Di­gi­ta­li­sie­rer un­ter sich

Auf den Ham­bur­ger IT-Stra­te­gie­ta­gen ent­war­fen Top-CIOs die di­gi­ta­le Zu­kunft.

Computerwoche - - Vorderseite - Von CW-Re­dak­teur Si­mon Hüls­bö­mer und den frei­en Au­to­ren Andrea Kö­nig, Jo­han­nes Klos­ter­mei­er und Chris­toph Li­xen­feld

Auf den Ham­bur­ger IT-Stra­te­gie­ta­gen hat tra­di­tio­nell der CIO des Jah­res den Vor­tritt. Und das war 2015 Micha­el Nil­les vom Auf­zu­g­her­stel­ler Schind­ler, der seit 2009 IT-Chef des Schwei­zer Un­ter­neh­mens ist und dort von April 2016 an in der Rol­le des Chief Di­gi­tal Of­fi­cer (CDO) und Tech­nik­vor­stands die Di­gi­ta­li­sie­rung vor­an­trei­ben soll. Im Mit­tel­punkt sei­ner Aus­füh­run­gen stand das In­ter­net of Things (IoT).

In ei­nem In­ter­view auf of­fe­ner Büh­ne be­kann­te Nil­les: „Wir CIOs ha­ben in den letz­ten Jahr­zehn­ten meh­re­re Iden­ti­täts­kri­sen durch­lau­fen, et­wa als wir uns Chief Pro­cess Of­fi­cer nen­nen woll­ten, um uns an die Spit­ze der Bu­si­nes­sPro­cess-Re­en­gi­nee­ring-Be­we­gung zu set­zen. Di­gi­ta­li­sie­rung ist an­ders. Hier geht es nicht um ei­nen kurz­le­bi­gen Trend, son­dern um ei­ne nach­hal­ti­ge Trans­for­ma­ti­on, wo Pro­dukt, Mensch, Pro­zes­se und Tech­nik ver­zahnt wer­den müs­sen. IT ist da­bei ein we­sent­li­cher, aber eben nur ein Fak­tor.“

Nil­les be­schrieb, wie Schind­ler sei­ne Auf­zü­ge und Fahr­trep­pen nach und nach „smar­ter“wer­den lässt und ih­re Con­nec­tivi­ty vor­an­treibt. „Vor al­lem bil­den wir den ge­sam­ten St­ack ab, das heißt, wir ge­ne­rie­ren nicht nur Big Da­ta in der Cloud, son­dern ha­ben un­se­re An­la­gen, Kun­den, Part­ner, Mit­ar­bei­ter und Pro­zes­se auf ei­ner di­gi­ta­len Platt­form mit­ein­an­der ver­zahnt.“

Zu­sam­men mit App­le hat­te Schind­ler schon 2012 ei­nen „di­gi­ta­len Werk­zeug­kof­fer“für die Ser­vice­tech­ni­ker im Feld ent­wi­ckelt. Das führ­te da­zu, dass die Kol­le­gen heu­te so­fort se­hen kön­nen, wann ei­ne An­la­ge aus­ge­fal­len ist. Das al­les sei aber nicht über Nacht ge­wach­sen, so Nil­les. Zu­erst ha­be Schind­ler sei­ne IT-Land­schaft ra­tio­na­li­siert und die Ef­fi­zi­enz ver­bes­sert, um da­nach die Ope­ra­tio­nal Ex­cel­lence zur Op­ti­mie­rung des glo­ba­len Ge­schäfts an­zu­ge­hen. Erst da­nach, in der drit­ten Pha­se, sei das Di­gi­tal Bu­si­ness auf die Agen­da ge­langt.

Auf die Fra­ge, wie Schind­ler mit der gro­ßen Ba­sis an beim Kun­den in­stal­lier­ten Alt­an­la­gen um­geht, sag­te Nil­les, auch al­te An­la­gen lie­ßen sich über in­tel­li­gen­te Sen­so­rik ver­net­zen. Bei Tü­ren et­wa kön­ne man Sen­sor­kits ein­bau­en, so dass Pre­dic­tive Main­ten­an­ce zum Ein­satz kom­men kön­ne. Mehr Mög­lich­kei­ten ge­be es in­des mit neu­en An­la­gen, die schon mit ent­spre­chen­der Con­nec­tivi­ty aus­ge­lie­fert wür­den. Hier ha­be man mehr Mög­lich­kei­ten, da die heu­ti­ge Ge­ne­ra­ti­on der Con­trol­ler schon sehr weit sei.

Volks­wa­gen-CIO blickt in die Glas­ku­gel

Mehr in die Zu­kunft als in die Ge­gen­wart ge­rich­tet war in Ham­burg der Vor­trag von Mar­tin Hof­mann, CIO im Volks­wa­gen-Kon­zern. Er skiz­zier­te, wie sei­ner An­sicht nach in nicht all­zu fer­ner Zeit selbst­ler­nen­de Sys­te­me die Welt auf den Kopf stel­len wer­den. Ih­re künst­li­che

In­tel­li­genz wer­de die ge­sam­mel­te Leis­tungs­fä­hig­keit der Ge­hir­ne al­ler Men­schen um ein Viel­fa­ches über­stei­gen.

Hof­mann ou­te­te sich als je­mand, der schon zeit­le­bens „be­seelt von der Idee“ge­we­sen sei, „dass IT noch viel mehr kann als nur rei­ne Da­ten­ver­ar­bei­tung“. Sei die Re­chen­leis­tung der IT bis vor ei­ni­gen Jah­ren aus heu­ti­ger Sicht noch eher lang­sam ge­stie­gen, kom­me es dank des noch im­mer gel­ten­den Moo­re­schen Ge­set­zes mitt­ler­wei­le Jahr für Jahr zu un­glaub­li­chen Stei­ge­run­gen. „Spä­tes­tens im Jahr 2040“kön­ne ein ein­zi­ger Com­pu­ter mehr leis­ten als die Ge­hir­ne al­ler Men­schen auf der Welt zu­sam­men, pro­gnos­ti­zier­te Hof­mann und stützt sich da­bei auf wis­sen­schaft­li­che Un­ter­su­chun­gen. Der nächs­te Schritt sei das au­to­no­me Ler­nen: Sys­te­me ent­wi­ckel­ten sich ei­gen­stän­dig wei­ter und brauch­ten da­für kei­ne Men­schen mehr.

Mit selbst­ler­nen­den Al­go­rith­men wer­den dem Volks­wa­gen-CIO zu­fol­ge ganz neue Ge­schäf­te mög­lich – vor al­lem in Kom­bi­na­ti­on mit dem The­ma Big Da­ta, das Hof­mann als den „Tur­bo­la­der“der künst­li­chen In­tel­li­genz (KI) be­zeich­ne­te. An­hand ei­nes Bei­spiels aus sei­ner Bran­che ver­deut­licht Hof­mann die­se Idee: Bald ent­schei­de das Au­to an­hand ei­nes Rund­um- Scans der Um­ge­bung selbst, wann es ei­ne Voll­brem­sung vor­neh­me und wann nicht. Kommt bei­spiels­wei­se ei­ne Plas­tik­tü­te wäh­rend der Fahrt über die Wind­schutz­schei­be ge­flo­gen, ent­schei­det das Au­to in Mil­li­se­kun­den, wei­ter­zu­fah­ren, weil kei­ne Ge­fahr vor­liegt. Rollt hin­ge­gen ein Fuß­ball vor das Au­to, wird um­ge­hend ge­bremst, weil nicht aus­zu­schlie­ßen ist, dass ein spie­len­des Kind hin­ter­her­läuft.

Mit Blick auf In­dus­trie­un­ter­neh­men er­war­tet Hof­mann bis spä­tes­tens 2035 ei­ne voll­stän­di­ge Um­stel­lung auf au­to­no­me Sys­te­me. So könn­ten die Ver­triebs­pla­nung und das Mar­ke­ting, die Pro­dukt­ent­wick­lung, die Pro­duk­ti­on selbst und auch die Fi­nanz­pla­nung und das Con­trol­ling durch in­tel­li­gen­te Sys­te­me ab­ge­löst wer­den. Com­pu­teral­go­rith­men pla­nen nach die­ser Vi­si­on die Wer­be­kam­pa­gnen selbst­tä­tig auf Ba­sis vor­han­de­ner Kun­den­da­ten, ent­wi­ckeln Pro­duk­te wei­ter, ver­ar­bei­ten die er­zeug­ten Kon­struk­ti­ons­da­ten in der Pro­duk­ti­ons­stra­ße und über­neh­men an­schlie­ßend auch das Con­trol­ling.

Ma­chi­ne Learning und künst­li­che In­tel­li­genz wer­den laut Hof­mann zu Mo­to­ren der di­gi­ta­len Re­vo­lu­ti­on. Gro­ße In­ves­ti­tio­nen et­wa durch Kon­zer­ne wie To­yo­ta oder Goog­le zeig­ten, wie ent­schei­dend die­se Tech­no­lo­gi­en für die Zu-

kunft von Wirt­schaft und Ge­sell­schaft wür­den. Der Volks­wa­gen-CIO for­der­te da­zu auf, sich jetzt mit der Ent­wick­lung ent­spre­chen­der In­dus­trie­stan­dards zu be­schäf­ti­gen. Gleich­zei­tig gel­te es, die Be­schäf­ti­gungs­fra­gen der Zu­kunft an­zu­ge­hen. „Dar­an müs­sen wir ge­mein­sam ar­bei­ten – so­wohl ge­samt­wirt­schaft­lich als auch ge­sell­schafts­po­li­tisch“, mahn­te Hof­mann.

Bosch-CIO über das IoT-Öko­sys­tem

Uber, Spo­ti­fy und car2go sind drei pro­mi­nen­te Bei­spie­le, auf die El­mar Pritsch, CIO der Ro­bert Bosch Gm­bH, in sei­nem Vor­trag ein­ging. Die­se Un­ter­neh­men bie­ten ih­ren Nut­zern nicht nur be­stimm­te Di­ens­te an, sie ler­nen gleich­zei­tig ei­ne Men­ge über de­ren Nut­zungs­ver­hal­ten und ver­wen­den die­ses Wis­sen für die Ent­wick­lung neu­er Pro­duk­te.

Die Ro­bert Bosch Gm­bH möch­te durch den Ein­satz von Sen­sor­tech­nik eben­falls aus dem Kun­den­ver­hal­ten Rück­schlüs­se zie­hen und die­se In­for­ma­tio­nen et­wa für die Ent­wick­lung neu­er Lö­sun­gen oder für ei­ne bes­se­re Pro­duk­ti­on nut­zen. Das macht sich kos­ten­sei­tig be­merk­bar: Re­chen­leis­tung und Netz­band­brei­te ha­ben sich bei Bosch in ei­nem kur­zen Zei­t­raum ver­dop­pelt. In sei­nem Vor­trag stell­te Pritsch die Chan­cen und Her­aus­for­de­run­gen beim Auf­bau ei­nes Eco­sys­tems für das In­ter­net der Din­ge vor.

Der CIO ver­an­schau­lich­te dies an ei­nem Bei­spiel aus der Lo­gis­tik. Stat­tet man ei­nen Lkw mit Sen­sor­tech­nik aus, kann man heu­te weit mehr er­fah­ren als nur den Stand­ort und die Rou­te. Ge­won­nen wer­den kön­nen bei­spiels­wei­se In­for­ma­tio­nen über Tem­pe­ra­tur, Er­schüt­te­rung, Feuch­tig­keit und Licht. Pritsch zähl­te auf, wo ein In­ter­net-of-Things-Eco­sys­tem ei­nen Bei­trag leis­ten kann: im Be­reich In­no­va­ti­on, bei der Ent­wick­lung neu­er Ge­schäfts­mo­del­le, beim Cross-Sel­ling, für ei­nen hö­he­ren Tur­no­ver von Ser­vices im IoT-Be­reich und bei der Kun­den­loya­li­tät.

Ak­tu­ell sind bei Bosch 60 Pro­zent al­ler Pro­duk­te ver­netzt, 2020 sol­len es 100 Pro­zent sein. Kom­mu­ni­zie­ren die­se ver­netz­ten Pro­duk­te mit­ein­an­der, wirkt sich das auf Be­rei­che wie Mo­bi­li­tät, Con­nec­ted In­dus­try, Smart Ho­me und Ener­gie aus.

„IT ist wich­ti­ger ge­wor­den“, be­schreibt Pritsch die ve­rän­der­te Rol­le der IT. Aus Kon­su­men­ten­sicht wer­de sie für jedermann er­leb­bar und sei nicht mehr zu über­se­hen. Am wich­tigs­ten ist für den CIO die Zu­sam­men­ar­beit. Man müs­se es schaf­fen, dass die wich­tigs­ten Kom­pe­ten­zen in ei­nen Raum kom­men und an den The­men von mor­gen ar­bei­ten: „Füh­rungs­kräf­te müs­sen da­für Frei­räu­me ge­ben.“

Als ei­ne der zen­tra­len Her­aus­for­de­run­gen bei der Um­set­zung ei­nes IoT-Eco­sys­tems sieht er, dass das The­ma von obers­ter Stel­le ge­wollt sein muss. Zu­dem soll­te man im­mer dar­an den­ken, sich auf Ein­fach­heit und Kun­den­nut­zen zu kon­zen­trie­ren. Mit sei­ner Vi­si­on vom IoT-Eco­sys­tem möch­te das Un­ter­neh­men auch neue Ta­len­te ge­win­nen. Denn die wünsch­ten sich span­nen­de The­men und Auf­ga­ben und möch­ten et­was im Un­ter­neh­men be­we­gen, so Pritsch. Al­lein in die­sem Jahr will die Ro­bert Bosch Gm­bH in Deutsch­land 1200 Stel­len be­set­zen – zu ei­nem Groß­teil mit In­for­ma­ti­kern.

Sie­mens-CTO: Smart Da­ta statt Big Da­ta

Auch Sie­mens-Vor­stand Sieg­fried Russ­wurm ver­stand es, die Be­su­cher der Ham­bur­ger ITS­tra­te­gie­ta­ge mit ei­nem Vor­trag zur ver­netz­ten Pro­duk­ti­on in sei­nen Bann zu zie­hen. Der Chief Tech­no­lo­gy Of­fi­cer (CTO) be­schäf­tig­te sich mit der Fra­ge, wor­auf es heu­te beim The­ma In­dus­trie 4.0 wirk­lich an­kommt. Russ­wurm prä­sen­tier­te sich sei­nen Zu­hö­rern da­bei aus­drück­lich als Ma­schi­nen­bau­er und Fer­ti­gungs-

tech­ni­ker. Kern sei­ner Aus­füh­run­gen war die Fra­ge, was Da­ten und ih­re krea­ti­ve Nut­zung in der In­dus­trie heu­te be­deu­ten und war­um es in der Bu­si­ness-to-Bu­si­ness-(B2B-)Welt auf ganz an­de­re Din­ge an­kom­me als in der Bu­si­ness-toCon­su­mer-(B2C-)Welt.

In Letz­te­rer, so Russ­wurm, ge­he es im­mer dar­um, mög­lichst vie­le Da­ten ein­zu­sam­meln und aus­zu­wer­ten. Un­ter­neh­men, die im da­ten­ba­sier­ten B2C-Ge­schäft er­folg­reich sein wol­len, brau­chen dem Sie­mens-CTO zu­fol­ge vor al­lem ei­ne kri­ti­sche Grö­ße. Vie­le Star­tups schei­ter­ten heu­te dar­an, dass sie das „Sca­le-up“nicht schaff­ten. Das sei der Grund, war­um 80 Pro­zent von ih­nen das ers­te Jahr nicht über­leb­ten. „Sca­le is be­au­ti­ful“, sag­te Russ­wurm, aber das sei in Eu­ro­pa ein schwie­ri­ges The­ma. „Ers­tens gibt es hier na­tür­lich nicht so ei­nen gro­ßen ein­heit­li­chen Markt wie in den USA, und zwei­tens ha­ben wir viel zu häu­fig ei­ne Smal­lis-be­au­ti­ful-Den­ke. Wer aber nicht groß denkt, der wird auch nicht groß wer­den.“

Da­ten­nut­zung in der B2B-Welt fol­ge in­des an­de­ren Ge­set­zen. Hier sei es häu­fig ir­re­füh­rend, von Big Da­ta zu spre­chen, weil es gar nicht un­be­dingt um ma­xi­ma­le Grö­ße ge­he. Ei­ne An­la­ge zur Kraft­werks­steue­rung müs­se nicht stän­dig zu­sätz­li­che, neue Da­ten ein­sam­meln, Ama­zon da­ge­gen schon. Ei­ne Öl­platt­form ver­fügt laut Russ­wurm über zir­ka 50.000 Sensoren, die al­le fünf Mil­li­se­kun­den Da­ten an ei­nen Rech­ner sen­den. Es kom­me dar­auf an, die­se Da­ten op­ti­mal aus­zu­wer­ten – Russ­wurm sprach von Smart Da­ta. Ge­meint ist die op­ti­ma­le Nut­zung von vor­han­de­nen Da­ten. Auf die­sem Ge­biet ge­sche­he viel Span­nen­des, das aber öf­fent­lich kaum wahr­ge­nom­men wer­de.

Der In­dus­trie geht es dem Sie­mens-CTO zu­fol­ge nicht im­mer dar­um, Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se noch schnel­ler zu ma­chen – die­se Pro­zes­se sei­en gar nicht der Fla­schen­hals. Das Pro­blem lie­ge in der Kom­bi­na­ti­on viel­fäl­ti­ger, oft über­grei­fen­der Pro­zes­se. „Wenn ich auf der Web­site ei­nes Au­to­bau­ers ein neu­es Fahr­zeug kon­fi­gu- rie­re, dann dau­ert es et­wa ein hal­bes Jahr, bis es bei mir zu Hau­se in der Ga­ra­ge steht. Ob­wohl die ei­gent­li­che Pro­duk­ti­on nur 18 St­un­den braucht.“Russ­wurm fragt sich, was in den üb­ri­gen fünf Mo­na­ten und 29 Ta­gen ge­schieht. Of­fen­sicht­lich feh­le es an ei­ner ganz­heit­li­chen Op­ti­mie­rung.

„Ir­gend­wann kom­mu­ni­zie­ren al­le Ge­rä­te auf der Welt mit­ein­an­der. Stellt sich die Fra­ge: Was sa­gen die sich?“, unk­te der Sie­mens-Vor­stand. „In­dus­trie 4.0 braucht vor al­lem Se­man­tik. Nur mit ein­heit­li­cher Se­man­tik las­sen sich Schnitt­stel­len, Soll­bruch­stel­len über­win­den.“An die­ser Stel­le führ­te der Sie­mens-Vor­stand ei­nen neu­en Be­griff ein, das „Web of Sys­tems“: „Je­de Ma­schi­ne muss wis­sen, wie die Supp­ly Chain ins­ge­samt aus­sieht. Not­wen­dig ist ver­teil­te In­tel­li­genz über ver­schie­de­ne Ge­rä­te, nur da­mit ist funk­tio­nie­ren­de Kom­mu­ni­ka­ti­on in zwei Rich­tun­gen mög­lich.“

Funk­tio­nie­re die­se Art von In­tel­li­genz, dann ent­stän­den bei an­sons­ten über­schau­ba­rem Auf­wand span­nen­de Lö­sun­gen. Na­tür­lich auch bei Sie­mens. Russ­wurm nann­te bei die­ser Ge­le­gen­heit die haus­ei­ge­ne „Mas­ter­platt­form“Sina­ly­tics, die der Münch­ner Kon­zern für ver­schie­de­ne in­dus­tri­el­le Ein­satz­sze­na­ri­en nutzt. Bei­spiels­wei­se kommt sie in der Fern­dia­gno­se von Zü­gen zum Ein­satz und nö­ti­gen­falls auch für die Kor­rek­tur von Zug­lauf­plä­nen. Die spa­ni­sche Staats­bahn Ren­fe nutzt so ein Sys­tem.

Auch in der Pro­duk­ti­on von Wind­ener­gie wird Sina­ly­tics ein­ge­setzt mit dem Ziel, 50 Wind­rad­fel­der so zu be­trei­ben und zu steu­ern, dass sich die ein­zel­nen Wind­rä­der nicht ge­gen­sei­tig den Wind rau­ben und so ei­nen op­ti­ma­len Wir­kungs­grad ver­hin­dern. Der Ef­fi­zi­enz­ge­winn sol­cher­art ge­steu­er­ter Wind­parks liegt laut Russ­wurm bei drei Pro­zent – in An­be­tracht der ab­so­lu­ten Grö­ßen, um die es da­bei geht, ein enor­mer Wert.

Die wich­tigs­ten bei­den Er­kennt­nis­se aus sei­nem Vor­trag fass­te Russ­wurm an­schlie­ßend

als Ant­wort auf ei­ne Nach­fra­ge zu­sam­men: Dem­nach brau­chen wir drin­gend „mehr Eu­ro­pa“, um auch auf dem Al­ten Kon­ti­nent Grö­ßen­vor­tei­le wie in den USA nut­zen zu kön­nen. Und: Beim The­ma In­dus­trie 4.0 geht es nicht um mög­lichst per­fek­te, son­dern um mög­lichst uni­ver­sel­le Platt­for­men – da­mit al­le mit al­len kom­mu­ni­zie­ren kön­nen.

Un­be­grenz­te Mög­lich­kei­ten in Est­land

Ei­nen Blick in die voll ver­netz­te Ge­sell­schaft von mor­gen er­mög­lich­te Taa­vi Kot­ka, CIO der Re­gie­rung von Est­land und Eu­ro­pas CIO des Jah­res 2014. Est­land ist – für vie­le Be­su­cher der Stra­te­gie­ta­ge über­ra­schend – der welt­weit wohl am durch­gän­gigs­ten di­gi­ta­li­sier­te Staat über­haupt.

Da­von kann Deutsch­land nur träu­men: Ei­ne na­he­zu 100-pro­zen­ti­ge Ab­de­ckung mit schnel­lem In­ter­net dank LTE- und 4G-Mo­bil­funk­tech­nik ge­nie­ßen die Es­ten bis in die hin­ters­ten Win­kel ih­res Lan­des. Da­mit sind die Be­woh­ner des bal­ti­schen Staa­tes im­mer und übe­r­all on­li­ne – und das steu­er­fi­nan­ziert. Be­zahlt wird mit dem elek­tro­ni­schen Aus­weis, Be­hör­den­kon­tak­te las­sen sich flä­chen­de­ckend di­gi­tal ab­wi­ckeln. Auch Aus­län­der par­ti­zi­pie­ren, wenn sie möch­ten – für 50 Euro kön­nen sie die vir­tu­el­le (steu­er­be­frei­te) Staats­bür­ger­schaft na­mens „ERe­si­den­cy“be­kom­men, um auf di­gi­ta­lem We­ge Bank­kon­ten oder so­gar Un­ter­neh­men in Est­land zu er­öff­nen.

Was die Po­li­tik hier­zu­lan­de seit Jah­ren ver­spricht, hat das bal­ti­sche Land in den ver­gan­ge­nen Jah­ren dank ei­ner prag­ma­tisch den­ken­den Re­gie­rung ein­fach um­ge­setzt. An­ders hät­te Est­land auch gar nicht über­le­ben kön­nen, un­ter­streicht Kot­ka: „Wir ha­ben nur 1,3 Mil­lio­nen Men­schen in Est­land – bei ei­ner Flä­che von über 45.000 Qua­drat­ki­lo­me­tern (ver­gleich­bar mit Nie­der­sach­sen, Anm. d. Red.). Nur mit ei­ner voll­stän­di­gen Di­gi­ta­li­sie­rung so­wohl des öf­fent­li­chen als auch des pri­va­ten Sek­tors kön­nen wir al­le un­se­re Bür­ger er­rei­chen.“

Der Re­gie­rungs­ver­tre­ter zeig­te den Teil­neh­mern der Ham­bur­ger IT-Stra­te­gie­ta­ge, was in Est­land heu­te schon al­les mög­lich ist: Steu­er­er­klä­rung in zwei Mi­nu­ten, Un­ter­neh­mens­grün­dun­gen in un­ter ei­ner St­un­de. „Da wir ei­ne ehe­ma­li­ge deut­sche Ko­lo­nie sind, in­ter­es­siert es Sie be­stimmt, wie es uns heu­te geht“, be­gann Kot­ka schmun­zelnd ei­nen kur­zen Be­richt über die ak­tu­el­le Si­tua­ti­on in Est­land und hat­te so­fort die La­cher auf sei­ner Sei­te: „Uns geht es gut. Auch des­halb, weil wir nie mehr aus­ge­ben, als wir ein­neh­men – das ha­ben uns die deut­schen Wer­te Dis­zi­plin und Ord­nung ge­lehrt.“Was die durch­schnitt­li­che Pro-KopfVer­schul­dung der eu­ro­päi­schen Staa­ten an­geht, liegt Est­land mit deut­li­chem Ab­stand auf dem letz­ten Platz, hat trotz der ge­rin­gen Ein­woh­ner­zahl al­so die ge­rings­ten Schul­den al­ler Län­der.

In Est­land sind al­le IT-Sys­te­me mit­ein­an­der ver­netzt – und zwar de­zen­tral, aus­fall- und ma­ni­pu­la­ti­ons­si­cher. „Gera­de Deut­sche fra­gen uns da oft, wie wir denn mit den The­men Da­ten­schutz und Pri­vat­sphä­re um­ge­hen, wenn je­der von uns ei­ne öf­fent­lich be­kann­te Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer be­sitzt, mit de­ren Hil­fe Ärz­te, Fi­nanz­be­am­te, Po­li­zis­ten oder Ar­beit­ge­ber auf al­le mei­ne Steu­er- oder Ge­sund­heits­da­ten zu­grei­fen kön­nen“, so Kot­ka.

Die Lö­sung hei­ße Trans­pa­renz: Je­der Es­te kann on­li­ne Ein­blick in sei­ne Da­ten neh­men und auch se­hen, wer wann auf wel­che Tei­le da­von zu­ge­grif­fen hat. „Wenn da ein un­be­fug­ter Zu­griff er­folgt ist, wird das so­fort ar­beits- oder straf­recht­lich ver­folgt. Es ist ge­setz­lich klar ge­re­gelt, wer zu wel­chem Zweck wann auf wel­che Da­ten zu­grei­fen darf.“

Bei all dem Fort­schritt schmerzt den Re­gie­rungs-CIO nur ei­nes: „Wir brau­chen mehr Kun­den.“Die 1,3 Mil­lio­nen Es­ten al­lein reich­ten für die ef­fi­zi­en­te Nut­zung der auf­ge­bau­ten IT bei

Wei­tem nicht aus. „Erst schlug ich mei­ner Frau vor, die Be­völ­ke­rung auf na­tür­li­chem We­ge auf zehn Mil­lio­nen zu stei­gern – da hat sie mich aus­ge­lacht. Mit dem The­ma Ein­wan­de­rung ha­ben wir auch so un­se­re Er­fah­run­gen – ge­nau wie Sie. Doch zu uns will nie­mand“, sprach er das bes­tens un­ter­hal­te­ne Pu­bli­kum er­neut an. Al­so wur­de die Idee der „E-Re­si­den­cy“ge­bo­ren – dass je­der ei­ne vir­tu­el­le Staats­bür­ger­schaft be­an­tra­gen kön­ne.

„Un­ser neu­es Ziel sind jetzt nicht mehr die zehn Mil­lio­nen, das ist Schnee von ges­tern. Wir wol­len das ein­woh­ner­stärks­te Land der Welt wer­den – zwei Mil­li­ar­den E-Es­ten soll­ten doch mög­lich sein“, gab der CIO ei­nen am­bio­nier­ten Plan aus. Und vor dem Hin­ter­grund der in­no­va­ti­ven Di­gi­ta­li­sie­rungs­stra­te­gie der le­bens­fro­hen Es­ten, die sich laut Kot­ka nur vor dem rus­si­schen Grö­ßen­wahn fürch­ten, scheint das nicht ein­mal aus­sichts­los.

Al­li­anz-CIO in der Rol­le des Mah­ners

Er woll­te nicht die „Spaß­brem­se“der Ham­bur­ger Ver­an­stal­tung sein, aber am En­de blieb Ralf Schnei­der, dem CIO der Al­li­anz, an­ge­sichts des ge­wähl­ten The­mas IT-Si­cher­heit gar kei­ne an­de­re Wahl. Der Al­li­anz-CIO kam di­rekt zum Punkt: „Wenn Sie sich mit dem The­ma Cy­ber­se­cu­ri­ty be­schäf­ti­gen, schau­en Sie in ei­nen Ab­grund – und ir­gend­wann schaut der auf Sie zu­rück, wenn Sie nichts un­ter­neh­men. Küm­mern Sie sich um Ih­re Un­ter­neh­mens­wer­te und de­ren Si­cher­heit – recht­zei­tig und um­fas­send.“

Die Ab­si­che­rung der ana­lo­gen Welt sei über die Jahr­zehn­te kom­plett durch­struk­tu­riert wor­den – mit Ri­si­ko­ver­si­che­run­gen, zer­ti­fi­zier­ten Lehr- und Stu­di­en­be­ru­fen und funk­tio­nie­ren­den Si­cher­heits­kon­zep­ten. Doch so­bald sich die ana­lo­ge Welt mit der di­gi­ta­len ver­mi­sche, grif­fen vie­le die­ser eta­blier­ten Mecha­nis­men nicht mehr. So schön die Mög­lich­kei­ten der Di­gi­ta­li­sie­rung auch sei­en, so häss­lich und ge­fähr­lich wirk­ten die Fra­ge­stel­lun­gen rund um die Be­dro­hun­gen, mach­te Schnei­der deut­lich. „Soft­ware ist laut­los und un­sicht­bar – Sie se­hen die Ge­fahr nicht mehr so­fort, das macht es so ge­fähr­lich.“

Der CIO sei grund­sätz­lich in zen­tra­ler Po­si­ti­on mit dem Ri­si­ko kon­fron­tiert, müs­se vor­be­rei­tet sein und die rich­ti­gen Ge­gen­mit­tel zur Hand ha­ben. „Sie müs­sen in­ves­tie­ren – in Men­schen, Pro­zes­se und Tech­nik“, for­der­te der IT-Chef der Al­li­anz die mehr als 800 IT-Ent­schei­der auf, glei­cher­ma­ßen Geld für tech­ni­sche Ab­wehr­sys­te­me und für aus­ge­bil­de­te Fach­kräf­te in die Hand zu neh­men.

Um zu wis­sen, wo das knap­pe Bud­get am bes­ten auf­ge­ho­ben sei, müs­se sich der CIO zu­nächst be­wusst ma­chen, wo das Ri­si­ko für sein Un­ter­neh­men ge­nau lie­ge, so Schnei­der. „Wel­che Un­ter­neh­mens­wer­te, al­so Cri­ti­cal As­sets, will ich schüt­zen? Wo lie­gen mög­li­che Schwach­stel­len in mei­nen Sys­te­men und Net­zen? Ge­gen wel­che kon­kre­ten Be­dro­hun­gen will ich mich schüt­zen?“Die­se Fra­gen sei­en es­sen­zi­ell, die Ant­wor­ten eben­so.

„Je­der von Ih­nen hat min­des­tens drei kri­ti­sche Ar­ten von Da­ten, um de­ren Ab­si­che­rung Sie sich un­be­dingt küm­mern müs­sen“, so Schnei­der. Da­zu ge­hör­ten ins­be­son­de­re per­so­nen­be­zo­ge­ne Da­ten von Kun­den und Part­nern, das geis­ti­ge Ei­gen­tum und die Zu­griffs­be­rech­ti­gun­gen für IT-Ad­mi­nis­tra­to­ren

Schnei­der mach­te deut­lich, dass nie­mand al­les ab­si­chern kön­ne. Aber zu­min­dest die Stel­len, wo zwei oder mehr Ri­si­ko­fak­to­ren zu­sam­men­kä­men, soll­ten ge­nau un­ter die Lu­pe ge­nom­men wer­den. Für ei­nen On­li­ne-Händ­ler, des­sen Ge­schäfts­mo­dell na­he­zu aus­schließ­lich auf ei­nem Web­shop ba­siert, müs­se bei­spiels­wei­se der ge­ziel­te Schutz vor DDoS-Atta­cken (Dis­tri­bu­ted De­ni­al of Ser­vice) an obers­ter Stel­le ste­hen. Wer gro­ße Un­ter­neh­mens­net­ze zu ver­wal­ten ha­be, sol­le sich in­ten­siv um Log­ging-und Mon­to­ring-Ser­vices küm­mern, um den Traf­fic und die Ak­ti­vi­tä­ten im Blick be­hal­ten zu kön­nen. Und dann ge­be es na­tür­lich noch die hoch­kri­ti­schen Si­cher­heits­lü­cken in Stan­dard­soft­ware oder an­de­ren IT-Sys­te­men, die na­he­zu je­des Un­ter­neh­men im Ein­satz ha­be und um die sich da­her um­ge­hend ge­küm­mert wer­den sol­le. Al­lein in den ver­gan­ge­nen bei­den Jah­ren ha­be es laut Schnei­der mehr als 750 sol­che Schwach­stel­len ge­ge­ben, dar­un­ter so be­kann­te wie „He­art­bleed“, die Lü­cke in der Open-Sour­ceBi­b­lio­thek OpenSSL, oder „Shell­s­hock“, das Loch in der Unix-Shell Bash.

Von der Prä­ven­ti­on zur Part­ner­schaft

Der Al­li­anz-CIO warb für ein um­fas­sen­des Si­cher­heits­kon­zept, das mit der Prä­ven­ti­on be­ginnt. Über die Er­ken­nung der Ri­si­ken und die (fo­ren­si­sche) Be­hand­lung von Si­cher­heits­vor­fäl­len kom­me man zur Coun­ter In­tel­li­gence, zu ge­eig­ne­ten Ge­gen­mit­teln. Als Kö­nigs­di­zi­plin und letz­ten Schritt soll­ten Un­ter­neh­men zu ge­mein­sa­men Lö­sun­gen und Se­cu­ri­ty-Part­ner­schaf­ten ge­lan­gen – IT-Se­cu­ri­ty sei schließ­lich kein so­li­tä­res The­ma für ein ein­zel­nes Un­ter­neh­men.

Über die Zu­sam­men­ar­beit fie­le im nächs­ten Schritt schließ­lich auch die Prä­ven­ti­on neu­er Si­cher­heits­vor­fäl­le um ei­ni­ges leich­ter, so Schnei­der. Was das ein­zel­ne Un­ter­neh­men an­ge­he, sei schon viel ge­won­nen, wenn die Ver­trau­lich­keit, die In­te­gri­tät und die Ver­füg­bar­keit von Da­ten und IT-Ser­vices ge­währ­leis­tet sei­en. So ap­pel­lier­te der Al­li­anz-CIO an die Teil­neh­mer der IT-Stra­te­gie­ta­ge, sich re­gel­mä­ßig auch um die im Un­ter­neh­men vor­ge­hal­te­nen Da­ten­be­stän­de zu küm­mern. „Den­ken Sie im­mer dar­an: Wir sind ver­letz­lich – je­des gro­ße wie klei­ne Un­ter­neh­men“, schloss Schnei­der sei­nen Vor­trag. Al­lein das Be­wusst­sein die­ser Ver­letz­lich­keit sei schon der ers­te Schritt zu ei­nem Si­cher­heits­kon­zept.

Den viel­leicht vi­sio­närs­ten Vor­trag hielt Mar­tin Hof­mann, CIO des Volks­wa­gen­Kon­zerns. Aus sei­ner Sicht wer­den selbst­ler­nen­de Al­go­rith­men die Welt, in der wir le­ben, schon bald kom­plett ver­än­dern.

Micha­el Nil­les, der CIO des Jah­res 2015, be­schrieb im Rah­men ei­nes öf­fent­lich ge­führ­ten In­ter­views den Weg des Schwei­zer Auf­zu­g­her­stel­lers Schind­ler in die di­gi­ta­le Zu­kunft.

Sie­mens-Vor­stand und CTO Sieg­fried Russ­wurm hält Big Da­ta für nicht ziel­füh­rend. Die Zu­kunft ge­hö­re den „Smart Da­ta“.

El­mar Pritsch, CIO der Ro­bert Bosch Gm­bH, sieht größ­te Chan­cen, wenn es ge­lingt, ein IoT-Eco­sys­tem zu eta­blie­ren.

Er hat­te nicht nur die La­cher, son­dern auch vie­le Be­wun­de­rer auf sei­ner Sei­te: Est­lands CIO Taa­vi Kot­ka. Das bal­ti­sche Land ist das viel­leicht di­gi­ta­li­sier­tes­te der Welt.

Ralf Schnei­der, CIO der Al­li­anz AG: „Wenn Sie sich mit dem The­ma Cy­ber­se­cu­ri­ty be­schäf­ti­gen, schau­en Sie in ei­nen Ab­grund.“

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