Weg zum Tun­nel war von An­fang an stei­nig

Be­reits En­de der 70er Jah­re gab es ers­te kon­kre­te Über­le­gun­gen zur Un­ter­fah­rung von Ras­tatt

Brettener Nachrichten - - ENDE DER RHEINTALBAHN-BLOCKADE - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Micha­el Jan­ke

Der Bau des Ras­tat­ter Tun­nels geht wei­ter: Mit der Wie­der­er­öff­nung der Rhein­tal­bahn in der Nacht zu Mon­tag räumt die Deut­sche Bahn zu­nächst ei­nen klei­nen St­ein aus dem Weg. Der dicks­te Bro­cken ist in Form ei­ner ein­be­to­nier­ten Tun­nel­bohr­ma­schi­ne noch im Un­ter­grund ver­gra­ben. Die Ha­va­rie bei Nie­der­bühl ist al­ler­dings nicht die ers­te Hür­de, die das Pro­jekt nimmt – an den Röh­ren un­ter der Ba­rock­stadt wird be­reits seit über 40 Jah­ren ge­plant.

Im Jahr 1970 leg­te sich die Bahn auf ei­ne Aus­bau­stre­cke bis Of­fen­burg fest, die im Jahr 1985 in Be­trieb ge­hen soll­te. Dass dies ei­ne Il­lu­si­on war, zeig­te sich schnell. Der ers­te kon­kre­te Plan, die ge­sam­te Stre­cke von Karls­ru­he nach Ba­sel in ei­ne Schnell­bahn­tras­se zu ver­wan­deln, stammt aus dem Jahr 1979. Im Fo­kus: der Ras­tat­ter Eng­pass. Für ihn gab es meh­re­re Lö­sun­gen. Ei­ne Um­fah­rung der Stadt, der Um­bau des Bahn­hofs – oder eben ein Tun­nel. Der Ein­satz des ICE war sei­ner­zeit noch ei­ne Uto­pie, das da­ma­li­ge Flagg­schiff war der In­ter­ci­ty.

Fer­tig soll­te das al­les im Jahr 1990 sein. Vom Tun­nel war An­fang der 80er Jah­re plötz­lich nicht mehr die Re­de, ob­wohl der Ras­tat­ter Stadt­rat Ernst Ul­mer die­se Va­ri­an­te ve­he­ment for­cier­te. Er ent­wi­ckel­te da­mals gar die Idee, die ober­ir­disch lau­fen­de Stre­cke aus dem Nor­den mit der B 36 zu bün­deln – fast ge­nau so ist es üb­ri­gens jetzt auch ge­kom­men. Die Bun­des­bahn al­ler­dings be­gab sich in ei­ne End­los­schlei­fe, sie woll­te zu­nächst den Ras­tat­ter Stadt­rä­ten die Um­fah­rung der Stadt ver­kau­fen, was zu er­bos­tem Wi­der­stand führ­te. Be­mer­kens­wert da­bei: Man zwei­fel­te das gan­ze Pro­jekt an, weil die Bun­des­bahn mit stei­gen­den Pas­sa­gier­zah­len ar­gu­men­tier­te – tat­säch­lich leg­te der Staats­kon­zern da­mals ei­ne Stre­cke nach der an­de­ren still, weil in die al­ten DB-Zü­ge mit dem Flair der 50er Jah­re bei zu­neh­mend aus­ge­dünn­tem Fahr­plan kei­ner mehr ein­stei­gen woll­te. Wo­zu al­so ei­ne Schie­nen­pis­te, die den Ras­tat­tern nur Lärm aber kei­nen Zug­halt bringt?

Im Jahr 1984 die nächs­te Run­de: Die Tun­nel­lö­sung wur­de de­tail­liert un­ter­sucht. Ge­re­det wur­de da­mals von Kos­ten in Hö­he von 500 Mil­lio­nen Mark. Oh­ne Ha­va­rie hät­te das Pro­jekt heu­te rund 700 Mil­lio­nen Eu­ro kos­ten sol­len, wenn die Röh­ren tat­säch­lich fer­tig sind, könn­te es gut ei­ne Mil­li­ar­de sein. Das Vier­fa­che des­sen al­so, was 1984 aus­ge­rech­net wur­de. In Ras­tatt kam der­weil die Fra­ge auf, wie der Tun­nel über­haupt ge­baut wer­den wür­de. Bis da­to war vom Ta­ge­bau die Re­de – über Jah­re hin­weg wür­de sich dem­nach ei­ne Nar­be durch die Stadt zie­hen, die am En­de zu­ge­schüt­tet wird. Mit­te der 80er Jah­re dann die Er­leich­te­rung: Die Röh­re kann un­ter der Stadt durch­ge­scho­ben wer­den, oh­ne dass man es oben merkt.

1986 brüs­kier­te die Bun­des­bahn den Ras­tat­ter Ge­mein­de­rat er­neut: Sie woll­te die Schnell­stre­cke oh­ne Tun­nel an Rau­en­tal und Nie­der­bühl vor­bei­füh­ren. Im Ge­mein­de­rat flo­gen die Fet­zen, die Stadt­rä­te spra­chen von ei­nem „Ver­dum­mungs­pro­zess“der Bahn. Im Nor­den ent­wi­ckel­ten sich ganz an­de­re Sor­gen: Wenn die B 36 mit der Bahn­tras­se ge­bün­delt wird – heißt das dann, dass die neue B 36 erst dann kommt, wenn die Bahn ih­re pla­ne­ri­sche End­los­schlei­fe ver­las­sen hat? Es dau­er­te in der Tat 20 Jah­re, bis die B 36 im Jahr 2006 er­öff­net und die Tras­se der Bahn da­ne­ben zu­min­dest vor­be­rei­tet wur­de. Die Deut­sche Bun­des­bahn öff­ne­te zum Be­ginn der 90er Jah­re er­neut ih­ren Gift­kof­fer: Sie woll­te die Nah­ver­kehrs­stre­cke zwi­schen Karls­ru­he und Ras­tatt über Dur­mers­heim mit dem Be­trieb der Schnell­bahn­stre­cke still­le­gen. Ein Auf­schrei durch­fuhr die Re­gi­on – wäh­rend par­al­lel über ein wei­te­res, kurioses Pro­jekt spe­ku­liert wur­de: Der TGV aus Pa­ris soll­te über die Win­ters­dor­fer Brü­cke in Rich­tung Karls­ru­he fah­ren. Manch ei­ner ver­stand die Bahn­welt nicht mehr. Mit der Wie­der­ver­ei­ni­gung re­gier­te der Rot­stift bei Bahn­pro­jek­ten im Wes­ten, auch der Ras­tat­ter Tun­nel kam wie­der aufs Ab­stell­gleis. Es wur­de über­legt, ihn kür­zer zu bau­en, was zur Fol­ge ge­habt hät­te, dass die Nie­der­büh­ler Mehr­zweck­hal­le ab­ge­ris­sen wer­den müss­te. Im Jahr 1994 wie­der ei­ne Ab­sa­ge, ein Tun­nel kom­me frü­hes­tens zur Jahr­tau­send­wen­de. Tat­säch­lich wur­de im Jahr 2000 im­mer­hin mit dem Bau der B 36 be­gon­nen.

Die Hoff­nung auf ei­nen Bahn­tun­nel hat­te in­zwi­schen na­he­zu je­der be­gra­ben, da platz­te im No­vem­ber 2011 die Bom­be im Ras­tat­ter Bahn­hof: Bahn­chef Rü­di­ger Gru­be stopp­te im Vor­feld der Stuttgart-21-Volks­ab­stim­mung in der Ba­rock­stadt und mach­te Wer­bung für den schwä­bi­schen Bahn­hof, als er zur Ver­blüf­fung der an­we­sen­den Po­li­ti­ker er­klär­te: „Der Ras­tat­ter Tun­nel kommt. Das ist be­schlos­sen.“

Von da an ging es Schlag auf Schlag: Schon im Som­mer 2013 ver­sam­mel­te sich ei­ne il­lus­tre Run­de im Wald bei Nie­der­bühl. Für den ers­ten Spar­ten­stich wur­de ein Sand­hau­fen auf­ge­schüt­tet, wäh­rend ne­ben­an be­reits die Bag­ger für die ers­te Grund­was­ser­wan­ne roll­ten. Auf der Ötig­hei­mer Sei­te wur­de ein gan­zes Dorf für Bau­ar­bei­ter er­rich­tet, um die Vor­be­rei­tun­gen für die bei­den Tun­nel­boh­rer zu tref­fen. Am 25. Mai 2016 rück­te die ers­te Ma­schi­ne „Wil­hel­mi­ne“für den An­stich an – und mit ihr Ver­kehrs­mi­nis­ter Alex­an­der Do­brindt und Bahn­chef Rü­di­ger Gru­be. Vier Ki­lo­me­ter weit bohr­te sich der Ko­loss durch die Er­de. Kurz vor sei­nem Ziel bei Nie­der­bühl war am 12. Au­gust 2017 End­sta­ti­on. „Wil­hel­mi­ne“ruht der­weil im Sar­ko­phag aus Be­ton.

TUNNELANSTICH: Am 25. Mai 2016 war die Welt für Tun­nel­bohr­ma­schi­ne „Wil­hel­mi­ne“noch in Ord­nung. Von Ötig­heim aus fraß sich der 90 Me­ter lan­ge Ko­loss durch die Er­de. Am 12. Au­gust 2017 war nach vier Ki­lo­me­tern End­sta­ti­on un­ter Nie­der­bühl, in­zwi­schen ist „Wil­hel­mi­ne“ein­be­to­niert. Fo­tos: Col­let (2)/dpa

TUNNELEINBRUCH: Am 12. Au­gust 2017 senk­ten sich bei Nie­der­bühl die Glei­se ab.

SPA­TEN­STICH: Am 30. Ju­li 2013 fing der Bau an. Mit da­bei Ras­tatts Land­rat Bäu­er­le (links) und Karls­ru­hes OB Men­trup (rechts).

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