Kon­flikt­rei­ches Stüh­le­rü­cken

Der größ­te und teu­ers­te Bun­des­tag der Ge­schich­te birgt ei­ni­ge Pro­ble­me

Brettener Nachrichten - - POLITIK - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Mar­tin Fer­ber

Berlin. Hoch­be­trieb herrscht in die­sen Ta­gen im Reichs­tags­ge­bäu­de. Es gibt viel zu tun in den 30 Ta­gen zwi­schen der Bun­des­tags­wahl und der Kon­sti­tu­ie­rung des neu­en Bun­des­tags, die vor­aus­sicht­lich am 24. Ok­to­ber statt­fin­det. Die Ab­ge­ord­ne­ten, die den Bun­des­tag ver­las­sen, müs­sen ih­re Bü­ros räu­men und ih­re Mit­ar­bei­ter ent­las­sen. Die neu­en Mit­glie­der des Par­la­ments, die in die­ser Wo­che erst­mals Bun­des­tags­luft schnup­per­ten, sind im Ge­gen­zug da­bei, sich in den weit­läu­fi­gen Ge­bäu­den zu­recht­zu­fin­den, sich auf die par­la­men­ta­ri­sche Ar­beit vor­zu­be­rei­ten, Bü­ros auf­zu­bau­en und Mit­ar­bei­ter zu su­chen.

Ei­ne lo­gis­ti­sche Her­aus­for­de­rung, die schon un­ter nor­ma­len Um­stän­den al­les an­de­re als ein­fach ist. Doch in die­sem Jahr ist al­les noch viel kom­pli­zier­ter und auf­wen­di­ger. Denn der neue Bun­des­tag ist so groß ist wie noch nie zu­vor. 598 Ab­ge­ord­ne­te soll­ten es ei­gent­lich sein, 630 Ab­ge­ord­ne­te wa­ren es in der letz­ten Le­gis­la­tur­pe­ri­ode – und nun wer­den es 709 sein, 111 mehr als vor­ge­se­hen. Schuld dar­an sind ei­ner­seits das kom­pli­zier­te Wahl­recht und an­de­rer­seits das Wah­l­er­geb­nis. So stürz­ten zwar Uni­on wie SPD mas­siv ab, gleich­zei­tig ge­wan­nen sie aber in ih­ren Hoch­bur­gen mehr Di­rekt­man­da­te, als ih­nen nach dem schlech­ten Zweit­stim­m­en­er­geb­nis ei­gent­lich zu­ste­hen. So ka­men CDU/ CSU auf 43 Über­hang­man­da­te, da­von al­lein elf in Ba­den-Würt­tem­berg und sie­ben in Bay­ern, die SPD auf drei Über­hang­man­da­te in Ham­burg und Bre­men. Um die­se Zu­satz­man­da­te aus­zu­glei­chen, sind 65 wei­te­re Man­da­te nö­tig, da­mit die Zu­sam­men­set­zung des Bun­des­tags dem ex­ak­ten Zweit­stim­m­en­er­geb­nis ent­spricht. Deutsch­land hat da­mit das größ­te Par­la­ment un­ter den west­li­chen De­mo­kra­ti­en, selbst das Re­prä­sen­tan­ten­haus der USA ist klei­ner. Grö­ßer ist nur der Volks­kon­gress in Chi­na.

Der größ­te Bun­des­tag der Ge­schich­te wird auch der teu­ers­te. Je­der Ab­ge­ord­ne­te er­hält mo­nat­li­che Diä­ten von 9 541,74 Eu­ro so­wie ei­ne Kos­ten­pau­scha­le von 4 318,38 Eu­ro für lau­fen­de Aus­ga­ben. Das macht 117,9 Mil­lio­nen Eu­ro pro Jahr. Hin­zu kom­men Per­so­nal­kos­ten für Bü­ro­lei­ter, Re­fe­ren­ten und As­sis­ten­ten, zu­dem für die Mit­ar­bei­ter der Frak­tio­nen und die Be­schäf­tig­ten der Bun­des­tags­ver­wal­tung. Bis­lang wa­ren rund 4 500 Mit­ar­bei­ter bei den Ab­ge­ord­ne­ten an­ge­stellt. Die Zahl dürf­te auf über 5 000 an­stei­gen. Al­lein die 93 AfD-Ab­ge­ord­ne­ten wer­den um die 500 Mit­ar­bei­ter ein­stel­len.

Der Bund der Steu­er­zah­ler be­zif­fert die Ge­samt­aus­ga­ben auf rund 517 Mil­lio­nen Eu­ro pro Jahr. Wä­ren es wie bis­her 630 Ab­ge­ord­ne­te, wä­ren es rund 54, bei der ge­setz­li­chen Soll­stär­ke von 598 Sit­zen 75 Mil­lio­nen Eu­ro we­ni­ger. „Die Aus­ga­ben für ein Par­la­ment ge­hö­ren zwar zu den Be­triebs­kos­ten ei­ner de­mo­kra­ti­schen Grund­ord­nung, aber hier reißt der Bun­des­tag das Fens­ter auf und dreht sprich­wört­lich die Hei­zung hoch“, kri­ti­siert der Prä­si­dent des Bun­des der Steu­er­zah­ler, Rei­ner Holz­na­gel. „Das ver­korks­te Wahl­recht hat ei­ne ver­meid­ba­re Kos­ten­la­wi­ne für die Steu­er­zah­ler los­ge­tre­ten, die in kei­nem Ver­hält­nis zu ei­nem par­la­men­ta­ri­schen Mehr­wert steht.“

Mehr Ab­ge­ord­ne­te brau­chen mehr Räu­me. Am ge­rings­ten sind die Pro­ble­me im Plenar­saal, er ist groß ge­nug. Bei der Wahl des Bun­des­prä­si­den­ten sa­ßen 1 260 Frau­en und Män­ner dort. Für Streit sorgt die Fra­ge, wo die AfD sitzt. Nach dem Rechts-Links-Sche­ma müss­te sie ganz rechts (vom Bun­des­tags­prä­si­den­ten ge­se­hen) sit­zen. Das war in der Ver­gan­gen­heit der Platz der FDP, zu­dem wä­re die AfD so na­he an der Re­gie­rungs­bank. In der Mit­te soll sie aber nicht sit­zen, links au­ßen auch nicht.

Noch kom­pli­zier­ter ist die Fra­ge, wo die Frak­tio­nen ta­gen. In der drit­ten Ebe­ne des Reichs­tags­ge­bäu­des gibt es in den vier Eck­tür­men vier Frak­ti­ons­sä­le, die bis­lang CDU/CSU, SPD, Lin­ke und Grü­ne be­her­berg­ten. Durch den Ein­zug von FDP und AfD gibt es künf­tig aber sechs Frak­tio­nen. Als dritt­stärks­te Kraft er­hebt die AfD An­spruch auf ei­nen Sit­zungs­saal in ei­nem Turm, ent­we­der Grü­ne oder Lin­ke müss­ten wei­chen. Of­fen ist auch, wo die „Neu­lin­ge“von FDP und AfD ih­re Bü­ros er­hal­ten. Im Ge­spräch ist der frü­he­re Sitz des In­nen­mi­nis­te­ri­ums in Moabit. Da­mit wä­ren al­ler­dings die Par­la­men­ta­ri­er fast ei­nen Ki­lo­me­ter vom Reichs­tags­ge­bäu­de ent­fernt. Mit all die­sen Pro­ble­men müs­sen sich in den nächs­ten Wo­chen der Bun­des­tags­prä­si­dent, sei­ne Stell­ver­tre­ter und die Mit­glie­der des Äl­tes­ten­rats des Bun­des­tags be­schäf­ti­gen. Es wird wohl bis Ja­nu­ar dau­ern bis al­le Ab­ge­ord­ne­ten ih­re Bü­ros be­zie­hen.

Streit über die Fra­ge, wo die AfD sit­zen soll

IM NEU­EN BUN­DES­TAG wer­den 709 Ab­ge­ord­ne­te sit­zen. Platz wä­re im Plenar­saal ge­nug. Die Pro­ble­me sind an­de­re: Der größ­te Bun­des­tag al­ler Zei­ten ist auch der teu­ers­te. Au­ßer­dem herrscht über die Sitz­ord­nung Un­ei­nig­keit. Fo­to: dpa

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