DIE KRI­SE ALS CHAN­CE

VIE­LE UHRENMARKEN HA­BEN SICH ZU LAN­GE AUF CHI­NA VER­LAS­SEN. JETZT, WO DIE NACH­FRA­GE VON DORT SPÜR­BAR AB­NIMMT, MÜS­SEN SIE IH­RE PREIS­PO­LI­TIK ÜBER­DEN­KEN.

Chronos - - Editorial - Rü­di­ger Bu­cher, Chef­re­dak­teur

MIT­TEN IN der schöns­ten Ur­laubs­zeit wa­ren aus der Lu­xus­uh­ren­in­dus­trie schlech­te Nach­rich­ten zu ver­neh­men. Die Swatch Group prä­sen­tier­te im Ju­li ih­re Halb­jah­res­zah­len und muss­te ein­ge­ste­hen, dass sich der Kon­zern­um­satz im Ver­gleich zum Vor­jahr um 11,4 Pro­zent, der Kon­zern­ge­winn gar um 52 Pro­zent ver­schlech­tert hat­ten. Auch vie­le Mar­ken des Ri­che­mont-kon­zerns muss­ten deut­li­che Um­satz­ver­lus­te hin­neh­men.

Das hat Grün­de. Der wich­tigs­te liegt in der Kauf­zu­rück­hal­tung der Chi­ne­sen. Der Lu­xus­uh­ren­markt hat in den letz­ten zehn, zwölf Jah­ren enorm von der gro­ßen chi­ne­si­schen Nach­fra­ge pro­fi­tiert. Chi­ne­sen kauf­ten Uh­ren gera­de­zu mas­sen­wei­se – für sich, für Fa­mi­li­en­mit­glie­der, aber auch als Ge­schen­ke für Ge­schäfts­part­ner. Da das Preis­ni­veau in Chi­na selbst sehr hoch ist, shopp­ten vie­le lie­ber auf Aus­lands­rei­sen, vor al­lem in Eu­ro­pa. Städ­te wie Pa­ris, Frank­furt, Mün­chen, aber auch vie­le Shops in in­ter­na­tio­na­len Flug­hä­fen pro­fi­tier­ten enorm von die­ser Nach­fra­ge und ent­spre­chend die je­wei­li­gen Uh­ren­her­stel­ler. Die chi­ne­si­sche Re­gie­rung hat die­ser Kauf­lust im­mer en­ge­re Gren­zen ge­setzt: Zur chi­ne­si­schen Mehr­wert­steu­er von 17 Pro­zent und ei­ner Ein­fuhr­um­satz­steu­er von 12 Pro­zent kam vor we­ni­gen Jah­ren die 20-pro­zen­ti­ge Lu­xus­steu­er. Wer beim Schmug­geln er­wischt wird, zahlt noch ein­mal drauf. Chi­na hat zu­letzt die frü­her oft la­schen Kon­trol­len ver­schärft. Er­geb­nis: Chi­ne­sen kau­fen im­mer noch im Aus­land, aber sie kau­fen mehr preis­wer­te Uh­ren und we­ni­ger Mo­del­le ins­ge­samt. Im­mer mehr Tou­ris­ten er­wer­ben nur ei­ne Uhr für sich selbst. Da­zu kommt, dass Rei­se­län­der wie Ja­pan und Süd­ko­rea at­trak­ti­ver ge­wor­den sind; nicht zu­letzt hält ei­ne stei­gen­de Ter­ror­angst im­mer mehr Chi­ne­sen vom Be­such Eu­ro­pas ab.

Die­se Kauf­zu­rück­hal­tung spü­ren die Mar­ken jetzt. Sie lässt die Um­satz­zah­len ein- bre­chen. Pro­ble­me ha­ben vor al­lem je­ne Mar­ken, die sich zu sehr auf den chi­ne­si­schen Kauf­rausch ver­las­sen und die ein­hei­mi­sche Kund­schaft ver­nach­läs­sigt ha­ben. Da­bei ist die Lust an schö­nen Uh­ren hier­zu­lan­de nicht ge­rin­ger als frü­her, zu­mal die an­hal­tend nied­ri­gen Zin­sen die Kon­sum­freu­de wei­ter an­trei­ben.

Wer jetzt er­folg­reich ist – und war­um

Um er­folg­reich zu sein, soll­ten die Mar­ken ih­re Preis­po­li­tik über­den­ken. In den Boom­jah­ren war für vie­le die Ver­su­chung ein­fach zu groß, im­mer teu­re­re Uh­ren her­aus­zu­brin­gen und zu­dem für be­ste­hen­de Mo­del­le die Prei­se stark zu er­hö­hen. Ver­ges­sen wur­de da­bei, dass die Py­ra­mi­de nach oben hin spitz wird; dort ist nicht für je­den Platz.

In­ter­es­sant ist, wel­che Mar­ken zur­zeit er­folg­reich sind: näm­lich sol­che, die ih­ren an­ge­stamm­ten Preis­be­reich nie ver­las­sen ha­ben – wie Lon­gi­nes – oder ihn durch neue, „jun­ge“und güns­ti­ge­re Pro­duk­te wie­der stär­ken – wie TAG Heu­er. Da­zu Mar­ken wie Mont­blanc oder Frédé­ri­que Con­stant, die in­ter­es­san­te Funk­tio­nen zu ei­nem at­trak­ti­ven Preis an­bie­ten. Auch IWC re­agiert und bringt im Herbst neue In­ge­nieur-chro­no­gra­phen mit ei­nem neu­en ei­ge­nen Ka­li­ber, die güns­ti­ger sind als bis­he­ri­ge Ma­nu­fak­tur­chro­no­gra­phen der Mar­ke. Und Mar­ken mit gro­ßem Image und erst­klas­si­gem Wie­der­ver­kaufs­wert wie Pa­tek Phil­ip­pe und Ro­lex steu­ern eben­falls recht ent­spannt durch die Kri­se. Si­cher wer­den wir in den nächs­ten Mo­na­ten noch das ein oder an­de­re neue Uh­ren­mo­dell se­hen, das viel Leis­tung mit ei­nem ver­nünf­ti­gen Preis ver­bin­det.

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