340 JAH­RE NACH HUYGENS

AUCH DER KLAS­SI­SCHE TEIL DER UHRENINDUSTRIE WAN­DELT SICH, DAS BE­WEIST UN­TER AN­DE­REM GE­RA­DE DIE LVMH-GRUP­PE MIT DEM NEU­EN SÉMONOSZILLATOR.

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IM LAU­FE DES LE­BENS MACHT Manim­mer häu­fi­ger die Er­fah­rung, dass be­stimm­te Din­ge auf ein­mal nicht mehr so sind, wie sie wa­ren. Für uns, die wir heu­te le­ben, ist die­se Er­fah­rung per­ma­nent, zu­min­dest, was die Di­gi­ta­li­sie­rung des All­tags­le­bens an­geht. Vom Auf­kom­men der PCS in den Acht­zi­gern über die Ver­brei­tung des In­ter­nets bis hin zur durch­gän­gi­gen Ver­net­zung und stän­di­gen Er­reich­bar­keit über das mo­bi­le Web ha­ben wir ei­ne tech­ni­sche Re­vo­lu­ti­on nach der an­de­ren er­lebt. Und wir sind dar­auf ge­fasst, dass das in Zu­kunft so wei­ter­ge­hen wird, mög­li­cher­wei­se hin zur im­mer stär­ke­ren Fu­sio­nie­rung von Kör­per und Ge­rät.

Vor die­sem Hin­ter­grund war die mecha­ni­sche Arm­band­uhr der Fels in der Bran­dung. Ih­re Tech­nik ist seit über 340 Jah­ren im Prin­zip die­sel­be. Ihr Herz­stück, das aus run­der Un­ruh und run­der Spi­ral­fe­der be­ste­hen­de Re­gu­lier­or­gan, hat der Nie­der­län­der Chris­tia­an Huygens 1675 pa­ten­tie­ren las­sen, und es ist bis heu­te das Sys­tem, das die Uhr tickt­ack ma­chen und ver­hält­nis­mä­ßig genau ge­hen lässt. Doch auf ein­mal ist selbst das nicht mehr so, wie es war. Die Watch Di­vi­si­on des Lu­xus­gü­ter­kon­zerns LVMH un­ter Füh­rung von Jean-clau­de Bi­ver hat zu­sam­men mit ver­schie­de­nen Wis­sen­schaft­lern ein neu­es Sys­tem ent­wi­ckelt, das vom Tech­nik­chef der Grup­pe, Guy Sé­mon, er­fun­den wur­de und nun zu­erst in ei­ner Uhr von Ze­nith zum Ein­satz kommt (sie­he Sei­te 28/29).

Der neue Gan­g­reg­ler aus Si­li­zi­um, Sé­mon-os­zil­la­tor ge­nannt, ver­spricht durch ei­ne deut­lich hö­he­re Fre­quenz ei­ne enor­me Ver­bes­se­rung der Prä­zi­si­on, die auch bei ab­neh­men­der Gan­g­re­ser­ve sta­bil bleibt, so­wie ei­ne ge­rin­ge­re Emp­find­lich­keit ge­gen­über ex­ter­nen Ein­flüs­sen wie Tem­pe­ra­tur, Schwer­kraft oder Ma­gne­tis­mus. Die LVMH hat Mil­lio­nen in­ves­tiert und ver­spricht sich viel da­von. Im Mo­ment ist man in der La­ge, ei­ne ho­he sechs­stel­li­ge Zahl die­ser Os­zil­la­to­ren pro Jahr zu fer­ti­gen; Bi­ver will künf­tig ei­nen Groß­teil da­von auch an grup­pen­frem­de Her­stel­ler ver­kau­fen.

Man sieht, dass sich auch der klas­si­sche Teil der Uhrenindustrie wan­delt. Ge­ra­de die Si­li­zi­um­tech­nik hat seit der Jahr­tau­send­wen­de viel da­zu bei­ge­tra­gen. Hem­mungs­tei­le aus die­sem Ma­te­ri­al brin­gen Vor­tei­le in der Per­for­mance der Uh­ren, wer­den aber von man­chen Käu­fern we­gen ih­rer feh­len­den Tra­di­ti­on auch kri­tisch ge­se­hen.

In Zu­kunft wer­den wir ein Ne­ben­ein­an­der von ver­schie­de­nen Uh­ren­ar­ten er­le­ben: klas­sisch mecha­ni­sche Zeit­mes­ser, Mecha­nik­uh­ren mit in­no­va­ti­ven Be­stand­tei­len – und na­tür­lich die Smart­watch, von der wir noch nicht wis­sen, wo­hin sie sich ent­wi­ckelt. So wie man In­for­ma­tio­nen eben­so auf dem Han­dy wie im ge­druck­ten Buch er­hal­ten kann, kann man auch bei der Zeit­an­zei­ge genau das aus­wäh­len, was für ei­nen per­sön­lich am pas­sends­ten ist.

Rü­di­ger Bu­cher, Chef­re­dak­teur

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