Rück­blick mit Ge­fühl und Glanz

Die EU fei­ert ih­ren 60. und stellt die Wei­chen

Brettener Nachrichten - - POLITIK - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Tho­mas Mig­ge

Rom. An­ders als am 25. März 1957, ein düs­te­rer Re­gen­tag, schien jetzt die Son­ne. 22 Grad. Bes­tes rö­mi­sches Früh­lings­wet­ter. „Hoff­nungs­wet­ter“, mein­te Pao­lo Gen­ti­lo­ni, Ita­li­ens Re­gie­rungs­chef und Gast­ge­ber, „denn die EU braucht viel gu­tes Wet­ter, um die Stür­me der be­ste­hen­den Kri­sen zu be­ste­hen“. Die Ge­denk­fei­ern zum 60. Ju­bi­lä­um der rö­mi­schen Ver­trä­ge be­gan­nen, be­wacht und kon­trol­liert von 5 000 Sol­da­ten, Po­li­zis­ten, Scharf­schüt­zen und Be­am­ten in zi­vil, be­reits am Frei­tag­nach­mit­tag. In der präch­ti­gen Sa­la Re­gia im Va­ti­kan emp­fing Papst Fran­zis­kus sämt­li­che Staats- und Re­gie­rungs­chefs und er­in­ner­te sie an ih­re Auf­ga­be, ein „ver­ein­tes Eu­ro­pa des Frie­dens und der so­zia­len Ge­rech­tig­keit am Le­ben zu er­hal­ten“.

Tags dar­auf ver­sam­mel­ten sich dann Mer­kel und Co am Mor­gen auf dem Platz vor dem von Re­nais­sance­ge­nie Mi­che­lan­ge­lo ent­wor­fe­nen Rat­haus auf dem Ka­pi­tols­hü­gel. Die ge­sam­te In­nen­stadt war ab­ge- sperrt wor­den. Tou­ris­ten gin­gen leer aus, denn das Ko­los­se­um, die ka­pi­to­li­ni­schen Mu­se­en und die Kai­ser­fo­ren blie­ben aus Si­cher­heits­grün­den ge­schlos­sen. Nach ei­ner kur­zen Füh­rung durch die Mu­se­en – Gen­ti­lo­ni zeig­te sei­nen Gäs­ten aus­ge­wähl­te an­ti­ke Bron­ze­skulp­tu­ren – be­gann der ei­gent­li­che Fest­akt. EU-Rats­prä­si­dent Do­nald Tusk er­in­ner­te in sei­ner Re­de dar­an, dass für ihn als jun­gen Po­len der 1957 von Deutsch­land, Ita­li­en, Frank­reich und den Be­ne­lux­län­dern in Rom ge­grün­de­te Vor­läu­fer der EU „je­ne Zu­kunft dar­stell­te, von der wir hin­ter dem ei­ser­nen Vor­hang träum­ten“. Für ihn, so Tusk, sei die Ein­heit Eu­ro­pas des­halb kein bü­ro­kra­ti­sches Mo­dell, son­dern ein Traum, der trotz vie­ler Hür­den ver­wirk­licht wer­den müs­se. In fast al­len Re­den wur­de dar­an er­in­nert, dass, so Je­an-Clau­de Juncker, „es noch nie in Eu­ro­pa ei­ne so lan­ge Pe­ri­ode des Frie­dens ge­ge­ben hat, wie in den letz­ten 60 Jah­ren“. Und der EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­dent er­in­ner­te dar­an, dass „wir bei die­sem Er­folg der Uni­on all den vie­len Pro­ble­men, die wir lö­sen müs­sen, nicht ver­ges­sen dür­fen“.

Nach den Re­den folg­ten die 27 Un­ter­schrif­ten un­ter die Ab­schluss­er­klä­rung. Ein Do­ku­ment, um das bis tief in die Nacht zu­vor ge­run­gen wor­den war. Bis zu­letzt hat­ten vor al­lem Grie­chen­land und Po­len ih­re Un­ter­schrif­ten zu­nächst ver­wei­gert und spä­ter an Be­din­gun­gen ge­bun­den. Grie­chen­lands Mi­nis­ter­prä­si­dent Al­exis Tsi­pras un­ter­schrieb erst, als im Ab­schluss­do­ku­ment die so­zia­le Di­men­si­on der EU her­vor­ge­ho­ben wur­de. Tsi­pras ist auch da­für ver­ant­wort­lich, dass in die­sem Do­ku­ment die Be­kämp­fung der Ar­beits­lo­sig­keit deut­li­cher als vor­ge­se­hen un­ter­stri­chen wird. Auch die Po­len muss­ten erst noch zur Un­ter­schrift über­zeugt wer­den.

Die pol­ni­sche Re­gie­rungs­che­fin Bea­ta Szydlo stell­te ei­ne kla­re Be­din­gung für ih­re Un­ter­schrift. Sie woll­te und be­kam ei­nen aus­drück­li­chen Hin­weis dar­auf, dass ihr Land in ei­nem Eu­ro­pa der ver­schie­de­nen Ge­schwin­dig­kei­ten nicht ab­ge­hängt wird. Schließ­lich wur­de in der Nacht an der ent­spre­chen­den Text­pas­sa­ge im Ab­schluss­do­ku­ment so lan­ge her­um­ge­feilt, dass sie sich jetzt als nicht mehr ein­deu­tig prä­sen­tiert, und zu ver­schie­de­nen In­ter­pre­ta­tio­nen ein­lädt. Te­nor des Ab­schluss­do­ku­ments, ei­ne, so Ita­li­ens Re­gie­rungs­chef Gen­ti­lo­ni, „neue Car­ta der EU für die kom­men­den 60 Jah­re“, ist die Be­to­nung so­zia­ler Aspek­te in­ner­halb der EU und die Mög­lich­keit ei­ner Uni­on mit ver­schie­de­nen Ge­schwin­dig­kei­ten, wie et­wa in der Asyl- und Ver­tei­di­gungs­po­li­tik. Die EU, so brach­te es Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) nach dem Fest­akt im Rat­haus in der für sie ty­pi­schen nüch­ter­nen Art auf den Punkt, „muss den Län­dern auch Frei­hei­ten las­sen, um den Ver­schie­den­hei­ten Aus­druck zu ge­ben“. Wie die­se so­ge­nann­ten „ver­schie­de­nen Ge­schwin­dig­kei­ten“kon­kret um­ge­setzt wer­den sol­len, ist noch of­fen. Nach dem Fest­akt mit den teil­wei­se hart er­kämpf­ten Un­ter­schrif­ten at­me­ten al­le tief durch. Die Fol­ge: Der pro­to­kol­la­risch en­ge Ablauf des Ta­ges wur­de un­vor­her­ge­se­hener­wei­se un­ter­bro­chen.

Die Staats- und Re­gie­rungs­chefs ver­lie­ßen nicht gleich das rö­mi­sche Rat­haus. Vor­ge­se­hen war der so­for­ti­ge Trans­fer in den Pa­laz­zo Qui­ri­na­le, den ba­ro­cken Amts­sitz des ita­lie­ni­schen Staats­prä­si­den­ten Ser­gio Mat­ta­rel­la. Doch der muss­te erst­mal war­ten. Vie­le der EU-Spit­zen­po­li­ti­ker schau­ten sich zu­nächst und aus­gie­big das his­to­ri­sche Ab­schluss­do­ku­ment an. Ei­ni­ge mach­ten Fo­tos mit ih­ren Han­dys. An­de­re, dar­un­ter auch Mer­kel, kom­men­tier­ten amü­siert die­je­ni­gen Un­ter­schrif­ten, die so groß­flä­chig aus­fie­len, dass an­de­re, wie et­wa die des fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten François Hol­land, ver­schwin­dend klein wir­ken. Die er­war­te­ten Zu­sam­men­stö­ße mit mi­li­tan­ten An­ti-Eu­ro­pä­ern, die aus ver­schie­de­nen Staa­ten nach Rom ge­reist wa­ren, blie­ben aus. Aber auch ei­ne Groß­de­mons­tra­ti­on für das ver­ein­te Eu­ro­pa fand nicht statt. Wäh­rend am Sams­tag in Lon­don Zehn­tau­sen­de Bri­ten ge­gen den Br­ex­it auf die Stra­ße gin­gen, mar­schier­ten in der ita­lie­ni­schen Haupt­stadt nur et­wa 20 bis 25 000 für die EU durch die Stra­ßen.

ES GLIT­ZERT UND FUN­KELT im Pa­laz­zo Qui­ri­na­le in Rom. Der ba­ro­cke Amts­sitz des ita­lie­ni­schen Staats­prä­si­den­ten Ser­gio Mat­ta­rel­la war auch Teil der Ku­lis­se des Ju­bi­lä­ums­gip­fels der Eu­ro­päi­schen Uni­on. Fo­tos: AFP/dpa

KANZ­LE­RIN An­ge­la Mer­kel bei der Un­ter­zeich­nung des neu­en EU-Ver­trags.

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