Re­vo­lu­ti­on im Da­ten­bank­markt

Computerwoche - - Inhalt - Von Wolf­gang Herr­mann, Chef­re­dak­teur TecChan­nel.de

Das Zeit­al­ter der klas­si­schen re­la­tio­na­len Da­ten­bank­sys­te­me geht zu En­de, sa­gen Ex­per­ten. Big Da­ta, Ha­doop und NoSQL-Tech­ni­ken läu­ten ei­ne neue Ära in der Da­ten­hal­tung ein.

Mehr als 30 Jah­re lang ha­ben klas­si­sche re­la­tio­na­le Da­ten­bank­sys­te­me (RDBMS) den Markt do­mi­niert. Doch im Zeit­al­ter von Big Da­ta und Ha­doop wird sich das schon bald än­dern, er­war­ten Ex­per­ten.

Ei­ne gan­ze Ar­ma­da neu­er Soft­ware-Play­er will sich ein Stück vom mil­li­ar­den­schwe­ren Da­ten­bank­markt si­chern. Die An­sät­ze der New­co­mer un­ter­schei­den sich, doch ei­nes ha­ben al­le ge­mein: ei­nen kla­ren Fo­kus auf Big Da­ta. Die wich­tigs­ten Trei­ber die­ser Ent­wick­lung las­sen sich mit drei Be­grif­fen be­schrei­ben: Vo­lu­me, Ve­lo­ci­ty und Va­rie­ty. Ge­meint ist da­mit, dass Da­ten in und um Un­ter­neh­men im­mer schnel­ler und in im­mer grö­ße­ren Men­gen ent­ste­hen; zu­gleich nimmt die Viel­falt der un­ter­schied­li­chen Da­ten­for­ma­te und -struk­tu­ren wei­ter zu. Tra­di­tio­nel­le re­la­tio­na­le Datenbank-Ma­nage­ment-Sys­te­me (Re­la­tio­nal Da­ta­ba­se Ma­nage­ment Sys­tems, RDBMS) sind für der­ar­ti­ge Her­aus­for­de­run­gen nicht kon­zi­piert, er­klärt Gre­go­ry Pia­tets­ky-Sh­a­pi­ro, Chef der auf Ana­ly­tics spe­zia­li­sier­ten Be­ra­tungs­fir­ma KD­nug­gets: „Sie las­sen sich nicht für sehr gro­ße, schnell ent­ste­hen­de oder un­ter­schied­lich struk­tu­rier­te Da­ten­men­gen ska­lie­ren.“

Die­se Er­fah­rung mach­te bei­spiels­wei­se die in­ter­na­tio­nal tä­ti­ge Mar­ke­ting-Ser­vices-Agen­tur Har­te Hanks. Bis 2013 nutz­te das Un­ter­neh­men ei­ne Kom­bi­na­tio­nen ver­schie­de­ner Da­ten­ban­ken, dar­un­ter Mi­cro­soft SQL Ser­ver und Ora­cle Re­al Ap­p­li­ca­ti­on Clus­ters (RAC). „Un­se­re Sys­te­me wa­ren ein­fach nicht in der La­ge, die wach­sen­den Da­ten­men­gen schnell ge­nug zu ver­ar­bei­ten“, be­rich­tet Tech­nik­chef Se­an Ian­nuz­zi. Auch mit dem Mo­dell, im­mer neue Ser­ver zu­zu­kau­fen, sei man schnell an Gren­zen ge­sto­ßen. Des­halb ha­be man nach ei­ner an­de­ren Art der Ska­lie­rung ge­sucht, oh­ne da­bei al­les auf den Kopf zu stel­len. Ian­nuz­zi: „Wir konn­ten

nicht ein­fach auf Ha­doop um­stei­gen.“Har­te Hanks ent­schied sich für ei­ne Lö­sung des ka­li­for­ni­schen Star­tups Spli­ce Ma­chi­ne. Das Un­ter­neh­men setzt ei­ne kom­plet­te SQL-Datenbank auf die Ha­doop-Platt­form, er­läu­tert der Ma­na­ger. Auf die­se Wei­se lie­ßen sich be­ste­hen­de An­wen­dun­gen ein­fach an­bin­den. Die ers­ten Er­fah­run­gen mit dem Sys­tem sei­en viel­ver­spre­chend. So­wohl die Per­for­mance als auch die Sta­bi­li­tät und Ver­füg­bar­keit hät­ten sich deut­lich ver­bes­sert.

Ora­cle im Vi­sier der Big-Da­ta-Star­tups

Spli­ce Ma­chi­ne ist ein Bei­spiel für ei­ne neue Ge­ne­ra­ti­on von SQL-Al­ter­na­ti­ven, die un­ter dem Be­griff Ne­wSQL zu­sam­men­ge­fasst wer­den und de­nen Markt­for­scher ho­he Wachs­tums­ra­ten zu­trau­en. „Un­se­re Phi­lo­so­phie ist es, SQL-Sys­te­me um ei­ne Sca­le-out-Ar­chi­tek­tur zu er­gän­zen“, er­läu­tert Spli­ce-CEO Mon­te Zwe­ben. „Es ist Zeit für et­was Neu­es. Aber wir möch­ten es so ge­stal­ten, dass Kun­den ih­re be­ste­hen­den An­wen­dun­gen nicht um- schrei­ben müs­sen.“Auf der Web­site von Spli­ce ist denn auch so­fort er­kenn­bar, wel­che Art von Kun­den man ge­win­nen möch­te: „First RDBMS Powe­r­ed by Ha­doop and Spark“steht dort in di­cken Let­tern, und dar­un­ter: „Re­place Ora­cle: Up to 20x fas­ter at 1/4 the Cost“.

Für Carl Olof­son, Re­se­arch Vice Pre­si­dent beim Markt­for­scher IDC, sind die Be­din­gun­gen der­zeit per­fekt, um neue Da­ten­bank­tech­ni­ken ent­ste­hen zu las­sen. „Mit der heu­te ver­füg­ba­ren IT-In­fra­struk­tur las­sen sich gro­ße Da­ten­men­gen viel schnel­ler und fle­xib­ler ver­ar­bei­ten. Frü­her muss­ten Un­ter­neh­men ih­re Da­ten­samm­lun­gen auf ei­ne Hard­disk pa­cken und sie da­zu noch in ein ganz be­stimm­tes For­mat brin­gen.“Heu­te ge­be es ei­ne Rei­he von Tech­ni­ken, die ent­schei­den­de Ver­bes­se­run­gen bräch­ten. Olof­son nennt bei­spiel­wei­se die 64-Bit-Adres­sier­bar­keit, die grö­ße­re Adress­räu­me er­laubt, deut­lich schnel­le­re Netz­wer­ke oder die Mög­lich­keit, ein Viel­zahl von Rech­nern zu ei­ner ein­zi­gen gro­ßen Datenbank zu­sam­men­zu­schnü­ren.

Spli­ce Ma­chi­ne ist nur ei­ner von vie­len New­co­mern im kom­mer­zi­el­len Da­ten­bank­ge­schäft. Da­zu ge­hört bei­spiels­wei­se auch das Bos­to­ner Star­t­up Deep In­for­ma­ti­on Sci­en­ces, das in sei­ner hoch­s­ka­lier­ba­ren Datenbank „Dee­pSQL“Ma­chi­ne-Learning-Ele­men­te für die Adres­sie­rung der Da­ten ver­wen­det. Trotz der neu­en Tech­nik soll da­bei in der Ge­samt­lö­sung das re­la­tio­na­le Da­ten­bank­mo­dell er­hal­ten blei­ben, ver­spricht der Her­stel­ler. An­wen­der könn­ten be­ste­hen­de Ap­pli­ka­tio­nen laut dem An­bie­ter un­ver­än­dert wei­ter­nut­zen. Ein an­de­rer Neu­ling, Al­ge­braix Da­ta, be­an­sprucht für sich, „das ers­te uni­ver­sel­le Mo­dell für das Da­ten-Ma­nage­ment“auf ei­ner ma­the­ma­ti­schen Grund­la­ge ent­wi­ckelt zu ha­ben.

Die SQL-Platz­hir­sche ge­ben sich ge­las­sen

Die eta­blier­ten Da­ten­bank­rie­sen ge­ben sich ob der neu­en Kon­kur­ren­ten de­mons­tra­tiv ge­las­sen. Vie­le der Star­tups wür­den nur al­te Kon­zep­te auf­po­lie­ren oder mit ei­nem an­de­ren Dreh prä­sen­tie­ren, läs­tert et­wa And­rew Men­delsohn, Chef von Ora­cles Spar­te Da­ta­ba­se Ser­ver Tech­no­lo­gies: „Es ist ei­ne neue Ge­ne­ra­ti­on von Kids, die aus der Schu­le kommt und Din­ge neu er­fin­den will.“Für ihn ist SQL noch im­mer „die ein­zi­ge Spra­che, die es Bu­si­nes­sAna­lys­ten er­laubt, Fra­gen zu stel­len und Ant­wor­ten zu be­kom­men – sie müs­sen da­zu kei­ne Pro­gram­mie­rer sein“. Der „Big Mar­ket“, so sei­ne Über­zeu­gung, wer­de im­mer re­la­tio­nal sein. Mit Blick auf neue Da­ten­ty­pen ha­be Ora­cle zu­dem be­reits in den 90er Jah­ren be­gon­nen, in sei­nen re­la­tio­na­len Da­ten­ban­ken auch un­struk­tu­rier­te Da­ten zu un­ter­stüt­zen.

NoSQL, Mon­goDB und die Zu­kunft der Big-Da­ta-Star­tups

Den­noch wer­den RDMS-Al­ter­na­ti­ven wie die NoSQL-Datenbank Mon­goDB wei­ter an Be­deu­tung ge­win­nen, er­war­ten Ana­lys­ten. Al­ler­dings sind da­mit auch Ein­schrän­kun­gen für die Nut­zer ver­bun­den. So ver­wen­den NoSQLDa­ten­ban­ken kein re­la­tio­na­les Da­ten­bank­mo­dell und bie­ten ty­pi­scher­wei­se auch kein SQL-In­ter­face. „Die jün­ge­ren Al­ter­na­ti­ven sind funk­tio­nal we­ni­ger kom­plett und aus­ge­reift als tra­di­tio­nel­le RDBM-Sys­te­me“, ur­teilt et­wa Rick Gre­en­wald, Re­se­arch Di­rec­tor bei Gart­ner. „Ei­ni­ge An­wen­dungs­sze­na­ri­en las­sen sich mit Hil­fe der neu­en Play­er im Markt adres­sie­ren, al­ler­dings längst nicht al­le, und schon gar nicht mit ei­ner ein­zi­gen Tech­no­lo­gie.“Er er­war­tet, dass der Preis­druck auf die eta­blier­ten An­bie­ter stei­gen wird und die­se ih­re Sys­te­me kon­ti­nu­ier­lich um neue Funk­tio­nen er­wei­tern müs­sen. Die Zu­kunft der Big-Da­ta-Star­tups sieht er we­ni­ger ro­sig als manch an­de­rer Ana­lyst: „Ei­ni­ge we­ni­ge wer­den über­le­ben, aber vie­le wer­den ent­we­der auf­ge­kauft oder ge­hen plei­te.“

And­rew Men­delsohn, Se­ni­or Vice Pre­si­dent für den Be­reich Da­ta­ba­se Ser­ver Tech­no­lo­gies bei Ora­cle: „Der Big Mar­ket für Da­ten­ban­ken wird im­mer re­la­tio­nal sein.“

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