Te­he­ran:

Blick nach vor­ne

Business Traveller (Germany) - - Inhalt -

als­die Bo­eing 777 von Bri­tish Air­ways zum Lan­de­an­flug auf Te­he­rans Imam Khomei­ni In­ter­na­tio­nal Air­port an­setz­te, schau­te ich durchs Fens­ter auf die Sil­hou­et­te von Mount Tochal am Ho­ri­zont. Ich saß in ei­ner der ers­ten Ma­schi­nen, die Bri­tish Air­ways im ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber in die Haupt­stadt des Irans schick­ten, als ers­te Ge­sell­schaft aus Groß­bri­tan­ni­en nach vier Jah­ren Ab­sti­nenz.

Der Iran war ein Jahr­zehnt lang iso­liert vom Rest der Welt. Wäh­rend die USA be­reits im Re­vo­lu­ti­ons­jahr 1979 an­fin­gen, Sank­tio­nen ge­gen das Land zu ver­hän­gen, zo­gen die Ver­ein­ten Na­tio­nen 2006 nach, als der Iran sich wei­ger­te, sein Atom­pro­gramm ein­zu­stel­len. 2012 wur­den die ira­ni­schen Ban­ken vom SWIFTNetz­werk ab­ge­schnit­ten, das den Nach­rich­ten- und Trans­ak­ti­ons­ver­kehr von welt­weit mehr als 10.000 Ban­ken si­chert. Ein schwe­rer Schlag für die Wirt­schaft des Lan­des, der un­ter an­de­rem die mas­si­ve Ab­wer­tung des Ri­al zur Fol­ge hat­te.

Vor zwei Jah­ren dann der Tur­naround: Dank ei­nes Atom­ab­kom­mens zwi­schen dem Iran, Deutsch­land, Frankreich, Groß­bri­tan­ni­en, Russ­land und Chi­na wur­den die wirt­schaft­li­chen Sank­tio­nen ge­gen die is­la­mi­sche Re­pu­blik auf­ge­ho­ben – seit­her er­holt sich der Staat, aus­län­di­sche Fir­men keh­ren zu­rück. Glaubt man der bri­ti­schen Han­dels- und In­ves­ti­ti­ons­för­de­rung UKTI, ran­giert die ira­ni­sche Wirt­schaft an zwei­ter Stel­le al­ler Staa­ten im Mitt­le­ren Os­ten nach Sau­di-Ara­bi­en, das Brut­to­in-

lands­pro­dukt be­trug 2015 397 Mil­li­ar­den US-Dol­lar bei 80 Mil­lio­nen Ein­woh­nern. 14 Mil­lio­nen woh­nen in der Re­gi­on Te­he­ran, dem wirt­schaft­li­chen, po­li­ti­schen und kul­tu­rel­len Zen­trum des Lan­des.

Gast­freund­li­che Men­schen

Um es gleich vor­weg zu sa­gen: Die Stadt ist voll und laut, der Ver­kehr chao­tisch und die Luft schlecht. Wer ei­ne exo­ti­sche ori­en­ta­li­sche Me­tro­po­le er­war­tet, wird ent­täuscht sein. Trotz­dem ist Te­he­ran un­be­dingt ei­nen Be­such wert – die Men­schen sind freund­lich, und es gibt hier ei­ni­ge erst­klas­si­ge Mu­se­en (s. Sei­te 72).

Nicht ganz un­pro­ble­ma­tisch für Rei­sen­de ist der Um­stand, dass man we­der Kre­dit­kar­ten be­nut­zen noch Geld aus dem ATM zie­hen kann. Auch Rei­se­schecks wer­den nicht ak­zep­tiert. Es bleibt ei­nem al­so nichts an­de­res üb­rig, als so viel Bar­geld mit­zu­neh­men, wie für den Auf­ent­halt er­for­der­lich ist. Ob­wohl et­li­che Ban­ken wie­der an das SWIFTNetz an­ge­schlos­sen sind, wird es ver­mut­lich noch ge­rau­me Zeit dau­ern, bis man in­ter­na­tio­na­le Stan­dards im Zah­lungs­ver­kehr er­war­ten kann, so ur­tei­len ira­ni­sche Ban­ker.

Knis­tern­de Te­le­fon­lei­tun­gen

Ei­ne wei­te­re Her­aus­for­de­rung ist der ein­ge­schränk­te Zu­gang zum In­ter­net – ich konn­te we­der E-Mails emp­fan­gen noch re­cher­chie­ren, auch über das WLAN-Netz des Ho­tels nicht. An­ru­fe ins eu­ro­päi­sche Aus­land oder um­ge­kehrt er­in­nern zu­dem an längst ver­gan­ge­ne Zei­ten – mit Knis­tern in der Lei­tung und re­gel­mä­ßi­gen Un­ter­bre­chun­gen. Das UKTI warnt au­ßer­dem vor Kor­rup­ti­on und bü­ro­kra­ti­schen Hür­den im ira­ni­schen Ge­schäfts­le­ben.

Nicht ganz so dra­ma­tisch wie er­war­tet wird of­fen­bar der ira­ni­sche Dress­code für Frau­en ge­hand­habt: Statt wei­ter, ver­hül­len­der Klei­dung und zur Gän­ze be­deck­ten Haa­res er­leb­ten wir Ira­ne­rin­nen mit lo­cke­ren Schals um den Kopf, en­gen Je­ans und hoch­ha­cki­gen Schu­hen. Auch die Är­mel von Blu­sen und Pull­overn wur­den ger­ne mal bis zum Ell­bo­gen hin­auf­ge­scho­ben. Trotz-

dem: Wer Gren­zen über­schrei­tet, wird zu­recht­ge­wie­sen. Al­ko­hol ist streng ver­bo­ten, so­gar in Ho­tels. Eben­so Fo­to­gra­fie­ren, es sei denn, man be­wegt sich in rein tou­ris­ti­schen Ge­gen­den. Wer mit Ka­me­ra oder Lap­top am fal­schen Ort er­wischt wird, muss da­mit rech­nen, we­gen Spio­na­ge­ver­dachts ver­haf­tet zu wer­den. Das klingt dras­tisch an­ge­sichts der freund­li­chen Men­schen, de­nen man auf der Stra­ße be­geg­net, ent­spricht aber der Rea­li­tät des ira­ni­schen Staa­tes. Auch „sen­si­ble Da­ten“auf Smart­pho­ne oder Ta­blet kön­nen zum Pro­blem wer­den, ich lösch­te vor­sichts­hal­ber Apps wie Face­book und Twit­ter, die im Iran ver­bo­ten sind. Ins­ta­gram ist üb­ri­gens er­laubt.

Trotz­dem setzt der Iran auf den Tourismus, den das Land, das vor al­lem von der Öl-, Gas- und Au­to­in­dus­trie lebt, in den nächs­ten Jah­ren kräf­tig aus­bau­en will. Ziel ist die Er­hö­hung der jähr­li­chen Be­su­cher­zah­len – von zu­letzt 5,2 Mil­lio­nen auf 20 Mil­lio­nen in 2025. Auf der Ba­sis von 1.700 US-Dol­lar (cir­ca 1.585 Eu­ro), die Tou­ris­ten im Durch­schnitt pro Per­son und Auf­ent­halt im Land lie­ßen, er­wirt­schaf­te­te der Iran 2015 acht Mil­li­ar­den US-Dol­lar (cir­ca 7,5 Mil­li­ar­den Eu­ro). Ent­spre­chend hoch sol­len die Ein­künf­te in den nächs­ten Jah­ren aus­fal­len. Vor­aus­ge­setzt na­tür­lich, die In­fra­struk­tur stimmt: Te­he­ran ist in Sa­chen Ho­tel­le­rie im Mo­ment deut­lich un­ter­ver­sorgt, das heißt, das An­ge­bot ist schnell aus­ge­bucht und die Stan­dards sind nied­ri­ger als in an­de­ren Tei­len der Welt.

Ho­tel­ket­ten in den Start­lö­chern

Zu den bes­ten An­la­gen ge­hö­ren der­zeit das Par­si­an Aza­di, das ira­ni­sche Bou­ti­queHo­tel Ara­mis und das opu­len­te Espi­nas Pa­lace. In­ter­na­tio­na­le Ket­ten ste­hen be­reits in den Start­lö­chern. Es gibt ein Ibis und ein No­vo­tel am Flug­ha­fen so­wie ei­ni­ge Ro­ta­nas. Die spa­ni­sche Me­liá-Grup­pe er­öff­net in die­sem Jahr mit dem Gran Me­liá Ghoo in Sal­man Sh­ahr ihr ers­tes 5-Ster­ne-Haus im Iran, und auch Ju­mei­rah Ho­tels wol­len sich hier nie­der­las­sen. Ins­ge­samt sol­len in den nächs­ten Jah­ren rund 125 neue Ho­tels im Land ge­baut wer­den. Ei­nes der größ­ten und lu­xu­riö­ses­ten Pro­jek­te in Te­he­ran wird der Di­dar Com­plex, der auf dem Dach ei­nes un­ter­ir- di­schen Park­hau­ses mit 1.700 Stell­plät­zen (ei­ne Ra­ri­tät in der Stadt) ent­steht. Der Turm wird 21.000 Qua­drat­me­ter Ver­kaufs­flä­che ha­ben, ein Ho­tel mit 270 Zim­mern und 56 Ser­viced Apart­ments und soll 2019 an der Af­ri­ca Ave­nue im Nor­den der Stadt er­öff­net wer­den. Ei­ner der Ent­wick­ler sag­te dem BU­SI­NESS TRA­VEL­LER: „Es kom­men ein paar gu­te Si­gna­le von der Re­gie­rung. Sie hal­ten ei­ne Men­ge Kon­fe­ren­zen ab und la­den ver­schie­de­ne Ho­tel­grup­pen ein – man spürt die Öff­nung.“Jen­ny Sout­han / Sa­bi­ne Ga­las

oben: Mo­der­ne: der Tohid Tun­nel un­ten: Tra­di­ti­on: die Zaid Mo­schee im gro­ßen Ba­sar

un­ten links: All­tags­ge­trie­be im gro­ßen Ba­sar un­ten rechts: der Aza­di To­wer (Frei­heits­turm)

Mit­te: Frau­en­ab­teil in der Me­tro un­ten: Neu­zu­gang aus Tou­lou­se: die A321 für Iran Air

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