Streit um in­di­rek­te SAP-Nut­zung

Wie sind ge­misch­te Soft­ware­um­ge­bun­gen ge­recht zu li­zen­zie­ren?

Computerwoche - - Vorderseite - Von Mar­tin Bay­er, De­pu­ty Edi­to­ri­al Di­rec­tor

Nach­dem meh­re­re Fäl­le be­kannt ge­wor­den sind, in de­nen SAP ho­he Nach­zah­lun­gen we­gen in­di­rek­ter Nut­zung sei­ner Soft­ware ge­for­dert hat, be­müht sich der Kon­zern nun um Image-Scha­dens­be­gren­zung. Doch die Vor­schlä­ge, wie das The­ma künf­tig ge­hand­habt wer­den soll, rei­chen aus An­wen­der­sicht nicht aus.

SAP hat ein Pro­blem. Auf der ei­nen Sei­te möch­te sich der deut­sche Soft­ware­kon­zern als in­no­va­ti­ver Part­ner für die di­gi­ta­le Trans­for­ma­ti­on in An­wen­der­un­ter­neh­men prä­sen­tie­ren, der für sei­ne Kun­den mo­der­ne IT von Cloud und In-Me­mo­ry bis hin zu künst­li­cher In­tel­li­genz (KI), Ma­chi­ne Le­arning (ML) und IoT-Platt­for­men zu fle­xi­blen, in­tel­li­gen­ten Lö­sun­gen zu­sam­men­set­zen kann. Auf der an­de­ren Sei­te kon­fron­tie­ren die Soft­wer­ker so man­chen Kun­den aus der klas­si­schen On-Pre­mi­se-Welt mit hor­ren­den Nach­for­de­run­gen, die mit in­di­rek­ter Nut­zung von SAP-Soft­ware be­grün­det wer­den.

Der Tag geht, die Stra­fe kommt

In der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit ha­ben sol­che Fäl­le für Schlag­zei­len ge­sorgt. So droht bei­spiels­wei­se dem bri­ti­schen Ge­trän­ke­her­stel­ler Dia­geo, der un­ter an­de­rem die Mar­ken John­nie Wal­ker, Smirn­off Wod­ka, Bai­leys so­wie Guin­ness-Bier ver­treibt, ei­ne saf­ti­ge Nach­zah­lung in Hö­he von 55 Mil­lio­nen bri­ti­schen Pfund nach Wall­dorf. In dem Ver­fah­ren folg­te der kö­nig­li­che Ge­richts­hof in Lon­don der Ar­gu­men­ta­ti­on des deut­schen Soft­ware­her­stel­lers, wo­nach an­ge­sichts der zu­grun­de lie­gen­den Li­zenz­ver­trä­ge ein­zig Na­med User als Abrech­nungs­ba­sis für den Zu­griff auf die SAP-Sys­te­me an­zu­se­hen sei­en. Die Bri­ten hat­ten aber schon vor Jah­ren ih­re Sys­tem­land­schaft mit Cloud-ba­sier­ten Lö­sun­gen von Sa­les­force aus­ge­baut, die Da­ten mit den SAP-Sys­te­men aus­tau­schen. Den Ein­wand des Dia­geo-Ma­nage­ments, dass man über „SAP Pro­cess In­te­gra­ti­on“(PI) be­reits Ge­büh­ren für den Da­ten­aus­tausch be­zah­le, woll­te Rich­te­rin Fi­no­la O‘Far­rell nicht gel­ten las­sen. Auch wenn die­ser Streit nicht un­mit­tel­bar auf Ver­trags­kon­stel­la­tio­nen an­de­rer Un­ter­neh­men über­trag­bar ist, sorg­te der Spruch des bri­ti­schen Ge­richts doch welt­weit für mas­si­ve Ve­r­un­si­che­rung in SAP-Kun­den­krei­sen. Of­fen­bar gibt es wei­te­re Fäl­le.

Bei­spiels­wei­se strei­tet der deut­sche Soft­ware­kon­zern mit dem welt­weit größ­ten Bier­brau­er An­heu­ser-Busch InBev. SAP wirft dem Kon­zern, der Mar­ken wie Bud­wei­ser und Ho­egaar­den her­stellt, vor, mehr­fach ge­gen ein Soft­ware Li­cen­se Agree­ment aus dem Jahr 2010 ver­sto­ßen zu ha­ben. Al­ler­dings ist nicht ein­deu­tig ge­klärt, ob die­ser Streit auch aus in­di­rek­ter Nut­zung von SAP-Soft­ware re­sul­tiert. Bei­de Sei­ten woll­ten sich da­zu nicht nä­her äu­ßern. In sei­nem Fi­nanz­be­richt für das Jahr 2016, der En­de März lau­fen­den Jah­res ver­öf­fent­licht wur­de, räumt das InBev-Ma­nage­ment je­den­falls ein, dass dem Un­ter­neh­men durch die SAP-For­de­run­gen ein fi­nan­zi­el­ler Scha­den in Hö­he von über 600 Mil­lio­nen Dol­lar ent­ste­hen könn­te und man dem­ent­spre­chend Rück­la­gen bil­den müs­se. Die­se Sum­me ent­spricht mehr als dem Vier­fa­chen des­sen, was die Bier­brau­er 2016 ins­ge­samt für Soft­ware aus­ge­ge­ben ha­ben, näm­lich 140 Mil­lio­nen Dol­lar. Zu­dem mach­te InBev klar: „Wir be­ab­sich­ti­gen, uns ge­gen die von SAP gel­tend ge­mach­ten An­sprü­che en­er­gisch zu ver­tei­di­gen.“

SAP be­müht sich um Scha­dens­be­gren­zung

In den Krei­sen der SAP-Füh­rung scheint man zu mer­ken, dass öf­fent­lich aus­ge­tra­ge­ne Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Kun­den kei­ne gu­te Idee sind. In ei­ner Stel­lung­nah­me, die im Rah­men der An­wen­der­kon­fe­renz Sapphi­re Mit­te Mai ver­öf­fent­licht wur­de, hat der Soft­ware­kon­zern Eck­punk­te sei­ner künf­ti­gen Li­zenz­po­li­tik skiz­ziert. „SAP ver­pflich­tet sich da­zu, sei­nen Pri­cing-An­satz zu mo­der­ni­sie­ren“, heißt es dar­in. In ei­ner Welt, in der IT-Land­schaf­ten von zu­neh­men­der Fle­xi­bi­li­tät und Agi­li­tät ge­prägt sei­en, wür­den kom­ple­xe Li­zenz­me­tri­ken der In­no­va­ti­on im Weg ste­hen.

Da­bei greift SAP auch das The­ma der in­di­rek­ten Nut­zung auf, dis­tan­ziert sich aber zu­gleich von der da­mit ver­bun­de­nen Pro­ble­ma­tik: In­di­rek­te Nut­zung sei ein Be­griff, der von Nut­zer­grup­pen ge­prägt wor­den sei, um den Vor­gang zu be­schrei­ben, wenn ein An­wen­der über Drittoder selbst ent­wi­ckel­te Sys­te­me auf SAP-Soft­ware zu­grei­fe. Der Kon­zern kün­dig­te im­mer­hin Än­de­run­gen in sei­nem Pri­cing-Mo­dell an. Dem­zu­fol­ge wür­den Pro­cu­re-to-pay- so­wie Or­der­to-cash-Sze­na­ri­en im ERP-Um­feld in Zu­kunft nicht mehr User-, son­dern nut­zungs­ba­siert auf Ba­sis von über die ent­spre­chen­den Sys­te­me ab­ge­wi­ckel­ten Auf­trä­gen ab­ge­rech­net. Dar­über hin­aus be­inhal­te ei­ne SAP-Li­zenz künf­tig die Mög­lich­keit des „In­di­rect Sta­tic Re­ad“. Das be­deu­tet nach SAP-Les­art, dass Kun­den ih­re Da­ten, die in SAP-Sys­te­men lie­gen, von an­de­ren Pro­gram­men kos­ten­frei aus­le­sen dür­fen. Das gel­te al­ler­dings nicht für Re­al­time-Sys­te­me oder Vor­gän­ge, die ei­ne Pro­zess-oder Com­pu­ter­ver­ar­bei­tung in SAP-Sys­te­men er­for­der­ten. Au­ßer­dem ver­weist SAP dar­auf, dass In­di­rect Sta­tic Re­ad nur dann ge­büh­ren­frei sei, wenn der Kun­de dar­über hin­aus kor­rekt li­zen­ziert sei.

Sei­en Un­ter­neh­men in die­ser Fra­ge un­si­cher, soll­ten sie auf SAP zu­kom­men, for­dert der Kon­zern auf. „SAP si­chert den An­wen­dern zu, die sich pro­ak­tiv da­mit be­schäf­tig­ten, ei­ne Un­ter­li­zen­zie­rung von SAP-Soft­ware zu ver­hin­dern, kei­ne nach­träg­li­chen War­tungs­zah­lun­gen ein­zu­for­dern“, heißt es von Sei­ten des Soft­ware­her­stel­lers. Man wer­de sich die spe­zi­fi­schen Um­stän­de an­se­hen und dem­ent­spre­chend die Li­zenz­ver­ein­ba­run­gen nach­jus­tie­ren. In die­sem Zu­sam­men­hang spricht der Soft­ware­kon­zern von Gut­schrif­ten so­wie dem mög­li­chen Um­stieg auf neue Me­tri­ken.

DSAG: SAP-Vor­schlä­ge sind un­zu­rei­chend

Die Deutsch­spra­chi­ge SAP-An­wen­der­grup­pe (DSAG) be­grüß­te zwar grund­sätz­lich die Be­reit­schaft der SAP, sich mit dem The­ma der in­di­rek­ten Nut­zung aus­ein­an­der­zu­set­zen, kri­ti­sier­te die von ih­rem Soft­ware­lie­fe­ran­ten in Aus­sicht ge­stell­ten Schrit­te je­doch als un­zu­rei­chend. „Die DSAG be­schäf­tigt sich be­reits seit Lan­gem mit der in­di­rek­ten Nut­zung, und es ist prin­zi­pi­ell be­grü­ßens­wert, dass sich bei SAP nach vie­len Jah­ren et­was be­wegt“, er­läu­tert Andre­as Ocz­ko, DSAG-Vor­stand Ope­ra­ti­ons/ Ser­vice & Sup­port. Al­ler­dings sei das von SAP er­ar­bei­te­te Do­ku­ment zur Preis­ge­stal­tung bei in­di­rek­ter Nut­zung un­aus­ge­reift, da es­sen­zi­el­le Fra­gen un­ge­klärt und vie­le Aspek­te un­be­rück­sich­tigt blie­ben, heißt es in ei­ner Stel­lung- nah­me der An­wen­der­ver­tre­tung. Auch wenn es of­fen­bar ei­nen Dia­log ge­ge­ben hat, schei­nen die Fron­ten zwi­schen SAP und den An­wen­der­ver­tre­tern in die­ser Sa­che ver­här­tet. Man ha­be von ei­ner Ver­öf­fent­li­chung zum ge­gen­wär­ti­gen Zeit­punkt ab­ge­ra­ten, ver­lau­te­te von Sei­ten der DSAG. Das Pa­pier las­se ei­ni­ge ju­ris­ti­sche Aspek­te au­ßen vor. „So wird die Un­si­cher­heit bei den Kun­den nur noch grö­ßer, und not­wen­di­ge In­ves­ti­tio­nen in die Zu­kunft blei­ben wei­ter blo­ckiert“, lau­tet das Fa­zit der DSAG-Ver­ant­wort­li­chen.

Das The­ma „in­di­rek­te Nut­zung“muss der DSAG zu­fol­ge aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven be­trach­tet wer­den: Grund­sätz­lich ge­he es dar­um, ob An­wen­der SAP-Soft­ware di­rekt oder in­di­rekt nutz­ten. Dies sei li­zenz­recht­lich zu be­wer­ten. Je nach Nut­zung be­nö­tig­ten An­wen­der ein ent­spre­chen­des Nut­zungs­recht in Form ei­ner „Na­med-User-Li­zenz“oder ei­ne En­gi­ne. „Lei­der gibt es in­ner­halb der SAP kei­ne kla­re De­fi­ni­ti­on be­zie­hungs­wei­se Re­ge­lung zur in­di­rek­ten Nut­zung“, mo­niert die DSAG. „Nun kom­mu­ni­ziert SAP je­doch erst­mals über Preis­mo­del­le zur in­di­rek­ten Nut­zung für ver­schie­de­ne Sze­na­ri­en. Nach An­sicht der DSAG ist die­se Ver­öf­fent­li­chung je­doch un­zu­rei­chend, da noch ei­ni­ge The­men un­be­dingt ei­ner zu­frie­den­stel­len­den Klä­rung be­dürf­ten.

SAP – es gibt noch viel zu tun

SAP selbst räumt ein, dass es an die­ser Stel­le noch Nach­bes­se­rungs­be­darf ge­be. „Adres­sie­ren die jetzt vor­ge­stell­ten Me­tri­ken je­des in­di­rek­te Zu­gangs­sze­na­rio im Zeit­al­ter von viel­fäl­ti­gen Ge­rä­ten, IoT und kol­la­bo­ra­ti­ven Netz­wer­ken?“, fragt Ha­la Zei­ne, Cor­po­ra­te De­ve­lop­ment Of­fi­cer von SAP, und gibt selbst gleich die Ant­wort: „Noch nicht.“Es ge­be noch viel zu tun, und man wer­de wei­ter dar­an ar­bei­ten, Preis- und Li­zenz­me­tri­ken zu ak­tua­li­sie­ren und an­zu­pas­sen. Die jetzt vor­ge­stell­ten Neue­run­gen sei­en je­doch ein Schritt in die rich­ti­ge Rich­tung, um die Preis­mo­del­le zu mo­der­ni­sie­ren.

Andre­as Ocz­ko, Vor­stands­mit­glied der DSAG und Li­zenz­ex­per­te, be­zeich­ne­te die von SAP vor­ge­leg­ten Do­ku­men­te für die Be­hand­lung der in­di­rek­ten Nut­zung als un­aus­ge­reift. Es­sen­zi­el­le Fra­gen blie­ben un­be­ant­wor­tet.

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