In­ter­view mit Ma­ri­ka Lu­lay (GFT): Block­chain ver­än­dert die Ban­ken­welt

Mit sei­nem star­ken Fo­kus auf die Fi­nanz­bran­che ist das Be­ra­tungs­haus GFT groß ge­wor­den. Zum Ju­ni 2017 über­nimmt Ma­ri­ka Lu­lay den Chef­ses­sel. Sie sieht gro­ße Her­aus­for­de­run­gen auf die Ban­ken­welt zu­kom­men.

Computerwoche - - Markt - Von Hein­rich Vas­ke, Edi­to­ri­al Di­rec­tor

CW: Die Ban­ken­welt ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren mas­siv un­ter Druck ge­ra­ten. Der Deut­sche-Bank-Chef John Cryan hat zu sei­nem Amts­an­tritt die IT-In­fra­struk­tur sei­ner Bank als ein Kern­pro­blem aus­ge­macht.

MA­RI­KA LU­LAY: Cryans The­se war, dass die IT-In­fra­struk­tur der Deut­schen Bank zu kom­plex ge­wor­den sei. Das liegt un­ter an­de­rem da­ran, dass es sich um ei­ne gro­ße Uni­ver­sal­bank han­delt, die mit ih­ren IT-Sys­te­men al­le For­men von Bank­ge­schäf­ten ab­de­cken muss. Sie muss au­ßer­dem den Re­gu­la­ri­en in sämt­li­chen Län­dern ge­nü­gen – al­lein das ist schon ei­ne rie­si­ge Her­aus­for­de­rung. Das gilt vor al­lem im Ver­gleich mit ei­nem Spe­zial­in­sti­tut, das ent­we­der we­ni­ger Märk­te adres­siert oder nicht so vie­le Bank­dienst­leis­tun­gen an­bie­tet.

CW: Mit Kom­ple­xi­tät müs­sen aber auch an­de­re gro­ße All­round-Ban­ken um­ge­hen.

LU­LAY: Man muss die Ge­samt­si­tua­ti­on der Bran­che be­trach­ten. Al­le Ban­ken sind nach der Fi­nanz­markt­kri­se na­he­zu gleich­zei­tig mit zwei The­men kon­fron­tiert wor­den. Das ei­ne war ei­ne bei­spiel­lo­se Re­gu­lie­rungs­wel­le, die da­zu führ­te, dass sehr vie­le Sys­te­me er­schaf­fen, Da­ten ge­sam­melt und Re­ports an­ge­fer­tigt wer­den muss­ten – wie­der­hol­bar und nach­voll­zieh­bar. Das hat die Kom­ple­xi­tät der Sys­te­me wei­ter er­höht. Hin­zu kam der wach­sen­de Kos­ten­druck, der not­wen­di­ge In­ves­ti­tio­nen in neue Sys­te­me er­schwer­te. Da­bei ist heu­te klar, dass die Sys­te­me schlan­ker, schnel­ler, bes­ser wer­den müs­sen. Ei­ni­ge Ban­ken sind das The­ma frü­her an­ge­gan­gen, an­de­re et­was spä­ter. Das hing auch da­von ab, un­ter wel­chem Druck sie stan­den.

CW: Was be­deu­tet die­ses Markt­um­feld für Sie als GFT? LU­LAY: Für uns als Di­enst­leis­ter war das nicht die schlech­tes­te Aus­gangs­la­ge. Wir ha­ben den Ban­ken zu­nächst ge­hol­fen, die Re­gu­lie­run­gen zu im­ple­men­tie­ren, und jetzt hel­fen wir ih­nen, das The­ma Di­gi­ta­li­sie­rung vor­an­zu­trei­ben, bei­spiels­wei­se mit Hil­fe von Mi­cro­ser­vices oder API-Platt­for­men.

CW: Gibt es ei­ne Art Ziel­ar­chi­tek­tur für die Ban­ken? Cloud first, Mi­cro­ser­vices, Le­ga­cyWelt, In­no­va­ti­ons­the­men – zu iden­ti­fi­zie­ren, wo­hin man will, scheint nicht ganz ein­fach.

LU­LAY: Was vor ein paar Jah­ren die Ser­vice­ori­en­tier­te Ar­chi­tek­tur (SOA) war, ist heu­te die Mi­cro­ser­vices-Ar­chi­tek­tur – sie ist so­zu­sa­gen ei­ne Spe­zia­li­sie­rung der SOA: Sie macht die Sys­te­me fle­xi­bler, er­höht aber auch die Kom­ple­xi­tät, wes­halb es wich­tig ist, sie durch APIMa­nage­ment-Platt­for­men zu über­wa­chen. Die Mi­cro­ser­vices-Ar­chi­tek­tur kann man durch­aus als Ziel­ar­chi­tek­tur be­zeich­nen. Gleich­zei­tig gilt es, die ei­ge­nen Sys­te­me im Sin­ne des Liftand-Shift-An­sat­zes in die Cloud zu brin­gen. Die Mi­gra­ti­on an sich ist re­la­tiv ein­fach, denn die Da­ten­bank und An­wen­dun­gen wer­den na­he­zu un­ver­än­dert in die Cloud ge­ho­ben. Im An­schluss stel­len die Be­tei­lig­ten je­doch meis­tens

fest, dass nun in Per­for­mance- und Ska­lie­rungs­the­men in­ves­tiert wer­den muss, da­mit in der Cloud al­les rei­bungs­los funk­tio­niert.

CW:

Die Ar­chi­tek­tur ist das ei­ne, aber ech­te In­no­va­tio­nen ge­hen eher von neu­en Tech­no­lo­gi­en wie Ana­ly­tics, Ar­ti­fi­ci­al In­tel­li­gence oder Block­chain aus. Sind das The­men, die Ih­re Teams mit auf­neh­men und an­bie­ten?

LU­LAY: So weit ist es noch nicht. Das sind span­nen­de The­men, al­le Kun­den re­den dar­über. Aber nur we­ni­ge ge­hen es rich­tig kon­zen­triert an. Wir ha­ben klei­ne Teams ge­bil­det, wir nen­nen das Ring Fen­ced Prac­tice. Da sit­zen un­se­re Spe­zia­lis­ten drin, die sich mit Da­ta Ana­ly­tics, Ar­ti­fi­ci­al In­tel­li­gence oder auch Ro­bot Ad­vi­so­ry be­schäf­ti­gen. Die­se Mit­ar­bei­ter wer­den als Spe­zia­lis­ten zu den Kun­den­pro­jek­ten hin­zu­ge­zo­gen. In fünf bis sechs Jah­ren wird das ge­nau­so ein Qu­er­schnitts-Know-how sein wie heu­te Ja­va oder Co­bol, aber heu­te ist es noch Spe­zi­al­wis­sen. Bei Da­ta Ana­ly­tics ist es ja ei­ne Sa­che, die Tools zu be­herr­schen, mit de­nen man die Da­ten ag­gre­giert, und ei­ne an­de­re, mit wel­chen Tools man die ge­wünsch­ten In­for­ma­tio­nen aus den Da­ta La­kes her­aus­zieht oder mit wel­chen KI-Pro­duk­ten man sie vor­sor- tie­ren lässt. Die al­les ent­schei­den­den Fra­gen müs­sen aber un­se­re Kun­den be­ant­wor­ten: Wie in­ter­pre­tie­re ich die Da­ten und wel­che Pro­duk­te ma­che ich dar­aus? Die­ses Über­set­zen in neue Bank­pro­duk­te müs­sen die Kun­den leis­ten. Wir kön­nen ih­nen höchs­tens sa­gen: Die­se oder je­ne Bank hat das so oder so ge­macht – vor­aus­ge­setzt, wir dür­fen dar­über re­den.

CW: Als ei­nes der ganz wich­ti­gen Zu­kunfts­the­men gilt die Block­chain – auch in der Ban­ken­welt. Sind die Er­war­tun­gen über­trie­ben?

LU­LAY: Ich hal­te die Block­chain tat­säch­lich für ei­nes der größ­ten dis­rup­ti­ven The­men. Wir se­hen vie­le Proof of Con­cepts und ers­te An­wen­dungs­fäl­le, aber ins­ge­samt sind wir noch in der Hy­pe-Pha­se. Es dau­ert be­stimmt noch ein paar Jah­re, be­vor es so rich­tig los­geht. Aber die Pro­zess­kos­ten-Ein­spa­run­gen, die sich mit die­ser Tech­no­lo­gie er­rei­chen las­sen, sind si­gni­fi­kant. Selbst wenn Sie das schlecht rech­nen, ha­ben Sie im­mer noch ei­nen Fak­tor von eins zu drei. Wir ha­ben das in meh­re­ren Mach­bar­keits­stu­di­en be­wie­sen. Wenn man sich nun vor­stellt, dass gan­ze ab­tei­lungs-, un­ter­neh­mens- und grenz­über­schrei­ten­de Pro­zes­se durch die­se Block­chain-Tech­no­lo­gie voll­stän­dig au­to­ma­ti­siert wer­den, dass Ver­mitt­ler weg­fal­len, die Geld kos­ten, dann ist ein­fach klar, dass die Kos­ten un­glaub­lich sin­ken wer­den. Und es wer­den vie­le han­deln­de Ein­hei­ten oder Be­tei­lig­te aus den Pro­zess­ket­ten her­aus­ge­nom­men. Das ist wahr­haft dis­rup­tiv, nicht in­kre­men­tell.

CW: Nen­nen Sie ein Bei­spiel: Wel­cher klas­si­sche Ban­ken­pro­zess lässt sich durch die Block­chain au­to­ma­ti­sie­ren?

LU­LAY: In un­se­rem „Eme­rald“-Pro­jekt ha­ben wir mit der Roy­al Bank of Scot­land den grenz­über­schrei­ten­den Zah­lungs­ver­kehr von ver­schie­de­nen Wäh­run­gen ohne zen­tra­les Clea­ring um­ge­setzt. Die An­for­de­rung war, das ge­nau­so schnell hin­zu­be­kom­men wie mit ei­nem zen­tra­len Clea­ring. An­ders ge­sagt war das Ziel des Eme­rald Per­for­mance Tes­tings, 100 Trans­ak­tio­nen pro Se­kun­de in das Sys­tem zu brin­gen (aus­rei­chend für ein Zah­lungs­sys­tem auf na­tio­na­ler Ebe­ne), und zwar in ei­ner Um­lauf­zeit von 25 Se­kun­den (aus­rei­chend für die ICT-An­for­de­run­gen). Das ha­ben wir ge­schafft – so wie das heu­te mit den be­ste­hen­den Sys­te­men geht. Wir wa­ren al­so mit der Block­chain-Tech­no­lo­gie, die an­er­kann­ter­ma­ßen noch nicht voll ska­liert und noch nicht die schnells­te ist, ge­nau­so fix wie die Be­stands­sys­te­me. Ohne Clea­ring da­zwi­schen, son­dern di­rekt! Jetzt stel­len Sie sich vor, die Tech­no­lo­gie wird schnel­ler ...

CW:

Wie be­ur­tei­len Sie die Si­cher­heit?

LU­LAY: Die­ses Ver­fah­ren ist ge­nau­so si­cher wie die Be­stands­sys­te­me, die von au­ßen ab­ge­si­chert wer­den. An sich ist die Block­chain so­gar si­che­rer, weil die Trans­ak­tio­nen über vie­le Kno­ten­punk­te ver­teilt lau­fen. Die müss­ten al­le gleich­zei­tig ge­hackt wer­den, um die Block­chain an­zu­grei­fen.

CW: Was heißt das für die GFT? Ana­ly­sie­ren Sie Ban­ken­pro­zes­se, ob sie sich mit der Block­chain bes­ser ab­bil­den las­sen?

LU­LAY: Wir ha­ben tat­säch­lich drei Teams ge­grün­det, ei­nes in En­g­land, ei­nes in Ita­li­en und ei­nes als Ko­ope­ra­ti­ons­pro­jekt zwi­schen Deutsch­land und Spa­ni­en. Sie ken­nen die Bank­pro­zes­se und ma­chen dann Vor­schlä­ge. Wir ha­ben au­ßer­dem Proof of Con­cepts ent­wi­ckelt, sind in ent­spre­chen­den Gre­mi­en ak­tiv und tes­ten aus, was geht und was eben nicht. Die Block­chain wird nicht von heu­te auf mor­gen al­les ver­än­dern. Aber wenn Ban­ken heu­te die­se Op­ti­on in ih­ren Sys­te­men und Pro­zes­sen nicht be­rück­sich­ti­gen, wer­den sie in fünf oder zehn Jah­ren ein gro­ßes Pro­blem ha­ben. Dann wer­den vie­le Ver­fah­ren auf Block­chain um­ge­stellt sein. Ban­ken sen­ken da­mit ih­re Pro­zess­kos­ten dra­ma­tisch und kön­nen in der Fol­ge güns­ti­ge­re Ser­vices an­bie­ten. Ban­ken, die das nicht ma­chen, be­kom­men Kos­ten­pro­ble­me.

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