Mul­ti-Cloud ist Trumpf

Platt­for­men, die al­le An­for­de­run­gen er­fül­len, gibt es nicht.

Computerwoche - - Vorderseite - Von Wolf­gang Herr­mann, De­pu­ty Edi­to­ri­al Di­rec­tor

Sol­len sich CIOs auf ei­nen ein­zi­gen An­bie­ter ver­las­sen, wenn es um In­fra­struk­tur­diens­te aus der Cloud geht? Ex­per­ten ra­ten da­von ab, denn ei­ne Cloud-Platt­form, die al­le An­for­de­run­gen hin­sicht­lich Ska­lier­bar­keit, Ver­füg­bar­keit und Si­cher­heit er­füllt, gibt es nicht.

Schon im­mer stan­den IT-Ver­ant­wort­li­che vor der kom­ple­xen Auf­ga­be, die rich­ti­ge Mi­schung aus Ser­vern, Sto­r­a­ge und Netz­aus­rüs­tung aus dem An­ge­bot un­ter­schied­li­cher Her­stel­ler zu fin­den. Im Cloud-Zeit­al­ter könn­ten sich sol­che Über­le­gun­gen ei­gent­lich er­le­digt ha­ben. Ge­ra­de im Be­reich In­fra­struc­tu­re as a Ser­vice (IaaS) lie­fert der Cloud-Pro­vi­der die be­nö­tig­ten Res­sour­cen in Form von Ser­vices, der Nut­zer muss sich um die De­tails der zu­grun­de lie­gen­den Hard­ware kei­ne Ge­dan­ken ma­chen. In der Pra­xis ist die Sa­che nicht ganz so ein­fach. Je­de Cloud-Platt­form hat ih­re Stär­ken und Schwä­chen, und ähn­lich wie bei klas­si­schen In­ves­ti­tio­nen in Hard­ware oder Soft­ware müs­sen CIOs stra­te­gisch ent­schei­den, ob sie auf ei­nen ein­zi­gen oder doch lie­ber auf meh­re­re An­bie­ter set­zen.

Geht es nach den Cloud-Pro­vi­dern, ist die Sa­che klar. Wer sei­ne Wor­kloads auf zwei Cloud-An­bie­ter auf­tei­le, ern­te ei­ne Rei­he von Nach­tei­len, ar­gu­men­tiert et­wa Adri­an Cock­croft, Vice Pre­si­dent Cloud Ar­chi­tec­tu­re Stra­te­gy bei Ama­zon Web Ser­vices (AWS): „Sie wer­den lang­sa­mer, weil Sie Ih­re Mit­ar­bei­ter für zwei Platt­for­men schu­len müs­sen. Und Sie hal­bie­ren Ih­re Mög­lich­kei­ten, über Men­gen­ra­bat­te bes­se­re Prei­se zu be­kom­men.“Un­ter­neh­men, die sol­che Po­ten­zia­le aus­schöp­fen wol­len, soll­ten sich auf ei­nen An­bie­ter be­schrän­ken.

Mul­ti-Cloud – zu teu­er und zu lang­sam?

Das Ar­gu­ment, CIOs könn­ten sich mit Hil­fe von zwei Cloud-Pro­vi­dern bes­ser ge­gen Aus­fäl­le oder ein ein­sei­ti­ges Ab­schal­ten wich­ti­ger Di­ens­te wapp­nen, lässt der AWS-Ma­na­ger nicht gel­ten. Ver­bind­li­che En­ter­pri­se Agree­ments wür­den der­ar­ti­ge Fäl­le re­geln und si- cher­stel­len, dass ein An­bie­ter ei­nen Di­enst nicht ein­fach ein­stellt. Ei­ne Mul­ti-Cloud-Stra­te­gie da­ge­gen sei für Un­ter­neh­men in al­ler Re­gel res­sour­cen­in­ten­siv und teu­er.

Für die­se Sicht spricht, dass IT-Ver­ant­wort­li­che in der Re­gel zu­sätz­li­che Ma­nage­ment-Werk­zeu­ge brau­chen, um die Kom­ple­xi­tät von Mul­tiC­loud-Sze­na­ri­en im Griff zu be­hal­ten. Sol­che Tools kön­nen bei­spiels­wei­se Aus­kunft dar­über ge­ben, für wel­che Cloud-Ser­vices ein Un­ter­neh­men be­zahlt und wie ef­fi­zi­ent die­se ge­nutzt wer­den. Die passende Cloud-Ma­nage­ment-Soft­ware zu fin­den ist al­ler­dings kei­ne leich­te Auf­ga­be. Zu un­ter­schied­lich sind die di­ver­sen Sys­te­me und Platt­for­men, der Markt ist durch et­li­che neue Play­er un­über­sicht­lich ge­wor­den.

One si­ze fits all funk­tio­niert nicht in der Cloud

Den­noch ra­ten Ex­per­ten da­von ab, auf ei­nen ein­zi­gen Cloud-Pro­vi­der zu set­zen. Der wich­tigs­te Grund: Ei­ne Cloud-Platt­form, die op­ti­ma­le Ska­lier­bar­keit, Ver­füg­bar­keit und Si­cher­heit für je­de An­wen­dung bei nied­ri­gen Kos­ten ga­ran­tiert, gibt es in der Pra­xis nicht. Un­ter­neh-

men wür­den sich des­halb fast zwangs­läu­fig in Rich­tung ei­ner Mul­ti-Pro­vi­der-Stra­te­gie be­we­gen, be­ob­ach­tet die Gart­ner-Ana­lys­tin Min­dy Can­ci­la.

Noch vor ei­ni­gen Jah­ren stell­te sich die Si­tua­ti­on an­ders dar. CIOs be­gan­nen, An­wen­dun­gen in der Pu­b­lic Cloud von Ama­zon zu tes­ten. Fie­len die Tests po­si­tiv aus, ver­la­ger­ten sie ein­zel­ne Ap­pli­ka­tio­nen für den Pro­duk­tiv­be­trieb in die Cloud. Mitt­ler­wei­le ist nicht nur die An­zahl sol­cher An­wen­dun­gen samt un­ter­schied­lichs­ter Leis­tungs­an­for­de­run­gen dra­ma­tisch ge­stie­gen. Auch die Op­tio­nen für Un­ter­neh­men im Pu­b­lic-Cloud-Markt ha­ben sich ver­viel­facht.

Vor al­lem Mi­cro­soft bie­tet heu­te mit sei­ner Azu­re-Platt­form ei­ne ech­te Al­ter­na­ti­ve zum Platz­hirsch AWS. Mit Of­fice 365 und da­mit ver­bun­de­nen at­trak­ti­ven Men­gen­ra­bat­ten lockt der Soft­ware­mul­ti im­mer mehr Un­ter­neh­men in die Azu­re-Welt. An­de­re fi­nanz­star­ke Play­er wie Goog­le mit sei­ner Cloud Plat­form, aber auch die Te­le­kom, IBM oder Ora­cle, ha­ben das Po­ten­zi­al des IaaS-Markts eben­falls er­kannt und bau­en ih­re An­ge­bo­te kon­se­quent aus. CIOs müs­sen bei der Ent­schei­dung für ei­nen Cloud-Pro­vi­der ver­schie­de­ne Pa­ra­me­ter be­rück­sich­ti­gen. Da­zu ge­hö­ren Ska­lier­bar­keit, Si­cher­heit und re­gu­la­to­ri­sche Rah­men­be­din­gun­gen. Ana­lys­ten ra­ten, da­bei stets von ei­ner zen­tra­len Fra­ge aus­zu­ge­hen: Welches ist der rich­ti­ge Cloud-Ser­vice für ei­ne be­stimm­te An­wen­dung? Azu­re bei­spiels­wei­se eig­net sich nach Ein­schät­zung von Gart­ner dann be­son­ders gut, wenn Ap­pli­ka­tio­nen zu gro­ßen Tei­len auf Mi­cro­soft .NET ba­sie­ren. Geht es um Li­nu­xIn­stal­la­tio­nen für den En­ter­pri­se-Ein­satz, ist wo­mög­lich AWS die Platt­form der Wahl.

Ein Ein­zel­han­dels­un­ter­neh­men könn­te et­wa durch­aus vor ei­ner Zu­sam­men­ar­beit mit Ama­zons Cloud-Spar­te zu­rück­schre­cken und statt­des­sen Azu­re oder die Goog­le-Cloud be­vor­zu­gen. Ein Fi­nanz­in­sti­tut oder ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on aus der Ge­sund­heits­bran­che wür­de wohl eher auf die Kom­pe­ten­zen des Cloud-Pro­vi­ders in Sa­chen Da­ten­schutz und Com­p­li­an­ce ach­ten.

Von dem be­rüch­tig­ten Lock-in-Effekt soll­ten sich CIOs bei ih­ren Cloud-Ent­schei­dun­gen je­den­falls nicht ab­schre­cken las­sen, emp­fiehlt For­res­ter-Ana­lyst Da­ve Bar­to­let­ti. Aus un­ter­schied­li­chen Grün­den hät­ten sich Un­ter­neh­men über Jahr­zehn­te schon mit ERP-Soft­ware, Da­ten­ban­ken oder E-Mail-Sys­te­men von An­bie­tern wie Ora­cle, SAP oder Mi­cro­soft ab­hän­gig ge­macht. Ähn­li­ches sei für Cloud-Ser­vices zu er­war­ten, ein Lock-in des­halb mehr oder we­ni­ger un­ver­meid­bar.

Wech­sel muss nicht schwie­rig sein

Der Grad der Ab­hän­gig­keit hän­ge in­des mit der Art und Wei­se zu­sam­men, wie Un­ter­neh­men Cloud-Di­ens­te nut­zen, er­läu­tert Bar­to­let­ti. Grund­sätz­lich sei es gar nicht schwie­rig, auf ei­nen Cloud-Ser­vice ei­nes an­de­ren An­bie­ters zu wech­seln, so­fern es kei­ne Ab­hän­gig­kei­ten zu an­de­ren Cloud-Di­ens­ten der Platt­form ge­be. Ei­ne An­wen­dung von AWS in die Azu­re-Cloud zu ver­schie­ben kön­ne durch­aus ein­fach sein. Nut­ze die Ap­pli­ka­ti­on aber auch an­de­re AWSDi­ens­te wie Load Ba­lan­cing, Do­main Na­me Ser­vices oder Da­ten­bank­diens­te, kön­ne das Vor­ha­ben schnell kom­plex wer­den. Bar­to­let­ti: „Je mehr Sie von spe­zia­li­sier­ten Ser­vices in der Cloud pro­fi­tie­ren, des­to ab­hän­gi­ger wer­den Sie von die­ser Cloud.“Auf­ga­be des CIO sei es des­halb, Kos­ten- und Ef­fi­zi­enz­vor­tei­le ge­gen in­no­va­ti­ve Fea­tu­res für be­son­ders fle­xi­ble und leis­tungs­hung­ri­ge Ap­pli­ka­tio­nen ab­zu­wä­gen.

Gart­ner-Ex­per­tin Can­ci­la rät Un­ter­neh­men, mit klei­nen Tes­t­in­stal­la­tio­nen zu star­ten, be­vor sie ein En­ter­pri­se Agree­ment un­ter­zeich­nen. Die für ei­nen Cloud-Be­trieb vor­ge­se­he­nen Ap­pli­ka­tio­nen soll­ten zu den Stär­ken des je­wei­li­gen Cloud-Pro­vi­ders pas­sen. Nicht je­de An­wen­dung et­wa be­nö­ti­ge ei­ne Ver­füg­bar­keit von 99,999 Pro­zent und müs­se si­mul­tan auf zwei Rech­ner­kno­ten lau­fen. An­ge­sichts der Viel­zahl po­ten­zi­el­ler An­wen­dun­gen und SaaSAn­ge­bo­te sei es für CIOs al­les an­de­re als ein­fach, ei­ne passende Ar­chi­tek­tur zu fin­den. Die Kunst be­ste­he da­rin, Po­li­cies und Frame­works auf­zu­set­zen, die den rich­ti­gen Mix aus un­ter­schied­li­chen Cloud-Ser­vices si­cher­stell­ten.

Grund­sätz­lich sei es gar nicht schwie­rig, auf ei­nen Cloud-Ser­vice ei­nes an­de­ren An­bie­ters zu wech­seln, meint Da­ve Bar­to­let­ti, Ana­lyst von For­res­ter, so­fern es kei­ne Ab­hän­gig­kei­ten zu an­de­ren Clou­dDi­ens­ten der Platt­form ge­be. „Je mehr Sie von spe­zia­li­sier­ten Ser­vices in der Cloud pro­fi­tie­ren, des­to ab­hän­gi­ger wer­den Sie von die­ser Cloud.“

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