Der Re­bell auf dem Bal­kon

Die schwe­di­sche Jus­tiz gibt nach, doch Ass­an­ge bleibt im Fa­den­kreuz der bri­ti­schen Fahn­der

Brettener Nachrichten - - ZEITGESCHEHEN - Von un­se­ren Mit­ar­bei­te­rin­nen Ca­ro­li­ne Bock und Ju­lia Wä­schen­bach

Stock­holm/Lon­don. Al­le war­ten auf Ju­li­an Ass­an­ge. Dann kommt er auf den Bal­kon. In Le­der­ja­cke reckt er der Welt­pres­se re­bel­lisch die Faust ent­ge­gen. Heu­te sei ein „wich­ti­ger Sieg“, sag­te ges­tern Abend der Wi­ki­leaks-Grün­der. Die fünf Jah­re in der ecua­do­ria­ni­schen Bot­schaft in Lon­don, sie­ben Jah­re „Ar­rest“oh­ne An­kla­ge: Das kön­ne er nicht ver­ge­ben und nicht ver­ges­sen. Und: „Der rich­ti­ge Krieg fängt ge­ra­de erst an.“Er ist wei­ter im Fa­den­kreuz der bri­ti­schen Fahn­der und fürch­tet ei­ne Aus­lie­fe­rung an die USA. Jah­re­lang hat­ten sich schwe­di­sche Staats­an­wäl­te ein ju­ris­ti­sches Tauziehen mit Ass­an­ges An­wäl­ten ge­lie­fert.

In Schwe­den soll der Aus­tra­li­er 2010 ei­ne Frau ver­ge­wal­tigt ha­ben. Wei­te­re Vor­wür­fe des se­xu­el­len Miss­brauchs ge­gen Ass­an­ge sind be­reits ver­jährt. Der be­teu­er­te sei­ne Un­schuld und ver­such­te im­mer wie­der, ei­ne Auf­he­bung des Haft­be­fehls zu er­rei­chen. Jetzt ist es so­weit – die Er­mitt­lun­gen in Schwe­den sind ge­stoppt. Am Tag der Brea­king News guckt erst mal nur die Bot­schafts­kat­ze, die ei­nen mit Her­zen ver­zier­ten Schlips trägt, aus dem Fens­ter. Die Bür­ger­stei­ge sind vol­ler Jour­na­lis­ten, die Po­li­zei ist da, di­rekt ne­ben­an liegt das Kauf­haus Har­rods. Im Ju­ni 2012 hat sich Ass­an­ge in die Bot­schaft ge­flüch­tet. Setzt er ei­nen Fuß vor die Tür, wird ihn Scot­land Yard fest­neh­men. Es ging ges­tern Schlag auf Schlag: Die schwe­di­schen Be­hör­den ver­kün­den, die Er­mitt­lun­gen ge­gen den 45-Jäh­ri­gen sei­en be­en­det. Der Ver­dacht ge­gen ihn sei zwar nicht aus der Welt, macht An­klä­ge­rin Ma­ri­an­ne Ny klar. Doch oh­ne, dass Ass­an­ge sich in Schwe­den ei­nem Pro­zess stellt, tre­ten die Staats­an­wäl­te in dem Fall auf der Stel­le: „Wir se­hen kei­ne Mög­lich­kei­ten, die Er­mitt­lun­gen wei­ter vor­an­zu­trei­ben.“„Ernst­haft? Oh mein Gott“, freut sich Ass­an­ge nach An­ga­ben sei­nes An­walts. Da­zu twit­tert er ein Bild von sich, auf dem er in die Ka­me­ra strahlt. Spä­ter zürnt Ass­an­ge, er sei fest­ge­hal­ten wor­den, „wäh­rend mei­ne Kin­der groß­ge­wor­den sind und mein Na­me ver­leum­det wur­de“. Die Lon­do­ner Po­li­zei stellt klar: Ass­an­ge wird im­mer noch ge­sucht – aber we­gen ei­nes „viel we­ni­ger schwe­ren“Ver­ge­hens. Da­mit dürf­te ein Ver­stoß ge­gen die Auf­la­gen ge­meint sein, die der Aus­tra­li­er 2012 be­fol­gen soll­te. Da­mals war er auf Kau­ti­on frei.

Zu­letzt gab es Spe­ku­la­tio­nen dar­über, dass die US-Be­hör­den we­gen der Ent­hül­lun­gen sei­ner Platt­form Wi­ki­leaks ei­ne An­kla­ge ge­gen ihn vor­be­rei­ten könn­ten. Sie ma­chen ihn da­für ver­ant­wort­lich, dass bri­san­te Do­ku­men­te aus den Krie­gen in Af­gha­nis­tan und im Irak an die Öf­fent­lich­keit ge­lang­ten. Auf sei­nem Twit­ter-Ac­count nennt sich Ass­an­ge „Flücht­ling“. Bei der Bal­konRe­de dankt er sei­nem Gast­land Ecua­dor. Ass­an­ge ist um­strit­ten. Die ei­nen hal­ten ihn für ei­nen Auf­klä­rer und Robin Hood der In­ter­net-Welt, die an­de­ren für ei­nen Selbst­dar­stel­ler, der mit Wi­ki­leaks so­gar das Le­ben von Men­schen aufs Spiel ge­setzt hat. Als po­li­ti­scher Ak­ti­vist ist er längst Zeit­ge­schich­te und Teil der Pop­kul­tur. Be­ne­dict Cum­ber­batch hat ihn in ei­nem Film ge­spielt.

Nach Me­dien­be­rich­ten lebt Ass­an­ge in sei­nem Exil auf zwan­zig Qua­drat­me­tern. Ge­mein­sam mit der Kat­ze, die ihm sei­ne Kin­der ge­schenkt ha­ben. Gut geht es dem Wi­ki­leaks-Grün­der dort nicht, hat­te sei­ne Mut­ter im Fe­bru­ar 2016 er­zählt: „Sein Kör­per gibt lang­sam auf, er hat schon Herz­pro­ble­me, ei­ne chro­ni­sche Lun­gen­ent­zün­dung und schwe­re Schul­ter­schmer­zen.“Ob Ass­an­ge nun das Lon­do­ner Exil mit der Adres­se 3 Hans Cre­scent ver­las­sen wer­de, woll­ten die Jour­na­lis­ten ges­tern wis­sen. Ass­an­ge weicht aus. Sei­ne Rechts­be­ra­ter sei­en mit den bri­ti­schen Be­hör­den in Kon­takt, um den Weg zu be­rei­ten.

UNBEUGSAM: Ju­li­an Ass­an­ge wit­ter­te ges­tern in Lon­don Mor­gen­luft, nach­dem die schwe­di­sche Jus­tiz ih­re Er­mitt­lun­gen ge­gen ihn ein­ge­stellt hat­te. Fo­to: AFP

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