Bosch in­ves­tiert 300 Mil­lio­nen in KI

Der deut­sche In­dus­trie­kon­zern will zu ei­nem IT-Play­er von Welt­rang mu­tie­ren.

Computerwoche - - Vorderseite - Von Jür­gen Hill, lei­ten­der Re­dak­teur

Die Bosch Grup­pe hat sich in­ner­halb we­ni­ger Jah­re zu ei­nem füh­ren­den An­bie­ter in Sa­chen In­ter­net of Things mit Lö­sun­gen für Smart Ho­me, Smart Ci­ty, Con­nec­ted Mo­bi­li­ty und In­dus­trie 4.0 ent­wi­ckelt. Hin­zu kommt ei­ne ei­ge­ne IoT-Cloud, die das Un­ter­neh­men in die La­ge ver­setzt, Con­nec­ted Ser­vices zu be­trei­ben und zu ver­mark­ten. Stra­te­gi­sches Ziel von Bosch sind mitt­ler­wei­le Lö­sun­gen für das ver­netz­te Le­ben. Da­für setzt Volk­mar Den­ner, Vor­sit­zen­der der Bosch-Ge­schäfts­füh­rung, auf ei­ne Drei-S-Stra­te­gie: Sen­so­ren, Soft­ware und Ser­vices.

KI für al­le Pro­duk­te

Wie er­folg­reich die Com­pa­ny bei der Um­set­zung ih­rer Stra­te­gie ist, zeigt ein Blick auf das Pro­dukt­port­fo­lio: Be­reits heu­te sind 50 Pro­zent der Pro­duk­te, wie es heißt, Web-enab­led. 2020 soll die­se Quo­te bei 100 Pro­zent lie­gen. Und Den­ner hat schon das nächs­te ehr­gei­zi­ge Ziel vor Au­gen: „Schon in zehn Jah­ren sind Bosch-Pro­duk­te oh­ne künst­li­che In­tel­li­genz kaum mehr denk­bar. Sie be­sit­zen sie oder wer­den mit ih­rer Hil­fe her­ge­stellt.“Ein Ziel das sich Bosch durch­aus et­was kos­ten lässt. Bis 2021 will das Un­ter­neh­men 300 Mil­lio­nen Eu­ro in den Aus­bau sei­ner KI-Kom­pe­tenz in­ves­tie­ren. Und erst kürz­lich ging das Bosch Cen­ter for Ar­ti­fi­cal In­tel­li­gence an den Start.

Wie wich­tig das The­ma KI für die Schwa­ben ist, un­ter­streicht ein an­de­res Bei­spiel. Ge­mein­sam mit Nvi­dia hat Bosch ei­nen KI-Au­to­com­pu­ter ent­wi­ckelt. Da­hin­ter ver­birgt sich die Er­kennt­nis, dass das au­to­no­me Fah­ren zu komplex ist, um es in Soft­ware­pro­gram­men ab­zu­bil­den – das Fahr­zeug muss al­so selbst ler­nen. Bosch-Chef Den­ner ver­deut­licht das an ei­nem Bei­spiel: Ei­ne Kreu­zung und der Ab­bie­ge­vor­gang ei­nes vor­aus­fah­ren­den Au­tos sei­en für ei­nen Com­pu­ter ei­ne kom­pli­zier­te Ver­kehrs­si­tua­ti­on. Zu kom­pli­ziert, um den Fahr­weg ei­nes au­to­ma­ti­siert fah­ren­den Au­tos mit her­kömm­li­chen Me­tho­den zu pro­gram­mie­ren. Künst­li­che In­tel­li­genz – spe­zi­ell Deep Le­arning – er­mög­licht es dem Fahr­zeug nicht nur, bei­spiels­wei­se ein vor­aus­fah­ren­des, blin­ken­des Au­to zu er­ken­nen, son­dern dies auch als wahr­schein­lich an­ste­hen­den Ab­bie­ge­vor­gang zu in­ter­pre­tie­ren und dar­auf zu re­agie­ren – ent­we­der durch Brem­sen oder durch Um­fah­ren. Ähn­lich ver­hält es sich, so Den­ner wei­ter, in vie­len an­de­ren Ver­kehrs­si­tua­tio­nen auch.

Wenn die Fahr­zeu­ge vom teil­au­to­ma­ti­sier­ten Fah­ren zum voll­au­to­no­men Be­trieb wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den, ex­plo­die­ren die Da­ten­men­gen. Heu­te, so die Ex­per­ten, ent­sprä­chen die ver­bau­ten As­sis­tenz­sys­te­me dem Au­to­ma­ti­sie­rungs-Le­vel 2 plus. In der nächs­ten Stu­fe, Le­vel 3, heißt es hands und eyes off, im Le­vel 4 zu­sätz­lich mind off. Ganz auf den Fah­rer kann dann im Le­vel 5 beim voll­au­to­no­men Fah­ren ver­zich­tet wer­den. Die Bran­che rech­net noch 2017 mit ers­ten L3-Fahr­zeu­gen und bis En­de 2018 mit L4-Mo­del­len. Be­reits in der nächs­ten Au­to­ma­ti­sie­rungs­stu­fe L3 wer­de die fünf­fa­che Da­ten­men­ge an­fal­len. Im Le­vel 4 stei­ge das Vo­lu­men um das 50-fa­che. Beim voll­au­to­no­men Fah­ren, al­so Le­vel 5, sei­en im Au­to dann 4000 GB Da­ten pro Tag zu ver­ar­bei­ten.

An­ge­sichts die­ser Da­ten­men­gen ist man bei Bosch über­zeugt, dass die Da­ten­ver­ar­bei­tung on Bo­ard er­fol­gen muss, da selbst die Ka­pa­zi­tät der neu­en 5G-Net­ze nicht da­für aus­rei­che. Zu­mal die Über­tra­gungs­ka­pa­zi­tä­ten für an­de­re Din­ge ge­nutzt wer­den sol­len – et­wa für Ser­vices, die im ver­netz­ten Au­to be­reit­ste­hen sol­len. Hier­zu hat Bosch mit der „Au­to­mo­ti­ve Cloud Sui­te“ei­ne Platt­form für Mo­bi­li­täts­diens­te ins Le­ben ge­ru­fen. Sie um­fasst ei­ne Soft­ware­platt­form und ei­nen um­fang­rei­chen Bau­kas­ten, mit dem Fahr­zeug­her­stel­ler und an­de­re An­bie­ter von Mo­bi­li­täts­ser­vices Di­ens­te ent­wi­ckeln kön­nen – ba­sie­rend auf der „Bosch IoT Sui­te“. Da­zu stel­len die Schwa­ben ein­zel­ne Soft­ware­ele­men­te wie ein di­gi­ta­les Fahr­ten­buch oder Lö­sun­gen zur Um­set­zung von Soft­ware-Up­dates zur Ver­fü­gung.

Bosch will die Au­to­mo­ti­ve Cloud Sui­te auch für ei­ge­ne Di­ens­te nut­zen. Wo die Rei­se hin­ge­hen könn­te, de­mons­trier­te das Un­ter­neh­men auf der Con­nec­ted World 2017 mit ei­nem Ja­gu­ar F-Pace. Glaubt man Dirk Hoh­ei­sel, Ge­schäfts­füh­rer der Ro­bert Bosch Gm­bH, könn­ten fol­gen­de fünf Ser­vices bald in die­sen und an­de­ren Fahr­zeu­gen zu fin­den sein:

Falsch­fah­rer­war­nung: Al­lein in Deutsch­land wer­den im Ra­dio je­des Jahr rund 2000 War­nun­gen vor Falsch­fah­rern ge­sen­det. Meist aber zu spät, denn je­de drit­te Geis­ter­fahrt en­det be­reits nach 500 Me­tern – im schlimms­ten Fall töd­lich. Die Cloud-ba­sier­te Falsch­fah­rer­war­nung von Bosch soll Au­to­fah­rer künf­tig schon nach gut zehn Se­kun­den war­nen, und zwar nicht nur den Falsch­fah­rer, son­dern auch al­le ent­ge­gen­kom­men­den Au­tos.

Dia­gno­se: Nichts ist är­ger­li­cher als ei­ne Au­to­pan­ne auf der Fahrt in den Ur­laub. Die vor­aus­schau­en­de Dia­gno­se soll ei­nen plötz­li­chen Aus­fall ver­hin­dern. Der Zu­stand wich­ti­ger Kom­po­nen­ten kann wäh­rend re­gu­lä­rer Fahr­ten an­hand von Da­ten ana­ly­siert und vor­her­ge­sagt wer­den. Recht­zei­tig vor Auf­tre­ten ei­nes De- fekts er­hält der Fah­rer ei­nen Hin­weis und ei­nen Vor­schlag für den nächs­ten Werk­statt­be­such.

Com­mu­ni­ty-ba­sed Par­king: Im Vor­bei­fah­ren er­ken­nen und ver­mes­sen Au­tos mit ih­ren OnBo­ard-Sen­so­ren Lü­cken zwi­schen par­ken­den Fahr­zeu­gen am Stra­ßen­rand. Die In­for­ma­tio­nen flie­ßen in ei­ne di­gi­ta­le Park­platz­kar­te. Mit Hil­fe in­tel­li­gen­ter Da­ten­ver­ar­bei­tung plau­si­bi­li­siert Bosch die In­for­ma­tio­nen und trifft ei­ne Vor­her­sa­ge zur Park­platz­si­tua­ti­on. Au­tos in der Nä­he steht die Park­platz­kar­te via Cloud zur Ver­fü­gung. So las­sen sich Park­plät­ze zü­gig und oh­ne Um­we­ge ge­zielt an­steu­ern.

Per­so­nal As­sis­tant: Der Traum vom ei­ge­nen As­sis­ten­ten wird wahr. Mit die­sem Ser­vice kön­nen Au­to­fah­rer wäh­rend der Fahrt per Sprach­ein­ga­be Ter­mi­ne ma­na­gen, ver­schie­de­ne In­for­ma­tio­nen ab­fra­gen, das Smart Ho­me steu­ern und man­ches mehr. Der As­sis­tent lernt mit der Zeit, die Vor­lie­ben des Nut­zers zu er­ken­nen.

Se­cu­re Truck Par­king: Da an deut­schen Au­to­bah­nen et­wa 14.000 Lkw-Stell­plät­ze feh­len, hat Bosch ge­mein­sam mit SAP und an­de­ren die­se Park­platz­lö­sung ent­wi­ckelt. Die Idee da­hin­ter: War­um wer­den nicht die Stell­plät­ze auf Fir­men­ge­län­den nach Be­triebs­schluss als Lk­wPark­plät­ze ge­nutzt? Die Fah­rer könn­ten ge­schützt über­nach­ten, und die Fir­men hät­ten ei­ne zu­sätz­li­che Ein­nah­me­quel­le für ih­re Stell­plät­ze. Die hier­zu er­for­der­li­che Bu­chungs­platt­form, über die die Tru­cker ei­nen Park­platz re­ser­vie­ren kön­nen, läuft in der Bosch IoT Cloud. Für die An­bin­dung der zahl­rei­chen Schran­ken­sys­te­me auf den Park­plät­zen greift die IoT Cloud auf die Lö­sung SAP Ve­hi­cles Net­work zu­rück. Hier­bei han­delt es sich um ei­nen Markt­platz für fahr­zeug­na­he Di­enst­leis­tun­gen wie et­wa Par­ken und Tan­ken. SAP Ve­hi­cles Net­work er­mög­licht un­ter an­de­rem die Vi­deo­er­ken­nung der LKW-Num­mern­schil­der bei Ein­fahrt und Aus­fahrt und den Ab­gleich mit den Bu­chungs­da­ten in der Bosch IoT Cloud.

Die di­gi­ta­le Fa­b­rik

Auf an­de­ren Ge­bie­ten ar­bei­tet Bosch mit Ge­ne­ral Electric zu­sam­men, ob­wohl bei­de kon­kur­rie­ren. Die Un­ter­neh­men ar­bei­ten an ei­nem zen­tra­len IoT-St­ack. So sol­len et­wa das „GE Pre­dix Ope­ra­ting Sys­tem“und die Bosch IoT Sui­te in ei­ne Platt­form in­te­griert wer­den. Mark Hut­chin­son, CEO von GE in Eu­ro­pa, rät den Un­ter­neh­men, „in Sa­chen IoT ei­ne ge­sun­de Pa­ra­noia zu ent­wi­ckeln, denn wir hat­ten gera­de fünf Jah­re Zeit, um uns auf die Di­gi­ta­li­sie­rung ein­zu­stel­len, wäh­rend das Un­ter­neh­men seit der Grün­dung durch Edi­son 125 Jah­re Zeit hat­te sich zu ent­wi­ckeln“. Doch so­wohl bei GE als auch bei Bosch scheint man die Her­aus­for­de­rung ge­meis­tert zu ha­ben. So will Bosch mit sei­nen IoT-Werk­zeu­gen wie „Ac­tive As­sist“in den rund 250 ei­ge­nen Wer­ken bis 2020 ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro ein­spa­ren. Gleich­zei­tig soll mit den IoT-Lö­sun­gen zu­sätz­lich ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro Um­satz ge­ne­riert wer­den. In Deutsch­land hat Bosch bei­spiels­wei­se in elf Wer­ken 5000 Ma­schi­nen ver­netzt. Mit Hil­fe der so ge­won­ne­nen Da­ten sol­len die Pro­duk­ti­ons­pa­ra­me­ter op­ti­miert wer­den.

In zehn Jah­ren sind Bosch-Pro­duk­te oh­ne künst­li­che In­tel­li­genz nicht mehr denk­bar, sagt Volk­mar Den­ner, Vor­sit­zen­der der Ge­schäfts­füh­rung bei Bosch.

Für das ver­netz­te Le­ben in der Smart Ci­ty der Zu­kunft braucht es in­tel­li­gen­te Lö­sun­gen für das In­ter­net of Things (IoT). Bosch will bis 2021 rund 300 Mil­lio­nen Eu­ro in die Ent­wick­lung von künst­li­cher In­tel­li­genz in­ves­tie­ren.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.