Stän­di­ge Er­reich­bar­keit: Kla­re Ab­spra­chen mil­dern den Druck

Computerwoche - - Job & Karriere - Von In­grid Weid­ner, freie Jour­na­lis­tin in Mün­chen Das Smart­pho­ne ent­wi­ckel­te sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zum stän­di­gen Be­glei­ter. Es ver­bin­det uns mit Kol­le­gen, Vor­ge­setz­ten, Ge­schäfts­part­nern, Fa­mi­lie und Freun­den. Ob in Re­stau­rants, Schnell­zü­gen ode

Vie­le Be­rufs­tä­ti­ge sind auch im Ur­laub und am Wochenende für Kol­le­gen, Chefs und Kun­den da. Man­che wol­len es so, an­de­re lei­den an Schlaf­stö­run­gen und wei­te­ren Be­schwer­den. Ei­ne For­scher­grup­pe hat Stra­te­gi­en zum Ge­sund­heits­schutz er­ar­bei­tet.

Rund 80 Pro­zent der Er­werbs­tä­ti­gen schla­fen schlecht, fast die Hälf­te sitzt mü­de am Schreib­tisch, und et­wa ein Drit­tel fühlt sich re­gel­mä­ßig er­schöpft, ist im DAK-Ge­sund­heits­re­port 2017 zu le­sen. Für die Stu­die wer­te­te die Deut­sche An­ge­stell­ten Kran­ken­kas­se (DAK) die Da­ten von 2,6 Mil­lio­nen er­werbs­tä­ti­gen Ver­si­cher­ten aus und be­frag­te rund 5200 be­rufs­tä­ti­ge Frau­en und Män­ner zwi­schen 18 und 65 Jah­ren. Die Er­geb­nis­se ver­gli­chen die Re­cher­cheu­re mit den im Jahr 2010 er­ho­be­nen Da­ten. Dem­nach nah­men in den ver­gan­ge­nen sie­ben Jah­ren die Schlaf­stö­run­gen von Be­rufs­tä­ti­gen zwi­schen 35 und 65 Jah­ren um 66 Pro­zent zu. Die Be­trof­fe­nen kla­gen über Ein- und Durch­schlaf­pro­ble­me. Un­aus­ge­schla­fen ins Bü­ro kom­men klingt zwar nach ei­ner Lap­pa­lie, doch Schlaf­stö­run­gen er­hö­hen bei­spiels­wei­se das Ri­si­ko für De­pres­sio­nen und Angst­stö­run­gen. Psy­chi­sche Er­kran­kun­gen sind schon heute der zweit­häu­figs­te Grund für ei­ne Krank­mel­dung. Nur Mus­kelSke­lett-Er­kran­kun­gen wie Rü­cken­schmer­zen pla­gen noch mehr Be­rufs­tä­ti­ge.

Für ei­ni­ge ist der Schlaf ein läs­ti­ges Übel

Ei­ne der Ur­sa­chen für Schlaf­stö­run­gen fin­det sich in den Ar­beits­be­din­gun­gen. Wer bei­spiels­wei­se häu­fig an der Gren­ze sei­ner Leis­tungs­fä­hig­keit ar­bei­tet, stän­di­gem Ter­min- und Leis­tungs­druck aus­ge­setzt ist, Über­stun­den und Nacht­schich­ten leis­tet und auch nach Fei­er­abend im­mer er­reich­bar ist, des­sen Ri­si­ko nimmt deut­lich zu, so die Stu­di­en­au­to­ren. Aber auch ex­zes­si­ve Nut­zung von Smart­pho­ne oder Lap­top vor dem Ein­schla­fen be­ein­träch­ti­ge die Schlaf­qua­li­tät. Über­haupt se­hen man­che den Schlaf als läs­ti­ges Übel, das sich noch nicht mit ei­ner App kon­trol­lie­ren lässt. „Der Kör­per braucht aber Zeit, um nach ei­nem stres­si­gen Tag ab­zu­schal­ten und sich auf den Schlaf ein­zu­stel­len. Die­se Zeit müs­sen wir ihm gön­nen“, sagt In­go Fiet­ze, Pro­fes­sor und Lei­ter des In­ter­dis­zi­pli­nä­ren Schlaf­me­di­zi­ni­schen Zen­trums an der Ber­li­ner Cha­rité.

Ein­fach mal das Han­dy aus­schal­ten

Stän­di­ge Er­reich­bar­keit und ih­re Aus­wir­kun­gen auf das Wohl­be­fin­den und die Ar­beits­leis­tung un­ter­such­te seit Sep­tem­ber 2014 das For­schungs­pro­jekt „Mas­ter“(Ma­nage­ment

stän­di­ger Er­reich­bar­keit). In der Ab­schluss­ver­an­stal­tung in Mün­chen stell­ten die am Pro­jekt be­tei­lig­ten For­scher, ei­ne wirt­schafts­psy­cho­lo­gi­sche Ar­beits­grup­pe der Uni­ver­si­tät Frei­burg und Wis­sen­schaft­ler des In­sti­tuts für So­zi­al­wis­sen­schaft­li­che For­schung (ISF) Mün­chen, ih­re Er­geb­nis­se vor. Sie hat­ten Mit­ar­bei­ter aus fünf IT-Un­ter­neh­men be­ob­ach­tet und mehr­mals be­fragt.

Na­tür­lich er­leich­tern mo­bi­le Ge­rä­te das Ar­beits­le­ben. Doch häu­fig füh­re die stän­di­ge Er­reich­bar­keit zu ei­ner hö­he­ren Ge­samt­ar­beits­zeit, so die Wis­sen­schaft­ler. Wenn bei­spiels­wei­se der Chef am Sonn­tag­abend an­ruft und den Mit­ar­bei­ter bit­tet, ihm Un­ter­la­gen zu schi­cken, kann sich die­se Un­ter­bre­chung ne­ga­tiv auf des­sen Wohl­be­fin­den aus­wir­ken. Oft fehl­ten in den Un­ter­neh­men auch Ab­spra­chen, sol­che Mehr­ar­beit mit Frei­zeit aus­zu­glei­chen. „Ei­ne Fle­xi­bi­li­sie­rung an sich ist gut, doch der Mit­ar­bei­ter muss ent­schei­den kön­nen“, sagt Ni­na Pauls von der Uni­ver­si­tät Frei­burg.

Trans­pa­renz und Re­geln sind wich­tig

Ei­ne der Fir­men, die sich am Pro­jekt be­tei­lig­te, ist Kühn & Weyh Soft­ware aus Frei­burg. „Stän­di­ge Er­reich­bar­keit, das be­trifft uns doch gar nicht“, be­kam Co­rin­na Heist, ver­ant­wort­lich für das Mar­ke­ting, an­fangs oft zu hö­ren. Nach vier Jah­ren Pro­jekt­lauf­zeit, vie­len Dis­kus­sio­nen und ge­mein­sa­men Work­shops mit den Wis­sen­schaft­lern zeig­te sich, wie loh­nend das En­ga­ge­ment war. „Fle­xi­ble Ar­beits­zei­ten gab es schon, doch gera­de weil wir wach­sen und un­se­re Fle­xi­bli­tät er­hal­ten wol­len, brau­chen wir Trans­pa­renz und Re­geln“, sagt Heist.

Das Frei­bur­ger Un­ter­neh­men ent­wi­ckelt ei­ne Stan­dard­soft­ware, die gro­ße Or­ga­ni­sa­tio­nen wie et­wa Ver­si­che­run­gen für ih­re Kun­den­kom­mu­ni­ka­ti­on ein­set­zen. 74 Mit­ar­bei­ter be­schäf­tigt Kühn & Weyh. In klei­nen Fir­men läuft vie­les oh­ne Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen. Wenn ein Kol­le­ge um 16 Uhr geht und das Kind vom Kin­der­gar­ten ab­holt und da­für am Abend noch ar­bei­tet, sei das kein Pro­blem, so Heist. „Wir ha­ben kei­ne Zei­ter­fas­sung. Aus­gleich für Mehr­ar­beit re­gelt je­der Mit­ar­bei­ter fle­xi­bel mit sei­nen Vor­ge­setz­ten. Als Be­triebs­rä­tin emp­feh­le ich aber den Kol­le­gen, gera­de auch de­nen in Teil­zeit, ih­re Zei­ten auf­zu­schrei­ben, um selbst ei­nen Über­blick zu ha­ben.“

Oft füh­re die stän­di­ge Er­reich­bar­keit zu ei­ner Über­las­tung der Be­schäf­tig­ten, so die For­scher. Die Ar­beits­zeit rei­che häu­fig nicht aus, ei­ne meist zu gro­ße Ar­beits­men­ge zu be­wäl­ti­gen. Die Mit­ar­bei­ter kön­nen schlech­ter ab­schal­ten und sich er­ho­len, sie ha­ben mehr Pro­ble­me, Be­ruf und Le­ben stress­frei mit­ein­an­der zu ver­knüp­fen. Ähn­lich war es auch bei Kühn & Weyh. „Wir wuss­ten, dass wir ei­ni­ge Mit­ar­bei­ter ent­las­ten müs­sen, weil sie am An­schlag sind. Uns ist wich­tig, dass wir mit al­len im Ge­spräch blei­ben“, räumt Heist ein.

Gera­de die of­fe­ne Dis­kus­si­on fehlt häu­fig. In man­chen Un­ter­neh­men eta­bliert sich schlei­chend ei­ne Kul­tur der stän­di­gen Er­reich­bar­keit, Mit­ar­bei­ter wer­den we­gen Klei­nig­kei­ten in ih­rer Frei­zeit kon­tak­tiert, die Kol­le­gen er­war­ten ei­ne schnel­le Ant­wort, so die ISF-Wis­sen­schaft­ler. Re­agiert der Mit­ar­bei­ter nicht, ent­ste­he der Ein­druck feh­len­den En­ga­ge­ments. Wer es

wagt, sich nicht er­rei­chen zu las­sen, kommt sich oft ab­ge­hängt vor oder fürch­tet ei­nen Kar­rie­re­knick. Oft feh­len kla­re Ver­ein­ba­run­gen über die er­for­der­li­che Er­reich­bar­keit und ei­nen Aus­gleich für die Mehr­ar­beit.

Auch im Ur­laub im­mer er­reich­bar

Laut ei­ner ak­tu­el­len Bit­kom-Stu­die sind 71 Pro­zent der knapp 350 Be­frag­ten auch im Som­mer­ur­laub für Chef, Kol­le­gen und Kun­den er­reich­bar. Knapp sechs von zehn Be­rufs­tä­ti­gen (59 Pro­zent) le­sen Kurz­nach­rich­ten wie iMes­sa­ge und WhatsApp, eben­so vie­le (58 Pro­zent) sind te­le­fo­nisch er­reich­bar. Vier von zehn (38 Pro­zent) le­sen im Ur­laub ge­schäft­li­che E-Mails.

Kla­re Ab­spra­chen hel­fen aber, die ei­ge­ne Ge­sund­heit und Leis­tungs­fä­hig­keit lang­fris­tig zu er­hal­ten. Die Wis­sen­schaft­ler des Mas­ter-Pro­jekts un­ter­schei­den vier Ty­pen:

Die zuf­rie­de­nen Ent­grenz­ten sind ger­ne stän­dig er­reich­bar, sie pro­fi­tie­ren von den tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten. Ihr Le­ben ist di­gi­tal, sie ar­bei­ten ger­ne und lan­ge, oft in ei­ner Füh­rungs­po­si­ti­on, und sind zu­frie­den mit die­sem Le­bens­und Ar­beits­stil. Vie­le sind jung, männ­lich und ge­hö­ren der Ge­ne­ra­ti­on der so­ge­nann­ten Di­gi­tal Na­ti­ves an.

Ih­nen ste­hen die ge­trie­be­nen Ent­grenz­ten ge­gen­über. Auch für sie ist Er­reich­bar­keit selbst­ver­ständ­lich, doch sind sie da­von we­ni­ger be­geis­tert. „Ih­nen feh­len in­di­vi­du­el­le Be­gren­zungs­stra­te­gi­en, sie füh­len sich durch die häu­fi­ge Er­reich­bar­keit auch am Wochenende oder im Ur­laub fremd­be­stimmt“, er­klärt Wolf­gang Menz vom ISF. Von die­sem Phä­no­men sind häu­fi­ger Frau­en be­trof­fen.

Ei­nen Schritt wei­ter ist die drit­te Grup­pe, die er­folg­rei­chen Grenz­zie­her. Sie li­mi­tie­ren ih­re Er­reich­bar­keit, in­dem sie Ab­spra­chen tref­fen. Das kann be­deu­ten, dass sie am Wochenende we­der An­ru­fe ent­ge­gen­neh­men noch E-Mails le­sen, aber auch, dass sie er­reich­bar sind. „Es gibt ei­ne Be­las­tung, aber sie ha­ben es un­ter Kon­trol­le“, er­klärt Menz. Die­se Mit­ar­bei­ter fin­den sich auf al­len Hier­ar­chie­ebe­nen.

Die vier­te Grup­pe be­zeich­nen die Wis­sen­schaft­ler als be­las­te­te Grenz­zie­her. Sie ent­wi­ckeln ei­ne in­di­vi­du­el­le Stra­te­gie, zie­hen Gren­zen, sind aber frus­triert, wenn sie die selbst ge­steck­ten Zie­le nicht ein­hal­ten kön­nen.

Öf­ter mal die Bü­ro­tür schlie­ßen

Oft ver­än­dern sich die Leit­bil­der im Lauf des (Be­rufs-)Le­bens. Aus ei­nem zuf­rie­de­nen Ent­grenz­ten kann bei­spiels­wei­se auf­grund ei­ner Bur­nout-Er­kran­kung oder Fa­mi­li­en­grün­dung ein ge­trie­be­ner Ent­grenz­ter wer­den.

Da­mit die neu­en, smar­ten Tech­no­lo­gi­en ih­re gu­ten Sei­ten ent­fal­ten kön­nen, hilft es, Gren­zen zu zie­hen und sich nicht dem Dik­tat der stän­di­gen Er­reich­bar­keit zu un­ter­wer­fen. Die For­scher fan­den in ei­nem Un­ter­neh­men auch ei­ne ganz prag­ma­ti­sche Lö­sung. Der IT-Mit­ar­bei­ter schloss pha­sen­wei­se sei­ne Bü­ro­tür, nach­dem er ei­nen Zet­tel dar­an­ge­klebt hat­te: „Ich kann nicht al­le Eu­re Pro­ble­me lö­sen.“

Wolf­gang Menz, ISF: „Es gibt mitt­ler­wei­le die Grup­pe der so­ge­nann­ten er­folg­rei­chen Grenz­zie­her, die ih­re Be­las­tung im Griff ha­ben.“

Co­rin­na Heist, Kühn & Weyh Soft­ware: „Wir wuss­ten, dass wir ei­ni­ge Mit­ar­bei­ter ent­las­ten müs­sen, weil sie am An­schlag sind.“

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