„Po­len ge­hört zum Kern Eu­ro­pas“

St­ein­mei­ers An­tritts­be­such in War­schau / Lan­ge Lis­te po­li­ti­scher Kon­flik­te

Brettener Nachrichten - - POLITIK - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Mar­tin Fer­ber

War­schau. An den Men­schen liegt es nicht. Sie sind nicht ver­ant­wort­lich da­für, dass die Be­zie­hun­gen zwi­schen ih­ren Län­dern so schlecht sind wie noch nie seit dem Fall des Ei­ser­nen Vor­hangs vor ei­nem Vier­tel­jahr­hun­dert. Denn die Deut­schen und die Po­len ver­ste­hen sich bes­ser denn je, an Ge­mein­sam­kei­ten herrscht kein Man­gel, das Be­wusst­sein, als Eu­ro­pä­er zu­sam­men­zu­ge­hö­ren, ist weit ver­brei­tet. Die 449 Ki­lo­me­ter lan­ge Gren­ze ent­lang der Nei­ße und der Oder trennt nicht mehr, son­dern ver­bin­det. Rund zwei Mil­lio­nen Po­len le­ben und ar­bei­ten in Deutsch­land, bes­tens in­te­griert,

Neu­er Schwung für das Wei­ma­rer Drei­eck?

nach den Ein­wan­de­rern aus der Tür­kei stel­len sie die zweit­größ­te eth­ni­sche Grup­pe im Land. Und die Deut­schen fah­ren nicht nur zum Tan­ken oder Ein­kau­fen ins Nach­bar­land, son­dern wan­deln in Bres­lau und Dan­zig, Po­sen und Kra­kau auf den Spu­ren der Ge­schich­te in den ehe­ma­li­gen deut­schen Sied­lungs­ge­bie­ten. Erst recht kennt die Lie­be kei­ne Gren­zen. Bei bi­na­tio­na­len Ehen ste­hen Po­lin­nen mit 2 252 Ehe­schlie­ßun­gen im Jahr 2015 in der Gunst deut­scher Män­ner hin­ter den Tür­kin­nen (3 039) an zwei­ter Stel­le. Und für 48 Pro­zent der Po­len ist der gro­ße Nach­bar im Wes­ten der wich­tigs­te Part­ner, weit ab­ge­schla­gen fol­gen die USA (26 Pro­zent) so­wie Groß­bri­tan­ni­en und Russ­land mit je­weils 16 Pro­zent.

Es könn­te al­les bes­tens sein. Ist es aber nicht, auch wenn ges­tern im Eh­ren­hof des War­schau­er Prä­si­den­ten­pa­las­tes die deut­sche und die pol­ni­sche Fah­nen ein­träch­tig ne­ben­ein­an­der im Wind we­hen und ei­ne Mi­li­tär­ka­pel­le „Das ist die Ber­li­ner Luft“schmet­tert. Denn so har­mo­nisch und ent­spannt das Mit­ein­an­der der Men­schen ist, so schwie­rig, kom­pli­ziert und span­nungs­reich ge­stal­tet sich die Zu­sam­men­ar­beit auf der po­li­ti­schen Ebe­ne zwi­schen War­schau und Ber­lin. Kei­ner weiß dies bes­ser als der neue Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er, der sich ges­tern bei sei­nem An­tritts­be­such in der pol­ni­schen Haupt­stadt bei strah­len­dem Son­nen­schein erst mit sei­nem Amts­kol­le­gen und dann auch noch kurz­fris­tig mit Re­gie­rungs­che­fin Bea­ta Szydlo von der na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ven Par­tei „Recht und Ge­rech­tig­keit“(PiS) von Ja­roslaw Kac­zyn­ski trifft. Lang ist die Lis­te der Streit­the­men, wie bei den Ge­sprä­chen deut­lich wird. Dass erst die ach­te Aus­lands­rei­se acht Wo­chen nach Amts­an­tritt den neu­en Bun­des­prä­si­den­ten nach War­schau führt, ist in der sub­ti­len Spra­che der Di­plo­ma­tie Aus­druck der be­ste­hen­den Pro­ble­me. Mit Sor­ge re­gis­triert Ber­lin, wie Kac­zyn­ski im ei­ge­nen Land die an­ti­deut­sche Stim­mung schürt und die an­geb­li­che deut­sche Do­mi­nanz in Eu­ro­pa an­pran­gert, wie er die Jus­tiz im ei­ge­nen Lan­de zu ei­nem In­stru­ment sei­ner Re­gie­rung macht und die Op­po­si­ti­on be­kämpft so­wie in Eu­ro­pa in der Flücht­lings- oder Ener­gie­po­li­tik auf sei­nen Po­si­tio­nen be­harrt und eu­ro­päi­sche Lö­sun­gen tor­pe­diert. So nimmt St­ein­mei­er sei­nen An­tritts­be­such zum An­lass, bei al­len Dif­fe­ren­zen die Ge­mein­sam­kei­ten zu su­chen und für ei­ne en­ge und ver­trau­ens­vol­le Zu­sam­men­ar­beit der Nach­barn zu wer­ben. „Po­len liegt mir am Her­zen, das deutsch-pol­ni­sche Ver­hält­nis erst recht“, sagt er, des­sen Mut­ter aus dem schle­si­schen Bres­lau stammt. Ein­dring­lich ap­pel­liert er an War­schau, sich nicht zu iso­lie­ren. „Po­len ge­hört zum Kern Eu­ro­pas und Po­len wird ge­braucht, wenn wir die eu­ro­päi­sche Kri­se, in der wir uns zwei­fels­oh­ne be­fin­den, über­win­den wol­len.“

Du­da nimmt die aus­ge­streck­te Hand ent­ge­gen und nennt sich sel­ber ei­nen „gro­ßen An­walt der deutsch-pol­ni­schen Be­zie­hun­gen“. Mit dem neu­en fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten Em­ma­nu­el Ma­cron sei er sich ei­nig, das Wei­ma­rer Drei­eck Paris, Ber­lin, War­schau wie­der­zu­be­le­ben. Es sei die Auf­ga­be der Prä­si­den­ten, in ih­ren Län­dern mä­ßi­gend zu wir­ken und „über die Hitz­köp­fe kal­tes Was­ser zu gie­ßen“, sagt er – oh­ne kon­kret Na­men zu nen­nen. Nach dem VierAu­gen-Ge­spräch mit sei­nem Kol­le­gen Du­da, des­sen Frau Deutsch­leh­re­rin ist, nutzt St­ein­mei­er ei­nen Be­such der War­schau­er Buch­mes­se de­mons­tra­tiv als Platt­form, die­se Bot­schaft auch den Men­schen in Po­len zu ver­mit­teln: Bei­de Län­der hät­ten sich „viel zu sa­gen“, so St­ein­mei­er: „Po­len den Deut­schen und Deut­sche den Po­len.“Er setzt da­bei auf die pol­ni­sche Zi­vil­ge­sell­schaft – und die Ju­gend, für die das of­fe­ne Eu­ro­pa zur Selbst­ver­ständ­lich­keit ge­wor­den ist. Wie zum Be­weis hat sich ei­ne Grup­pe von pol­ni­schen Op­po­si­tio­nel­len vor dem deut­schen Buch­stand ver­sam­melt, den die bei­den Prä­si­den­ten be­su­chen, und hal­ten die pol­ni­sche Ver­fas­sung in die Hö­he – Sym­bol des Pro­tes­tes ge­gen die PiS-Re­gie­rung, die aus ih­rer Sicht die Ver­fas­sung aus­he­belt. Ei­ne jun­ge pol­ni­sche Stu­den­tin sagt: „Wir wol­len so le­ben wie die Deut­schen.“

SU­CHE NACH GE­MEIN­SAM­KEI­TEN: Frank-Wal­ter St­ein­mei­er und sein pol­ni­scher Amts­kol­le­ge An­drzej Du­da ga­ben sich in War­schau al­le Mü­he, die po­li­ti­schen Kon­flik­te der ver­gan­ge­nen Mo­na­te durch freund­li­che Ges­ten zu über­de­cken. Fo­to: AFP

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