KI, Ro­bo­tik und die Fol­gen

„Wo bleibt der Mensch?“– auf die­se be­rech­tig­te Fra­ge gibt es nur we­ni­ge gu­te Ant­wor­ten.

Computerwoche - - Vorderseite - Von Jan-Bernd Mey­er, lei­ten­der Re­dak­teur

Was be­deu­tet es, wenn in­tel­li­gen­te und selbst­ler­nen­de Sys­te­me in die Ar­beits­pro­zes­se in­te­griert wer­den? Naht das En­de der Ar­beits­welt, so wie wir sie ken­nen? Und was heißt das für un­se­re Ge­sell­schaft? Dar­über wird zu­neh­mend dis­ku­tiert.

Wäh­rend die ei­nen die in­tel­li­gen­ten Sys­te­me als Ar­beits­platz­ver­nich­ter gei­ßeln, win­ken die an­de­ren ge­nervt ab. Schon im­mer hät­ten tech­ni­sche Ent­wick­lun­gen neue Ge­schäfts- und Pro­duk­ti­ons­wei­sen be­för­dert. Da­bei sei­en zwar an­ge­stamm­te Ar­beits­plät­ze ver­lo­ren ge­gan­gen, da­für aber neue Be­schäf­ti­gungs­fel­der ent­stan­den.

Ab­ge­hängt vom Com­pu­ter

Der Kampf Mensch ge­gen Ma­schi­ne hat die Phan­ta­sie schon zu Zei­ten Char­lie Chap­lins an­ge­regt. Der Show­down zwi­schen Ho­mo sa­pi­ens und sei­nem di­gi­ta­len Ge­schöpf ist im vol­len Gan­ge. 1996 ge­wann IBMs Su­per­rech­ner „Deep Blue“zum ers­ten Mal ei­ne Par­tie ge­gen den am­tie­ren­den Schach­welt­meis­ter Gar­ry Kas­pa­row. Dis­kus­sio­nen über die an­geb­li­che Macht der Com­pu­ter­sys­te­me wa­ren die Fol­ge. Im Fe­bru­ar 2011 hat­te wie­der ein IBM-Rech­ner, die­ses Mal „Wat­son“, die pro­mi­nen­tes­ten Ge­win­ner der ame­ri­ka­ni­schen Quiz-Sen­dung „Jeo­par­dy“be­siegt. Hier war schon nicht mehr so leicht zu er­klä­ren, war­um ein Rech­ner das Prin­zip der Sen­dung – auf na­tür­lich­sprach­li­che Ant­wor­ten galt es die pas­sen­den Fra­gen zu fin­den – bes­ser be­herrsch­te als der mensch­li­che Kan­di­dat. Frap­pie­ren­der war, dass Wat­son auch iro­ni­sche Wen­dun­gen in­ter­pre­tie­ren konn­te.

Im März 2016 kam es wie­der zum Show­down Mensch ge­gen Ma­schi­ne. Da maß sich ei­ne Soft­ware der Goog­le-Toch­ter Deep­mind mit der Num­mer eins der Welt im Go-Spiel, dem Süd­ko­rea­ner Lee Se­dol. Das aus Chi­na stam­men­de, meh­re­re Tau­send Jah­re al­te Spiel ist zwar von den Re­geln her ein­fa­cher als Schach. Aber je­der Spie­ler hat pro Spiel­zug we­sent­lich mehr Op­tio­nen. Au­ßer­dem ver­las­sen sich Go-Spie­ler oft auf ih­re In­tui­ti­on – ein Ge­biet, das Com­pu­tern fremd sein soll­te. Des­halb gilt Go als Grad­mes­ser für künst­li­che In­tel­li­genz (KI).

Goog­le hat­te 2014 das auf künst­li­che In­tel­li­genz und selbst­ler­nen­de Sys­te­me spe­zia­li­sier­te bri­ti­sche Un­ter­neh­men Deep­mind ge­kauft. Des­sen Spe­zia­lis­ten ent­wi­ckel­ten die Soft­ware „Al­phaGo“, die im Selbst­lern­mo­dus die Sys­te­ma­tik und Lo­gik von Spie­len er­kennt und die­se Er­fah­run­gen dann im Wett­be­werb ge­gen mensch­li­che Spie­ler um­setzt. Vor Be­ginn des Schau­kampfs tön­te Lee Se­dol, er wer­de das Sys­tem in den an­ge­setz­ten fünf Par­ti­en ver­nich­tend schla­gen. Am En­de stand es 4 zu 1 für die Soft­ware.

Be­reits heu­te ha­ben künst­li­che In­tel­li­genz und selbst­ler­nen­de Sys­te­me dem Men­schen in et­li­chen Fer­tig­kei­ten den Rang ab­ge­lau­fen. In­ter­es­sant ist die Fra­ge, wel­che Aus­wir­kun­gen die sich stän­dig wei­ter­ent­wi­ckeln­den Com­pu­ter­sys­te­me auf die Ar­beits­welt und da­mit auf un­se­re Ge­sell­schaf­ten ha­ben wer­den.

Glau­bens­krie­ge

Genau hier be­gin­nen die Glau­bens­krie­ge. Vol­le Fahrt auf­ge­nom­men hat­te die Dis­kus­si­on 2013 mit der Stu­die „The Fu­ture of Em­ploy­ment“von Micha­el Os­bor­ne und Carl Frey. Die bei­den in Ox­ford tä­ti­gen Wis­sen­schaft­ler zeich­ne­ten ein düs­te­res Bild: Sie hat­ten, be­zo­gen auf die USA, 702 Be­rufs­fel­der un­ter­sucht und sich ge­fragt, wie ge­fähr­det die­se durch den Ein­satz au­to­ma­ti­sier­ter Sys­te­me, Ro­bo­ter etc. sein wür­den. Nach Os­bor­ne und Frey wer­den 47 Pro­zent der ame­ri­ka­ni­schen Ar­beits­plät­ze in den kom­men­den 20 Jah­ren ver­schwin­den. Zu­dem pro­gnos­ti­zier­ten die Wis­sen­schaft­ler, dass, an­ders als bei den bis­he­ri­gen Ent­wick­lungs­schü­ben, die­ses Mal nicht nur Ge­ring­qua­li­fi­zier­te um ih­re Jobs fürch­ten müss­ten. Tat­säch­lich kön­ne sich kaum ei­ne Be­rufs­grup­pe noch si­cher füh­len.

Deutsch­land, du hast es nicht bes­ser

Ist ein ähn­li­cher Ar­beits­platz­ab­bau auch in Deutsch­land zu be­fürch­ten? Die­se Fra­ge be­jah­te ei­ne Grup­pe von Wis­sen­schaft­lern um den Öko­no­men Hol­ger Bo­nin vom Zen­trum für Eu­ro­päi­sche Wirt­schafts­for­schung (ZEW) in Mann­heim. Nach ih­rer Un­ter­su­chung ge­hen 42 Pro­zent der Be­schäf­tig­ten in Deutsch­land ei­ner Ar­beit nach, die sich mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit im Zeit­rah­men von 20 Jah­ren di­gi­ta­li­sie­ren oder au­to­ma­ti­sie­ren lässt.

Auf­se­hen er­reg­te auch die Stu­die „The Fu­ture of Jobs“des World Eco­no­mic Fo­rum (WEF) von Da­vos vom Ja­nu­ar 2016. Dar­in heißt es, dass durch die Di­gi­ta­li­sie­rung und den Ein­satz von Ro­bo­tern bis zum Jahr 2020 sie­ben Mil­lio­nen Ar­beits­plät­ze welt­weit über­flüs­sig wer­den. Dem stän­den le­dig­lich zwei Mil­lio­nen neu ge­schaf­fe­ne Jobs ge­gen­über. Im Sal­do fal­len nach die­ser Be­rech­nung fünf Mil­lio­nen Ar­beits­plät­ze in den In­dus­trie­län­dern weg. Die Un­ter­su­chung ba­siert auf der Be­fra­gung von Top­ma­na­gern in den 350 größ­ten Un­ter­neh­men der Welt. Auch die­se Un­ter­su­chung kommt zu dem Schluss, dass es nicht nur Fa­b­rik­ar­bei­ter, son­dern auch Wei­ße-Kra­genBe­schäf­tig­te tref­fen wird.

Gu­te Aus­sich­ten am Ar­beits­markt ha­ben laut WEF vor al­lem Spe­zia­lis­ten aus den MINTBe­ru­fen – Ma­the­ma­ti­ker, In­for­ma­ti­ker, Na­tur­wis­sen­schaft­ler und Tech­ni­ker al­so. Vor al­lem auf die­sen Fel­dern ent­ste­hen die zwei Mil­lio­nen neu­en Jobs. Ins­ge­samt aber „gibt es mehr Bran­chen, die Ar­beits­plät­ze ver­lie­ren, als Bran­chen, die Ar­beits­plät­ze schaf­fen“, warnt der Har­vard-Öko­nom La­wrence Sum­mers.

Ent­schei­dun­gen müs­sen jetzt her

2014 hat­ten Erik Bryn­jolfs­son und sein Kol­le­ge And­rew McA­fee vom Mas­sa­chu­setts In­sti­tu­te of Tech­no­lo­gy (MIT) in ih­rem Buch „The Se­cond Ma­chi­ne Age“fest­ge­stellt: „Es kommt ei­ne Zeit, in der das, was war, nicht län­ger ein ver­läss­li­cher Leit­fa­den ist für das, was kommt.“So­wohl ei­ne Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit als auch die Schaf­fung zahl­rei­cher neu­er Jobs sei­en mög­lich. Wie am En­de das Pen­del aus­schla­gen wird, hängt dem­nach maß­geb­lich da­von ab, ob Po­li­ti­ker, Un­ter­neh­mer und Ar­beit­neh­mer jetzt die rich­tungs­wei­sen­den Ent­schei­dun­gen tref­fen.

Har­sche Kri­tik an Uber und Kon­sor­ten

In die Kri­tik ge­ra­ten zu­neh­mend die Ge­schäfts­mo­del­le vie­ler In­ter­net-Un­ter­neh­men wie Uber, AirBnB, WhatsApp etc. Der eng­lisch-ame­ri­ka­ni­sche Au­tor und Un­ter­neh­mer And­rew Ke­en et­wa rech­net in sei­nem Buch „Das di­gi­ta­le De­ba­kel“hart mit ih­nen ab. Sie wür­den so gut wie kei­ne Ar­beits­plät­ze schaf­fen, durch ih­re Ge­schäfts­prak­ti­ken aber vie­le Jobs ver­nich­ten. Die Zu­kunfts­ar­chi­tek­ten aus dem Si­li­con Val­ley wür­den an ei­ner ver­netz­ten Wirt­schaft und ei­ner Ge­sell­schaft ar­bei­ten, „die nie­man­dem nutzt als ih­ren mäch­ti­gen und rei­chen Ei­gen­tü­mern“. Ke­en zi­tiert Ro­bert Reich, den ExAr­beits­mi­nis­ter in der Cl­in­ton-Re­gie­rung, der am Bei­spiel WhatsApp fest­stellt: Die­ses Un­ter­neh­men ste­he „für all das, was in der ame­ri­ka­ni­schen Wirt­schaft schief­läuft“.

Ro­bo­tik-Re­vo­lu­ti­on ver­än­dert Öko­no­mie

Nach den Ana­lys­ten von der Bank of Ame­ri­ca Mer­rill Lynch wird ei­ne „Ro­bo­tik-Re­vo­lu­ti­on“die glo­ba­le Öko­no­mie in den nächs­ten 20 Jah­ren ver­än­dern. Die Kos­ten, zu de­nen heu­te Pro­duk­te und Di­enst­leis­tun­gen an­ge­bo­ten wer­den, lie­ßen sich deut­lich re­du­zie­ren. Gleich­zei­tig aber wür­den so­zia­le Un­gleich­hei­ten ver­stärkt. De­mach wer­den Ma­schi­nen Tä­tig­kei­ten von der Al­ten­pfle­ge bis zum Um­dre­hen von Bur­gern in Fast-Food-Lä­den über­neh­men. Die Durch­drin­gung mit Ro­bo­tern und künst­li­cher In­tel­li­genz er­fas­se je­den In­dus­trie­sek­tor. Die­ser Trend sei ins­be­son­de­re in Märk­ten wie dem ame­ri­ka­ni­schen be­sorg­nis­er­re­gend. Hier sei­en in den ver­gan­ge­nen Jah­ren vie­le Jobs ent­stan­den, die ge­ring be­zahlt sind, nur Mus­kel­kraft ver­lan­gen oder im Di­enst­leis­tungs­sek­tor an­ge­sie­delt sind. Die­se Po­si­tio­nen, so die Au­to­ren der Un­ter­su­chung, un­ter­lä­gen ei­nem ho­hen Ri­si­ko, ma­schi­nell er­setzt zu wer­den.

Aber eben nicht nur die Blue-Col­lar-Jobs sind ge­fähr­det. Schon im Mai 2013 hat­te das McKin­sey Glo­bal In­sti­tu­te ei­ne Un­ter­su­chung ver­öf­fent­licht, wo­nach durch den Ein­satz von dis­rup­ti­ven Tech­ni­ken bis zu neun Bil­lio­nen Dol­lar Ar­beits­kos­ten ein­ge­spart wer­den könn­ten – dann näm­lich, wenn Com­pu­ter wis­sens­in­ten­si­ve Auf­ga­ben von Men­schen über­neh­men könn­ten. Old-School-Un­ter­neh­men

wie Ban­ken mit ih­ren gro­ßen Per­so­nal­stäm­men be­kom­men da ein Pro­blem: Al­lein in New York wa­ren im Jahr 2000 rund 150.000 Men­schen als Fi­nanz­ana­lys­ten be­schäf­tigt, 14 Jah­re spä­ter nur noch 100.000.

Dra­ma­ti­sche Aus­wir­kun­gen auf Jobs

Nicht um­sonst warnt der stu­dier­te In­for­ma­ti­ker und Soft­ware­fir­men­grün­der im Si­li­con Val­ley, Mar­tin Ford, un­ter an­de­rem in sei­nem Buch „Ri­se of the Ro­bots: Tech­no­lo­gy and the Th­re­at of a Jo­bless Fu­ture“vor den „dra­ma­ti­schen Aus­wir­kun­gen auf die Be­schäf­ti­gungs­zah­len durch die IT“, die viel grö­ße­re Ef­fek­te ha­ben wer­de als al­les, was die Mensch­heit je­mals bis auf den heu­ti­gen Tag er­lebt ha­be.

Men­schen­ver­stand kon­tra ver­stärk­tes Ge­hirn

Claus Kle­ber, Mo­de­ra­tor des „ZDF Heu­te Jour­nals“, ließ in dem ge­mein­sam mit An­ge­la An­der­sen ge­fer­tig­ten und am 19. Ju­ni 2016 aus­ge­strahl­ten Bei­trag „Schö­ne neue Welt – Wie Si­li­con Val­ley un­se­re Zu­kunft be­stimmt“auch Neil Ja­cob­stein zu Wort kom­men. Ja­cob­stein ist Pro­fes­sor für künst­li­che In­tel­li­genz und Ro­bo­tik an der ame­ri­ka­ni­schen Eli­te-Uni­ver­si­tät St­an­ford. Er warnt be­züg­lich der mög­li­chen Ent­wick­lun­gen am Ar­beits­markt: „Wir wer­den es er­le­ben: Vie­le Men­schen wer­den ver­drängt.“Es sei zwar rich­tig, wenn Op­ti­mis­ten ar­gu­men­tier­ten, dass KI, lern­fä­hi­ge Ma­schi­nen und Ro­bo­ter auch neue Jobs schaf­fen wür­den. Die Fra­ge sei aber, „wie sich Zer­stö­rung und Auf­bau die Waa­ge hal­ten“. Wenn das aus den Fu­gen ge­ra­te, wür­den vie­le Men­schen ih­re Jobs ver­lie­ren – auch „Leu­te mit ho­hen Er­war­tun­gen, die Uni­ver­si­tä­ten ab­sol­viert ha­ben“.

Ja­cob­stein mahnt, dass die Be­trof­fe­nen auf die­se be­droh­li­che Si­tua­ti­on wü­tend re­agie­ren wer­den. Es kön­ne zu Si­tua­tio­nen kom­men, in de­nen „die Rei­chen ih­re Kin­der von Be­waff­ne­ten in die Schu­len es­kor­tie­ren las­sen müs­sen“, wäh­rend die Ar­men im Elend le­ben. Der Wis­sen­schaft­ler for­dert des­halb ein „Exis­tenz- mi­ni­mum“, um si­cher­zu­stel­len, „dass je­der et­was hat“. Die For­de­rung nach ei­nem be­din­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­men aus dem Mund ei­nes Si­li­con-Val­ley-For­schers ist durch­aus nicht all­täg­lich.

Es gibt auch Op­ti­mis­ten

Die Zahl der War­ner vor den Fol­gen ei­ner zu­neh­men­den Di­gi­ta­li­sie­rung und Au­to­ma­ti­sie­rung von Ge­schäfts­pro­zes­sen scheint mo­men­tan stark zu wach­sen. Al­ler­dings sagt Ul­rich Zier­ahn, ei­ner der Au­to­ren der be­reits an­ge­führ­ten Un­ter­su­chung des ZEW in Mann­heim, die Ge­fahr ei­nes Ar­beits­platz­ver­lus­tes sei zu­min­dest für Hoch­qua­li­fi­zier­te eher ge­ring. Dem wür­de wohl auch Buch­au­tor Mar­tin Ford zu­stim­men, al­ler­dings be­tont er, dass in den USA ein Groß­teil der im ver­gan­ge­nen Jahr­zehnt ge­schaf­fe­nen Ar­beits­plät­ze eher von Min­der­qua­li­fi­zier­ten be­setzt wur­de. Ar­beits­markt­zah­len be­le­gen, dass rund 60 Pro­zent der ame­ri­ka­ni­schen Ar­beit­neh­mer kei­nen hö­he­ren Bil­dungs­ab­schluss vor­wei­sen kön­nen.

Zu den Op­ti­mis­ten ge­hört Joa­chim Möl­ler, Di­rek­tor des staat­li­chen In­sti­tuts für Ar­beits­markt- und Be­rufs­for­schung (IAB). Er meint, Be­rufs­fel­der und Tä­tig­kei­ten wür­den sich stän­dig der tech­ni­schen Ent­wick­lung an­pas­sen. Wenn es Ri­si­ken ge­be, dann lä­gen die eher im Be­reich der Aus­bil­dung: Es kön­ne sein, dass sich Ge­ring­qua­li­fi­zier­te nicht auf die an­spruchs­vol­len neu­en Be­rufs­fel­der ein­stel­len könn­ten.

Al­les Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker?

Nun könn­te man der An­sicht sein, dass die Mah­ner nur ora­keln, um sich in­ter­es­sant zu ma­chen und dass sie von Ent­wick­lun­gen wie der an­spruchs­vol­len KI-Tech­nik nicht viel ver­ste­hen. Al­ler­dings müss­te man dann auch sol­che Ken­ner wie Elon Musk von Tes­la, Bill Ga­tes von Mi­cro­soft, den Phy­si­ker Ste­phen Haw­king oder den App­le-Mit­grün­der Ste­ve Woz­ni­ak zum Kreis der Ah­nungs­lo­sen zäh­len. Fach­leu­te

wie Nick Bostrom, Lei­ter des Fu­ture Hu­ma­ni­ty In­sti­tu­te (FHI) in Ox­ford, sa­gen, es ge­be ge­nü­gend Grün­de zu glau­ben, „dass die un­re­gu­lier­te und zwang­lo­se Ent­wick­lung im KI-Sek­tor ei­ne Rei­he si­gni­fi­kan­ter Ge­fah­ren mit sich bringt“. Sol­cher­lei For­schun­gen hät­ten nicht nur Aus­wir­kun­gen auf die Ar­beits­märk­te, sie könn­ten auch leicht von „bö­sen Bu­ben“, et­wa ver­ant­wor­tungs­lo­sen Re­gie­run­gen, ge­nutzt wer­den.

Das FHI, an das Elon Musk zehn Mil­lio­nen Dol­lar spen­de­te, hat aus mehr als 300 For­schungs­grup­pen, die sich um fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zun­gen be­wor­ben hat­ten, 37 Pro­jek­te her­aus­ge­fil­tert. Die wid­men sich ganz un­ter­schied­li­chen The­men wie et­wa der Fra­ge, ob man KI-Sys­te­men ethi­sches Den­ken und Han­deln bei­brin­gen kann.

Ein­zi­ges Pro­duk­ti­ons­mit­tel: Ka­pi­tal

In ei­nem „FAZ“-Ar­ti­kel weist der Spre­cher des Cha­os Com­pu­ter Clubs (CCC), Frank Rie­ger, auf ei­nen wei­te­ren be­den­kens­wer­ten Aspekt der Ve­rän­de­run­gen hin, der sich im Zu­ge von Di­gi­ta­li­sie­rung, Au­to­ma­ti­sie­rung und durch Ro­bo­tik und KI er­ge­ben könn­te. Be­trach­te man „die Au­to­ma­ti­sie­rungs­ef­fek­te auf ge­sell­schaft­li­cher Ebe­ne, ent­steht ein Bild, das die Gr­und­an­nah­men der De­mo­kra­ti­en in Fra­ge stellt. Das ein­zig ver­blei­ben­de re­le­van­te Pro­duk­ti­ons­mit­tel ist Ka­pi­tal“, schreibt Rie­ger. Das aber ha­be Fol­gen: „Wer in mo­der­ne Ma­schi­nen und Soft­ware in­ves­tie­ren kann, streicht im der­zei­ti­gen Sys­tem den Mehr­wert aus de­ren Pro­duk­ti­vi­tät ein.“Die Fol­gen hier­aus dürf­ten al­ler­dings nicht im In­ter­es­se der Ka­pi­tal­ge­ber lie­gen: „Je we­ni­ger Men­schen an der Wert­schöp­fung fi­nan­zi­ell be­tei­ligt sind, des­to we­ni­ger kön­nen sie noch die Wa­ren kau­fen, wel­che die Ma­schi­nen pro­du­zie­ren.“

Wer die Ro­bo­ter be­sitzt ...

In der For­res­ter-Re­se­arch-Un­ter­su­chung „The Fu­ture of Jobs 2025: Wor­king Si­de by Si­de with Ro­bots“wi­der­le­gen die Ana­lys­ten die War­ner nur schein­bar, wenn sie schrei­ben: Au­to­ma­ti­on wer­de Jobs er­set­zen und neue kre­ieren. Denn dann heißt es: „Zwar wird Au­to­ma­ti­on bis zum Jahr 2025 in den USA zu ei­nem Net­to­ver­lust von 9,1 Mil­lio­nen Ar­beits­plät­zen füh­ren, das aber ist bei Wei­tem nicht so viel wie die 69 Mil­lio­nen, die ei­ni­ge Ex­per­ten vor­her­se­hen.“Auch For­res­ter er­war­tet al­so von Di­gi­ta­li­sie­rung und Au­to­ma­ti­sie­rung mas­si­ve Ar­beits­platz­ver­lus­te.

Was Keynes schon wuss­te

Man muss das al­les üb­ri­gens nicht zwin­gend ne­ga­tiv se­hen, man kann es auch als ge­sell­schaft­li­che Auf­ga­be be­trach­ten. Be­reits 1930 pro­gnos­ti­zier­te der Öko­nom John May­nard Keynes, dass in­ner­halb von 100 Jah­ren Tech­nik und ih­re Ent­wick­lun­gen zu ei­ner Ar­beits­wo­che von le­dig­lich 15 St­un­den füh­ren wür­den. Die üb­ri­ge Zeit kön­ne der Mensch zu sei­ner Frei­zeit­ge­stal­tung ver­wen­den.

Lö­sung be­din­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men?

Die Fra­ge ist dann nur, wie die­ser Mü­ßig­gang fi­nan­ziert wer­den kann. In­ter­es­san­ter­wei­se tauch­te An­fang 2016 dies­be­züg­lich aus­ge­rech­net auf dem World Eco­no­mic Fo­rum in Da­vos – nicht gera­de ein Kon­vent links­ra­di­ka­ler Um­stürz­ler – die Idee ei­nes be­din­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens auf. Hier se­hen sich hoch­ran­gi­ge Po­li­ti­ker und Wirt­schafts­ver­tre­ter im Schul­ter­schluss mit ei­nem KI-For­scher wie Neil Ja­cob­stein oder mit Joe Scho­en­dorf.

Scho­en­dorf wur­de als Wag­nis­ka­pi­tal­ge­ber im Si­li­con Val­ley mit sei­ner Fir­ma Ac­cel Part­ners schwer­reich – und er plä­diert für ei­ne an­de­re Ein­kom­mens­ver­tei­lung. Er ist der Mei­nung, dass die di­gi­ta­le Re­vo­lu­ti­on Face­book, Goog­le, Uber und all die an­de­ren In­ter­net-Kon­zer­ne reich ma­chen, da­bei aber Mil­lio­nen von Ar­beits­plät­zen kos­ten wird. Wenn KI, ver­baut in Ro­bo­tern, ei­nen Groß­teil der mensch­li­chen

Ar­bei­ten er­le­di­gen wer­de, sei die Auf­spal­tung der Ge­sell­schaft in Ge­win­ner und Ver­lie­rer vor­her­seh­bar.

Und was kön­nen sie jetzt wirk­lich?

Beim Blick auf die Ar­bei­ten, die heu­te schon von KI, Ro­bo­tern und Com­pu­ter­sys­te­men er­le­digt wer­den, wird klar, wie nah die Zu­kunft an die Ge­gen­wart her­an­ge­rückt ist. Der Pa­ket­dienst Her­mes und der Han­dels­rie­se Me­tro über­le­gen, zur Aus­lie­fe­rung von Pa­ke­ten und Wa­ren Ro­bo­ter der Fir­ma Star­ship auf deut­schen Stra­ßen zu nut­zen. In Aus­tra­li­en will die Piz­zaket­te Do­mi­no‘s eben­falls Ro­bo­ter für die Aus­lie­fe­rung ein­set­zen.

Frech wer­den die Bur­schen auch noch. Als „Sa­wy­er“, ein neu­er Lo­gis­ti­k­ro­bo­ter bei der Deut­schen Post, vor­ge­stellt wur­de, spöt­tel­te der Mo­de­ra­tor, Sa­wy­er quiet­sche und wer­de wohl alt. Kon­ter­te Sa­wy­er: „Net­ter Witz. Aber du hörst dich auch so an, wenn du läufst.“

Die Deut­sche Bahn will in­ner­halb des nächs­ten Jahr­zehnts fah­rer­lo­se Zü­ge tes­ten – Vor­bild ist die U3 in Nürn­berg. Im Ho­tel „Selt­sam“im ja­pa­ni­schen Na­ga­sa­ki er­le­di­gen Ro­bo­ter den Zim­mer­ser­vice. Das Fraun­ho­fer-In­sti­tut tes­tet Rei­ni­gungs­ro­bo­ter, die ein­mal Putz­ko­lon­nen er­set­zen könn­ten. Im „Sci­en­ti­fic Re­port“be­rich­te­ten aus­tra­li­sche Wis­sen­schaft­ler vor ei­ni­gen Wo­chen, dass sie ein KI-Sys­tem mit In­for­ma­tio­nen zu ei­nem un­ge­lös­ten Pro­blem aus der Quan­ten­phy­sik ge­füt­tert hat­ten. Das selbst­ler­nen­de Sys­tem be­nö­tig­te ei­ne knap­pe St­un­de, um ein Lö­sungs­mo­dell für die Auf­ga­be zu ent­wi­ckeln.

Ein Wat­son-Sys­tem von IBM wer­tet am Me­mo­ri­al Slo­an Ket­te­ring Can­cer Cen­ter in New York Aber­tau­sen­de von Stu­di­en aus, sich­tet Rönt­gen­bil­der von Krebs­pa­ti­en­ten, stellt Dia­gno­sen zu Krank­heits­bil­dern und schlägt Be­hand­lungs­op­tio­nen vor. Wat­son ver­steht zu­dem Spra­che, kann al­so als Call-Cen­ter-Agent ge­nutzt wer­den – et­wa als An­la­ge­be­ra­ter. Der Schwei­zer Rück­ver­si­che­rer Swiss Re setzt Wat­son zur Scha­dens­be­gut­ach­tung und Ri­si­ko­be­wer­tung ein. Com­pu­ter­sys­te­me schrei­ben Pres­se­nach­rich­ten wie et­wa zah­len­ori­en­tier­te Sport­be­rich­te, die von Soft­ware­sys­te­men er­stellt wer­den. Die in Ham­burg an­säs­si­ge Con­tent Fleet (CF) Gm­bH lässt pro Mo­nat bis zu 14.000 Ge­schich­ten von Soft­ware schrei­ben. Durch die Ga­zet­ten ging kürz­lich der Kurz­film „Sun­spring“. Das Dreh­buch hier­zu schrieb ein Com­pu­ter.

An der Uni­ver­si­ty von Utah wie­der­um ent­wi­ckel­ten Wis­sen­schaft­ler ei­nen Al­go­rith­mus, der sich Ge­sprä­che zwi­schen Ehe­part­nern an­hört und die­se dann auf den Zu­stand ih­rer Be­zie­hung hin­wei­sen kann. Das Sys­tem stellt et­wa fest, ob die Stim­men Emo­tio­nen aus­drü­cken, in­dem sie flat­tern oder ver­weint und brü­chig klin­gen, viel­leicht aber auch kräf­tig und selbst­be­wusst. In 79 Pro­zent al­ler Fäl­le lag der Com­pu­ter in sei­ner Pro­gno­se rich­tig und schnitt da­mit bes­ser ab als Paarthe­ra­peu­ten.

Das in San Fran­cis­co be­hei­ma­te­te Star­t­up Mo­men­tum Ma­chi­nes wie­der­um hat ei­nen Ro­bo­ter ent­wi­ckelt, der für den Ein­satz in Bur­ger-Ket­ten ge­eig­net ist. Er kann Ge­hack­tes zu ei­nem ty­pi­schen Bur­ger for­men, die­sen je nach Kun­den­wunsch gril­len (me­di­um oder well-do­ne) und mit wei­te­ren Zu­ta­ten wie To­ma­ten oder Zwie­beln be­le­gen. An­de­re Sys­te­me wur­den pro­gram­miert, um vor­her­zu­sa­gen, wie Pa­tent­recht-Strei­tig­kei­ten vor dem Su­pre­me Court aus­ge­hen könn­ten. Meist lie­gen sie mit ih­rer Recht­s­ein­schät­zung bes­ser als Fach­ju­ris­ten. Das US-Star­t­up Kens­ho hat sich wie­der­um auf Fi­nanz­ana­ly­sen spe­zia­li­siert. Sei­ne Al­go­rith­men sind in der La­ge, vor­her­zu­se­hen, was an der Bör­se mit Ak­ti­en von Tech-Un­ter­neh­men pas­siert, wenn in der Öf­fent­lich­keit mas­si­ve­re Dis­kus­sio­nen we­gen Da­ten­schutz­pro­ble­men auf­kom­men.

Die Zu­kunft hat längst be­gon­nen

Googles selbst­ler­nen­de Deep­mind-Soft­ware, Putz­ro­bo­ter, au­to­ma­ti­sier­te Lo­gis­tik­sys­te­me, Dia­gno­se­com­pu­ter, The­ra­pie­sys­te­me, Fi­nanz­ana­ly­se­rech­ner – all die­se Bei­spie­le zei­gen, wie wich­tig künst­li­che In­tel­li­genz und selbst­ler­nen­de Sys­te­me mitt­ler­wei­le sind. Vor al­lem aber ma­chen sie deut­lich, dass die Zu­kunft längst be­gon­nen hat.

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