Jo­han­nes­burg:

Vom Sor­gen­kind zum Hots­pot

Business Traveller (Germany) - - Inhalt - Andre­as Spaeth

es geht gera­de hoch her in der Vil­aka­zi Street in So­we­to. Am An­fang der Stra­ße, Haus­num­mer 8115, schie­ben sich Tou­ris­ten ins be­schei­de­ne, sorg­fäl­tig re­stau­rier­te Man­de­la Hou­se, ei­ne der wich­tigs­ten Se­hens­wür­dig­kei­ten im größ­ten Town­ship von Jo­han­nes­burg. Hier leb­te Nel- son Man­de­la mit sei­ner Fa­mi­lie von 1946 bis 1962. Ge­gen­über stär­ken sich Be­su­cher bei Live­mu­sik am rus­ti­ka­len Buf­fet in ei­nem Re­stau­rant, ne­ben­an po­siert der In­ha­ber ei­ner Kunst­ga­le­rie vor Graf­fi­ti und De­si­gner­mö­beln ma­de in So­we­to. So weit, so all­täg­lich. Kaum 200 Me­ter wei­ter die Stra­ße auf­wärts geht es exo­ti­scher zu: Hier wird den Ein­hei­mi­schen die Wein­kul­tur nä­her­ge­bracht. Für wei­ße Süd­afri­ka­ner und Wein­freun­de in al­ler Welt ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. Nicht so bis­her für die schwar­ze Be­völ­ke­rung. Das wol­len die In­ha­ber der Ni­ne Bar än­dern.

Sik­hu­le­ki­le Vund­la steht in ei­nem glä­ser­nen Kühl­raum vor gut ge­füll­ten Wein­re­ga­len. Die frü­he­re Grund­schul­leh­re­rin ist erst seit fünf Jah­ren Wein­ex­per­tin. „Schwar­ze mö­gen nor­ma­ler­wei­se nur lieb­li­che Wei­ne, nach un­se­rer Schu­lung da­ge­gen be­stellt kei­ner mehr sü­ße

Jo­han­nes­burg durch­lebt ei­ne Met­a­mor­pho­se – aus dem eins­ti­gen Sor­gen­kind wird ei­ne auf­re­gen­de Me­tro­po­le für Kul­tur und Bu­si­ness

fen“, sagt die 42-jäh­ri­ge Re­ben­ken­ne­rin. Die Ni­ne Bar ist schon das zwei­te Wein­lo­kal für Be­woh­ner von So­we­to, „und die Kin­der von Prä­si­dent Ja­cob Zuma sind oft hier und bit­ten mich um Wein­emp­feh­lun­gen“, er­zählt Sk­hu, wie sie hier al­le nen­nen. „Für un­se­re Wein­in­dus­trie ist der bis­her kaum er­schlos­se­ne Markt der Schwar­zen ei­ne gro­ße Hoff­nung“, fügt sie hin­zu. So­we­to, lan­ge ei­ne ei­gen­stän­di­ge Stadt und Hoch­burg des An­ti-Apart­heid-Kampfs, ist heu­te ein ganz nor­ma­ler Stadtteil von Jo­han­nes­burg, ei­ner von ins­ge­samt sie­ben „Districts“– mit Ul­t­ra­rei­chen in prot­zi­gen Vil­len und di­cken Au­tos ei­ner­seits und Men­schen in ärm­li­chen Hüt­ten an­de­rer­seits. Letz­te­re ma­chen im­mer noch 22 Pro­zent der Be­völ­ke­rung aus.

Jo­han­nes­burg ist ei­ne der größ­ten Städ­te der Welt, die we­der am Meer noch an ei­nem Fluss lie­gen, son­dern genau dort, wo 1886 in der Ge­gend von

Wit­waters­rand Gold ent­deckt wur­de: Auf dem High­veld, dem öst­li­chen Pla­teau Süd­afri­kas, auf ei­ner Hö­he von 1.753 Me­tern über dem Mee­res­spie­gel. Kein Wun­der al­so, dass Be­su­cher der 4,5-Mil­lio­nen-Me­tro­po­le nach der An­kunft oft auch bei nur klei­nen An­stren­gun­gen erst ein­mal kurz­at­mig sind. Jo­han­nes­burg ist ei­ne jun­ge Stadt, die vor 120 Jah­ren nur ein sim­ples Camp von Gold­mi­nen-Ar­bei­tern war. Seit­dem ist dar­aus ei­ne von Afri­kas ge­schäfts­tüch­tigs­ten und am bes­ten ent­wi­ckel­ten Groß­städ­ten ge­wor­den – auch wenn es seit An­fang der 1990er-Jah­ren rund zwei Jahr­zehn­te gab, in de­nen es berg­ab ging und Tei­le der Stadt ver­ka­men. Trotz­dem ist Jo­han­nes­burg im­mer die wich­tigs­te Wirt­schafts­me­tro­po­le des süd­li­chen Afri­kas ge­blie­ben, fast al­le grö­ße­ren deut­schen Un­ter­neh­men mit Afri­ka-Ak­ti­vi­tä­ten ha­ben hier De­pen­dan­cen. Die Pro­vinz Gaut­eng er­wirt­schaf­tet 34 Pro­zent der Wirt­schafts­leis­tung Süd­afri­kas – und sie­ben Pro­zent des Brut­to­so­zi­al­pro­dukts von ganz Afri­ka. Die Haupt­stadt Süd­afri­kas hin­ge­gen ist Jo­han­nes­burg nie ge­we­sen – die Ka­pi­ta­le Pre­to­ria liegt knapp 70 Ki­lo­me­ter ent­fernt.

Si­cher­heit auf den Stra­ßen

Es gibt vie­le Ko­se­na­men für Jo­han­nes­burg – Jo­burg, Jo­zi, Jo­zie oder Ego­li –, aber wie auch im­mer man die Stadt nennt, klar ist, dass sie gera­de ein ful­mi­nan­tes Come­back hin­legt. Spä­tes­tens seit der Fuß­ball-WM 2010 hat sich vor al­lem in den wich­ti­gen Be­rei­chen In­fra­struk­tur und Si­cher­heit auf den Stra­ßen vie­les ver­bes­sert. Da ist et­wa das mo­der­ne, schnel­le und si­che­re Stre­cken­netz der Schnell­bahn Gau­train zu nen­nen, die auch di­rekt vom in­ter­na­tio­na­len Flug­ha­fen OR Tam­bo in nur 15 Mi­nu­ten ins Bu­si­ness- und Ho­tel­vier­tel Sand­ton fährt. Das Ge­schäfts­vier­tel der In­nen­stadt, ein eklek­ti­scher Ar­chi­tek­tur­mix von feins­tem Art dé­co bis zu den Bau­sün­den der Apart­heid-Ära auf sechs Qua­drat­ki­lo­me­tern, galt lan­ge als No-go-Area.

Auch wenn das in­zwi­schen an­ders ist (seit 2002 sank die Kri­mi­na­li­tät dank ver­stärk­ter Si­cher­heits­maß­nah­men um zeit-

wei­se 80 Pro­zent), zeu­gen zwei bis heu­te leer­ste­hen­de Rie­sen­ho­tels vom Nie­der­gang der einst pres­ti­ge­träch­ti­gen Ci­ty­La­ge: Der 1985 er­rich­te­te blaue Glas­mo­no­lith des Jo­han­nes­burg Sun muss­te 1998 schlie­ßen, zwei wei­te­re Neu­er­öff­nun­gen schei­ter­ten, seit 2002 ist der ele­gan­te Glas­turm un­ge­nutzt. Nicht bes­ser ging es dem 670-Zim­mer-Rie­sen Carl­ton In­ter­na­tio­nal, einst das bes­te Haus des Lan­des, seit 1998 ge­schlos­sen. Das be­nach­bar­te Carl­ton Cen­ter ist seit 1973 mit sei­nen 223 Me­tern das höchs­te Ge­bäu­de Afri­kas, im 50. Stock gibt es ei­ne Aus­sicht­se­ta­ge mit dem bes­ten Blick über die Stadt.

Ge­gen­den wie New­town, Braam­font­ein oder Mabo­neng, die vor we­ni­gen Jah­ren noch von Gangs be­herrscht wur­den und in die kein Wei­ßer frei­wil­lig ei­nen Fuß setz­te, boo­men heu­te als hip­pe Aus­geh­vier­tel und Kul­tur­mei­len.

Ein Sonn­tag­mor­gen in Mabo­neng, was in der So­tho-Spra­che so viel heißt wie „Platz des Lichts“– und bei­na­he im Schat­ten des ein­ge­mot­te­ten Carl­ton-Ho­tels liegt: Ein Ras­ta-lo­cki­ger DJ trägt ei­nen Sta­pel Schall­plat­ten un­term Arm in das an­ge­sag­te Kunst­ho­tel 12 De­ca­des und kommt mit Gäs­ten aus Deutsch­land ins Ge­spräch. „Ich war gera­de erst in Ber­lin, und das, was wir hier in Mabo­neng der­zeit er­le­ben, ist genau wie in Prenz­lau­er Berg oder Neu­kölln“, sagt der Plat­ten­vir­tuo­se. Und in der Tat, seit 2008 hat sich das frü­he­re La­ger­haus- und In­dus­trie­vier­tel in ein span­nen­des Be­su­cherziel ver­wan­delt, mit in­ter­es­san­ten Ga­le­ri­en, in­no­va­ti­ver Ar­chi­tek­tur, an­ge­sag­ten Re­stau­rants. Und vor al­lem Arts on Main, ei­nem Kom­plex aus Lofts und Hin­ter­hö­fen, die jetzt al­le zu­sam­men­hän­gen und Kunst und Ku­li­na­rik bie­ten plus wei­te­re At­trak­tio­nen aus der Kunst­sze­ne an der Main Street. Nicht zu ver­ges­sen die groß­ar­ti­gen Graf­fi­ti, die sonst eher trost­lo­se Ecken von Jo­han­nes­burg schmü­cken. Un­ter Stadt­pla­nern gilt Mabo­neng als ein Pa­ra­de­bei­spiel für ei­ne der er­folg­reichs­ten in­ner­städ­ti­schen Er­neue­run­gen welt­weit. Trotz­dem gibt es wei­ter­hin die gro­ße Kluft zwi­schen Arm und Reich, die in Jo­han­nes­burg über­deut­lich sicht­bar wird. Auch die or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät ist kei­nes­wegs ver­schwun­den, do­mi­niert aber nicht mehr be­su­cher­re­le­van­te Stadt­tei­le.

Für man­chen Eu­ro­pä­er mag es ir­ri­tie­rend sein, sich abends im Aus­geh­vier­tel Braam­font­ein auf der Stra­ße zu be­we­gen, qua­si al­lein un­ter Schwar­zen. Aber im Ge­gen­satz zu frü­her fühlt es sich nicht mehr be­droh­lich an, ein paar harm­lo­se Bett­ler fin­det man auch in an­de­ren Me­tro­po­len die­ser Welt. Die Ein­hei­mi­schen ste­hen Be­su­chern auf­ge­schlos­sen, neu­gie­rig und freund­lich ge­gen­über. Und genau das macht Jo­han­nes­burg aus: Die Stadt, die we­der mit Strän­den noch mit Berg­pan­ora­men auf­war­ten kann, lebt von ih­ren Men­schen, ei­nem bun­ten Völ­ker­ge­misch mit un­zäh­li­gen Spra­chen, das viel Op­ti­mis­mus und Tat­kraft aus­strahlt, was sich an al­len Ecken und En­den wi­der­spie­gelt. Auch und gera­de in den Town­ships.

Blick nach vor­ne

Ei­nes der größ­ten ist Alex­an­dra, Alex ge­nannt, das mit ei­ner Mil­li­on Ein­woh­ner gera­de mal fünf Ki­lo­me­ter vom schi­cken Sand­ton ent­fernt liegt. Wer nach Ge­schäfts­ter­mi­nen Zeit hat, soll­te ei­nen kur­zen Aus­flug in die­ses so an­de­re Jo­han­nes­burg un­ter­neh­men. Zum Bei­spiel mit Frem­den­füh­re­rin Pi­ki Pha­sha, die selbst von hier stammt. „Wenn es auf der Welt ei­ne Mil­li­on Spra­chen gibt, dann gibt es hier min­des­tens 950.000 da­von“, be­schreibt Pi­ki la­chend das Mul­ti­kul­ti-Kli­ma – das nicht im­mer fried­lich bleibt: 2010 gab es hier schwe­re Kra­wal­le. „Seit­dem sind wir als ge­walt­tä­tig und schmut­zig stig­ma­ti­siert, das müs­sen wir über­win­den“, sagt Sema­di Ma­nanye-Ng­we­nya, der ein Kul­tur­zen­trum in Alex­an­dra be­treibt, des­sen Events vie­le Leu­te auch aus rei­chen Vier­teln an­lo­cken. „Wir ver­su­chen, al­le Haut­far­ben und Kul­tu­ren zu mi­schen, die Kri­mi­na­li­tät ist stark ge­sun­ken, und der Tourismus hat hier vie­len Leu­ten sehr ge­hol­fen“, gibt sich der Ma­na­ger hoff­nungs­voll. Gera­de in Süd­afri­ka ist nie ir­gend­et­was ein­fach, aber Jo­han­nes­burg und sein Auf­schwung zei­gen, was die­ses Land er­rei­chen kann.

links oben und un­ten: Jo­burg 2017: selbst­be­wusst und vor­wärts­ge­wandt Num­mer eins: Nel­son Man­de­la ist all­ge­gen­wär­tig oben:

un­ten: Jo­burg-Style: mo­di­sche Mäd­chen oben rechts: Kunst im Raum: Skulp­tur in der Cir­ca Art Gal­le­ry oben links: Groß­stadt-Flair: der Mar­ty Fitz­ge­rald Squa­re

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