„Krebssa­lat“und der Klang der In­sek­ten

Joa­chim Krebs auf der Spur: Aus­stel­lung im ZKM Karls­ru­he / Kon­zert und Nach­lass in der Lan­des­bi­blio­thek

Brettener Nachrichten - - KULTUR -

Man nann­te ihn „Krebssa­lat“. Zu­erst trat er als Re­bell auf, dann als tra­di­tio­nel­ler Kom­po­nist, schließ­lich als ei­ner, der den Mi­kro­kos­mos hör­bar mach­te. Für den Karls­ru­her Kom­po­nis­ten und Me­di­en­künst­ler Joa­chim Krebs, der sein Hand­werk bei Eu­gen Wer­ner Vel­te er­lernt hat­te, gab es wohl kei­ne Gren­zen, zu­min­dest kei­ne, die nicht die Na­tur zu­letzt sei­nem Su­chen setz­te. Kom­po­nie­ren be­deu­te­te für Krebs „frei-as­so­zia­ti­ves Den­ken, Füh­len, Flie­ßen in Mu­sik“, aber auch ein Be­mü­hen um höchst­mög­li­che Ge­nau­ig­keit, das sich in fein aus­ge­ar­bei­te­ten Par­ti­tu­ren aus­drückt.

Die un­ter­schied­li­chen Pha­sen, die Krebs durch­lau­fen hat, sind bis Mit­te Ju­li in der Me­dia­lounge des Zen­trum für Kunst und Me­di­en Karls­ru­he (ZKM) zu ver­fol­gen. Yan­nick Hof­mann vom In­sti­tut für Mu­sik und Akus­tik hat die Re­tro­spek­ti­ve kon­zi­piert und ei­nen ge­lun­ge­nen Spa­gat zwi­schen In­for­ma­ti­on und An­schau­lich­keit er­reicht. Mit In­fo­ta­feln, Post­kar­ten, Zei­tungs­ar­ti­keln, Par­ti­tu­ren, aber auch mit vie­len Au­dio- und Film­sta­tio­nen weckt die klei­ne Schau beim Be­su­cher bei­des: Wis­sens­durst und Neu­gier­de. Man kann Schall­plat­ten star­ten aus der Zeit, als Krebs un­ter dem Pseud­onym Joa­chim Krebssa­lat von 1968 bis 1978 Key­boar­der und Kom­po­nist der Rock­mu­sik­thea­ter­grup­pe Check­point Char­lie war. Ge­grün­det im Jahr 1967, mach­ten Check­point Char­lie pro­vo­kan­ten Agit-Rock und fie­len mit Sprech­ein­la­gen von Tex­ten US-ame­ri­ka­ni­scher Beat-Poe­ten wie Wil­li­am S. Bur­roughs oder Al­len Gins­berg auf. Die Aus­stel­lung do­ku­men­tiert die­se „wil­de“Pha­se an­schau­lich.

Weil das Kom­po­nie­ren tra­di­tio­nel­ler In­stru­men­tal­mu­sik in den frü­hen 1990er Jah­ren für ihn nach ei­ge­nen Aus­sa­gen zur Sack­gas­se ge­wor­den sei, ist die­se Pha­se auch räum­lich in ei­ner „Sack­gas­se“zu er­le­ben. Krebs wand­te sich vom in­stru­men­ta­len Kom­po­nie­ren ab und ar­bei­te­te fort­an elek­tro­akus­tisch. Ein wich­ti­ger Be­reich sind drei mu­sik­thea­tra­li­sche und mul­ti­me­dia­le Col­la­gen der spä­ten 1980er- und frü­hen 1990er-Jah­re, de­ren Ge­ne­se eben­so ab­ge­bil­det ist wie sei­ne Wer­k­rei­he „Ar­ti­fi­ci­al So­und­scapes“. Mit­tels der „En­do­mi­kro­so­no­sko­pie“ mach­te Krebs Klang­struk­tu­ren der Na­tur hör­bar. Er ließ ge­wis­ser­ma­ßen In­sek­ten spre­chen, zeig­te aber auch die Son­ne aus ei­ner von der Er­de aus nicht sicht­ba­ren Per­spek­ti­ve. Vi­si­on und künst­le­ri­sche Hal­tung fan­den für Krebs schließ­lich ei­ne per­fek­te Ar­beits­grund­la­ge in der Zu­sam­men­ar­beit mit sei­ner Le­bens­ge­fähr­tin, der Klang­künst­le­rin Sa­bi­ne Schä­fer. Un­ter dem Na­men <SA/ JO> über­führ­ten sie den Mi­kro- und Ma­kro­kos­mos in wahr­nehm­ba­re For­men: in Raum­klang­kunst, Klang-Licht-Kunst so­wie Au­dio-Vi­deo-In­stal­la­ti­on.

An­läss­lich der Über­nah­me sei­nes künst­le­ri­schen Nach­las­ses ver­an­stal­te­te auch die Ba­di­sche Lan­des­bi­blio­thek mit Mu­si­kern der Mu­sik­hoch­schu­le ei­ne in­ter­es­san­te Re­tro­spek­ti­ve auf sein Werk und sein Zu­sam­men­wir­ken mit Schä­fer. Zur Ein­stim­mung er­klang ein Aus­zug aus „AquaAn­ge­lusVox“, ei­ne elek­tro­akus­ti­sche Me­di­ta­ti­on un­ter Ein­be­zie­hung ei­nes Re­s­pon­so­ri­ums der Hil­de­gard von Bingen, oder „So­larSo­ni­cal In­sects“, ei­ne Au­dio-Vi­deo-Kom­po­si­ti­on, die Tau­sen­de, mit un­ter­schied­li­chen Ge­schwin­dig­kei­ten ab­ge­spiel­te Sa­tel­li­ten­bil­der der Son­ne mit Ul­tra­schall-Mi­kro­fon­auf­nah­men von In­sek­ten kom­bi­niert.

Im en­ga­gier­ten Mu­si­zie­ren er­klan­gen in Urauf­füh­run­gen Krebs’ Kam­mer­mu­sik­wer­ke „Ali­en Li­nes and Fiel­ds“und „Se­ven Pla­teaus Bet­ween Earth and Sky“, auch sein 1980 ent­stan­de­nes, hoch­dif­fe­ren­ziert ge­meis­ter­tes Blä­ser­quin­tett Nr. 1. An den be­gna­de­ten Im­pro­vi­sa­tor Krebs er­in­ner­ten Mar­kus Stan­ge (Kla­vier) und Ka­rel van Steen­ho­ven (Block­flö­te) mit der frei­en Im­pro­vi­sa­ti­on „In-Bet­ween Earth and Sky“. Joa­chim Krebs starb 2013 viel zu früh, ge­ra­de erst 61 Jah­re alt ist er ge­wor­den. Sein OEu­vre aber lebt wei­ter als Bei­spiel da­für, wie un­er­schöpf­lich Mu­sik und Kunst und die Su­che nach ei­nem ihr an­ge­mes­se­nen Aus­druck sein kann. C.-D. Ha­nau­er/I. Step­peler

Ser­vice

„Joa­chim Krebs: De­leu­ze und der Sam­pler als Au­dio-Mi­kro­skop“, bis 16. Ju­li im ZKM Karls­ru­he, Lo­renz­stra­ße 19. Mitt­woch bis Frei­tag 10 bis 18 Uhr, Sams­tag und Sonn­tag 11 bis 18 Uhr.

Fo­to: Onuk

IN EI­NEN FAS­ZI­NIE­REN­DEN KOS­MOS führt die Re­tro­spek­ti­ve zum Kom­po­nis­ten und Klang­künst­ler Joa­chim Krebs in der Me­dia­lounge des ZKM.

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