Freie Bu­si­ness-Soft­ware Odoo zeigt er­staun­li­che Rei­fe

Quell­of­fe­ne Un­ter­neh­mens­lö­sun­gen gab es im­mer wie­der, der Er­folg blieb aber über­schau­bar. Mit dem Kom­plett­pa­ket Odoo, das ERP, CRM, ECM, Pro­jekt­pla­nung und mehr bie­tet, zeich­net sich ein Sil­ber­streif am Ho­ri­zont ab.

Computerwoche - - Technik - Von Hol­ger Rei­bold, In­ha­ber des Ver­lags Brain-Me­dia.de in Saar­brü­cken

Im­mer wie­der gab es Ver­su­che, Kon­kur­ren­ten zu SAP & Co. aus der Tau­fe zu he­ben. Com­pie­re et­wa star­te­te mit vie­len Vor­schuss­lor­bee­ren, en­de­te aber letzt­lich wie vie­le Open-Sour­ce-Pro­jek­te in der Selbst­zer­flei­schung und in ver­schie­dens­ten Fork-Pro­jek­ten wie ADem­pie­re, Open­bra­vo und OpenZ. Auf nen­nens­wer­te Markt­an­tei­le brach­te es kei­nes die­ser Pro­jek­te. Auch an­de­ren ERP- und CRMPro­jek­ten wie vTi­ger und Su­garCRM er­ging es nicht viel bes­ser. Ein Grund hier­für ist si­cher, dass die Funk­tio­nen zu ein­ge­schränkt sind und ei­ne In­te­gra­ti­on in be­ste­hen­de IT-In­fra­struk­tu­ren nur schwer mög­lich ist. Ein wei­te­res Pro­blem: Die Ab­läu­fe in Un­ter­neh­men wer­den im­mer kom­ple­xer und an­spruchs­vol­ler. Da­mit ein­her ge­hen ge­stie­ge­ne An­for­de­run­gen an ei­ne Un­ter­neh­mens­lö­sung.

Mit Odoo gibt es nun ein bis­lang we­ni­ger be­kann­tes ERP-Sys­tem, das vie­les von dem kann, was man heu­te in Un­ter­neh­men braucht. Ne­ben klas­si­schen ERP-Funk­tio­nen bie­tet die Um­ge­bung CRM, E-Com­mer­ce, Content-Ma­nage­ment, Pro­jekt­pla­nung, La­ger­ver­wal­tung, Buch­hal­tung, Per­so­nal-Ma­nage­ment, Por­tal, Know­ledge Ba­se und mehr. Das Sys­tem stellt auch Mo­du­le für die Be­rei­che E-Bu­si­ness, E-Mar­ke­ting und E-Com­mer­ce zur Ver­fü­gung. In­zwi­schen gibt es über 6700 Mo­du­le – und täg­lich wer­den es mehr. En­de Ja­nu­ar 2016 ste­hen im Add-on-Ver­zeich­nis meh­re­re Tau­send Er­wei­te­run­gen zur Ver­fü­gung. Klei­ne und mitt­le­re Un­ter­neh­men kön­nen da­mit al­le Be­rei­che im Un­ter­neh­men ab­bil­den, ver­spre­chen die Ent­wick­ler.

Die Ba­sis von Odoo bil­det das eins­ti­ge OpenERP, das auf ei­ner ty­pi­schen 3-Tier-Ar­chi­tek­tur ba­siert. Das Herz­stück ist der Ap­pli­ka­ti­ons­Ser­ver, der für die Ge­schäfts­lo­gik ver­ant­wort­lich ist und den Zu­griff auf die Datenbank steu­ert. Der Odoo-Ser­ver in­te­griert ei­nen We­bLay­er, der als Bin­de­glied zwi­schen dem Ap­pli­ka­ti­ons-Ser­ver und dem Be­nut­zer dient. Die Da­ten ver­wal­tet Odoo in ei­nem Post­greSQL-Datenbank-Ser­ver, der für die Bu­si­ness-re­le­van­ten Da­ten und die Sys­tem­kon­fi­gu­ra­ti­on zu­stän­dig ist. Der Zu­griff auf das Sys­tem er­folgt üb­li­cher­wei­se mit ei­nem Web-Brow­ser be­zie­hungs­wei­se mit ei­nem mo­bi­len Cli­ent.

Dank die­ser Ar­chi­tek­tur kön­nen die ver­schie­de­nen Kom­po­nen­ten prin­zi­pi­ell auf ver­schie­de­nen Ser­vern be­trie­ben wer­den. Der Datenbank-Ser­ver kann ver­teilt in ei­ner Clus­ter-Kon­fi­gu­ra­ti­on ver­wen­det wer­den. Per Load Ba­lan­cer kön­nen auch meh­re­re Odoo-Ser­ver ge­nutzt wer­den, die prin­zi­pi­ell auch den Ein­satz in grö­ße­ren Um­ge­bun­gen zu­lie­ßen.

Odoo ist in Py­thon ge­schrie­ben

Odoo ist in Py­thon pro­gram­miert und bie­tet ei­ne mo­der­ne Web-Ober­flä­che, die auf HTML 5.0 und Ja­vas­cript setzt. Für Un­ter­neh­men, die An­pas­sun­gen der Um­ge­bun­gen be­nö­ti­gen und be­ste­hen­de Da­ten in das Sys­tem in­te­grie­ren wol­len, ist der ORM-Lay­er ein wich­ti­ges Ele­ment, da er für An­wen­der Zu­grif­fe auf Post­greSQL ver­ein­facht und die Ent­wick­lung ei­ge­ner Mo­du­le er­laubt. Odoo ver­fügt au­ßer­dem über ei­ne Work­flow-En­gi­ne, mit der Un­ter­neh­men neue Ge­schäfts­pro­zes­se mo­del­lie­ren und im­ple­men­tie­ren kön­nen.

Für die ers­ten Geh­ver­su­che mit Odoo stel­len die Ent­wick­ler fer­ti­ge In­stal­la­ti­ons­pa­ke­te für Li­nux- und Win­dows-Platt­for­men zur Ver­fü­gung. Un­ter Win­dows steht ein kom­for­ta­bler Se­t­up-As­sis­tent be­reit, der et­wa durch die Da­ten­bank­kon­fi­gu­ra­ti­on führt. Für die ers­ten Geh­ver­su­che sind kei­ne Än­de­run­gen an die­ser Ba­sis­kon­fi­gu­ra­ti­on er­for­der­lich. Nach der In­stal­la­ti­on ist ei­ne Datenbank für Odoo und das Pass­wort für den Ad­mi­nis­tra­tor und die Sprach­va­ri­an­te zu be­stim­men. Odoo ist na­he­zu voll­stän­dig mit ei­ner deutsch­spra­chi­gen Be­nut­zer­schnitt­stel­le ver­füg­bar. An­wen­der kön­nen au­ßer­dem Bei­spiel­da­ten la­den.

Ers­te Schrit­te mit Odoo

Am ein­fachs­ten ist der Ein­stieg in Odoo mit der In­stal­la­ti­on ei­nes Kom­plett­pa­kets, da hier un­mit­tel­bar mit der Bu­si­ness-Lö­sung ge­ar­bei­tet wer­den kann. Odoo stellt – ähn­lich ei­nem Le­go-Bau­kas­ten – 32 Stan­dard­mo­du­le zur Aus­wahl be­reit, die sich mit ei­nem Klick auf „Ins- tal­lie­ren“ak­ti­vie­ren las­sen. Mit ei­nem wei­te­ren Klick auf ei­nen Mo­du­lein­trag las­sen sich zu­sätz­li­che In­for­ma­tio­nen zur je­wei­li­gen Funk­ti­on ab­ru­fen. Je­des Mo­dul stellt üb­li­cher­wei­se sei­ne Stan­dard­funk­tio­nen und ei­ge­ne Ein­stel­lun­gen zur Ver­fü­gung. Über die Ein­stel­lun­gen des Abrech­nungs­mo­duls lässt sich bei­spiels­wei­se die Stan­dard­wäh­rung an­pas­sen. Au­ßer­dem kön­nen An­wen­der auf Da­ten wie Un­ter­neh­mens­na­men, Lo­go und Adres­sen zu­grei­fen.

CRM mit Odoo

Ei­ne der zen­tra­len Auf­ga­ben von Odoo ist das Cust­o­m­er-Re­la­ti­ons­hip-Ma­nage­ment (CRM). Hier­für steht Un­ter­neh­men das Mo­dul „Kun­den­ver­wal­tung“zur Ver­fü­gung. Odoo kann aus al­len ein­ge­hen­den E-Mails au­to­ma­tisch Le­a­dEin­trä­ge er­zeu­gen. Die Um­ge­bung be­sitzt so­gar ei­ne Le­ad-Ana­ly­se­funk­ti­on, die die Be­wer­tung der Ef­fek­ti­vi­tät von Kam­pa­gnen und ver­kaufs­för­dern­den Maß­nah­men er­laubt. Das CRMzMo­dul muss – wie al­le an­de­ren Funk­tio­nen auch – zu­nächst über die App-Ver­wal­tung in­stal­liert wer­den. Wie bei an­de­ren CRM-Sys­te­men spielt der Ac­count-Ma­na­ger in Odoo da­bei ei­ne be­son­de­re Rol­le. Er ist für Kun­den-Ac­counts und für die Kun­den­zu­frie­den­heit zu­stän­dig.

Fi­nan­zen im Griff

Die App „Fi­nan­zen und Buch­hal­tung“bie­tet al­le wich­ti­gen fi­nanz­spe­zi­fi­schen Funk­tio­nen. Nach der In­stal­la­ti­on des Fi­nanz­mo­duls ste­hen die zu­ge­hö­ri­gen Funk­tio­nen über das Me­nü „Abrech­nung“zur Ver­fü­gung. Beim Öff­nen der App fal­len zu­nächst die Charts auf, die die wich­tigs­ten In­for­ma­tio­nen zu den Ein- und Aus­gangs­rech­nun­gen, zur Bank und zur Kas­se an­zei­gen. Be­vor der Be­nut­zer sich um die Ver­ar­bei­tung be­zie­hungs­wei­se das Er­stel­len von Rech­nun­gen küm­mern kann, soll­ten die Ap­pEin­stel­lun­gen über­prüft und an­ge­passt wer­den. Ne­ben dem Ge­schäfts­jahr, der Stan­dard­wäh­rung und den re­le­van­ten Steu­er­sät­zen lässt sich im Un­ter­me­nü „Kon­fi­gu­ra­ti­on > Ein­stel­lun­gen“bei­spiels­wei­se fest­le­gen, wie Bank­aus­zü­ge im­por­tiert, wel­che Zah­lungs­me­tho­den ge­nutzt wer­den, ob die Ver­wen­dung von meh­re­ren Wäh­run­gen er­for­der­lich und ob auch das Bud­get-Ma­nage­ment ge­fragt ist. In den App-Ein­stel­lun­gen kann der An­wen­der Kon­ten, Jour­na­le und Zah­lungs­be­din­gun­gen an­le­gen und die Zah­lungs­be­rich­te kon­fi­gu­rie­ren. Odoo kann die Um­sät­ze nach Kun­den und das Sal­do nach Ge­schäfts­part­nern an­zei­gen so­wie ei­ne Ge­winn- und Ver­lust-Über­sicht, ei­ne (vor­läu­fi­ge) Bi­lanz und so­gar ei­nen voll­stän­di­gen Fi­nanz­be­richt ge­ne­rie­ren. Der An­wen­der legt da­für je­weils den Zei­t­raum fest und rich­tet ge­ge­be­nen­falls wei­te­re Fil­ter ein. Odoo er­zeugt dann ei­nen PDF-Be­richt.

Das Pro­jekt-Ma­nage­ment von Odoo

Für die Bu­si­ness-Lö­sung steht ei­ne Pro­jekt­Ma­nage­ment-App zur Ver­fü­gung, die mit ei­nem Klick in der App-Ver­wal­tung ein­zu­rich­ten ist. Pro­jek­te wer­den über das „Pro­ject“-Me­nü ver­wal­tet. Dort las­sen sich neue Vor­ha­ben an­le­gen und be­ste­hen­de be­ar­bei­ten. Odoo un­ter­schei­det zwi­schen Kun­den-, Mit­ar­bei­ter- und Pri­vat­pro­jek­ten. Nach dem An­le­gen weist der An­wen­der den Pro­jek­ten Auf­ga­ben und ge­ge­be­nen­falls Do­ku­men­te zu. Die Pro­jekt­ver­wal­tung er­laubt das An­le­gen von Mei­len­stei­nen und ent­spre­chen­den Pro­jek­t­e­tap­pen.

Odoo nach der Erst­in­stal­la­ti­on: Über die Mo­dul­ver­wal­tung kön­nen An­wen­der nach Be­darf die ge­wünsch­ten Mo­du­le in­stal­lie­ren und sich so ih­re Ar­beits­um­ge­bung zu­sam­men­stel­len.

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