Gro­ßer Bru­der Al­go­rith­mus?

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Kre­dit be­kommt nur, wer kei­nen braucht. Wer in ei­nem är­me­ren Vier­tel wohnt, darf nicht ge­gen Rech­nung be­stel­len. Wa­ren­häu­ser wis­sen von der Schwan­ger­schaft ei­nes Teen­agers frü­her als sei­ne El­tern. Be­nut­zer von Da­ting-Apps wi­schen nach je­dem Tref­fen gleich wie­der von Bild zu Bild und kön­nen sich für nie­mand ent­schei­den. An al­le­dem sind an­geb­lich Al­go­rith­men schuld: Sie über­wa­chen uns und set­zen den Markt auch da durch, wo er nichts ver­lo­ren hat. Der Wis­sen­schafts­jour­na­list Chris­toph Drös­ser hält es für sinn­voll, wenn man weiß, wor­über man re­det. Des­halb er­klärt er in sei­nem Buch „To­tal be­re­chen­bar? Wenn Al­go­rith­men für uns ent­schei­den“, wie die – lau­fend ver­än­der­ten – Al­go­rith­men von Mäch­ten wie Goog­le, Ama­zon und Face­book funk­tio­nie­ren. Er er­leich­tert das Ver­ständ­nis mit Ge­gen­bei­spie­len aus dem nicht­di­gi­ta­len All­tag: Auch ein Koch­re­zept, al­ler­dings nur ein gut ge­schrie­be­nes, ist ein Al­go­rith­mus, näm­lich „ei­ne Rei­he von Vor­schrif­ten, bei der je­der Schritt ein­deu­tig de­fi­niert ist“. Wer ei­nen Sta­pel CDs al­pha­be­tisch sor­tiert, braucht da­für mehr oder we­ni­ger lan­ge, je nach der Qua­li­tät des Al­go­rith­mus, dem er folgt. Al­go­rith­men vor­zu­wer­fen, dass sie dis­kri­mi­nie­ren, ist mü­ßig. Wie sie funk­tio­nie­ren, hängt al­lein da­von ab, wie sie pro­gram­miert sind und wo sie über­haupt zum Ein­satz kom­men. Sie sind Werk­zeu­ge, mit de­nen man Gu­tes, Schlech­tes oder gar nichts tun kann. Die Ent­schei­dung, wie be­re­chen­bar Men­schen sein wol­len, liegt bei den Men­schen. Chris­toph Drös­ser ist ein Buch der zwei Ge­schwin­dig­kei­ten ge­lun­gen. Auch wer es schnell liest, wird mit über­ra­schen­den Ein­sich­ten ver­sorgt, die in ge­sell­schaft­li­chen Dis­kus­sio­nen über Al­go­rith­men, In­ter­net und Big Da­ta nicht feh­len soll­ten. Von man­chem Vor­ur­teil kann er sich ver­ab­schie­den. Wer das Buch lang­sam liest, wird Al­go­rith­men ver­ste­hen, als ver­stün­de er et­was von Ma­the­ma­tik.

Chris­toph Drös­ser: To­tal be­re­chen­bar? Wenn Al­go­rith­men für uns ent­schei­den, Mün­chen (Carl Han­ser Ver­lag) 2016, 252 Sei­ten, 17,90 Eu­ro (Print), 13,99 Eu­ro (E-Book)

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