Werk-tu­ning

Chronos - - Kleine Uhren -

Am Werk kann die voll­stän­di­ge Ab­we­sen­heit von Zier­schlif­fen auf den Brü­cken bei ei­ner Uhr für fast 20000 Eu­ro zu­nächst ver­blüf­fen. Aber wie er­wähnt folgt die Me­ca-10 nicht der Uhr­ma­cher­tra­di­ti­on, son­dern führt ih­ren ei­ge­nen tech­nisch-fu­tu­ris­ti­schen De­sign-ko­dex ein: Auf der Rück­sei­te fin­det man drei schma­le band­för­mi­ge Brü­cken, die ho­ri­zon­tal übers Werk lau­fen. Die­se Brü­cken ver­zich­ten zwar auf Zier­schlif­fe, sind aber perl­ge­strahlt und dun­kel­grau. Da­zu wur­den sie durch­bohrt, als woll­te man wie bei frü­he­ren Moun­tain­bike-tu­ningtei­len Ge­wicht spa­ren.

Un­ter den Brü­cken er­kennt man die zwei of­fe­nen Fe­der­häu­ser, das Rä­der­werk und die bei­den Hem­mungs­tei­le An­ker und An­ker­rad, die aus dem bläu­lich schim­mern­den Hig­htech-ma­te­ri­al Si­li­zi­um be­ste­hen. Dank die­ser Ma­te­ri­al­wahl er­zeu­gen sie we­nig Rei­bung und Ver­schleiß und re­du­zie­ren den Öl­be­darf an die­ser Stel­le.

Noch bes­ser wird es, wenn man die Uhr um­dreht und sie von vorn be­trach­tet. Denn Hu­blot hat das Uhr­werk von An­fang an für den Ein­satz oh­ne Zif­fer­blatt kon­zi­piert und nutzt die Vor­der­sei­te als De­si­gn­ob­jekt.

Auf der Vor­der­sei­te fällt durch ih­re Be­we­gung zu­nächst ein­mal die von der Rück­sei­te nach vorn ver­leg­te Un­ruh auf. Die Brü­cken sind wie auf der Un­ter­sei­te matt­grau sa­ti­niert und durch­bohrt. Den größ­ten Teil die­ser Sei­te des Wer­kes nimmt die un­ge­wöhn­li­che Gan­g­re­ser­vean­zei­ge bei sechs Uhr ein. Zu ihr ge­hört der oben in ei­ner Schie­ne lau­fen­de Re­chen, der von ei­nem im In­ne­ren lie­gen­den Trieb be­wegt wird. Er treibt ein gro­ßes grau­es Rad an, das mit sechs Hu­blot-schrau­ben ver­ziert ist und in Form des Hu­blo­tLo­gos ske­let­tiert wur­de. Wenn nur noch drei Ta­ge Gan­g­re­ser­ve üb­rig sind, er­scheint in ei­nem Fens­ter lang­sam ei­ne ro­te Flä­che: Sie er­in­nert dar­an, dass dem­nächst das Auf­zie­hen an­steht.

Ge­nau­er gibt die Gan­g­re­ser­ve das vom gro­ßen Rad an­ge­trie­be­ne klei­ne Rad mit ro­tem Fens­ter und das dar­un­ter­lie­gen­de Zahn­rad mit ske­let­tier­ten Zif­fern an. Die Be­schrif­tung „Po­wer Re­ser­ve“folgt wie die Zif­fern der Scha­blo­nen­ty­po­gra­fie, die sich bei der Mi­nu­ten­ska­la wie­der­fin­det. An je­dem De­tail be­merkt man den Gestal­tungs­wil­len Hu­blots. Dass auf­wen­di­ge Kon­zept der von vorn als Kunst­werk sicht­ba­ren Mecha­nik geht voll auf.

Au­ßer­dem wur­de beim Werk wie auch sonst bei der Uhr sehr sau­ber ge­ar­bei­tet: Auch mit der Lu­pe sind kei­ne Be­ar­bei­tungs­spu­ren zu se­hen.

go, für das es dann kei­nen rich­ti­gen Platz mehr gibt, von in­nen auf das Glas ge­druckt. Die mit viel Leucht­mas­se ver­se­he­nen gro­ßen In­de­xe schwe­ben schein­bar über dem Werk und wer­den von ei­nem schma­len in­ne­ren Ring ge­hal­ten. Sie ver­stär­ken den drei­di­men­sio­na­len Ein­druck. So lässt sich die Uhr­zeit auch oh­ne Zif­fer­blatt gut ab­le­sen, auch dank der brei­ten Zei­ger und dem sehr gut ent­spie­gel­ten Glas. Nur zwi­schen den Mi­nu­ten 37 und 43 fehlt der äu­ße­re Ring samt Ska­lie­rung und 40-Mi­nu­ten-in­dex, um den Blick auf die Un­ruh nicht zu ver­de­cken; und hier fällt das mi­nu­ten­ge­naue Ab­le­sen we­ni­ger leicht.

Die enor­me Gang­au­to­no­mie ist ne­ben dem in­no­va­ti­ven De­sign ei­ner der gro­ßen Vor­tei­le der Me­ca10: Gan­ze zehn Ta­ge hält die Uhr durch, be­vor man sie wie­der auf­zie­hen muss. Die Fein­re­gu­lie­rung funk­tio­niert über ei­nen Rü­cker, der von ei­ner ver­ti­ka­len Schrau­be be­wegt wird.

Mit Span­nung er­war­te­ten wir die Er­geb­nis­se auf der Zeit­waa­ge, denn Lang­läu­fer mit zehn Ta­gen Gang­au­to­no­mie ha­ben oft Schwie­rig­kei­ten, selbst wenn sie wie die Me­ca-10 auf zwei Fe­der­häu­ser zu­rück­grei­fen kön­nen. Nach zwölf St­un­den zeigt die Hand­auf­zugs­z­uhr ei­nen sehr gu­ten mitt­le­ren Gang über al­le La­gen von +1,7 Se­kun­den am Tag. Die ein­zel­nen La­gen lie­gen mit neun Se­kun­den al­ler­dings et­was weit aus­ein­an­der.

Nach vier Ta­gen hat sich dar­an trotz deut­lich re­du­zier­ter Am­pli­tu­de noch nicht viel ge­än­dert: Die mitt­le­re Ab­wei­chung ist auf null Se­kun­den ge­schrumpft, die La­gen­dif­fe­renz bei neun Se­kun­den ge­blie­ben. Nach sie­ben Ta­gen ist die mitt­le­re Ab­wei­chung auf –2,8 Se­kun­den ge­rutscht und gleicht den Vor­gang der ers­ten Ta­ge wie­der aus. Die La­gen­dif­fe­renz steigt auf elf Se­kun­den. Dem Rat­schlag der Gan­g­re­ser­vean­zei­ge, die sich nun rot färbt, soll­te man fol­gen, denn nach neun Ta­gen hat die Am­pli­tu­de so weit ab­ge­nom­men, dass in den hän­gen­den La­gen schon Ab­wei­chun­gen von –26 Se­kun­den ent­ste­hen. Die Uhr läuft al­so noch, aber die Gang­ge­nau­ig­keit liegt nicht mehr in ei­nem gu­ten Be­reich. Hu­blot hat das Pro­blem der Lang­läu­fer al­so nicht kom­plett ge­löst, aber im­mer­hin kann man die Uhr sie­ben oder acht Ta­ge oh­ne gro­ße Ab­wei­chun­gen lau­fen las­sen.

Mit 19600 Eu­ro kos­tet die Big Bang Me­ca-10 ge­nau 1000 Eu­ro mehr als der Chro­no­graph Big Bang Uni­co, was auf den ers­ten Blick ver­wun­dert: Ei­ne ho­he Gang­au­to­no­mie gilt zwar als klei­ne Kom­pli­ka­ti­on, und die Me­ca-10 be­sitzt zu­dem die auf­wen­di­ge Gan­g­re­ser­vean­zei­ge, aber das Chro­no­gra­phen­ka­li­ber Uni­co bleibt das kom­ple­xe­re Werk.

Al­ler­dings hat Hu­blot bei der Me­ca-10 das Kon­zept der sicht­ba­ren Mecha­nik äs­the­tisch noch kon­se­quen­ter um­ge­setzt. Das et­was ein­fa­che­re Werk bie­tet mehr Mög­lich­kei­ten zur Gestal­tung, die Hu­blot auch um­fang­reich ge­nutzt hat. Zu­dem gibt es bei Ma­nu­fak­tur­uh­ren mit tech­ni­schem De­sign und sicht­ba­rer Mecha­nik kaum Al­ter­na­ti­ven im glei­chen Preis­be­reich. Ei­ne Richard Mil­le kos­tet mit über 80000 Eu­ro deut­lich mehr.

Das kom­ple­xe Ge­häu­se und das auf tech­ni­sche Äs­t­he­tik hin ent­wi­ckel­te Ma­nu­fak­tur­ka­li­ber mit zehn Ta­gen Gang­au­to­no­mie so­wie die durch­gän­gig ho­he Ver­ar­bei­tungs­qua­li­tät recht­fer­ti­gen den Preis.

Zu­dem kann man mit der Zeit­ma­schi­ne je­der­zeit ei­ne Zei­t­rei­se un­ter­neh­men: Ein Blick dar­auf ge­nügt, und schon weiß man, wie die Zu­kunft der me­cha­ni­schen Uhr aus­se­hen wird. [4259]

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