Ei­ne zwei­te Chan­ce für die eID?

Be­reits seit 2010 gibt es den Per­so­nal­aus­weis mit elek­tro­ni­schem Iden­ti­täts­nach­weis (eID). Ei­ne Er­folgs­ge­schich­te war er bis­lang nicht. Nun kon­tert ei­ne deut­sche In­dus­trie­al­li­anz mit ei­nem „Ge­ne­ral­schlüs­sel“für das In­ter­net.

Computerwoche - - Inhalt - Von Hein­rich Vas­ke, Edi­to­ri­al Di­rec­tor

Die Bun­des­re­gie­rung will dem Chip­kar­ten-Per­so­nal­aus­weis mit elek­tro­ni­schem Iden­ti­täts­nach­weis doch noch zum Er­folg ver­hel­fen. Gleich­zei­tig ar­bei­tet ei­ne deut­sche In­dus­trie­al­li­anz an ei­nem „Ge­ne­ral­schlüs­sel“fürs Web.

Die Apo­lo­ge­ten des „neu­en“Per­so­nal­aus­wei­ses mit On­li­ne-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­funk­ti­on dürf­ten scho­ckiert ge­we­sen sein, als sie am 8. Mai hör­ten, dass die Wirt­schafts­rie­sen Deut­sche Bank, Al­li­anz, Post­bank, Daim­ler und Axel Sprin­ger ei­ne Art „Ge­ne­ral­schlüs­sel“für ei­nen si­che­ren In­ter­net­Zu­gang ent­wi­ckeln wol­len. Un­ter­stützt von den Star­tups Co­re und dem On­li­ne-Kar­ten­dienst He­re pla­nen die Kon­zer­ne dem­nach ei­ne Tech­no­lo­gie, mit der sich Men­schen auf In­ter­net-Sei­ten re­gis­trie­ren und si­cher iden­ti­fi­zie­ren kön­nen.

Al­li­anz ge­gen Goog­le und Face­book

Die Al­li­anz rich­tet sich nicht et­wa ge­gen die Bun­des­re­gie­rung und ih­re An­stren­gun­gen rund um die eID, son­dern ge­gen die De-fac­toKon­kur­ren­ten Goog­le, App­le, Face­book und Ama­zon („GAFA“). Bei die­sen On­li­ne-Gi­gan­ten ha­ben die meis­ten Nut­zer längst ein Be­nut­zer­kon­to ein­ge­rich­tet, über das sie – et­wa im Fal­le Goog­le – E-Mails che­cken, Vi­de­os ab­ru­fen und so­gar Flü­ge bu­chen kön­nen. Qua Markt­macht ha­ben die­se Anbieter Fak­ten ge­schaf­fen, was den deut­schen Be­hör­den mit ih­rer eID nicht ge­lun­gen ist.

Der ge­plan­te Ge­ne­ral­schlüs­sel der In­dus­trie­kon­zer­ne soll es Nut­zern er­mög­li­chen, sich rechts­si­cher im Web zu le­gi­ti­mie­ren und mit der so ge­schaf­fe­nen On­li­ne-Iden­ti­tät die Di­ens­te al­ler an­ge­schlos­se­nen Un­ter­neh­men zu nut­zen. „Die Zu­gangs­da­ten wer­den zu ei­ner Art di­gi­ta­lem Per­so­nal­aus­weis, mit de­nen der Nut­zer un­kom­pli­ziert rechts­si­che­re Ge­schäf­te on­li­ne ma­chen kann“, schrieb die „FAZ“. Rück­schlag für die eID

Wenn der Plan auf­geht und die ge­mein­sa­me Platt­form ab Mit­te 2018 plan­mä­ßig und er­folg­reich Di­ens­te an­bie­ten kann, wä­re das ein Rück­schlag für die Ma­cher des ech­ten di­gi­ta­len Per­so­nal­aus­wei­ses. Bis jetzt ist es ih­nen nicht ge­lun­gen, den Scheck­kar­ten­aus­weis, der im­mer­hin von 45 Mil­lio­nen Bür­gern ge­nutzt wird, auch nur an­nä­hernd als In­stru­ment für den elek­tro­ni­schen Iden­ti­täts­nach­weis zu eta­blie­ren. Über die Grün­de für das Schei­tern wird ge­strit­ten: Die ei­nen hal­ten die Nut­zung für zu kom­pli­ziert und sper­rig, zu­mal ein Le­se­ge­rät er­for­der­lich ist, die an­de­ren be­kla­gen feh­len­de An­wen­dungs­mög­lich­kei­ten, und wie­der an­de­re gei­ßeln die an­geb­lich un­zu­rei­chen­den Vor­keh­run­gen in Sa­chen Si­cher­heit und Da­ten­schutz.

Elek­tro­ni­sche Iden­ti­tät on de­fault

Mit dem neu­en, erst vor we­ni­gen Ta­gen durch den Bun­des­tag ge­wun­ke­nen „Ge­setz zur För­de­rung des elek­tro­ni­schen Iden­ti­täts­nach­wei­ses (eID)“will die Bun­des­re­gie­rung nun nach­hel­fen. Konn­ten sich die Bür­ger frü­her für ih­ren Chip­kar­ten­aus­weis die eID-Funk­ti­on auf Wunsch beim Mel­de­amt zu­sätz­lich freischalten las­sen, so soll die eID künf­tig von vorn­her­ein ak­ti­viert sein – es sei denn, der Bür­ger wi­der­spricht aus­drück­lich.

Gleich­zei­tig ver­spricht der Bund Sor­ge zu tra­gen, dass mehr Be­hör­den die Iden­ti­täts­prü­fung via eID un­ter­stüt­zen und so E-Go­vern­ment-Pro­zes­se ver­ein­facht wer­den. Das könn­te auch die Wirt­schaft über­zeu­gen. Vie­le Un­ter­neh­men hat­ten sich vom ge­rin­gen Zu­spruch der Kon­su­men­ten ab­hal­ten las­sen. Zu­dem hat­ten sie kein In­ter­es­se an dem recht auf­wen­di­gen Zer­ti­fi­zie­rungs­pro­zess, den sie durch­lau­fen muss­ten, um den neu­en Aus­weis als Iden­ti­fi­ka­ti­ons- und Au­then­ti­fi­zie­rungs­in­stru­ment un­ter­stüt­zen zu kön­nen.

Der­zeit hat nicht ein­mal ein Drit­tel der Nut­zer des Kar­ten­aus­wei­ses die eID-Funk­ti­on ak­tiv ge­schal­tet. Wie der Cha­os Com­pu­ter Club (CCC) vor­rech­net, ha­ben von die­sen An­wen­dern auch nur 15 Pro­zent die eID-Funk­ti­on ge­tes­tet. Mit dem er­höh­ten Druck sei­tens des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums ist der CCC nicht ein­ver­stan­den: „Es drängt sich der Ein­druck auf, dass die mit vie­len Ver­spre­chun­gen und ho­hen fi­nan­zi­el­len In­ves­ti­tio­nen an den Start ge­gan­ge­ne Di­gi­ta­li­sie­rung des Aus­wei­ses von ei­nem An­ge­bot an die Bür­ger nun per Ge­setz zu ei­nem Zwang aus­ge­baut wer­den soll, ob­gleich sich der be­son­de­re Nut­zen we­der aus Sicht des Bür­gers noch aus Sicht von An­bie­tern be­grün­den lässt“, schimp­fen Con­stan­ze Kurz und ih­re Mit­strei­ter. „Es ist nicht das ers­te Mal, dass durch ein der­ar­ti­ges Nach­bes­se­rungs­ge­setz ein teu­res und aus gu­ten Grün­den nie be­nutz­tes to­tes Pferd wie­der­be­lebt wer­den soll.“

Ein Är­ger­nis ist aus Sicht des CCC und der Da­ten­schüt­zer auch der ge­plan­te er­wei­ter­te Zu­griff von Si­cher­heits­be­hör­den auf bio­me­tri­sche Aus­weis­bil­der. Ge­heim­diens­te, Steuer­und Zoll­fahn­der sol­len „zur Er­fül­lung ih­rer Auf­ga­ben“au­to­ma­ti­siert das Licht­bild im Aus­weis aus den Re­gis­tern der Mel­de­be­hör­den ab­ru­fen kön­nen. Das war auch bis­her mög­lich, al­ler­dings nur in be­grenz­ten Fäl­len und durch we­ni­ge Stel­len. Pe­ter Schaar, der ehe­ma­li­ge Bun­des­da­ten­schutz­be­auf­trag­te, sprach denn auch von ei­nem „Big-Bro­ther-Ge­setz“, und auch die FDP warnt aus­drück­lich vor ei­nem Über­wa­chungs­staat. Nicht aus­ge­schlos­sen al­so, dass bei den Mel­de­äm­tern in Zu­kunft das Te­le­fon nicht mehr still­steht – weil Bür­ger mit neu­em Per­so­nal­aus­weis ih­re eID-Funk­ti­on de­ak­ti­vie­ren wol­len.

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