UHR OH­NE UN­RUH

TEXT RÜ­DI­GER BU­CHER Ze­nith baut ein me­cha­ni­sches Uhr­werk, wie es noch nie ei­nes ge­ge­ben hat.

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HIER IST DAS WORT „RE­VO­LU­TI­ON“

wirk­lich ein­mal an­ge­bracht: Ze­nith prä­sen­tiert ein völ­lig neu­ar­ti­ges me­cha­ni­sches Uhr­werk. Das Ka­li­ber ZO 342, das im neu­en Mo­dell De­fy Lab de­bü­tiert, ver­fügt nicht über ei­ne her­kömm­li­che Hem­mung mit run­der Un­ruh und Spi­ral­fe­der, son­dern über ei­nen neu­ar­ti­gen Gan­g­reg­ler, der aus ei­nem ein­zi­gen Stück mo­no­kris­tal­li­nen Si­li­zi­ums be­steht. Die­ser Gan­g­reg­ler mit dem Na­men Sé­mon-os­zil­la­tor er­setzt ne­ben Un­ruh und Spi­ra­le auch den be­kann­ten An­ker.

Was hat der Kun­de da­von? Ze­nith spricht von ei­ner um den Fak­tor zehn hö­he­ren Gang­ge­nau­ig­keit der Uhr: Die durch­schnitt­li­che täg­li­che Gan­g­ab­wei­chung der De­fy Lab soll le­dig­lich 0,3 Se­kun­den am Tag be­tra­gen. Zum Ver­gleich: Die of­fi­zi­el­le Schwei­zer Chro­no­me­ter­prüf­stel­le COSC er­laubt pro La­ge (Zif­fer­blatt oben, Kro­ne un­ten etc.) Wer­te zwi­schen –4 und +6 Se­kun­den in 24 St­un­den, Ro­lex re­gu­liert sei­ne Uh­ren mit ± 2 Se­kun­den pro Tag ein.

Er­mög­licht wird die­se Prä­zi­si­on durch ei­ne für mecha­ni­sche Uh­ren un­ge­wöhn­lich ho­he Fre­quenz von 15 Hertz, das ent­spricht 108000 Halb­schwin­gun­gen pro St­un­de (A/h), bei ei­ner Am­pli­tu­de von ge­ra­de ein­mal ± 6 Grad ge­gen­über rund 300 Grad bei ei­ner klas­si­schen Un­ruh. Bis­her galt das Chro­no­gra­phen­werk El Pri­me­ro, eben­falls von Ze­nith, mit fünf Hertz (= 36000 A/h) be­reits als Schnell­schwin­ger. Trotz der enorm ho­hen Fre­quenz be­sitzt das neue Uhr­werk ei­ne ho­he Gan­g­re­ser­ve von 60 St­un­den. Laut Aus­sa­ge von Ze­nith soll sie mehr als 95 Pro­zent die­ser Zeit – al­so et­wa 57 St­un­den lang – ih­re oben er­wähn­te ho­he Gang­ge­nau­ig­keit be­hal­ten.

Mo­derns­te Si­li­zi­um­tech­nik

Und es gibt wei­te­re Vor­tei­le: Da der Gan­g­reg­ler aus Si­li­zi­um be­steht, ist er weit­ge­hend un­emp­find­lich ge­gen­über Tem­pe­ra­tur­schwan­kun­gen, Schwer­kraft­ein­flüs­sen und Ma­gnet­fel­dern, und es ist kei­ne Schmie­rung (durch Öle oder Fet­te, die al­tern könn­ten) nö­tig, zu­mal kon­struk­ti­ons­be­dingt kei­ne Tei­le di­rekt mit­ein­an­der in Kon­takt ste­hen. Er­mög­licht wird so ei­ne Kon­struk­ti­on durch den Ein­satz mo­derns­ter Si­li­zi­um­tech­nik, in der man im Li­ga-ver­fah­ren auf so­ge­nann­ten Wa­fers kom­ple­xe zwei­di­men­sio­na­le For­men her­stel­len kann, die sich mit her­kömm­li­chen Stahl­tei­len nicht rea­li­sie­ren las­sen wür­den.

Er­son­nen hat das neue Werk mit der re­vo­lu­tio­nä­ren Tech­nik Guy Sé­mon, CEO des In­sti­tuts für For­schung und Ent­wick­lung der LVMH Watch Di­vi­si­on, zu der ne­ben Ze­nith auch TAG Heu­er und Hu­blot ge­hö­ren. Sé­mon hat­te be­reits wäh­rend sei­ner Zeit bei TAG Heu­er ex­trem

schnell schwin­gen­de Chro­no­gra­phen kon­stru­iert, die kleins­te Zeit­span­nen bis zu ei­ner Zwei­tau­sends­tel­se­kun­de mes­sen konn­ten. Seit die­ser Zeit hat­te er sich mit der Fra­ge be­schäf­tigt, wie sich die da­bei ge­won­nen Er­kennt­nis­se mit­hil­fe der Si­li­zi­um­tech­no­lo­gie da­zu nut­zen las­sen könn­ten, die Per­for­mance me­cha­ni­scher Uh­ren zu ver­bes­sern.

Zum Start bringt Ze­nith genau zehn Uh­ren mit der neu­en Tech­no­lo­gie auf den Markt: zehn in­di­vi­du­el­le Ein­zel­stü­cke un­ter dem Na­men De­fy Lab, die sich nur in der Farb­ge­bung un­ter­schei­den. Al­len ge­mein­sam ist ein eben­falls neu­ar­ti­ges Ge­häu­se aus Ae­ro­nith, ei­nem ex­trem leich­ten Alu­mi­ni­um-com­po­si­te, das Ze­nith in­hou­se ent­wi­ckelt hat. Es be­steht aus ei­nem so­li­den Me­tall­schwamm, des­sen gleich­mä­ßig ver­teil­te Po­ren mit ei­nem Com­po­si­te-ma­te­ri­al ver­steift sind.

Das Ae­ron­tih ist 2,7-mal leich­ter als Ti­tan und 1,7mal leich­ter als Alu­mi­ni­um. Auch sind al­le Uh­ren drei­fach zer­ti­fi­ziert, un­ter an­de­rem durch ein Chro­no­me­ter­zer­ti­fi­kat des Ob­ser­va­to­ri­ums Be­s­ançon. Die Ma­gnet­feld­re­sis­tenz gibt Ze­nith mit 88000 Am­pe­re pro Me­ter oder 1100 Gauß an – mehr als bei Uh­ren mit her­kömm­li­chem Weich­ei­sen­kä­fig, aber we­ni­ger als die Mas­ter Chro­no­me­ter von Ome­ga oder die von Ze­nith im Früh­jahr 2017 vor­ge­stell­te De­fy El Pri­me­ro 21. [2112]

li­che re­le­van­te Wer­te für die Teams, die Renn­lei­tung und die Zu­schau­er im Ziel. Das Com­pu­ter­sys­tem ver­fügt über ei­ne Not­strom­ver­sor­gung, da­mit auch bei ei­nem Strom­aus­fall die Zeit­nah­me ge­si­chert ist.

Beim Zeit­fah­ren, das fes­ter Be­stand­teil der Tour ist, und bei dem die Fah­rer ein­zeln star­ten, wird die Zeit im Ziel über Fo­to­zel­len er­mit­telt. Für die Mas­sen­sprints im Ziel bei den nor­ma­len Etap­pen, bei de­nen die Fah­rer manch­mal nur Mil­li­me­ter aus­ein­an­der lie­gen, reicht die Ge­nau­ig­keit der Sen­der am Rad nicht aus. Des­halb gibt es bei der Zi­el­li­nie Hoch­ge­schwin­dig­keits­ka­me­ras, die Fo­to­fi­nish-da­ten lie­fern. Die­se Ge­rä­te müs­sen ab­so­lut er­schüt­te­rungs­frei in­stal­liert und prä­zi­se aus­ge­rich­tet sein. Für die Tour gibt es auf bei­den Sei­ten der Zi­el­li­nie Ka­me­ras, falls ein Fah­rer ei­nen an­de­ren ver­deckt. Die­se Ka­me- ras schie­ßen 1000 Bil­der pro Se­kun­de und kön­nen das Ge­sche­hen auf der Zi­el­li­nie so prä­zi­se wie­der­ge­ben, dass Po­si­tio­nen und Zei­ten genau fest­ge­legt wer­den kön­nen.

Dass meh­re­re Fah­rer na­he­zu zeit­gleich ins Ziel kom­men, ist üb­ri­gens eher die Re­gel als die Aus­nah­me, und oft er­rei­chen nach der ers­ten Grup­pe wei­te­re Grup­pen das Ziel, in­ner­halb de­rer um Plat­zie­run­gen ge­kämpft wird. 2016 gab es da­her 4253 Fo­to­fi­nis­hAus­wer­tun­gen. Da­bei konn­te die Po­si­ti­on von Fah­rern be­stimmt wer­den, die teil­wei­se nur vier Mil­li­se­kun­den nach­ein­an­der ins Ziel ka­men. Die Ka­me­ras und Zeit­mess­sys­te­me wer­den von Swiss Ti­ming selbst ent­wi­ckelt und stän­dig ver­bes­sert. Ein gro­ßer Auf­wand al­so, der hin­ter den Ku­lis­sen ge­trie­ben wird, da­mit die Zei­ten und der Sie­ger beim größ­ten Rad­ren­nen der Welt stim­men. [1425]

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