Ös­ter­reich will Pkw-Maut stop­pen

Wi­en reicht Kla­ge ge­gen Deutsch­land ein

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Wi­en/Berlin (dpa). Ös­ter­reich hat nach jah­re­lan­gen Pro­tes­ten Kla­ge ge­gen die deut­sche Pkw-Maut ein­ge­reicht. Kurz vor Son­die­run­gen über ei­ne Ja­mai­kaKo­ali­ti­on in Berlin facht dies den Streit über das CSU-Pres­ti­ge­pro­jekt neu an. Die Ab­ga­be sei „ei­ne rei­ne Aus­län­der­maut“und dis­kri­mi­nie­rend, sag­te Ver­kehrs­mi­nis­ter Jörg Leicht­fried (SPÖ) in Wi­en zur Be­grün­dung für den Gang vor den Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof (EuGH). Die Nie­der­lan­de wol­len sich an­schlie­ßen. Da­ge­gen be­harr­te das Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um auf der Recht­mä­ßig­keit der Maut.

Grü­ne und SPD for­der­ten den Stopp wei­te­rer Vor­be­rei­tun­gen. Die EU-Kom­mis­si­on ha­be sich da­vor ge­drückt, Deutsch­land die Stirn zu bie­ten, sag­te Leicht­fried. Ös­ter­reich ge­he nun vor­an. Ein von der Re­gie­rung in Auf­trag ge­ge­be­nes Rechts­gut­ach­ten be­schei­nigt gu­te Aus­sich­ten auf ei­nen Er­folg vor Ge­richt. Haupt­kri­tik­punkt ist, dass nur In­län­der für Maut-Zah­lun­gen durch ei­ne nied­ri­ge­re Kfz-Steu­er voll ent­las­tet wer­den sol­len. Die An­kün­di­gung fällt in das Wahl­kampf­fi­na­le in Ös­ter­reich. Die Kla­ge hat kei­ne auf­schie­ben­de Wir­kung für die für 2019 ge­plan­te Ein­füh­rung der Maut in Deutsch­land. Dies müss­te ei­gens be­an­tragt und vor Ge­richt be­wil­ligt wer­den.

Auf Tsche­chi­en kann Ös­ter­reich nicht zäh­len. „Wir ha­ben ent­schie­den, uns der Kla­ge nicht an­zu­schlie­ßen“, sag­te ein Spre­cher des Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­ums in Prag. Das Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um be­ton­te, die EU-Kom­mis­si­on ha­be be­reits vor Mo­na­ten grü­nes Licht ge­ge­ben und ein Ver­fah­ren ge­gen Deutsch­land ein­ge­stellt.

EuGH muss jetzt ent­schei­den

Berlin/Wi­en/Brüs­sel. Jetzt ist es al­so pas­siert. Nach lan­gem Grol­len macht die ös­ter­rei­chi­sche Re­gie­rung ih­re Dro­hung wahr und will die fi­nal be­sie­gel­te Pkw-Maut in Deutsch­land per Kla­ge vor dem Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof (EuGH) kip­pen. Da­bei fällt die Atta­cke aus Wi­en in ei­ne po­li­ti­sche Über­gangs­zeit, in der das Vor­zei­ge­pro­jekt der CSU oh­ne­hin in der Schwe­be hängt – schon wie­der. Denn auch in den an­ste­hen­den Ge­sprä­chen für ei­ne Ja­mai­kaKo­ali­ti­on in Berlin dürf­ten FDP und Grü­ne das Reiz­the­ma bei der Uni­on zur Spra­che brin­gen. Un­se­re Mit­ar­bei­ter San­dra Wal­der, Sa­scha Mey­er und Alkimos Sartoros ha­ben Fra­gen und Ant­wor­ten rund um die Maut zu­sam­men­ge­stellt.

Was genau will Ös­ter­reich mit der Kla­ge?

Die Al­pen­re­pu­blik ist seit je­her ei­ner der stärks­ten Kri­ti­ker der Maut und wä­re mit 1,8 Mil­lio­nen Deutsch­lan­dPend­lern auch be­son­ders be­trof­fen. Man rie­che doch „zehn Me­ter ge­gen den Wind“, dass Fah­rer aus dem Aus­land dis­kri­mi­niert wür­den, wet­tert Ver­kehrs­mi­nis­ter Jörg Leicht­fried bei der Be­kannt­ga­be der Kla­ge. Denn für Maut-Zah­lun­gen sol­len nur In­län­der voll bei der Kfz-Steu­er ent­las­tet wer­den. Dass die EU-Kom­mis­si­on trotz­dem grü­nes Licht für ein et­was ge­än­der­tes Mo­dell gab, wurmt Wi­en – auch da­her nun die ei­ge­ne Ak­ti­on. Die Wie­ner Re­gie­rung stützt sich auf ein Gut­ach­ten des Eu­ro­pa­rechts­ex­per­ten der Uni­ver­si­tät Inns­bruck, Wal­ter Ob­we­xer. Dar­in ist von ei­ner „in­di­rek­ten Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund der Staats­an­ge­hö­rig­keit“die Re­de, die mit dem Ge­mein­schafts­recht un­ver­ein­bar sei. Ob­we­xer sieht da­her ei­ne „be­grün­de­te Aus­sicht auf Er­folg“für die Kla­ge. Leicht­fried be­zeich­ne­te die Maut­kla­ge als „Na­gel­pro­be für das eu­ro­päi­sche Rechts­ver­ständ­nis“.

Wie ist der ak­tu­el­le Stand bei der Maut?

Po­li­tisch hat Ver­kehrs­mi­nis­ter Alex­an­der Do­brindt (CSU) das Vor­ha­ben über al­le Hür­den ge­bracht und ers­te Fak­ten ge­schaf­fen. Kurz vor der Bun­des­tags­wahl lie­fen Aus­schrei­bun­gen an, um pri­va­te Be­trei­ber für die Er­he­bung und Kon­trol­len zu su­chen. Al­lein seit 2016 flos­sen auch schon mehr als zwölf Mil­lio­nen Eu­ro in Vor­be­rei­tun­gen, der Groß­teil für Sach­ver­stän­di­ge. Au­to­fah­rer spü­ren aber wei­ter­hin nichts von der „In­fra­struk­tur­ab­ga­be“. Kas­siert wer­den soll sie nach jet­zi­gen Plä­nen ab 2019. Nach­dem die SPD den schwarz­ro­ten Maut­frie­den im Wahl­kampf auf­kün­dig­te, hat sich auch Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) die Maut klar zu ei­gen ge­macht.

Was pas­siert in den Ja­mai­ka-Ver­hand­lun­gen?

Glaubt man ih­ren An­kün­di­gun­gen vor der Wahl, kön­nen Grü­ne und FDP das The­ma in Ko­ali­ti­ons­ge­sprä­chen nicht ein­fach la­pi­dar durch­win­ken. „Wir leh­nen die eu­ro­pa­feind­li­che und bü­ro­kra­ti­sche Aus­län­der­maut ab und wol­len sie schnellst­mög­lich wie­der ab­schaf­fen“, ver­spra­chen et­wa die Grü­nen. Die FDP gab ihr Nein zur Maut eben­falls schrift­lich. Mit all­zu feu­ri­gen An­kün­di­gun­gen nach dem Si­gnal aus Wi­en hiel­ten sich die klei­nen Ja­mai­ka­ner in spe aber vor­erst zu­rück. „Die Maut kommt“, ließ Do­brindt sein Mi­nis­te­ri­um be­kräf­ti­gen, dies­mal oh­ne Breit­sei­ten ge­gen ei­ne „Ösi-Maut-Mau­le­rei“. Dass sich die CSU ih­re hart er­kämpf­te Tro­phäe noch aus der Hand schla­gen lässt, gilt als un­wahr­schein­lich.

Was wird nach der ös­ter­rei­chi­schen Wahl aus der Kla­ge?

Auch mit dem Ti­ming in Wi­en ist es so ei­ne Sa­che. Denn am Sonn­tag wählt Ös­ter­reich ein neu­es Par­la­ment. Ob die So­zi­al­de­mo­kra­ten von Ver­kehrs­mi­nis­ter Leicht­fried auch der nächs­ten Re­gie­rung an­ge­hö­ren, ist un­si­cher. Der Maut-Kri­ti­ker hat nach ei­ge­nen Wor­ten aber brei­te Un­ter­stüt­zung für die Kla­ge im Par­la­ment und wirbt, das Vor­ge­hen sei „auch von Vor­teil für ei­ne nächs­te Re­gie­rung“. Se­bas­ti­an Kurz, der Chef der kon­ser­va­ti­ven ÖVP, dem die größ­ten Sieg­chan­cen ein­ge­räumt wer­den, hat sich bis­lang be­deckt ge­hal­ten.

Wie geht es wei­ter?

Bis Klar­heit herrscht, dürf­te es noch dau­ern. SPD, Grü­ne und auch der maut­kri­ti­sche Ver­kehrs­club ADAC for­dern, die Ein­füh­rung erst­mal auf Eis zu le­gen. „Die Ge­fahr ist zu groß, dass an­sons­ten Mil­lio­nen von Steu­er­gel­dern ver­brannt wer­den“, warnt SPD-Frak­ti­ons­vi­ze Sören Bar­tol. Zei­gen muss sich zu­erst, wie die künf­ti­gen Re­gie­rungs­part­ner in Berlin und Wi­en ver­fah­ren. „Ich bin ge­spannt auf den ,Kom­pro­miss‘ von CSU und Grü­nen“, sti­chelt Linke-Ver­kehrs­ex­per­te Her­bert Beh­rens. Auch am Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof geht es nicht Knall auf Fall. Ähn­li­che Ver­fah­ren dau­ern et­wa an­dert­halb Jah­re – al­so wo­mög­lich bis kurz vor ei­nem Maut­start 2019. Soll­ten die Rich­ter zu dem Schluss kom­men, dass das Mo­dell un­zu­läs­sig ist, müss­te das Ge­setz im äu­ßers­ten Fall ge­än­dert wer­den.

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