Ka­ta­lo­ni­en hofft auf gol­de­ne Zei­ten

Was ei­ne Ab­spal­tung für den Rest des Lan­des und für die Re­gi­on selbst be­deu­ten wür­de

Brettener Nachrichten - - POLITIK - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Mar­tin Dahms

Barcelona. Po­li­ti­sche Un­ru­he in Ka­ta­lo­ni­en? Der Wirt­schaft scheint das nichts an­zu­ha­ben. Die La­ge ist gut, „weil Ka­ta­lo­ni­en wun­der­ba­re Bür­ger hat“, glaubt Ja­vier de Seo­a­ne, der Prä­si­dent des Cír­cu­lo de Em­pre­sa­ri­os, ei­nes In­ter­es­sen­ver­ban­des spa­ni­scher Un­ter­neh­mer. „Wenn es da­ge­gen al­lein von sei­nen po­li­ti­schen Füh­rern ab­hin­ge, gin­ge es Ka­ta­lo­ni­en ziem­lich schlecht.“Das war ei­ne Spit­ze ge­gen den Un­ab­hän­gig­keits­pro­zess, den die ka­ta­la­ni­sche Re­gio­nal­re­gie­rung An­fang des Mo­nats of­fen­bar un­auf­halt­sam in Gang ge­setzt hat und der mit dem für Sonn­tag ge­plan­ten Re­fe­ren­dum ei­nen ers­ten Hö­he­punkt er­le­ben soll. Zur Un­ab­hän­gig­keit wird es wahr­schein­lich trotz al­ler Be­mü­hun­gen so schnell nicht kom­men. Aber was wä­re wenn?

Ka­ta­lo­ni­en ist ei­ne der wirt­schafts­stärks­ten Re­gio­nen Spa­ni­ens. Die gut 7,4 Mil­lio­nen Ein­woh­ner (das sind 16 Pro­zent der spa­ni­schen Ge­samt­be­völ­ke­rung) er­wirt­schaf­ten 19 Pro­zent des spa­ni­schen Brut­to­in­lands­pro­dukts (BIP). Ihr jähr­li­ches Pro­kopf­ein­kom­men liegt mit 28 590 Eu­ro ein knap­pes Fünf­tel über dem spa­ni­schen Durch­schnitt. Rei­cher sind nur noch die Re­gi­on Ma­drid – Spit­zen­rei­ter mit 32 723 Eu­ro –, das Bas­ken­land und Na­var­ra. Wäh­rend die Haupt­stadt Ma­drid noch im­mer stark (mit 18,7 Pro­zent der Brut­to­wert­schöp­fung) vom öf­fent­li­chen Sek­tor ab­hängt, spielt der in Ka­ta­lo­ni­en mit 14,1 Pro­zent ei­ne ge­rin­ge­re Rol­le. Was Ka­ta­lo­ni­en stark macht, ist sei­ne In­dus­trie – vom Au­to­bau­er Seat über den Blut­de­ri­vate­her­stel­ler Grifols bis zur Sekt­kel­le­rei Frei­xe­net. Die In­dus­trie trägt 20,8 Pro­zent zur Wirt­schafts­leis­tung bei, in ganz Spa­ni­en drei Pro­zent­punk­te we­ni­ger.

Was die ka­ta­la­ni­schen Se­pa­ra­tis­ten wurmt und was sie zu ei­nem ih­rer Haupt­ar­gu­men­te für die Ab­spal­tung ge­macht ha­ben, ist, dass sie von ih­rem Reich­tum an den Rest Spa­ni­ens ab­ge­ben müs­sen. Ei­ne Zahl aus dem Jahr 2009 (als die De­bat­te an Fahrt auf­nahm) hat sich in vie­len Köp­fen fest­ge­setzt: 16 Mil­li­ar­den Eu­ro füh­re Ka­ta­lo­ni­en an al­le an­de­ren Spa­nier ab, 8,4 Pro­zent des ka­ta­la­ni­schen BIP. Seit da­mals sind wahr­schein­lich Tau­sen­de Ar­ti­kel dar­über er­schie­nen, ob die­se Zah­len stim­men und ob so viel So­li­da­ri­tät ge­recht ist. Das spa­ni­sche Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um hat den Ab­fluss aus Ka­ta­lo­ni­en im Jahr 2014 vor kur­zem mit 9,9 Mil­li­ar­den Eu­ro be­zif­fert, was fünf Pro­zent des ka­ta­la­ni­schen BIP ent­spre­che – wäh­rend die Re­gi­on Ma­drid 19,2 Mil­li­ar­den Eu­ro und da­mit knapp neun Pro­zent an är­me­re Re­gio­nen ab­füh­re. Fi­nanz­ex­per­te Án­gel de la Fu­en­te, der die­se Rech­nun­gen für das Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um an­stellt, fin­det, dass Spa­ni­en in Sa­chen in­ter­re­gio­na­ler So­li­da­ri­tät „ein ganz nor­ma­les Land“sei.

Ei­ne Kla­ge aus Ka­ta­lo­ni­en wird in­zwi­schen von der spa­ni­schen Re­gie­rung ernst ge­nom­men: die ver­gleichs­wei­se ge­rin­gen staat­li­chen In­ves­ti­tio­nen in der Re­gi­on. „Wir sind uns der Not­wen­dig­keit be­son­de­rer An­stren­gun­gen be­wusst“, sag­te Mi­nis­ter­prä­si­dent Ra­joy im März und ver­sprach, im Lau­fe der kom­men­den acht Jah­re vier Mil­li­ar­den Eu­ro ins ka­ta­la­ni­sche S-Bahn-Netz zu ste­cken. Auch der „Me­di­ter­ra­ne Kor­ri­dor“– die schnel­le Ei­sen­bahn­ver­bin­dung der spa­ni­schen Mit­tel­meer­städ­te – soll end­lich bis 2023 fer­tig wer­den. Für die Se­pa­ra­tis­ten kommt das al­les zu spät. Sie wol­len die Tren­nung – und er­war­ten gol­de­ne Zei­ten für ihr neu­es Land, min­des­tens auf dem Ni­veau Dä­ne­marks. Na­tür­lich wä­re ein un­ab­hän­gi­ges Ka­ta­lo­ni­en le­bens­fä­hig. Doch die Pro­ble­me kom­men mit dem Ab­spal­tungs­pro­zess. Im Rest Spa­ni­ens macht sich ei­ne an­ti­ka­ta­la­ni­sche Stim­mung breit. Zu­dem stün­den har­te Ver­hand­lun­gen über den von Ka­ta­lo­ni­en zu tra­gen­den An­teil an der Staats­schuld an. Und schließ­lich müss­te ein un­ab­hän­gi­ges Ka­ta­lo­ni­en erst wie­der ei­nen An­trag auf EU-Mit­glied­schaft stel­len. Mit der Ab­spal­tung kä­me es zu ei­nem (un­frei­wil­li­gen) Ka­ta­le­xit. Die gol­de­nen Zei­ten wür­den auf sich war­ten las­sen.

IN SPA­NI­EN IST KA­TA­LO­NI­EN EI­NER DER WIRT­SCHAFT­LI­CHEN MO­TO­REN: Dass die Re­gi­on zu viel vom Reich­tum an den Rest des Lan­des ab­ge­ben muss, ist ei­nes der Haupt­ar­gu­men­te der Se­pa­ra­tis­ten. Fo­to: dpa

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.