IT-Kon­so­li­die­rung birgt Ri­si­ken

In vie­len Un­ter­neh­men gilt ei­ne IT-Kon­so­li­die­rung als selbst­ver­ständ­li­che Be­din­gung, um Raum und Mit­tel für di­gi­ta­le In­no­va­ti­ons­pro­jek­te zu schaf­fen. Doch wer hier leicht­fer­tig agiert, ris­kiert Kol­la­te­ral­schä­den, die noch lan­ge schmer­zen.

Computerwoche - - Inhalt - Von Jan Linx­wei­ler und Axel Kel­ler, Cas­si­ni Con­sul­ting (hv)

Vie­le Un­ter­neh­men kon­so­li­die­ren ih­re IT-Land­schaf­ten, um sich Frei­räu­me und Mit­tel für di­gi­ta­le In­no­va­ti­ons­pro­jek­te zu ver­schaf­fen. Doch wer hier leicht­fer­tig agiert, ris­kiert Kol­la­te­ral­schä­den.

Ei­ne IT-Kon­so­li­die­rung ist oft nicht das All­heil­mi­tel, für das sie ge­hal­ten wird. Un­ter­neh­men ver­spre­chen sich da­von, ih­re IT-Or­ga­ni­sa­ti­on be­züg­lich Auf­bau und Ablauf zu ver­bes­sern. Vor al­lem aber ha­ben sie po­ten­zi­el­le Kos­ten­ein­spa­run­gen im Blick.

Die Vor- und Nach­tei­le

In der öf­fent­li­chen Ver­wal­tung wie auch in der Wirt­schaft kom­men üb­li­cher­wei­se die­sel­ben Vor- und Nach­tei­le ei­ner IT-Kon­so­li­die­rung zum Tra­gen. Meis­tens über­wie­gen Vor­tei­le wie ein­fa­che­res Ma­nage­ment und strin­gen­te­re Steue­rung, bes­se­re Nut­zung der Res­sour­cen (Kos­ten­sen­kung), tech­ni­sche und be­trieb­li­che Ska­lier­bar­keit, zen­tra­li­sier­te und ein­heit­li­che Be­schaf­fung von Soft- und Hard­ware, funk­tio­na­le Ent­flech­tung, bes­se­re Ab­bil­dung von IT-Mo­der­ni­sie­rungs­be­dar­fen, Da­ten­schutz und Da­ten­si­cher­heit wer­den bes­ser um­setz­bar und ei­ne kon­so­li­dier­te IT er­scheint als at­trak­ti­ve­rer Ar­beit­ge­ber und re­agiert so auf den Fach­kräf­te­man­gel.

Al­ler­dings gibt es auch deut­li­che Nach­tei­le, dar­un­ter et­wa das Ri­si­ko ei­ner mo­no­li­thi­schen Soft­ware­ar­chi­tek­tur, ein hö­he­res Feh­ler­po­ten­zi­al in der Di­men­sio­nie­rung der IT-Sys­te­me, Ri­si­ken durch die Mi­gra­ti­on et­wa in Form von Da­ten­ver­lus­ten, hö­he­res An­griffs­po­ten­zi­al durch Zen­tra­li­sie­rung, Ver­lust viel­leicht sinn­vol­ler stand­ort­spe­zi­fi­scher Ap­pli­ka­tio­nen, län­ge­re Sup­port-Re­ak­ti­ons­zei­ten und Mehr­auf­wand in den Fach­ab­tei­lun­gen oder auch ei­ne ho­he Ab­hän­gig­keit von ei­nem Re­chen­zen­trums­be­trei­ber, der sich man­gels Wett­be­wer­bern we­ni­ger be­mü­hen muss.

Wie wägt man nun sinn­voll zwi­schen den Vor­und Nach­tei­len ei­ner IT-Kon­so­li­die­rung ab? Wie be­stimmt man, in wel­chem Um­fang sie sinn­voll ist? Und wie be­wahrt man trotz ef­fi­zi­enz­ge­trie­be­ner, kurz­fris­ti­ger Kon­so­li­die­rung die lang­fris­ti­ge In­no­va­ti­ons­fä­hig­keit der Or­ga­ni­sa­ti­on? Um dies zu klä­ren, ist ei­ne ganz­heit­li­che Be­trach­tung sinn­voll. Ne­ben der rei­nen Per­so­nal- und Kos­ten­per­spek­ti­ve müs­sen für die Ent­schei­dung wei­te­re Pa­ra­me­ter her­an­ge­zo­gen wer­den.

Be­son­ders wich­tig ist da­bei die grund­sätz­li­che Rol­le der IT im Un­ter­neh­men und ihr Wert­bei­trag. Gilt es ab­zu­wä­gen, ob ein be­stimm­ter Be­reich oder ei­ne IT-Funk­ti­on kon­so­li­diert wer­den soll­te, ist die Fra­ge wich­tig, ob die IT markt­dif-

fe­ren­zie­ren­den Cha­rak­ter hat, al­so ein Wett­be­werbs­fak­tor ist, ob sie als ge­schäfts­kri­ti­sche IT zen­tra­le Ge­schäfts­pro­zes­se un­ter­stützt oder ob sie als fach­sei­ti­ge IT da­zu dient, spe­zi­fi­sche fach­li­che An­for­de­run­gen ab­zu­de­cken.

Das nach­fol­gend be­schrie­be­ne In­di­ka­to­ren­mo­dell soll da­zu die­nen, die Ent­schei­dung für oder ge­gen ei­ne IT-Kon­so­li­die­rung in ei­nem kon­kre­ten Fall sach­ge­recht tref­fen zu kön­nen. Da­zu zie­hen wir fünf In­di­ka­to­ren her­an, die es in ih­rer Be­deu­tung für die je­wei­li­ge Or­ga­ni­sa­ti­on ein­zu­schät­zen gilt: In­no­va­ti­ons­not­wen­dig­keit: Han­delt es sich um IT-Funk­tio­nen mit kur­zen In­no­va­ti­ons­zy­klen, ist an­zu­neh­men, dass die­se nach ei­ner IT-Kon­so­li­die­rung ge­ge­be­nen­falls nicht mehr ab­bild­bar sind be­zie­hungs­wei­se ei­ner Stan­dar­di­sie­rung ent­ge­gen­ste­hen. Fach­lich ge­präg­te Funk­tio­na­li­tät: Wenn es ein ho­hes Maß an fach­li­chem Know-how in den ITFunk­tio­nen gibt, ist de­ren Nä­he zu eben­die­sen Fach­ex­per­ten un­er­läss­lich. Im Er­geb­nis kann ei­ne IT-Kon­so­li­die­rung aber da­zu füh­ren, dass die­se Nä­he nicht mehr ge­ge­ben ist. Fle­xi­bi­li­tät in Ent­wick­lung und Be­reit­stel­lung: Wenn IT-Funk­tio­nen fle­xi­bel ent­wi­ckelt und be­reit­ge­stellt wer­den müs­sen, be­steht die Ge­fahr, dass die­se Be­weg­lich­keit durch ei­ne IT-Kon­so­li­die­rung ver­lo­ren geht. Spe­zi­fi­sche Nut­zer­grup­pen: Han­delt es sich le­dig­lich um ei­ne spe­zi­fi­sche Ziel­grup­pe, wird sie ten­den­zi­ell eher klein sein. In solch ei­nem Fall kann ei­ne IT-Kon­so­li­die­rung kaum zu po­si­ti­ven Ska­lie­rungs­ef­fek­ten füh­ren. Be­darfs­kon­ti­nui­tät: Wenn die Nut­zer­zah­len sta­bil und die Res­sour­cen be­reits al­lo­kiert sind, er­gibt sich kaum die Not­wen­dig­keit für ei­ne Ska­lie­rung. Auch dann ist ge­ge­be­nen­falls die Fort­set­zung des be­ste­hen­den Be­triebs sinn­vol­ler als ei­ne Kon­so­li­die­rung.

Vor­ge­hen und Aus­wer­tung

Im In­di­ka­to­ren­mo­dell lässt sich die Re­le­vanz der ge­nann­ten fünf Di­men­sio­nen be­ur­tei­len, in­dem man ih­nen ei­nen Wert zwi­schen 0 und 5 zu­weist. Soll­ten ein­zel­ne In­di­ka­to­ren stark aus­ge­prägt sein (wie es in der Gra­fik beim Kon­so­li­die­rungs­ge­gen­stand 1 durch­ge­hend der Fall ist), be­steht wei­te­rer Un­ter­su­chungs­be­darf. Erst tie­fer ge­hen­de Ana­ly­sen wer­den in solch ei­nem Fall ab­schlie­ßend klä­ren kön­nen, ob ei­ne Kon­so­li­die­rung wirk­lich sinn­voll ist.

Ei­ne ers­te Be­wer­tung der fünf Di­men­sio­nen im In­di­ka­to­ren­mo­dell er­folgt idea­ler­wei­se zwei­fach aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven: ein­mal aus Sicht der po­ten­zi­ell zu kon­so­li­die­ren­den IT und ein­mal aus Sicht der Ziel-IT-Ver­ant­wort­lich­kei­ten. Wenn die Ein­schät­zun­gen zu den ein­zel­nen In­di­ka­to­ren aus die­sen bei­den Per­spek­ti­ven her­aus stark dif­fe­rie­ren, ist das ein Hin­weis auf wei­te­ren Ana­ly­se­be­darf. Erst nach ei­ner ers­ten Ri­si­ko­ein­schät­zung mit Hil­fe des In­di­ka­to­ren­mo­dells und ge­ge­be­nen­falls nach ei­ner tie­fer ge­hen­den Analyse ist ei­ne sach­ge­rech­te Ent­schei­dung mög­lich, ob die IT-Kon­so­li­die­rung sinn­voll ist. Die­se Er­geb­nis­se las­sen sich auch für stra­te­gi­sche Über­le­gun­gen mit Blick auf die IT nut­zen. Sie ge­ben Hin­wei­se dar­auf, ob die Aus­rich­tung der IT mit der grund­sätz­li­chen stra­te­gi­schen Aus­rich­tung der Or­ga­ni­sa­ti­on über­ein­stimmt.

Uner­wünsch­te Ne­ben­wir­kun­gen ver­hin­dern

IT-Kon­so­li­die­rung ist für vie­le Un­ter­neh­men und auch in der öf­fent­li­chen Ver­wal­tung ein wich­ti­ges und sinn­vol­les In­stru­ment, wenn es dar­um geht, Sy­ner­gi­en und Ska­len­ef­fek­te zu nut­zen und Kos­ten zu sen­ken. Den­noch kann es un­an­ge­neh­me Fol­gen ha­ben, kri­tik­los die­sen Weg zu ge­hen. Die Kon­so­li­die­rung ist kein All­heil­mit­tel, und es gilt, al­le Aus­wir­kun­gen zu durch­den­ken. Es ist wich­tig, sich über die Kon­se­quen­zen in je­dem kon­kre­ten Fall im Kla­ren zu sein und auch die kon­zep­tio­nel­le Ver­ein­bar­keit mit der Un­ter­neh­mens­stra­te­gie zu prü­fen. Hier ge­stat­tet das In­di­ka­to­ren­mo­dell ei­ne ers­te Be­wer­tung. Es hilft, ei­nen sinn­vol­len Um­fang zu be­stim­men und ins­be­son­de­re Ein­schrän­kun­gen zu iden­ti­fi­zie­ren. Auf die­ser Grund­la­ge wird ei­ne IT-Kon­so­li­die­rung tat­säch­lich die be­ab­sich­tig­ten Ef­fek­te ent­fal­ten – oh­ne uner­wünsch­te Ne­ben­wir­kun­gen.

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