen Na­men mach­te, die Er­war­tun­gen des Pu­bli­kums zu un­ter­gra­ben und ei­ne mit­rei­ßen­de Ge­schich­te zu er­zäh­len. Ei­ne Ge­schich­te, die un­ter der Ober­flä­che von ei­ner un­er­fah­re­nen, jun­gen Frau han­delt, die vom fun­da­men­ta­lis­tisch christ­li­chen El­tern­haus be­hü­tet, aber auch in­dok­tri­niert wird und nun mit neu­en Er­fah­run­gen so­wie mit zu­vor un­be­kann­ten Ge­füh­len ringt.

Al­te Ha­sen, jun­ge Hüp­fer

Die schau­spie­le­ri­schen Leis­tun­gen der sehr we­ni­gen, aber ein­drucks­vol­len Haupt­cha­rak­te­re ste­chen her­aus. Vor al­lem je­ne der fun­da­men­ta­lis­ti­schen, aber äu­ßer­lich ge­mä­ßig­ten und von Kom­ple­xen ge­plag­ten El­tern, ge­spielt von Hen­rik Ra­fa­el­sen („Lif­jord – Der Frei­spruch“) und El­len Dor­rit Pe­ter­sen („In­to the Dark“). Pas­send zu den un­er­fah­re­nen Te­enager-Cha­rak­te­ren ent­pup­pen sich eben­so Ka­ya Wil­kins als ver­bo­te­ne Lie­be An­ja so­wie die Haupt­dar­stel­le­rin Ei­li Har­boe („The Wa­ve – Die To­des­wel­le“) selbst als die per­fek­te Wahl für ih­re Rol­len, sind ih­re Darstel­lun­gen der Ve­r­un­si­che­rung und Selbst­zwei­fel doch so au­then­tisch wie nur ir­gend mög­lich.

Zwar ha­ben vie­le der we­ni­ger re­le­van­ten Cha­rak­te­re schon merk­lich, aber nicht stö­rend, we­ni­ger be­mer­kens­wer­ten Leis­tun­gen ab­ge­lie­fert. Im All­ge­mei­nen gibt es aber kaum ei­ne Sze­ne in „Thel­ma“, die sich schau­spie­le­risch un­pas­send um­ge­setzt an­fühlt oder sich ge­gen den Fluss des Films stel­len wür­de. Die Sze­nen­ge­stal­tung zeich­net sich meist durch Hy­per­rea­lis­mus aus, der plötz­lich in fast psy­che­de­li­schen Sur­rea­lis­mus um­schla­gen kann, was durch­weg be­ein­dru­ckend um­ge­setzt ist und selbst für hart­nä­cki­ge Art­haus-Jün­ger nur sehr we­nig zu wün­schen üb­rig lässt. Ob Be­lich­tung, Per­spek­ti­ve oder Set­ge­stal­tung, fast je­de Ein­stel­lung wirkt wohl­durch­dacht und ge­plant, oh­ne je­mals die Ge­schich­te oder die Darstel­lung er­zwun­gen oder un­dy­na­misch wir­ken zu las­sen, was in An­be­tracht der Hand­lung des Films ei­ne rei­fe Leis­tung ist.

Vi­su­ell her­aus­ra­gend

„Thel­ma“zieht seit sei­ner Urauf­füh­rung 2017 in­ter­na­tio­na­le Auf­merk­sam­keit auf sich und räum­te in­ner­halb der letz­ten Mo­na­te 34 No­mi­nie­run­gen für zahl­rei­che in­ter­na­tio­na­le Film­prei­se so­wie sie­ben Aus­zeich­nun­gen ab, dar­un­ter mehr­fach als bes­ter fremd­spra­chi­ger Film auf klei­ne­ren ame­ri­ka­ni­schen Film­fest­spie­len, für die bes­te Schau­spie­le­rin in Ar­gen­ti­ni­en und als Ge­samt­werk in Nor­we­gen. Der Film war al­so aus gu­tem Grund Nor­we­gens Top-Ti­tel für die letz­ten Aca­de­my Awards, oh­ne tat­säch­lich für den be­gehr­ten Preis no­mi­niert wor­den zu sein. Er ist oh­ne Fra­ge ein Kunst­film, der al­lei­ne schon durch sei­ne op­tisch bril­lan­ten Gestal­tung be­son­de­re Auf­merk­sam­keit ver­dient, aber auch durch sei­nen In­halt so­wohl ak­tu­ell re­le­vant ist als auch noch in ei­ni­gen Jah­ren nichts an sei­nen sur­rea­len und the­ma­ti­schen Rei­zen ver­lie­ren soll­te. Egal ob als Kunst­film, als mensch­li­ches Dra­ma oder als ein sehr al­ter­na­ti­ver Su­per­hel­den­film – „Thel­ma“hat sich ei­nen sel­te­nen und her­aus­ste­chen­den Platz in der Film­his­to­rie ver­dient.

Wer sich al­so für ein über­na­tür­li­ches aber trotz­dem in vie­ler­lei Hin­sicht rea­lis­ti­sches Dra­ma mit viel­deu­ti­ger Ge­schich­te, be­ein­dru­cken­der Gestal­tung und Tech­nik, gu­ten Schau­spie­lern und stark sur­rea­len, teils so­gar psy­che­de­li­schen Zü­gen be­geis­tern kann, wird mit Thel­ma de­fi­ni­tiv zu­frie­den sein.

Die Prot­ago­nis­tin scheint ver­meint­lich in den Wahn­sinn ab­zu­rut­schen. Die vi­su­el­le Darstel­lung des­sen er­weist sich als reiz­voll und durch­dacht Au­then­tisch: Ka­ya Wil­kins (links) und Ei­li Har­boe stel­len die Un­si­cher­heit glaub­haft dar Ei­li Har­boe hat nicht nur in „Die To­des­wel­le“mit­ge­spielt, son­dern auch in ei­nem Mär­chen­film

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