STRON­GER

Blu-ray Magazin - - Anspruch - PHIL­IPP WOLF­RAM

Nach dem me­tho­di­schen Thril­ler „Bos­ton“will das pa­cken­de Dra­ma „Stron­ger“auf die mensch­li­chen Fol­gen des An­schlags auf den Bos­to­ner Ma­ra­thon 2013 auf­merk­sam ma­chen. Das Er­geb­nis ist die er­grei­fen­de Ge­schich­te des Über­le­ben­den Jeff Bau­man und des­sen schwe­rer Weg zu­rück in den All­tag.

Dass „Stron­ger“in sei­ner jet­zi­gen Form über­haupt exis­tiert, ist schon ein klei­nes Wun­der. Denn es gab vie­le Fak­to­ren, die da­ge­gen spra­chen, dass die­ser Film je ge­dreht wird: So lan­de­te die Dreh­buch­ad­ap­ti­on von Schau­spie­ler John Pol­lo­no („This Is Us“) schnell auf der omi­nö­sen „Black­list“der bes­ten un­ver­film­ten Ide­en Holl­woods – oft ein Ga­rant für ei­ne sehr lan­ge Zeit in der Pro­duk­ti­ons­höl­le. Der spä­te­re Re­gis­seur Da­vid Gor­don Gre­en („Ana­nas Ex­press“) woll­te ei­gent­lich lie­ber ei­ne sei­ner kla­mau­ki­gen Ko­mö­di­en dre­hen und kein schwer­mü­ti­ges Dra­ma. Und die heik­le The­ma­tik des Bom­ben-At­ten­tats auf den Bos­ton-Ma­ra­thon im April 2013 hät­te in den fal­schen Hän­den schnell zu ei­nem pa­the­ti­schen Mach­werk wer­den kön­nen. Doch glück­li­cher­wei­se hat der Film – ähn­lich wie sein Haupt­cha­rak­ter – al­len Wid­rig­kei­ten ge­trotzt. Dank Gre­ens fein­füh­li­ger Re­gie­ar­beit und ei­nem über­aus en­ga­gier­ten Darstel­ler-En­sem­ble ist „Stron­ger“näm­lich ein hoff­nungs­vol­les, au­then­ti­sches und er­fri­schend un­kon­ven­tio­nel­les Dra­ma ge­wor­den, das sei­ne Ge­schich­te na­he­zu frei von jeg­li­chen Kli­schees in­sze­niert und auch nicht vor un­schö­nen Wahr­hei­ten zu­rück­schreckt.

Ein Held wi­der Wil­len

Die Hand­lung ba­siert da­bei größ­ten­teils auf den Me­moi­ren von Jeff Bau­man, der bei dem An­schlag bei­de Bei­ne ver­lor und mit sei­ner Zeu­gen­aus­sa­ge maß­geb­lich zur Er­grei­fung der bei­den Ter­ro­ris­ten bei­trug. Jeff (Ja­ke Gyl­len­haal) war bis da­hin ein ech­ter Durch­schnitt­s­typ, der bei sei­ner al­ko­hol­kran­ken Mut­ter Pat­ty (Mi­ran­da Richard­son) leb­te und in sei­ner Frei­zeit am liebs­ten mit sei­nen Kum­pels in der Kn­ei­pe rum­hing. Genau die­se Per­spek­tiv­lo­sig­keit war auch der Grund, war­um sich sei­ne Freun­din Erin (Ta­tia­na Mas­la­ny) schon meh­re­re Ma­le von ihm ge­trennt hat­te. Um ihr schließ­lich zu zei­gen, dass er sich ge­än­dert hat, ver­sprach Jeff, die pas­sio­nier­te Läu­fe­rin beim Bos­ton Ma­ra­thon an­zu­feu­ern. Doch kurz be­vor Erin ins Ziel ein­lief, ex­plo­dier­ten die bei­den Bom­ben. Jeff über­leb­te den An­griff schwer ver­letzt und wur­de schnell zum hel­den­haf­ten Sym­bol der „Bos­ton Strong“-Be­we­gung. Wäh­rend sei­ne Mut­ter aus die­ser Pro­mi­nenz Pro­fit schla­gen woll­te, ver­such­ten Erin und Jeff da­ge­gen ver­zwei­felt, in die­ser ex­tre­men Si­tua­ti­on ei­ne funk­tio­nie­ren­de Be­zie­hung auf­zu­bau­en.

Mensch­li­ches Ver­sa­gen

Da­vid Gor­don Gre­en zeigt Jeff da­bei aber nicht nur als den ge­bro­che­nen Mann, der sich mit schie­rem Wil­len und der Lie­be sei­ner Freun­din zu­rück ins Le­ben kämpft, son­dern rich­tet sei­nen Blick auch auf den kom­ple­xen und schmerz­haf­ten Pro­zess der Trau­ma­be­wäl­ti­gung. Jeff hält die Er­in­ne­rung an den An­schlag lan­ge Zeit mit Al­ko­hol­ex­zes­sen auf Ab­stand und kommt mit der stän­di­gen Hel­den­ver­eh­rung durch die Me­di­en, Fa­mi­lie und Freun­de über­haupt nicht zu­recht. Au­ßer­dem wei­gert er sich ve­he­ment, sei­nen Erst­hel­fer Car­los (groß­ar­ti­ger Kurz­auf­tritt: Car­los Sanz) zu tref­fen und ver­säumt re­gel­mä­ßig sei­ne Ter­mi­ne zur Re­ha­bi­li­ta­ti­on. Erin ver­sucht ih­ren Freund in­des als schuld­be­la­de­ne Hel­fe­rin zu un­ter­stüt­zen und kommt nicht nur auf­grund von Jeffs ex­tre­mem Ver­hal­ten schnell an ih­re Gren­zen. „Stron­ger“in­sze­niert sei­ne Cha­rak­te­re in solch in­ti­men Mo­men­ten oft als feh­ler­haf­te In­di­vi­du­en und ver­mei­det da­mit ge­schickt die üb­li­chen Ste­reo­ty­pen. Gleich­zei­tig ge­lingt es dem Film aber auch wun­derbar, ge­nug Wär­me und Men­sch­lich­keit aus­zu­strah­len, um die Prot­ago­nis­ten stets nah­bar zu prä­sen­tie­ren und sie so an den Zu­schau­er zu bin­den.

Lie­be in Zei­ten des Ter­rors

Dass die­se emo­tio­na­le Grat­wan­de­rung so gut funk­tio­niert, liegt auch an der bril­lan­ten Leis­tung der Schau­spie­ler. Gyl­len­haal trägt den Film mit sei­ner Darstel­lung von Jeff, der mit der Schuld ei­nes Über­le­ben­den kom­plett über­for­dert ist, in sei­ner Wut dar­über sich selbst zer­stört und al­le an­de­ren von sich weg­stößt. Der Hol­ly­wood­star schafft es hier stets mü­he­los, so­wohl Bau­mans Hoff­nung, als auch des­sen Ver­zweif­lung ab­zu­bil­den. Ta­tia­na Mas­la­ny („Or­phan Black“) bil­det mit ih­rer nu­an­cier­ten, or­ga­nisch wir­ken­den Darstel­lung als lie­ben­de, aber auch frus­trier­te Erin das per­fek­te Ge­gen­stück und über­zeugt vor al­lem im Zu­sam­men­spiel mit Mi­ran­da Richard-

sons Fi­gur der al­ko­hol­kran­ken Mut­ter. Zu­dem war es ein cle­ve­rer Schach­zug, die drei Haupt­ak­teu­re manch­mal auch mit Lai­en­dar­stel­lern zu um­ge­ben. Die Ärz­te, Phy­sio­the­ra­peu­ten und Pro­the­sen­ma­cher von Jeff spie­len sich näm­lich al­le­samt selbst und ge­ben den Sze­nen da­durch ei­ne äu­ßerst rea­le No­te. Die ein­dring­li­che Ka­me­ra­ar­beit von Se­an Bob­bitt („12 Ye­ars A Sla­ve“), die hier aus­schließ­lich auf vor­han­de­ne Licht­quel­len setzt, un­ter­streicht die­se greif­ba­re At­mo­sphä­re noch zu­sätz­lich. Ge­ne­rell be­wegt sich der Film tech­nisch auf ho­hem Ni­veau. Die gu­te Schär­fe of­fen­bart in den Na­h­auf­nah­men selbst kleins­te Haut­po­ren und Klei­dungs­tex­tu­ren. Die Farb­ge­bung wirkt an­ge­sichts der na­tür­li­chen Be­leuch- tung im­mer stim­mig, aber lei­der auch nur we­nig aus­drucks­stark. Die ver­lust­freie 5.1-Ton­spur ist – ab­ge­se­hen von den Ex­plo­sio­nen zu Be­ginn des Films – eher auf die fron­tal ab­ge­misch­ten Dia­lo­ge fo­kus­siert, glänzt in ei­ni­gen Sze­nen aber auch mit gu­ter Rä­um­lich­keit und Dy­na­mik. Das Bo­nus­ma­te­ri­al der Blu-ray um­fasst ei­ne in­ter­es­san­te, rund halb­stün­di­ge Fea­tur­et­te, die nicht nur hin­ter die Ku­lis­sen der Pro­duk­ti­on blickt, son­dern sich auch auf die wah­re Ge­schich­te hin­ter dem Film kon­zen­triert. Denn Jeff Bau­man ist eben nicht der klas­si­sche Hol­ly­wood-Held – ganz im Ge­gen­teil. Und genau das macht die­ses Bio­pic so se­hens­wert.

Ta­tia­na Mas­la­ny, hier als Erin, über­zeug­te schon in „Or­phan Black“durch ih­re Wand­lungs­fä­hig­keit

Jeff Bau­man (Ja­ke Gyl­len­haal) hat beim Bos­ton Ma­ra­thon ein trau­ma­ti­sches Er­leb­nis

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