IT-Frei­be­ruf­ler am län­ge­ren He­bel

Frei­be­ruf­li­che IT-Ex­per­ten sind ge­fragt wie nie. Dar­an wird sich auch so bald nichts än­dern. In den kom­men­den Jah­ren dürf­ten die Fre­e­lan­cer al­ler­dings we­ni­ger als Lü­cken­bü­ßer und mehr als wich­ti­ge Know-how-Trä­ger ge­fragt sein, die we­sent­lich da­zu bei­tra­ge

Computerwoche - - Inhalt - Von Alex­an­der Ja­ke Frei­mark, frei­er Jour­na­list in Bad Ai­b­ling

Der Man­gel an Fach­kräf­ten spielt frei­be­ruf­li­chen IT-Pro­fis wei­ter in die Hän­de.

In der IT-Bran­che ist der Trend zu frei­en Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis­sen un­ge­bro­chen. „Im Vor­jahr ha­ben sich rund 20 000 Fre­e­lan­cer auf un­se­rer Platt­form re­gis­triert“, be­rich­tet Andre­as Krawc­zyk, COO von Fre­e­lan­ce. de. Den­noch ist der Ma­na­ger über­zeugt, dass mit dem bis­her stärks­ten Wachs­tum in der zehn­jäh­ri­gen Fir­men­ge­schich­te die Spit­ze noch nicht er­reicht ist. Schließ­lich ar­bei­te je­de drit­te Ar­beits­kraft in den USA laut „For­bes“als Frei­be­ruf­ler – Ten­denz wei­ter stei­gend. Krawc­zyk er­war­tet, dass sich die­se Ent­wick­lung mit ei­ni­gen Jah­ren Ver­zö­ge­rung auch hier­zu­lan­de nie­der­schlägt. „Aus die­ser Per­spek­ti­ve steckt der Markt noch in den Kin­der­schu­hen.“

Laut der ak­tu­el­len Stu­die „IT-Frei­be­ruf­ler 2017“der COMPUTERWOCHE schät­zen in­zwi­schen über 50 Pro­zent der Un­ter­neh­men die Be­deu­tung von ex­ter­nen IT-Fach­kräf­ten in zwei Jah­ren als groß bis sehr groß ein. In den Vor­jah­ren lag der An­teil noch bei 30 (2015) be­zie­hungs­wei­se 44 (2016) Pro­zent. Da­bei hat die Nach­fra- ge das An­ge­bot zu­min­dest bei den Spe­zia­lis­ten längst über­holt: „Durch den an­hal­ten­den Fach­kräf­te­man­gel er­höht sich der Re­kru­tie­rungs­auf­wand für pas­sen­de Kan­di­da­ten im­mer mehr“, sagt Ul­rich Wan­tia. Der Ge­schäfts­füh­rer des Per­so­nal­dienst­leis­ters Qu­es­tax rech­net für die Zu­kunft mit ei­ner wei­te­ren Ver­knap­pung von IT-Skills bei gleich­zei­tig ste­ti­gem Be­darf: „Der star­ke Wett­be­werb um die bes­ten IT-Köp­fe wird zu ei­nem hö­he­ren Preis­ni­veau füh­ren.“

We­nig In­ter­es­se an lang­wei­li­gen Stand­or­ten

Al­ler­dings gibt es auch Bar­rie­ren für die Ent­wick­lung. „Seit Jah­ren se­hen wir ein ste­tes, je­doch nicht un­ge­brems­tes Wachs­tum auf dem Markt für Frei­be­ruf­ler“, be­rich­tet Chris­ti­an Steeg, Di­rec­tor bei Hays. We­gen der gu­ten Markt­la­ge zeig­ten Frei­be­ruf­ler sich in­fle­xi­bler, wenn man ih­nen über­re­gio­na­le Pro­jek­te an­bie­te. So kön­ne die Nach­fra­ge an we­ni­ger at­trak­ti­ven Stand­or­ten nicht im­mer ge­deckt wer­den. Die­ses Pro­blem lie­ße sich über fle­xi­ble Ar­beit­neh­mer­lö­sun­gen an­ge­hen, so Steeg.

„Ele­men­tar ist al­ler­dings in je­dem Fall, dass Frei­be­ruf­ler ver­in­ner­licht ha­ben, Un­ter­neh­mer zu sein“, so der Hays-Ma­na­ger wei­ter. Da­zu zäh­le auch, dass sie sich für ei­nen Di­enst­leis­ter ent­schie­den, mit dem sie sich für die Zu­kunft gut auf­ge­stellt fühl­ten. „Hier ste­hen die The­men Si­cher­heit, Pro­fes­sio­na­li­tät und Markt­zu­gang an den ers­ten Stel­len.“

Son­ja Pie­rer, Ge­schäfts­füh­re­rin von Ex­pe­ris Deutsch­land, kann das nur be­stä­ti­gen: „Die Her­aus­for­de­rung für Per­so­nal­dienst­leis­ter be­steht in der lang­fris­ti­gen Bin­dung von Fre­e­lan­cern an ihr Un­ter­neh­men.“Vom Auf­bau ei­ner stra­te­gi­schen Part­ner­schaft könn­ten schließ­lich bei­de Sei­ten pro­fi­tie­ren. Ne­ben trans­pa­ren­ten Pro­zes­sen und Kon­zep­ten zur Wei­ter­qua­li­fi­zie­rung so­wie -ent­wick­lung des Frei­be­ruf­lers be­inhal­te dies auch ex­klu­si­ve Pro­jek­te: „Die An­zie­hungs­kraft von ,Se­xy Brands‘ in der Kun­den­land­schaft ist auf Fre­e­lan­cer nach wie vor sehr hoch.“

Ein Hin­der­nis sei al­ler­dings das oft „feh­len­de Be­wusst­sein, wie man ei­ne Win-win-Si­tua­ti­on für al­le Be­tei­lig­ten schafft und da­durch ma­xi­ma­le Er­fol­ge er­bringt“, er­gänzt Lu­uk Hou­te­pen, Di­rec­tor Bu­si­ness De­ve­lop­ment in der DACH-Re­gi­on bei der Per­so­nal­be­ra­tung Sthree. Bis zum Jahr 2020 lau­te da­her für die Bran­che die De­vi­se: „Part­ner­schaf­ten!“Auch die Per­so­nal­dienst­leis­ter müss­ten ler­nen, hoch­ka­rä­ti­ge IT-Frei­be­ruf­ler stär­ker als Part­ner und Kun­den zu se­hen, denn der Er­folg stel­le sich nur ge­mein­sam ein.

Kei­ne leich­te Auf­ga­be an­ge­sichts der ak­tu­el­len Si­tua­ti­on. „Da es der­zeit zu vie­le Agen­tu­ren gibt und An­fra­gen oft mehr­fach im Markt un­ter­wegs sind, wer­den ei­ni­ge Frei­be­ruf­ler sprich­wört­lich mit An­fra­gen bom­bar­diert“, be­rich­tet Chris­ti­an Neu­er­burg, Coun­try Trans­for- ma­ti­on Di­rec­tor der DIS AG, aus dem Ta­ges­ge­schäft. So­mit wer­de es für die Ver­mitt­ler zu­neh­mend schwie­rig, bei Frei­be­ruf­lern Ge­hör zu fin­den. „Das Su­chen ist hier­bei nicht die größ­te Her­aus­for­de­rung, son­dern der Kon­takt nach dem Fin­den.“Zu­dem sei­en Frei­be­ruf­ler oft zu Kon­su­men­ten ge­wor­den, die sich durch den ho­hen Nach­fra­ge­druck trei­ben las­sen könn­ten. „Da­her müs­sen wir als Ver­mitt­ler den Markt ak­tiv ge­stal­ten und uns an­pas­sen, aber auch rechts­kon­for­me Lö­sun­gen bie­ten und die her­aus­for­dern­den Preis­vor­stel­lun­gen un­se­rer Kun­den wie auch die ge­stie­ge­nen Ein­kom­mens­er­war­tun­gen der Fre­e­lan­cer er­fül­len.“

For­de­rung nach trans­pa­ren­ten Mar­gen

Ge­frag­te IT-Ex­per­ten kön­nen sich der­zeit die Ro­si­nen aus dem Ku­chen pi­cken: „Die Er­war­tung der Fre­e­lan­cer an Per­so­nal­dienst­leis­ter steigt, und sie fra­gen im­mer häu­fi­ger nach Of­fen­le­gung der Mar­gen“, sagt Mar­kus Reef­schlä­ger. Für den Ge­schäfts­füh­rer von Ge­co Deutsch­land gibt es ei­nen über­zeu­gen­den Kö­der: ei­ne kon­kre­te Pro­jekt­an­fra­ge mit in­ter­es­san­ten In­hal­ten in gro­ßen Kun­den­um­ge­bun­gen. Hin­zu kom­me ein zu­ver­läs­si­ges Feed­back wäh­rend des ge­sam­ten An­ge­bots­pro­zes­ses. Al­ler­dings ha­pert es laut der ak­tu­el­len Frei­be­ruf­ler-Stu­die vor al­lem an un­zu­rei­chen­den Rück­mel­dun­gen nach Ab­schluss ei­nes Pro­jekts. Reef­schlä­ger ver­weist in die­sem Punkt auf aus­blei­ben­des Feed­back der Ein­satz­un­ter-

neh­men. „Dies soll­te aber kei­ne Ent­schul­di­gung sein – wir wer­ten die­sen Punkt als kon­struk­ti­ve Kri­tik.“

Rechts­si­cher­heit bleibt wich­ti­ges The­ma

Ma­xim Pro­bo­jce­vic, Mar­ke­ting-Lei­ter der Sol­com Un­ter­neh­mens­be­ra­tung, ver­weist auf ein an­de­res Pro­blem, das wie ei­ne dunk­le Wol­ke über der Bran­che schwebt: „Rechts­si­cher­heit ist für Frei­be­ruf­ler und Kun­den ein zen­tra­les The­ma.“Die Ge­setz­ge­bung wer­de wei­te­re struk­tu­rel­le An­pas­sun­gen in den be­trof­fe­nen Or­ga­ni­sa­tio­nen nach sich zie­hen. „Für pro­fes­sio­nel­le Markt­teil­neh­mer en­det der Pro­zess nicht mit der Un­ter­schrift des Kun­den und Frei­be­ruf­lers auf dem Ver­trag, son­dern er er­for­dert ei­ne kon­ti­nu­ier­li­che und pro­ak­ti­ve Be­glei­tung al­ler Be­tei­lig­ten.“In die­sem Zu­ge ent­wi­ckelt sich der Fre­e­lan­cer vom „Lü­cken­bü­ßer“zur stra­te­gi­schen Res­sour­ce.

Ste­fan Sy­ma­n­ek, Mar­ke­ting-Lei­ter der Gulp In­for­ma­ti­on Ser­vices Gm­bH, be­zeich­net die Dis­kus­sio­nen zum neu­en Ge­set­zes­ent­wurf zur Re­gu­lie­rung von Zeit­ar­beit und Werk­ver­trä­gen (AÜG) als „Un­si­cher­heits­fak­tor“. Sei­ner Ein­schät­zung nach „wä­ren die vor et­wa ei­nem Jahr vor­ge­schla­ge­nen Kri­te­ri­en in der ur­sprüng­li­chen Fas­sung für vie­le Frei­be­ruf­ler pro­ble­ma­tisch ge­wor­den“. Auch wenn die­se schließ­lich zu­rück­ge­nom­men wur­den, müss­ten IT-Fre­e­lan­cer wei­ter­hin mit ei­ner Res­tun­si­cher­heit le­ben, „ver­ur­sacht durch ei­nen nicht nach­voll­zieh­ba­ren Prü­fungs­pro­zess auf Sei­ten der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung“. Als Per­so­nal­dienst­leis­ter mit dem not­wen­di­gen Ge­wicht setzt sich da­her Gulp un­ter an­de­rem im Rah­men der Al­li­anz für selb­stän­di­ge Wis­sens­ar­beit (ADESW) ein. „Wir for­dern et­wa mehr Rechts­si­cher­heit in Sa­chen Schein­selb­stän­dig­keits-Fest­stel­lung.“

Kla­re ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen, die den mo­der­nen Pro­jekt­orga­ni­sa­ti­ons-For­men und der Rol­le der Fre­e­lan­cer hier­in Rech­nung tra­gen, ver­langt auch Bernd Sau­er, Vor­stand der Goetz­fried AG. Der­zeit fal­le es dem Ge­setz­ge­ber schwer, mit der ra­san­ten Ve­rän­de­rung der Ar­beits­welt Schritt zu hal­ten. Fol­ge sei ei­ne in Tei­len un­über­sicht­li­che Rechts­la­ge, in der es für Per­so­nal­dienst­leis­ter nicht mehr aus­rei­che, sich auf die Ver­mitt­lung von Frei­be­ruf­lern zu fo­kus­sie­ren: „Vie­le gro­ße Un­ter­neh­men ha­ben be­gon­nen, ih­re Lie­fe­ran­ten ge­zielt zu kon­so­li­die­ren – sie set­zen bei der Auf­trags­ver­ga­be ver­stärkt auf in­te­grier­te Di­enst­leis­ter und nach­ge­wie­se­ne Lö­sungs­kom­pe­tenz.“Al­ler­dings zwei­felt Sau­er nicht, dass die Nach­fra­ge nach Fre­e­lan­cern stark blei­ben wird: „Frei­be­ruf­ler wer­den auch in Zu­kunft ein wich­ti­ger Be­stand­teil der ,Pro­fes­sio­nal Work­force‘ aus in­ter­nen und ex­ter­nen Mit­ar­bei­tern blei­ben.“

Frei­be­ruf­li­che IT-Ex­per­ten neh­men zwar in Re­la­ti­on zu fest an­ge­stell­ten IT-Mit­ar­bei­tern zu, blei­ben ins­ge­samt aber knapp – wes­halb ih­nen die Ver­mitt­ler mög­lichst weit ent­ge­gen­kom­men müs­sen. „Der Fre­e­lan­cer als Wa­re ist in un­se­ren Au­gen ein Aus­lauf­mo­dell“, be­stä­tigt Andre­as Krawc­zyk von Fre­e­lan­ce.de. Di­enst­leis­ter, die ih­ren Fo­kus auf ein bes­se­res Be­zie­hungs-Ma­nage­ment leg­ten, trä­fen den Zeit­geist am bes­ten. Ex­pe­ris-Ge­schäfts­füh­re­rin Pie­rer hofft zu­dem auf Ein­sicht bei den Ein­satz­un­ter­neh­men, dass spe­zia­li­sier­te IT-Ex­per­ten nur be­grenzt zur Ver­fü­gung ste­hen und zu­dem grund­sätz­lich am län­ge­ren He­bel sit­zen. „Un­ter­neh­men müs­sen die Be­reit­schaft ent­wi­ckeln, Kan­di­da­ten zu ak­zep­tie­ren, die viel­leicht nur zu 80 Pro­zent auf die Po­si­ti­on pas­sen. Oder sie müs­sen zeit­lich noch vor­aus­schau­en­der pla­nen und den ge­wünsch­ten ITEx­per­ten un­ter Ein­be­zie­hung des Per­so­nal­dienst­leis­ters früh­zei­tig re­ser­vie­ren.“Die ge­leb­te Rea­li­tät im Markt: Wäh­rend die ei­ne Sei­te Ab­stri­che ma­chen muss, kann die an­de­re Zu­schlä­ge for­dern.

Andre­as Krawc­zyk, Fre­e­lan­ce.de: „Der Markt für IT-Frei­be­ruf­ler steckt noch in den Kin­der­schu­hen.“

Ul­rich Wan­tia, Qu­es­tax: „Der star­ke Wett­be­werb um die bes­ten IT-Köp­fe wird zu ei­nem hö­he­ren Preis­ni­veau füh­ren.“

Chris­ti­an Steeg, Hays: „Frei­be­ruf­ler müs­sen ver­in­ner­li­chen, dass sie Un­ter­neh­mer sind.“

Son­ja Pie­rer, Ex­pe­ris: „Die An­zie­hungs­kraft von ‚Se­xy Brands‘ in der Kun­den­land­schaft auf Fre­e­lan­cer ist nach wie vor sehr hoch.“

Lu­uk Hou­te­pen, Sthree: „Per­so­nal­dienst­leis­ter müs­sen ler­nen, IT-Frei­be­ruf­ler stär­ker als Part­ner und Kun­den zu se­hen.“

Chris­ti­an Neu­er­burg, DIS: „Ei­ni­ge Frei­be­ruf­ler wer­den mit An­fra­gen sprich­wört­lich bom­bar­diert.“

Ma­xim Pro­bo­jce­vic, Sol­com: „Ge­ra­de die Rechts­si­cher­heit ist in den nächs­ten Jah­ren für Frei­be­ruf­ler und Kun­den ein zen­tra­les The­ma.“

Mar­kus Reef­schlä­ger, Ge­co: „Frei­be­ruf­ler wün­schen sich am liebs­ten kon­kre­te Pro­jekt­an­fra­gen mit in­ter­es­san­ten In­hal­ten in gro­ßen Kun­den­um­ge­bun­gen.“

Ste­fan Sy­ma­n­ek, Gulp: „Frei­be­ruf­ler müs­sen wei­ter­hin mit ei­ner Res­tun­si­cher­heit le­ben.“

Bernd Sau­er, Goetz­fried: „Vie­le gro­ße Un­ter­neh­men set­zen bei der Auf­trags­ver­ga­be auf in­te­grier­te Di­enst­leis­ter.“

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