„DAS IST EI­NE GLAS­HÜT­TER TRADITIONSMARKE. SIE HAT EI­NE HIS­TO­RIE. WIR MÜS­SEN SIE NUT­ZEN.“

Chronos - - Dieter Delecate -

Er­fah­rung ma­chen, dass er sich mit sei­nen Mar­ken, zu de­nen auch die von Ernst Kurtz ge­hör­te, nicht ge­gen die preis­wer­te Kon­kur­renz aus Pforz­heim durch­set­zen konn­te. So er­warb er 1960 die Mar­ken­rech­te an Tutima und star­te­te die Tutima Uh­ren­fa­brik Gm­bh in Gan­der­ke­see. Die­ses Un­ter­fan­gen war nicht oh­ne Ri­si­ko, denn in der wirt­schaft­lich auf­stre­ben­den Bun­des­re­pu­blik kann­te nie­mand den Na­men Tutima. Selbst Dele­ca­tes Mit­ar­bei­ter im Ver­trieb ver­stan­den sei­ne Ent­schei­dung nicht. Er aber blieb hart­nä­ckig: „Das ist ei­ne Glas­hüt­ter Traditionsmarke. Sie hat ei­ne His­to­rie. Wir müs­sen sie nut­zen.“

Mit ei­nem Dut­zend Uhrmacher, die Wer­ke und Uh­ren zu­sam­men­bau­en konn­ten, re­launch­te Dele­ca­te Tutima, zu­erst Da­men-, dann Her­ren­uh­ren. Nie­mand freu­te sich dar­über mehr als Kurtz. Dele­ca­te be­sitzt bis heu­te ei­nen pri­va­ten Brief, in dem Kurtz schreibt: „Ich be­trach­te Die­ter Dele­ca­te als mei­nen Nach­fol­ger.“

„Dr. Kurtz war et­was über­rascht“, er­zählt Dele­ca­te. „Er schrieb an je­man­den: ‚Dele­ca­te ist klü­ger als ich, denn er be­nutzt die Mar­ke Tutima. Das ist ein gro­ßer Er­folg.‘ Aber da irr­te er sich. Es war schwie­rig. Er hat­te Recht ge­habt da­mit, sei­ne Zif­fer­blät­ter mit ‚Glas­hüt­ter Tra­di­ti­on‘ zu be­dru­cken.“

Beim Start gab es vie­le Pro­ble­me, zum Bei­spiel die Be­schaf­fung von Tei­len für die Wer­ke­fer­ti­gung. Da­mals konn­te man kei­ne kom­plet­ten Wer­ke kau­fen. Aber die Pforz­hei­mer Zu­lie­fe­rer mach­ten Dele­ca­te das Le­ben schwer: „Die Pforz­hei­mer sa­hen uns Nord­deut­sche als Kon­kur­ren­ten und hat­ten kei­ne gro­ße Lust, uns zu be­lie­fern.“Al­so kauf­te er in Frank­reich ein.

Zur glei­chen Zeit er­wuchs dem klas­si­schen Uh­ren­fach­han­del in Deutsch­land ei­ne neu­ar­ti­ge Kon­kur­renz in Gestalt der Kauf­häu­ser. Doch sie wa­ren für ei­ne mit­tel­prei­si­ge Mar­ke wie Tutima ta­bu, weil die Ju­we­lie­re je­de Mar­ke boy­kot­tier­ten, die ver­such­te, die Kauf­häu­ser zu be­lie­fern. „Es war wirk­lich schwer für uns“, sagt Dele­ca­te. „Doch 1969 las ich ir­gend­wo, dass in Hong­kong Uh­ren­ge­häu­se und -zif­fer­blät­ter ge­fer­tigt wer­den.“Und Dele­ca­te fuhr hin.

Als er in Hong­kong ei­nen Uh­ren­ge­häu­se­her­stel­ler be­such­te, sah er, dass er nicht als Ers­ter auf die Idee mit Hong­kong ge­kom­men war: Dort sta­pel­ten sich be­reits Kar­tons, die an ei­ne da­mals wohl­be­kann­te Pforz­hei­mer Mar­ke adres­siert wa­ren. Das be­stä­tig­te Dele­ca­te in sei­nem Vor­ha­ben, und er be­stell­te auf der Stel­le 8000 Edel­stahl­ge­häu­se so­wie Zif­fer­blät­ter.

Nun, da Dele­ca­te preis­güns­ti­ge, aber qua­li­ta­tiv gu­te Kom­po­nen­ten aus Fer­n­ost be­zog – für die Wer­ke kauf­te er nach wie vor Tei­le aus Frank­reich – nahm Tutima lang­sam Fahrt auf. Und auch mit den Kauf­häu­sern kam er nun ins Ge­schäft, wenn­gleich nicht mit Tutima: Er

be­lie­fer­te Kar­stadt mit Pri­va­te-la­bel-uh­ren, de­ren Zif­fer­blät­ter mit ver­schie­de­nen Haus­mar­ken be­druckt wa­ren. 25 Jah­re lang blieb er ei­ner von Kar­stadts wich­tigs­ten Uh­ren­lie­fe­ran­ten.

In der Zwi­schen­zeit bau­te er Tu­ti­mas Image als Mar­ke für ro­bus­te, sport­li­che Uh­ren aus. Sein Sohn Jörg er­in­ner­te sich, wie er 1973, als neun­jäh­ri­ger Schü­ler, sei­ne Uhr beim Schwimm­un­ter­richt an­ließ: „Ich hat­te ei­ne rich­ti­ge Sportuhr, ei­ne mecha­ni­sche Tutima-tau­cher­uhr mit Drehlü­net­te, Leucht­in­de­xen und Gum­mi­band. Ich trug als Ein­zi­ger mei­ne Uhr im Be­cken. Die an­de­ren, auch der Leh­rer, sag­ten: ‚Du hast noch dei­ne Uhr an!‘ Und ich ent­geg­ne­te: ‚Klar, sie ist ja was­ser­dicht!‘ Das war da­mals sehr un­ge­wöhn­lich. Mein Va­ter mach­te be­reits vie­le rich­tig wi­der­stands­fä­hi­ge Uh­ren.“

Durch die Quarz­kri­se der Sieb­zi­ger steu­er­te Die­ter Dele­ca­te sehr ge­schickt. In­zwi­schen kann­te er die ost­asia­ti­schen Uh­ren­zen­tren sehr gut. Er kon­zen­trier­te sich bei Tutima ganz auf Quarz­uh­ren, gab aber bald die Di­gi­tal­uh­ren auf und be­gann, qua­li­ta­ti­ve Quarz-ana­log­uh­ren in Gan­der­ke­see zu pro­du­zie­ren, mit Wer­ken aus der Schweiz und wei­te­ren Kom­po­nen­ten aus Asi­en. Doch war­um soll­te er den Groß­teil der Ein­zel­tei­le nach Deutsch­land trans­por­tie­ren, wenn er sie viel ein­fa­cher in Hong­kong selbst zu­sam­men­bau­en könn­te? So grün­de­te er 1979 sei­ne ei­ge­ne Quarz­uh­ren­fir­ma in Hong­kong, die Tutima Hong Kong Ltd., und zog drei Jah­re spä­ter selbst dort­hin; seit­dem lebt und ar­bei­tet er so­wohl an sei­nem Haupt­wohn­sitz in Hong­kong als auch in Deutsch­land. 2002 grün­de­te er mit gro­ßem Er­folg die Mar­ke Boc­cia Ti­ta­ni­um, mo­di­sche Quarz­uh­ren, die er in sei­ner Hong­kon­ger Fa­b­rik her­stellt. Üb­ri­gens ge­hört auch An­ge­la Mer­kel zu den Trä­gern der Mar­ke.

den zi­vi­len Markt. Das war al­ler­dings noch et­was früh für ei­ne so di­cke Uhr, denn Mit­te der Acht­zi­ger wa­ren vor al­lem fla­che Quarz­uh­ren aus Ja­pan an­ge­sagt. Doch Dele­ca­te be­saß den rich­ti­gen In­stinkt. Ob­wohl der Er­folg auf sich war­ten ließ und auch sei­ne Au­ßen­dienst­ler ihn für un­ver­käuf­lich an­sa­hen, hielt er am NATO Chro­no fest und bau­te die Kol­lek­ti­on mit der Zeit so­gar aus. Bis zum heu­ti­gen Tag ge­hört der Chro­no­graph zur Stan­dard­aus­rüs­tung der Bun­des­wehr, die in Nord­deutsch­land zwei Werk­stät­ten zur Re­pa­ra­tur die­ser Uh­ren un­ter­hält.

Mit­te der Acht­zi­ger war der NATO Chro­no sei­ner Zeit vor­aus. Aber er nahm be­reits die Trends vor­weg, die die Uh­ren­sze­ne in den Neun­zi­gern be­stim­men soll­ten: mecha­ni­sche Uh­ren und vor al­lem Chro­no­gra­phen und Flie­ge­ruh­ren. Und mit dem NATO Chro­no ver­band Dele­ca­te so­gar erst­mals die wie­der­ge­grün­de­te Tutima mit den The­men Glas­hüt­te und Flie­ge­rei. In ei­ner Wer­be­bro­schü­re für die Uhr bil­de­te Dele­ca­te 1989 den Tutima Flie­ger­chro­no­gra­phen von 1941 ab, den Ernst Kurtz für die Luft­waf­fe pro­du­ziert hat­te. Im Text hieß es: „Deutsch­lands ers­ter Arm­band­chro­no­graph war ei­ne Tutima. Die­ser Tutima Flie­ger­chro­no­graph wur­de An­fang der 1940er Jah­re in Glas­hüt­te ent­wi­ckelt und ge­hör­te zur Stan­dard­aus­rüs­tung der da­ma­li­gen Luft­waf­fe.“Jörg Dele­ca­te er­in­nert sich an die po­si­ti­ven Re­ak­tio­nen auf die­se Bro­schü­re: „Die Leu­te sag­ten: ‚Was für ei­ne schö­ne Uhr! Wenn Sie so ei­ne wie­der her­stel­len, kau­fe ich sie so­fort!“

Der Fall der Ber­li­ner Mau­er im Herbst 1989 brach­te es mit sich, dass Dele­ca­te sich ei­nen lang ge­heg­ten Traum er­fül­len konn­te: Er fuhr bald da­nach von Gan­der­ke­see nach Glas­hüt­te, um den Ur­sprungs­ort Tu­ti­mas zu be­su­chen. Dele­ca­te woll­te Kurtz mit­neh­men, doch der muss­te we­gen Krank­heit ab­sa­gen, ver­wies den Tutima-chef aber an ei­nen sei­ner al­ten Freun­de aus Glas­hüt­ter Ta­gen, Pe­ter Schö­ne. Dele­ca­te: „Ich ging als Ers­tes zu Schö­ne und über­reich­te ihm ei­nen Brief mit den Grü­ßen von Dr. Kurtz. Wir spra­chen lan­ge mit­ein­an­der. Er war es, der mir mei­nen ers­ten Ein­druck von Glas­hüt­te ver­mit­tel­te.“Das Ein­zi­ge, was vor Ort noch an Tutima er­in­ner­te, war das al­te Ufag-ge­bäu­de, in dem die Tutima-uh­ren pro­du­ziert wor­den wa­ren. Es stand meh­re­re Jah­re zum Ver­kauf, wur­de aber schließ­lich ab­ge­ris­sen. Dele­ca­te lo­te­te die Chan­cen aus, Tutima wie­der nach Glas­hüt­te zu brin­gen. Er traf sich mehr­mals mit der Lei­tung des VEB Glas­hüt­ter Uh­ren­be­trie­be (GUB), aber „es war zu früh, und es war nicht ein­fach. Ich hat­te mei­ne Leu­te in Gan­der­ke­see, und hier war ein Un­ter­neh­men nach kom­mu­nis­ti­schem Mo­dell mit 2000 Mit­ar­bei­tern.“Ei­nes Ta­ges rief Hans-jürgen Müh­le, der 1994 sein ei­ge­nes Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men wie­der grün­den soll­te, Dele­ca­te an und er­zähl­te ihm, dass die VDO, der da­mals IWC und Ja­e­ger-le­coult­re ge­hör­ten, vor­hat­te, die Mar­ke A. Lan­ge & Söh­ne wie­der­zu­be­le­ben, zu­sam­men mit Wal­ter Lan­ge, dem Uren­kel von Fer­di­nand Adolph Lan­ge. Das neue Un­ter­neh­men soll­te von Gün­ter Blüm­lein, dem deut­schen Chef von IWC und Ja­e­gerLe­coult­re, ge­führt wer­den. „Ich dach­te: Oh Gott, was soll ich tun?“, er­in­nert sich Dele­ca­te. „Da war ein Kon­zern, der gro­ße Plä­ne hat­te. Ich muss­te mei­nen Plan, mit Tutima nach Glas­hüt­te zu ge­hen, über­den­ken. Und ich ging nicht.“

Vor­erst. Doch der Ge­dan­ke blieb, wie auch Jörg Dele­ca­te be­stä­tigt: „Uns war klar, dass Tutima nach Glas­hüt­te ge­hört.“

eben­falls mit Ka­li­ber 521, da­ne­ben gibt es mit der M2 Se­ven Seas ei­ne Tau­cher­uhr mit schwar­zem und blau­em Zif­fer­blatt (ab 1670 Eu­ro).

Die Se­rie Grand Flie­ger wie­der­um be­zieht sich auf den his­to­ri­schen Flie­ger­chro­no­gra­phen von 1941, mit grö­ße­ren Ge­häu­sen von 43 Mil­li­me­tern Durch­mes­ser so­wohl für die Chro­no­gra­phen (mit Ba­sis­ka­li­ber Val­joux 7750) als auch für die Au­to­ma­tik­uh­ren (Ba­sis Eta 2836). Da­bei un­ter­teilt sich die Se­rie Grand Flie­ger in die Un­ter­for­men Clas­sic mit Vin­ta­ge-op­tik und die mo­der­ne­re Air­port. Die Prei­se rei­chen von 1900 bis 4200 Eu­ro.

Da­zu gibt es die Ro­sé­gold­mo­del­le. Nach der oben er­wähn­ten li­mi­tier­ten Mi­nu­ten­re­pe­ti­ti­on „Hom­mage“steht hier die Li­nie Pa­tria im Zen­trum, die es als ele­gan­te Drei­zei­ge­ruhr oder mit der Zu­satz­funk­ti­on ei­ner zwei­ten Zeit­zo­ne gibt. Für die­se Uh­ren ver­wen­det Tutima sei­ne Ma­nu­fak­tur­ka­li­ber 617 be­zie­hungs­wei­se 619 mit Hand­auf­zug; das Ka­li­ber 617 ist da­bei das Ba­sis­ka­li- ber der Hom­mage. 2017, zum 90. Ge­burts­tag der Mar­ke, prä­sen­tier­te Tutima, eben­falls in Ro­sé­gold, den Chro­no­gra­phen Tem­pos­topp. Mit ihm schließt sich ge­wis­ser­ma­ßen der Kreis, denn sein in der Ma­nu­fak­tur kon­stru­ier­tes, ge­fer­tig­tes und fi­nis­sier­tes Ka­li­ber T659 mit 236 Be­stand­tei­len ist ei­ne Re­mi­nis­zenz an das his­to­ri­sche Chro­no­gra­phen­ka­li­ber 59 von Tutima, das ei­ne Fly­back-funk­ti­on be­saß – da­mals „Tem­pos­topp“ge­nannt. Dem Ju­bi­lä­um ent­spre­chend ist die Uhr auf 90 Ex­em­pla­re li­mi­tiert und so­wohl mit ara­bi­schen Zif­fern als auch mit In­de­xen für je 13800 Eu­ro er­hält­lich.

Pro­duk­te wie die­ses zei­gen, wo­zu Tutima 2017 (und in Zu­kunft) in der La­ge ist. Mit der Rück­kehr nach Glas­hüt­te be­gann ein neu­es, span­nen­des Ka­pi­tel für Tutima als Ma­nu­fak­tur. Als ich Dele­ca­te fra­ge, ob er nach sei­ner lan­gen Kar­rie­re und der er­folg­rei­chen Rück­kehr nach Glas­hüt­te schon ei­nen Ge­dan­ken an sei­nen Ru­he­stand ver­schwen­det ha­be, schaut er mich ver­ständ­nis­los an und sagt: „Ist das ein Witz?“[2275]

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