Dar­um sind die Rän­ge so leer

Zu­schau­er Et­li­che Plät­ze blei­ben wäh­rend der Wett­kämp­fe un­be­setzt. Das liegt zu ei­nem gro­ßen Teil an wirt­schaft­li­chen Zwän­gen. Lau­ra Dahl­mei­er fin­det die Stil­le in den Sta­di­en so­gar gut

Buchloer Zeitung - - Olympische Winterspiele 2018 - VON THO­MAS WEISS

Pyeongchang Auch ges­tern bei der Nor­di­schen Kom­bi­na­ti­on: mas­sen­wei­se lee­re Tri­bü­nen­plät­ze. Als Eric Fren­zel sei­nen Tri­umph fei­er­te und von sei­nem Trai­ner- und Be­treu­er­team über­schwäng­lich ge­fei­ert wur­de, war das Al­pen­sia Lang­lauf­sta­di­on schon wie­der gäh­nend leer. Die Fern­seh­bil­der von Käl­te und Wind, von Tris­tesse und To­te-Ho­se-Stim­mung lö­sen in den so­zia­len Netz­wer­ken fast schon ei­nen Sturm der Ent­rüs­tung aus. Stim­mungs­arm, lang­wei­lig, nicht olym­pia­wür­dig, so lau­ten die Kom­men­ta­re. Sie zie­len zwei­fels­oh­ne in die rich­ti­ge Rich­tung, doch die Prä­zi­si­on ei­ner Schuss­sal­ve von Lau­ra Dahl­mei­er ha­ben sie nicht.

Es gibt sie näm­lich, die Sport­ar­ten, bei de­nen in Korea der Bär steppt. Beim Shorttrack in al­ler­ers­ter Li­nie und auch bei den an­de­ren Eis­spor­ten herrscht je­ne At­mo­sphä­re, die Ath­le­ten bei ih­rem Kar­rier­ehö­he­punkt zu Höchst­leis­tun­gen ani­miert – ver­mut­lich des­halb, weil der Zu­schau­er ein Hal­len­dach über dem Kopf hat und lan­ge nicht so frie­ren muss wie ein Fan in ei­nem der Frei­luft­sta­di­en. Das hat auch Al­fons Hör­mann, der Prä­si­dent des Deut­schen Olym­pi­schen Sport­bun­des, bei sei­ner Rund­tour durch al­le olym­pi­schen Sport­stät­ten er­lebt. Beim Snow­board am Vor­mit­tag herr­sche grund­sätz­lich ei­ne sehr aus­ge­las­se­ne und fröh­li­che Stim­mung. Rich­tig Laut und schrill wur­de es ges­tern beim Tri­umph der Half­pipe-Iko­ne Shaun Whi­te.

Abend­ver­an­stal­tun­gen wie die Ski­sprung-Wett­be­wer­be lei­den da­ge­gen be­son­ders un­ter dem Zu­schau­er­schwund. „Wenn’s bis Mit­ter­nacht geht“, sagt Hör­mann, „oder wie bei den Män­nern so­gar dar­über hin­aus“, dann wer­de es schwie­rig: „Da kom­men ja dann auch noch die ei­si­gen Tem­pe­ra­tu­ren hin­zu.“Fans aus den rei­se­wü­ti­gen Win­ter­sport-Na­tio­nen wie Nor­we­gen oder Deutsch­land trifft man kaum an. Die An­rei­se ist zu be­schwer­lich und teu­er. Un­ter­künf­te wa­ren zu­min­dest vor den Spie­len in ak­zep­ta­bler Reich­wei­te der Sport­stät­ten nicht buch­bar. Auch die Ko­rea­ner, die zu den meis­ten Sport­ar­ten kaum ei­nen Be­zug ha­ben, kom­men nicht nach Pyeongchang. Der neu ge­bau­te Schnell­zug aus der Haupt­stadt Seo­ul fährt stünd­lich – be­setzt ist er je­doch meist nur von ein paar freund­li­chen Olym­pia­Hel­fern.

Für die Ath­le­ten sei das na­tür­lich ent­täu­schend. Hör­mann: „Man muss ja nichts schön­re­den. Es macht schon ei­nen Un­ter­schied, ob du in ein prop­pe­vol­les Sta­di­on springst oder nicht.“Ski­sprung-Bun­des­trai­ner Wer­ner Schus­ter sprach nach dem Gold­sprung von An­di Wel­lin­ger von ei­ner At­mo­sphä­re wie beim Deutsch­land­po­kal, gab aber zu: „Ich würd’ auch nicht mehr da­ste­hen. Da er­frierst du ja.“

Ähn­lich er­leb­te es Schus­ters Kol­le­ge bei den Frau­en, Andre­as Bau­er. Der Oberst­dor­fer wun­der­te sich schon vor Mo­na­ten über den Zeit­plan, ver­gisst aber nicht die wirt­schaft­li­chen Zwän­ge und die Macht des Fern­se­hens. Auf der ei­nen Sei­te wol­le man stim­mungs­vol­le Bil­der und ei­ne or­dent­li­che Ku­lis­se, auf der an­de­ren Sei­te möch­te man im Fern­se­hen prä­sent sein – „mit gu­ten Ein­schalt­quo­ten, die dem Ver­band, den Ath­le­ten und der Sport­art gut­tun wür­den“. Da bei acht St­un­den Zeit­ver­schie­bung ein Mit­tel­maß zu fin­den, sei „sehr, sehr schwer“, sagt Bau­er.

Sei­ne Sil­ber­me­dail­len­ge­win­ne­rin Kat­ha­ri­na Alt­haus sah es al­ler­dings deut­lich prag­ma­ti­scher: „Ers­tens wa­ren hier mehr Zu­schau­er an­we­send als bei den meis­ten un­se­rer Welt­cups, zwei­tens freue ich mich, dass mei­ne Fa­mi­lie den Wett­kampf im Fern­se­hen an­schau­en konn­te, oh­ne mit­ten in der Nacht auf­ste­hen zu müs­sen.“Auch Bi­ath­lon-Ass Lau­ra Dahl­mei­er hat­te ei­ne über­ra­schen­de Ant­wort pa­rat: „Man er­hofft sich bei Olym­pia schon ein paar mehr Zu­schau­er, letzt­end­lich muss der Ath­let aber doch sel­ber lau­fen. Mir ist es hier so­gar lie­ber, als wenn 50000 Men­schen schrei­en.“Ihr Trai­ner Ge­rald Hö­nig ist an­de­rer Mei­nung: „Im Ver­gleich zum Welt­cup ist das hier ein Trau­er­spiel. Die Ath­le­ten ha­ben et­was Bes­se­res ver­dient.“

We­ni­ger Wind, mil­de­re Tem­pe­ra­tu­ren. Die Olym­pia-Or­ga­ni­sa­to­ren sind gu­ter Din­ge, dass sie bald das mil­li­ons­te der ins­ge­samt 1,17 Mil­lio­nen Ti­ckets an den Mann brin­gen. Nach dem Wahr­heits­ge­halt der 85-pro­zen­ti­gen Aus­las­tung der Sta­di­en ge­fragt, gab der Spre­cher des Or­ga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tees, Sung Ba­ik You, ei­ne über­ra­schen­de und doch viel­sa­gen­de Ant­wort: „Wenn Plät­ze im Fern­se­hen als leer wahr­ge­nom­men wer­den, be­deu­tet das nicht, dass die Zu­schau­er nicht da ge­we­sen sind.“

Fo­to: Tho­mas Weiß

Auch im Ziel­ein­lauf der Nor­di­schen Kom­bi­na­ti­on wa­ren noch et­li­che Plät­ze zu ha­ben. Weil es nachts kalt ist und die Süd­ko­rea­ner eher In­ter­es­se an an­de­ren Sport­ar­ten ha­ben, wird das wohl auch so blei­ben.

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