IM KOS­MOS DER KÜNST­LE­RIN

Ein 500 Qua­drat­me­ter gro­ßes Fa­b­rik­loft mit­ten im Man­hat­ta­ner Sze­ne­vier­tel So­Ho wird zum Le­bens- und Ar­beits­raum ei­ner Künst­le­rin, die nicht nur in der Kunst vie­le Sti­le ver­eint.

Casa Deco - - Inhalt - TEXT KERS­TIN RO­SE RED. BE­AR­BEI­TUNG TERESA KNOCHE FOTOS CHRIS­TI­AN SCHAULIN

Mi­che­le Oka Do­ners Loft in New York lässt uns den Atem an­hal­ten

B etritt man Mi­che­le Oka Do­ners Loft in New York, weiß man nicht, wo man zu­erst hin­schau­en soll. Der schwe­re Las­ten­auf­zug be­för­dert den Be­su­cher vom ge­schäf­ti­gen Trei­ben im ex­klu­si­ven Sze­ne­vier­tel So­Ho, Man­hat­tan di­rekt in das pri­va­te Reich der Künst­le­rin. Auf 500 Qua­drat­me­tern stellt sie ih­re Wer­ke aus, manns­ho­he Skulp­tu­ren aus Wachs, me­ter­ho­he schwarz-weiß Zeich­nun­gen so­wie klei­ne Ob­jek­te ge­gos­sen aus Sil­ber und Bron­ze. Sie al­le spie­geln For­men aus der Na­tur wi­der: St­ei­ne, Äs­te, Koral­len, Mu­scheln und Ab­bil­dun­gen des mensch­li­chen Kör­pers. Zwi­schen der Kunst ste­hen Sitz­ge­le­gen­hei­ten, zu­meist ei­ge­ne Ent­wür­fe von Mi­che­le Oka Do­ner so­wie Ti­sche un­ter­schied­lichs­ter For­men. Dar­auf hat sie ih­re Samm­lun­gen dra­piert: Ge­gen­stän­de aus der Na­tur, ge­fun­den wäh­rend lan­ger Spa­zier­gän­ge zum Bei­spiel am Meer in Mia­mi, wo sie auf­ge­wach­sen ist. All die­se Ge­gen­stän­de – Hül­sen, Scha­len, Sa­men – hebt sie auf we­gen ih­rer Schön­heit, aber auch, weil sie ihr ein­mal als In­spi­ra­ti­on die­nen könn­ten. „Seit ich den­ken kann, muss ich et­was mit mei­nen Hän­den ma­chen“, er­zählt Mi­che­le Oka Do­ner. „Ich samm­le,

ord­ne und ir­gend­wann trans­for­mie­re ich die Din­ge zu et­was Neu­em.“Den rie­si­gen, hel­len Raum mit den gro­ßen Spros­sen­fens­tern be­zeich­net Mi­che­le Oka Do­ner als Höh­le und fügt er­klä­rend hin­zu: „Wie ei­ne Höh­le kann man auch ein Loft neu ge­stal­ten, im­mer wie­der um­bau­en, ge­ra­de für die Zwe­cke, die man ver­folgt.“

DAS LOFT DIENT DER KÜNST­LE­RIN ALS IN­SPI­RA­TI­ONS­QUEL­LE

Frü­her, vor mehr als 35 Jah­ren, war So­Ho ein In­dus-trie­vier­tel. Da­mals leb­te die Künst­le­rin mit ih­ren zwei klei­nen Kin­dern und ih­rem Mann Fred, der in der Wer­be­bran­che ar­bei­te­te, in De­troit. Als sie durch ei­nen Ar­ti­kel in der New York Ti­mes auf den auf­stre­ben­den Stadt­teil auf­merk­sam wur­de und las, dass Künst­ler leer­ste­hen­de Fa­b­rik­eta­gen zum Ar­bei­ten und Le­ben be­zo­gen, war ihr so­fort klar: „So will ich auch woh­nen“. Kurz dar­auf kauf­te die jun­ge Fa­mi­lie in So­Ho ei­ne Eta­ge in ei­ner ehe­ma­li­gen Knopf­fa­brik und be­auf­trag­te ei­nen New Yor­ker Ar­chi­tek­ten mit dem Um­bau. Er gab dem Raum mit den Ju­gend­stil­säu­len ei­ne ei­ge­ne Struk­tur und schuf in der Mit­te ei­ne Art ita­lie­ni­scher„Piaz­za“. L-För­mig da­zu bau­te er ei­ne Zwi­schene­ta­ge in den bei­na­he 6 Me­ter ho­hen Raum. Dar­auf be­fin­den sich das Schlaf- und An­klei­de­zim­mer so­wie ein Bü­ro, dar­un­ter ein klei­nes Wohn­zim­mer, WC und ei­ne Werk­statt. Die Zwi­schene­ta­ge um­gibt ein or­ga­nisch ge­form­ter Gang mit Ba­lus­tra­den und klei­nen Bal­ko­nen, so dass man Aus­sich­ten auf die Piaz­za und den Kü­chen- und Ess­be-reich hat. Von dort oben er­kennt man nicht nur die

Struk­tur der Piaz­za son­dern auch die der Zwi­schen-eta­ge, die wie ein­zel­ne Häu­ser ei­nes klei­nen Dor­fes an­mu­tet. Von hier oben zu er­ken­nen gibt sich auch Mi­che­le Oka Do­ners ganz per­sön­li­ches Ord­nungs­prin­zip. Wie In­seln in­mit­ten der Kunst­wer­ke fun­gie­ren die guss­ei­ser­nen, run­den Ti­sche mit ih­ren fest in­stal­lier­ten, eben­falls run­den Sitz­flä­chen. Der ei­ne ist mit Gold­fisch­glä­sern und Fund­stü-cken ge­schmückt. Der an­de­re dient der Künst­le­rin als ei­ne Art groß­for­ma­ti­ger „To do Lis­te“. Dort lie­gen der Wich­tig­keit nach im Uhr­zei­ger­sinn ge­ord­net ver­schie­de In­for­ma­tio­nen zu Pro­jek­ten so­wie di­ver­se Brie­fe und Un­ter­la­gen. Von dort ge­lan­gen die Sa­chen dann zur Wei­ter­be­ar­bei­tung auf den Schreib­tisch, der sich gleich an­schließt.

INDUSTRIECHARME TRIFFT AUF KUNST

In roll­ba­ren Abla­gen be­fin­den sich wohl ge­ord­net die de­tail­lier­ten Ma­te­ri­al-samm­lun­gen von Mi­che­le Oka Do­ner. Schrei­tet man dar­an vor­bei ge­langt man in die rus­ti­ka­le Werk­statt, wo die Künst­le­rin vor al­lem ih­re Wachs-skulp­tu­ren formt. Auch hier, trotz der über­bor­den­den Fül­le, ist al­les an sei­nem Platz und nicht ein­mal ein Staub­teil­chen fliegt um­her. „Es ist al­les sehr gut or­ga­ni­siert“, er­klärt die apar­te La­dy mit dem stren­gen Haar­kno­ten lä­chelnd und man glaubt es ihr auf’s Wort. Die 68jäh­ri­ge blickt dank ih­rer be­wun­derns­wer­ten Dis­zi­plin auf ei­ne sehr lan­ge Kar­rie­re zu­rück, die mit gro­ßen Auf­trags­ar­bei­ten für den öf­fent­li­chen Raum so­wie vie­len Ein­zel­aus­stel­lun­gen in New York, Rom oder Mia­mi auf­war­tet. Und ge­ra­de hat sie be­gon­nen, sich auf ih­re künst­le­ri­schen Wur­zeln zu be­zie­hen und wie­der mit dem Zeich­nen an­zu­fan­gen. Nur ei­nes wird sich be­stimmt nicht mehr ver­än­dern: „Ich wüß­te wirk­lich nicht, wo ich in New York lie­ber le­ben woll­te, als hier“, sagt Mi­che­le Oka Do­ner und schaut sich zu­frie­den um in ih­rem pri­va­ten Kos­mos mit­ten in So­Ho.

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