Schwe­re Zei­ten für IBM – we­ni­ger Um­satz, we­ni­ger Ge­winn, we­ni­ger Ma­na­ger

Computerwoche - - Markt -

Die neu­en Ge­schäfts­fel­der rund um Cloud und Ana­ly­tics kön­nen die Ein­brü­che in den klas­si­schen Spar­ten Hard­ware, Soft­ware und Ser­vices noch nicht auf­fan­gen. Zu­dem gibt es Un­ru­he im Ma­nage­ment – Soft­ware­chef Ste­ve Mills ist weg.

Der Um­bau des IBM-Ge­schäfts for­dert wei­ter sei­nen Tri­but. Wie schon in den 14 Quar­ta­len zu­vor wa­ren auch im Ab­schluss­quar­tal 2015 Um­satz und Ge­winn im Ver­gleich zum Vor­jah­res­quar­tal rück­läu­fig. Die Ein­nah­men be­lie­fen sich von Ok­to­ber bis De­zem­ber auf gut 22 Mil­li­ar­den Dol­lar – ein Mi­nus von 8,5 Pro­zent ge­gen­über dem Vor­jahr. Der Ge­winn brach so­gar um 18,6 Pro­zent auf knapp 4,5 Mil­li­ar­den Dol­lar ein. Trotz der mä­ßi­gen Zah­len kam der Tra­di­ti­ons­an­bie­ter an der Bör­se mit ei­nem blau­en Au­ge da­von: Die Fi­nanz­ana­lys­ten an der Wall­s­treet hat­ten mit ei­nem noch schlech­te­ren Er­geb­nis ge­rech­net.

Wie vie­len an­de­ren ame­ri­ka­ni­schen IT-An­bie­tern macht auch IBM der star­ke Dol­lar zu schaf­fen, der die ei­ge­nen Pro­duk­te und Ser­vices im Aus­land ver­teu­ert. Oh­ne die­se Wäh­rungs­ef­fek­te hät­te der Um­satz­rück­gang IBM zu­fol­ge nur bei rund zwei Pro­zent ge­le­gen. Ne­ga­ti­ve Aus­wir­kun­gen ha­ben die ho­hen Prei­se vor al­lem in den sich ent­wi­ckeln­den Märk­ten, die der­zeit oh­ne­hin zu­neh­mend in kon­junk­tu­rel­len Tur­bu­len­zen ste­cken. In den BRIC-Staa­ten Bra­si­li­en, Russ­land, In­di­en und Chi­na brach der IBM-Um­satz um 21 Pro­zent ein.

Im ge­sam­ten Ge­schäfts­jahr 2015 schrumpf­ten IBMs Ein­nah­men von knapp 92,8 Mil­li­ar­den auf gut 81,7 Mil­li­ar­den Dol­lar (mi­nus 11,8 Pro­zent). Im­mer­hin ver­bes­ser­te sich der Pro­fit un­term Strich um 9,7 Pro­zent von 12,0 auf 13,2 Mil­li­ar­den Dol­lar. Big Blue ma­che gu­te Fort­schrit­te beim Um­bau sei­nes Ge­schäfts, ver­brei­te­te IBM-Che­fin Vir­gi­nia „Gin­ni“Ro­met­ty Zu­ver­sicht. Die stra­te­gi­schen Ge­schäfts­fel­der Cloud Com­pu­ting, Ana­ly­tics, Mo­bi­le, So­ci­al und Se­cu­ri­ty sei­en im ver­gan­ge­nen Ge­schäfts­jahr um 26 Pro­zent auf ein Vo­lu­men von knapp 29 Mil­li­ar­den Dol­lar ge­wach­sen. Sie mach­ten mit 35 Pro­zent be­reits mehr als ein Drit­tel der Ge­samt­er­lö­se aus.

Main­frame-Ge­schäf­te lau­fen bes­ser

Das reicht al­ler­dings noch nicht, um die Rück­gän­ge in den klas­si­schen Ge­schäfts­fel­dern auf­zu­fan­gen. Das Soft­ware-Bu­si­ness, einst ein Ga­rant für pro­fi­ta­bles Wachs­tum, ver­zeich­ne­te im vier­ten Quar­tal 2015 ei­nen Um­satz­rück­gang von elf Pro­zent im Ver­gleich zum Vor­jahr auf 6,8 Mil­li­ar­den Dol­lar. Das Glo­bal-Tech­no­lo­gySer­vices-Ge­schäft schrumpf­te um sie­ben Pro­zent auf 8,1 Mil­li­ar­den Dol­lar, und das Hard­ware­ge­schäft be­lief sich auf 2,4 Mil­li­ar­den Dol­lar – ein Pro­zent we­ni­ger als vor ei­nem Jahr. IBM zu­fol­ge ver­bes­ser­ten sich al­ler­dings die Ein­nah­men im zy­kli­schen Main­frame-Ge­schäft um 16 Pro­zent. Ab­so­lu­te Zah­len für die­ses Seg­ment ver­riet der Her­stel­ler in­des nicht.

Der­zeit ist nicht ab­zu­se­hen, wie lan­ge sich IBMs Trans­for­ma­ti­on noch hin­zie­hen wird. „Wir bau­en ein gro­ßes Un­ter­neh­men um“, sag­te Chief Fi­nan­ci­al Of­fi­cer (CFO) Mar­tin Schro­eter. „Und

wir ha­ben im­mer ge­sagt, dass dies ei­ne ge­wis­se Zeit braucht.“Im ver­gan­ge­nen Jahr hat­te IBM sein Ge­schäft mit In­tel-Standard-Ser­vern an den chi­ne­si­schen Her­stel­ler Le­no­vo ver­kauft und sei­ne Chip­spar­te an Glo­bal­foundries ab­ge­sto­ßen. Par­al­lel zum Rück­zug aus die­sen mar­gen­schwa­chen Ge­schäfts­fel­dern be­gann IBM un­ter Hoch­druck, Be­rei­che wie das Clou­dGe­schäft und die Ana­ly­tics-Spar­te rund um das selbst­ler­nen­de Co­gni­ti­ve-Com­pu­ting-Sys­tem Wat­son aus­zu­bau­en. Das er­for­dert al­ler­dings gro­ße An­stren­gun­gen und In­ves­ti­tio­nen. So hat IBM vor we­ni­gen Wo­chen be­kannt ge­ge­ben, in Mün­chen die welt­wei­te Zen­tra­le des neu­en Ge­schäfts­be­reichs „Wat­son IoT“auf­zu­bau­en so­wie ein eu­ro­päi­sches „Wat­son In­no­va­ti­on Cen­ter“zu grün­den.

Kon­zern­in­tern hin­ter­lässt der Um­bau eben­falls sei­ne Spu­ren. So ru­mort es in der IBMChef­eta­ge. Ne­ben dem lang­jäh­ri­gen Soft­ware­chef Ste­ve Mills ha­ben kürz­lich auch Dan­ny Sab­bah, Chief Tech­no­lo­gy Of­fi­cer (CTO) für den Cloud-Be­reich, und Bren­dan Han­ni­gan, Ge­ne­ral Ma­na­ger für die Se­cu­ri­ty-Spar­te, dem Kon­zern den Rü­cken ge­kehrt. Mills ar­bei­te­te seit 1973 bei IBM. Im Ja­nu­ar 2015 hat­te er die Po­si­ti­on als Exe­cu­ti­ve Vice Pre­si­dent der Spar­te Soft­ware & Sys­tems über­nom­men. In die­ser Rol­le be­rich­te­te er di­rekt an CEO Ro­met­ty. Mills hat­te gro­ßen An­teil am Auf­bau der Soft­ware Group, die 1995 ge­grün­det wor­den war. Seit dem Jahr 2000 lei­te­te der heu­te 63-jäh­ri­ge Ma­na­ger die­sen Ge­schäfts­be­reich.

Sein Ver­dienst war es, die un­ter­schied­li­chen Soft­ware­si­los in­ner­halb des Kon­zerns auf­ge­löst und auf ei­ne ge­mein­sa­me Stra­te­gie ein­ge­schwo­ren zu ha­ben, meint die IBM-Ken­ne­rin Ju­dith Hur­witz, Che­fin des Be­ra­tungs­un­ter­neh­mens Hur­witz & As­so­cia­tes. Das sei kei­ne ein­fa­che Auf­ga­be ge­we­sen, da ein­zel­ne Soft­ware­fürs­ten nicht be­reit ge­we­sen sei­en, ih­re Herr­schafts­ge­bie­te und -tech­ni­ken kampf­los auf­zu­ge­ben. Mills ha­be mit Zäh­nen und Klau­en dar­um ge­kämpft, al­le Be­tei­lig­ten un­ter ei- nen Hut zu be­kom­men – und am En­de ha­be er ge­won­nen.

Im Zu­ge des ein­heit­li­chen Soft­ware­fahr­plans ha­be Mills auch kla­rer er­ken­nen kön­nen, wo Stär­ken und Schwä­chen im Soft­ware­port­fo­lio von IBM lie­gen. Lü­cken hat der Ma­na­ger in ers­ter Li­nie durch Ak­qui­si­tio­nen ge­schlos­sen. Un­ter sei­ner Ägi­de hat der Kon­zern in den zu­rück­lie­gen­den Jah­ren Dut­zen­de von Soft­ware­un­ter­neh­men über­nom­men und da­für ei­nen zwei­stel­li­gen Mil­li­ar­den-Dol­lar-Be­trag aus­ge­ge­ben. Pro­mi­nen­te Fir­men­na­men, die in die IBM-Soft­ware­grup­pe ein­ge­mein­det wur­den, sind der Da­ten­bank­an­bie­ter In­for­mix (2001 für ei­ne Mil­li­ar­de Dol­lar), der Spe­zia­list für Ent­wick­lungs­werk­zeu­ge Ra­tio­nal (2003 für 2,1 Mil­li­ar­den Dol­lar), die Se­cu­ri­ty-Ex­per­ten von In­ter­net Se­cu­ri­ty Sys­tems (2006 für 1,3 Mil­li­ar­den Dol­lar), der Bu­si­ness-In­tel­li­gence-An­bie­ter Co­gnos (2008 für rund fünf Mil­li­ar­den Dol­lar) so­wie die Ana­ly­tics-Spe­zia­lis­ten SPSS (2009 für 1,2 Mil­li­ar­den Dol­lar) und Ne­tez­za (2010 für 1,7 Mil­li­ar­den Dol­lar).

Im Zu­ge die­ser Ak­qui­si­tio­nen ge­lang es IBM, sei­ne Pro­dukt­pa­let­te vor al­lem in Rich­tung Ana­ly­se- und Se­cu­ri­ty-Soft­ware zu er­wei­tern. Kri­ti­ker be­män­gel­ten je­doch im­mer wie­der, dass die Soft­ware­spar­te des IT-Kon­zerns für Kun­den da­mit un­über­sicht­li­cher ge­wor­den sei und ei­nem Bauch­la­den glei­che.

Ein de­di­zier­ter Nach­fol­ger für Mills ist in IBMs Ma­nage­ment-Ga­le­rie nicht zu er­ken­nen. Die Sys­tems-Spar­te ver­ant­wor­tet Tom Ro­sa­mi­lia als Se­ni­or Vice Pre­si­dent. Im glei­chen Rang ste­hen Micha­el Rho­din für das Wat­son-Bu­si­ness, Bob Pic­cia­no für die Ana­ly­tics-Spar­te und Ro­bert LeBlanc für das Cloud-Bu­si­ness. Die­se Ma­nage­ment-Ord­nung spie­gelt ganz of­fen­sicht­lich die Ge­schäfts­prio­ri­tä­ten IBMs wi­der. Ein über­ge­ord­ne­ter Soft­ware­chef hat hier al­lem An­schein nach kei­nen Platz mehr.

Ab­schied nach ge­ta­ner Ar­beit

Mit dem Ab­schied von Mills und Sab­bah ver­lie­re IBM wert­vol­le und er­fah­re­ne Ma­na­ger, bi­lan­ziert Charles King, Prin­ci­pal Ana­lyst von Pund-IT. Bei­de Ma­na­ger hät­ten ent­schei­den­den An­teil am Um­bau von IBM ge­habt. Doch nach­dem nun die Grund­la­gen da­für ge­legt sei­en und die künf­ti­ge Stra­te­gie fest­ste­he, könn­ten bei­de Ma­na­ger ru­hi­gen Ge­wis­sens ge­hen, mut­maßt der Bran­chen­be­ob­ach­ter. Mills und Sab­bah sei­en je­weils über 60 Jah­re alt, al­so in ei­nem Al­ter, in dem Ma­na­ger bei IBM für ge­wöhn­lich durch­aus ei­nen Rück­zug in Er­wä­gung zie­hen.

Von Mar­tin Bayer, stell­ver­tre­ten­der Chef­re­dak­teur

„Wir ma­chen deut­li­che Fort­schrit­te in un­se­rer Trans­for­ma­ti­on“, sagt IBM-Che­fin Vir­gi­nia Ro­met­ty. Den ITKon­zern will sie in Zu­kunft vor al­lem als An­bie­ter von Lö­sun­gen für das Co­gni­ti­ve Com­pu­ting und Cloud Com­pu­ting im Markt po­si­tio­nie­ren.

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